Das neue Leben


Klassiker, 2008
64 Seiten
Dante Alighieri (Autor)

Leseprobe

Kapitel 1

In jenem Teil des Buches meiner Erinnerungen, vor dem nur weniges zu lesen sein würde, findet sich eine Überschrift, die da lautet: Incipit vita nova (Hier hebt das neue Leben an). Darunter finde ich die Worte geschrieben, die ich in diesem Büchlein, wo nicht vollständig, doch ihrem Inhalte nach zu verzeichnen gedenke.

Kapitel 2

Neunmal schon nach meiner Geburt war der Himmel des Lichtes gemäß dem ihm eigenen Kreislauf beinahe zu derselben Stelle zurückgekehrt, als meine Augen zum ersten Male die glorreiche Fraue meiner Seele erschien, die von vielen, die sie nicht anders zu nennen wußten, Beatrice genannt ward. Sie war so lange schon in diesem Leben, daß seit ihrer Geburt der Sternenhimmel um ein Zwölfteil eines Grades gegen Morgen vorgerückt war, also daß sie mir gegen den Anfang ihres neunten Jahres erschien, und ich sie fast am Ende meines neunten erblickte. Und sie erschien mir angetan mit einem Kleide von herrlicher, demütig-ehrbarlicher, blutroter Farbe, umgürtet und geschmückt, so wie es ihrem kindlichen Alter geziemte. Im selben Augenblick – also sag’ ich der Wahrheit gemäß – geschah es, daß der Geist des Lebens, der in der verborgenen Kammer des Herzens wohnt, so heftig zu erzittern begann, daß er sich in kleinsten Pulsen schrecklich offenbarte; und zitternd sprach er die Worte: Ecce deus fortior me; veniens dominabitur mihi (Siehe ein Gott, stärker denn ich; er kommt und wird über mich herrschen). Zu gleicher Zeit begann der empfindende Geist, der in derjenigen Kammer wohnt, wo alle sinnlichen Geister ihre Wahrnehmungen zutragen, sich sehr zu verwundern, und indem er sich insbesondere an die Geister des Gesichtes wandte, sprach er folgende Worte: Apparuit jam Beatitudo nostra (Unsere Seligkeit ist jetzt erschienen). Zur selben Zeit hub auch der natürliche Geist, der in jenem Teile seinen Sitz hat, wo unsere Nahrung bereitet wird, zu weinen an und sagte tränenüberströmt also: Heu miser! quia frequenter impeditus ero deinceps (Ach ich Armer! Denn häufig werde ich hinfort behindert sein)! Von Stund’ an, sage ich, war Frau Minne Herrin meiner Seele. Und so schnell war diese ihr zu eigen, so völlig gewann jene durch die Macht, die meine Einbildungskraft ihr verlieh, sichere Herrschaft über mich, daß ich ganz und gar alles tun mußte, was ihr genehm war. Sie befahl mir zu vielen Malen, daß ich suchen sollte, dies jugendliche Englein zu sehen; deshalb ging ich oftmals in meinem Knabenalter aus, sie zu suchen, und ich sah sie so wohlgeartet, fand ihr Gebaren so löblich, daß man fürwahr jenes Wort des Dichters Homer von ihr sagen konnte: „Nicht von sterblichen Menschen, von einem Gotte geboren schien sie.“ Und obschon durch ihr Bild, das immerdar mit mir war, Frau Minne sich erkühnte, mich zu beherrschen, so war es doch so edler Art, daß es jener niemals gestattete, mich ohne den getreuen Rat der Vernunft in Dingen zu leiten, in denen es heilsam ist, auf deren Rat zu hören. Doch da der Sieg über Leidenschaften und Handlungen in so früher Jugend ein Märlein scheint (was ich aus dem Buch, daraus das Obige genommen ist, entlehnen könnte), so wende ich mich zu jenen Worten, die in meinen Erinnerungen unter höheren Paragraphen verzeichnet sind.

Kapitel 3

So viel Tage waren hiernach vergangen, daß gerade neun Jahre nach dem oben gedachten Erscheinen der Holdesten erfüllt waren, da geschah es am letzten dieser Tage, daß die bewunderungs­würdige Herrin, in reinstes Weiß gekleidet, inmitten zweier edlen Frauen von vorgerückterem Alter mir zu Gesichte kam. Und indem sie des Weges dahinging, wendete sie die Augen nach dem Orte, wo ich in großem Zagen stand, und vermöge ihrer unaussprechlichen Freundlichkeit, die nun in jener besseren Welt den Lohn gefunden, grüßte sie mich so tugendlich, daß ich das Endziel aller Seligkeit zu sehen vermeinte. Die Stunde, wo ihr süßester Gruß zu mir gelangte, war genau die neunte jenes Tages. Und weil dies das erstemal war, daß ihre Worte zu meinen Ohren den Weg genommen, überkam mich ein solches Wohlgefühl, daß ich wie berauscht mich von den Menschen hinweg in die Einsamkeit meiner Kammer flüchtete und mich dort niederließ, um der Holdseligsten zu gedenken. Und indem ich ihrer gedachte, beschlich mich ein sanfter Schlummer, und in ihm erschien mir ein wunderbarliches Gesicht.

Denn es war mir, als sähe ich in meinem Gemach eine feuerfarbene Wolke, und ich unterschied in ihr die Gestalt einer Frau von erhaben-furchtbarem Ansehen für jeden, der sie erblickte. Aber sie selbst schien so voller Freudigkeit, daß es gar wunderbarlich anmutete. Und in ihren Worten äußerte sie vieles, was ich nicht verstand; nur weniges verstand ich deutlich, darunter die Worte: Ego domina tua (Ich bin deine Herrin). In ihren Armen glaubte ich ein schlafendes Frauenbild zu sehen, das nackt oder doch nur leicht von einem blutfarbenen Schleier umhüllt war, und als ich recht darauf hinschaute, erkannte ich, daß es die Herrin des Heils war, die mich tags zuvor ihres Grußes gewürdigt hatte. Minne aber, schien es, hielt in der einen Hand etwas, das über und über brannte, und es war mir, als sagte sie zu mir die Worte: Vide cor tuum (Siehe da dein Herz). Und nachdem sie eine kurze Weile gestanden, erweckte sie – so schien es mir – die Schlummernde und bot all ihre Kunst auf, daß sie diese bewegte, das, was in der Hand ihr brannte, zu essen. Und diese aß es schließlich nach einigem Bedenken. Danach verweilte Minne nicht lange; denn ihre Freudigkeit verwandelte sich in bitterlichstes Weinen, und also weinend umschlang sie die Herrin abermals mit ihren Armen und ging mit ihr, wie es mir schien, von dannen gen Himmel; wovon mir so bange ward, daß mein schwacher Schlummer nicht dauern konnte: er brach und ich erwachte. Und unverweilt begann ich, dem nachzudenken, und fand, daß die Stunde, in der mir dies Gesicht erschienen, die vierte Stunde oder – was augenscheinlich gleichviel ist – die erste der neun letzten Stunden der Nacht gewesen war. Und in Gedanken an das, was mir erschienen war, beschloß ich, es viele, die zu jener Zeit berühmte Dichter waren, vernehmen zu lassen; und weil ich die Kunst, in Reimen zu sprechen, schon für mich selber versucht hatte, nahm ich mir vor, in einem Sonett alle Frau Minne Getreuen zu begrüßen, und indem ich sie bat, mir über das Gesicht, so ich gehabt, ihre Meinung zu sagen, schrieb ich ihnen, was ich im Traum gesehen, und begann alsbald dieses Sonett:

Hochherzige alle, denen, liebentglommen,
Vor Augen kommt hier dieses mein Gedicht,
Bei meiner Herrin Minne: gebt Bericht –
Wie dünkt euch drum? Und seid mir recht willkommen!

Des Bogens Drittel hatte schon erklommen
Die Zeit, in der erglänzt der Sterne Licht,
Da hatt’ ich von Frau Minne ein Gesicht –
Noch macht es mich, denk’ ich daran, beklommen.

Froh schien sie, hielt mein Herz in ihrer Hand,
Und meine Fraue hold, von ihr getragen,
Schlief ihr im Arm in schleirigem Gewand.

Sie weckte sie; das Herz dann, das entbrannt,
Gab sie zur Speise der demütig Zagen;
Und alsbald sah ich, wie sie weinend schwand.

Auf dies Sonett ward von vielen und in verschiedenem Sinne geantwortet. Unter ihnen war auch der, den ich den ersten meiner Freunde nenne, und er entgegnete mit einem Sonett, dessen Anfangsworte sind:

„Das Hehrste, dünkt mich, durftest du erschauen ...“

Und dies war gewissermaßen der Anfang der Freundschaft zwischen mir und ihm, als er erfuhr, daß ich es war, der jene Zuschrift ihm gesendet hatte. Keiner erkannte damals die eigentliche Bedeutung des obigen Sonetts; aber jetzt ist sie auch den Einfältigsten offenbar.

Kapitel 4

Seit diesem Gesicht sah sich mein natürlicher Geist in seiner Wirksamkeit gehemmt – denn meine Seele war dem Gedanken an jene Holdeste gänzlich dahingegeben – und in kurzer Zeit ward ich so hinfällig und schwach, daß mein Aussehen viele Freunde bekümmerte, während andere schon voll Neides sich mühten, das von mir zu erkunden, was ich der Welt ganz zu verheimlichen willens war. Als ich der böslichen Absicht ihrer Fragen inne ward, antwortete ich ihnen auf Minnes Geheiß, unter deren Gebot ich stand, und nach dem Rate meiner Vernunft: daß Minne es sei, die mich also bewältigt habe; und ich sagte ‚Minne‘, weil ich auf meinem Antlitz so viel Zeichen von ihr trug, daß es nicht mehr zu verbergen war; und als sie mich weiter fragten: „Für wen hat diese Minne dich also entstellt?“ sah ich sie lächelnd an und erwiderte ihnen nichts.

Kapitel 5

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Beatrice grüßt Dante von Dante Gabriel Rossetti, Seite 16

Eines Tages nun ereignete es sich, daß die Holdseligste an einem Orte saß, wo Worte von der glorreichen Königin des Himmels zu vernehmen waren, und ich ebenda an einer Stelle mich befand, von wo aus ich sie, die meine Seligkeit war, erblickte. Und inmitten zwischen ihr und mir, in gerader Linie, saß ein edles Fräulein, die, verwundert über mein Hinblicken, das bei ihr als seinem Ziele zu endigen schien, oftmals nach mir herüberschaute, so daß solches von vielen bemerkt wurde. Und sie hatte dessen also acht, daß ich beim Hinweggehen nahe bei mir sagen hörte: „Siehe, wie dieses Fräulein Dem sein Leben zerstört!“ Und als ihr Name genannt ward, erkannte ich, daß sie jene meinten, die in der geraden Linie zwischen der holdseligen Beatrice und meinen Augen der Mittelpunkt gewesen war. Da faßte ich wieder Mut; denn ich war nun gewiß, daß mein Geheimnis an diesem Tage keinem durch meinen Blick verraten worden war. Und sofort gedachte ich dies edle Fräulein mir zu einem Schirme der Wahrheit zu machen. Und ich ließ davon so viel sehen in kurzer Zeit, daß die meisten, so von mir sprachen, mein Geheimnis zu wissen vermeinten. Mit Hilfe dieser Dame verbarg ich einige Jahre und Monde meine Minne, und um die Leute in ihrem Glauben mehr zu bestärken, machte ich für dieselbe einige Kleinigkeiten in Reimen, die hier niederzuschreiben nicht meine Absicht ist, soweit sie nicht mit dem, was ich von meiner holdseligen Beatrice zu berichten habe, zusammenhangen. Und darum will ich von ihnen allen schweigen und nur einige Reime aufzeichnen, die ein Lob für diese zu sein scheinen.

Kapitel 6

Ich sage: Zu der Zeit, als dieses Fräulein mir ein Schirm so großer Liebe war, kam mir einstmals der Vorsatz, den Namen jener Holdseligsten zu feiern und ihm viele andere Frauennamen, insbesondere den jenes edlen Fräuleins zur Begleitung zu geben. Und ich nahm dazu die Namen von sechzig der schönsten Frauen jener Stadt, die der Allerhöchste meiner Herrin zur Heimat angewiesen, und verfaßte einen Brief in Form einer Serventese, den ich hier jedoch nicht niederschreiben will und dessen ich auch nicht gedacht haben würde, wenn sich nicht bei seinem Entwurfe das Wunderbare ereignet hätte, daß der Name meiner Herrin in keiner anderen Zahl als der neunten unter den Namen der übrigen Frauen anzubringen war.

Kapitel 7

Die Dame, unter deren Schutze ich so lange meine Neigung verborgen gehalten, sah sich nach der Zeit genötigt, besagte Stadt zu verlassen und in eine entferntere Gegend zu reisen. Beinahe erschrocken deshalb, daß ich so schöner Hilfe verlustig geworden, war ich ganz untröstlich, mehr, denn ich es selber je zuvor für möglich gehalten hätte. Und weil ich dachte, es möchten die Leute, wenn ich nicht mit einigen schmerzlichen Worten von ihrem Scheiden spräche, um so eher merken, daß ich etwas verhehlte, so faßte ich den Entschluß, darob in einem Sonett ein wenig zu klagen. Ich teile es mit, weil meine Herrin zu gewissen Worten, die darin vorkommen, die unmittelbare Veranlassung gewesen, wie dem einleuchten wird, der es versteht. Das Sonett aber, das ich sang, lautet also:

O die ihr wandelt auf Frau Minnes Stegen,
Merkt auf mein Tun und Regen
Und seht, wer je gleichschweres Leid getragen!
Nur eines fleh' ich: Hört mich an! – Dagegen
Mögt ihr dann überlegen,
Ob ich nicht Haus und Schlüssel aller Plagen.

Es gab – nicht meiner wen'gen Tugend wegen –
Nach ihrer Gnade Pflegen
Minne ein Leben mir, süß von Behagen,
Daß ich oft sagen hört' auf meinen Wegen:
„Um Gott! Durch welchen Segen
Mag Dem das Herz so leicht und fröhlich schlagen?“

Nun ist die kühne Freudigkeit vergangen,
Die eh' mir quoll aus reichem Liebesschreine;
Drob ich so arm mir scheine,
Daß mir, davon zu sprechen, muß erbangen.

Und nehm' ich meine Zuflucht dann zum Scheine,
Wie, wer ein Übel birgt, von Scham befangen,
Spricht Luft aus Aug' und Wangen,
Weil ich im Herzen mich verzehr' und weine.

Kapitel 8

Nach dem Weggange jenes edlen Fräuleins gefiel es dem Herrn der Engel, eine junge Dame von gar holdseligem Anblick, die in jener Stadt bei allen in hoher Gunst gestanden, zu seiner Herrlichkeit zu rufen, und ich sah ihren Leib, der entseelt dalag, umgeben von vielen Frauen, die alle bitterlichst weinten. Und ich, mich erinnernd, wie ich sie gesehen, als sie der holdseligsten Gesellschaft leistete, konnte mich der Tränen nicht enthalten; ich weinte und nahm mir vor, einige Worte auf ihren Tod zu sprechen, ihr zum Entgelt dafür, daß ich sie einmal mit meiner Herrin gesehen hatte. Und davon deutete ich einiges am Schlusse des Ganzen an, wie jedem sich deutlich zeigt, der meine Worte versteht. Und so dichtete ich damals folgende zwei Sonette, von denen das erste anhebt: „Weint, Liebende“, und das zweite: „Verruchter Tod“.

Weint, Liebende, denn Minne weint, und hört,
Warum ihr Antlitz Tränen reich betauen:
Minne vernimmt den Weheruf von Frauen,
Die, tränennaß, von bitterem Gram verzehrt.

Hat doch verruchter Tod anitzt verheert
Ein edles Herz mit seinem Werk voll Grauen.
Vernichtend, was lobwürdig nur zu schauen,
An einer Frau, die nie genug man ehrt.

Vernehmt, was Minne ihr zum Preis beschieden:
Ich sah sie laut und unverhohlen klagen
Beim toten Bilde, das so hold und schön.

Dann hob sie oft den Blick zu Himmelshöhn,
Wohin ihr Geist schon war emporgetragen,
Die einst so hold und anmutsvoll hienieden.

Verruchter Tod, dem nie darf nahn,
Des Schmerzes alter Ahn,
Du Urteilsspruch, so schwer und nicht zu fliehen,
Du hast dem wehen Herzen Stoff geliehen;
Drum will ich mich bemühen,
Zu schmähen dich auf düstrer Lebensbahn.

Und daß du nie magst ein'ge Huld empfahn,
Sei von mir kundgetan,
Wie Trug und Lug und Frevel dich durchglühen;
Nicht weil die Welt verkennt dein arg Bemühen, –
Nein, denen, die noch ziehen
Auf Minnes Pfad, zur Warnung vor dem Wahn.

Du hast die Anmut dieser Welt entrissen
Und was allein den Frauen Preis verleiht
In holder Jugendzeit:
Nun sollen holden Liebreiz wir vermissen.

Nicht lass' ich, wer sie war, in Worten wissen,
Ich künd' sie nur durch ihre Wesenheit.
Wer fern der Seligkeit,
Wird ewig ihrer auch entbehren müssen.

Kapitel 9

Einige Tage nach dem Tode dieser Dame trat ein Umstand ein, der mich nötigte, oben besagte Stadt zu verlassen und in die Gegend zu reisen, wo das edle Fräulein, die mein Schutz gewesen war, sich eben aufhielt, obwohl das Ziel meiner Reise nicht so entlegen war als der Ort, wo sie verweilte. Und wiewohl ich mich, wenigstens dem Anschein nach, in zahlreicher Gesellschaft befand, wollte mir dennoch die Reise nicht gefallen, so daß ich nicht einmal durch Seufzer mein Herz der Angst zu entladen vermochte darüber, daß ich mich von ihr, die meine Seligkeit war, entfernte. Und demzufolge trat die holdselige Frau Minne, die mich durch die edelste Frau ganz in ihrer Macht hatte, vor meine Einbildungskraft, einem Pilger gleich, leicht und in schlechte Gewande gekleidet. Sie schien mir sehr bekümmert und blickte zur Erde; nur von Zeit zu Zeit wandten sich, wie es mir vorkam, ihre Augen einem schönen laufenden, durch und durch klaren Gewässer zu, das längs des Weges, auf dem ich ging, dahinfloß. Es war mir, als rief mich Minne und spräche zu mir die Worte: „Ich komme von jener Dame, die lange Zeit dein Schutz gewesen ist, und ich weiß, daß ihres Wiederkommens nicht sein wird. Und darum habe ich das Herz, das du auf mein Geheiß bei ihr gelassen, an mich genommen und trage es zu einer, die dir ein Schirm sein wird, wie es die andere gewesen.“ Und sie nannte mir diese, also daß ich sie wohl erkannte. „Willst du aber“, fuhr sie fort, „von dem, was ich zu dir gesprochen, etwas wiedersagen, so sag’ es dergestalt, daß niemand daran erkenne, wie die Liebe, die du erst der einen gezeigt und nun einer anderen zeigen mußt, nur eine erdichtete sei.“ Und nachdem sie solches gesagt, verschwand urplötzlich die ganze Erscheinung; denn Minne hatte mir, wie mir dünkte, den größten Teil ihrer selbst gegeben. Und wie umgewandelt in meinem Aussehen ritt ich an diesem Tage, sehr gedankenvoll und von vielen Seufzern begleitet, weiter. Als aber der Tag vorüber war, begann ich davon folgendes Sonett:

Des Weges ritt ich jüngst und dacht’ im Leide,
Daß ich die Fahrt nur ungern unternommen.
Da sah ich Minne mir entgegenkommen,
Den Leib umhüllt mit leichtem Pilgerkleide.

Ihr Äußres schien, als ob sie sich bescheide
In Armut, weil die Herrschaft ihr genommen,
Und seufzend schritt sie weiter und beklommen,
Gebückt, als ob sie alle Blicke meide.

Als sie mich sah, rief sie beim Namen mich
Und sprach: „Aus weiter Ferne komm’ ich her,
Wo sich dein Herz befand durch meinen Willen.

Und bring’ es, neue Lust dir zu enthüllen!“
Darob erfüllte Minne mich so sehr,
Daß ich nicht weiß, wie sie von hinnen wich.

Kapitel 10

Nach meiner Rückkunft machte ich mich auf, die Dame zu suchen, die mir mein Herr auf dem Wege der Seufzer genannt hatte. Und auf daß meine Rede kurz sei, sage ich bloß, wie ich sie alsbald zu meiner Schutzwehr machte, so daß nur allzu viele anders davon sprachen, als die feine Sitte gebietet, was mir oftmals schwere Gedanken erregte. Und dieser böse Leumund, der mir, schien es, zu argem Schimpf gereichte, war die Ursache, daß jene holde Fraue, die eine Zerstörerin aller Laster und eine Königin der Tugenden war, als sie einst an mir vorüberging, mir ihr süßestes Grüßen verweigerte, in dem meine ganze Seligkeit beruhte. Und indem ich hier auf ein kleines von dem, was zunächst meine Absicht ist, mich entferne, will ich zu erkennen geben, was ihr Gruß durch die ihm beiwohnende Kraft in mir bewirkte.

Kapitel 11

Ich sage denn, daß ich, wann sie von irgendeiner Seite her mir erschien, durch die bloße Hoffnung ihres wunderwürdigen Grußes keinen Feind mehr hatte; vielmehr durchdrang mich eine Flamme der Menschenliebe, die mich willfährig machte, jeglichem zu verzeihen, von dem ich irgend beleidigt worden wäre. Und so jemand von mir in solchem Augenblicke etwas verlangt hätte – meine Antwort wäre, mit einem Angesichte, gekleidet in Demut, bloß gewesen: Minne. Und wenn sie nun gar nahe daran war, zu grüßen, dann trieb ein Geist der Minne, alle die andern sinnlichen Geister vernichtend, die schwachen Geister des Gesichtes nach außen und sprach: „Geht und ehret eure Herrin!“ Er aber blieb an ihrer Statt, und wer die Minne hätte kennenlernen wollen, hätte es zu solcher Zeit gekonnt, wenn er das Zittern meiner Augen betrachtete. Und wenn nun endlich dieser adeligste Gruß grüßte, so war dennoch Minne kein Hindernis, das mir die überschwengliche Seligkeit hätte verdunkeln können; vielmehr nahm diese, gleichsam durch ein Übermaß von Süßigkeit, solche Art an, daß mein Körper, der ganz und gar unter ihrer Herrschaft stand, sich oftmals nur wie ein schweres, seelenloses Ding bewegte. Und daraus erhellt offenbar, daß in diesem Gruße meine Seligkeit wohnte, eine Seligkeit, die oftmals weit über das Maß meiner Kräfte hinausging.

[...]

Ende der Leseprobe aus 64 Seiten

Details

Titel
Das neue Leben
Autor
Jahr
2008
Seiten
64
Katalognummer
V118752
ISBN (eBook)
9783640213214
ISBN (Buch)
9783640213344
Dateigröße
592 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Leben
Arbeit zitieren
Dante Alighieri (Autor), 2008, Das neue Leben, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118752

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