Zu Dürrenmatts "Mondfinsternis" und "Der Besuch der alten Dame" - Entstehungshintergründe und eine vergleichende Gegenüberstellung


Seminararbeit, 2007
21 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Hinführung

2. Von „Mondfinsternis“ zu „Der Besuch der alten Dame“
2.1. Entstehung und Veröffentlichung der Novelle „Mondfinsternis“
2.2. Die Idee zu „Der Besuch der alten Dame“ Aufführung und Rezeption des Stückes „Der Besuch der alten Dame“

3. Inhalte der Werke

4. Die Figuren - eine Gegenüberstellung
4.1 Claire Zachanassian - Walt Lotcher Alfred Ill - Adolf Mani
4.3 Die Flötenbacher - Die Güllener Zachanassians Gefolge - Die schwarze Dohle

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Hinführung

Friedrich Dürrenmatts Tragikkomödie „Der Besuch der alten Dame“ ist eines seiner bekanntesten Werke und erfreut sich auch heute noch, über fünfzig Jahre nach seiner Veröffentlichung, großer Beliebtheit. Es gehört zum Standardrepertoire zahlreicher Bühnen und steht nach wie vor, zusammen mit „Die Physiker“, auf den Lehrplänen deutscher Schulen. Doch nur die Wenigsten wissen, dass „Der Besuch der alten Dame“ aus der Grundidee für die Novelle „Mondfinsternis“ hervorging. Dies soll der vorliegenden Hausarbeit als Ansatz dienen.

Im ersten Teil der Arbeit setze ich mich mit der Entstehungsgeschichte von „Der Besuch der alten Dame“ und „Mondfinsternis“ auseinander. Im zweiten Teil werden die Inhalte der beiden Werke vorgestellt. Auf drei bedeutende Unterschiede, nämlich den Geschlechtsunterschied der beiden Hauptfiguren und die sich daraus ergebenden unterschiedlichen Motive soll dabei besonders eingegangen werden.

Der Schwerpunkt soll im dritten und wichtigsten Teil, der Vorstellung und Gegenüberstellung der Figuren, liegen. Den Abschluss bildet ein kurzes Fazit.

2. Von „Mondfinsternis“ zu „Der Besuch der alten Dame“

Entstehungsgeschichtlich lassen sich drei Hauptphasen unterscheiden: Den ursprünglichen Ansatz zu einer Novelle, die Umwandlung des Stoffs zu einem theatertauglichen tragikkomischen Stück mit dem Titel „Der Besuch der alten Dame“, welches Dürrenmatts Welterfolg begründete, und letztendlich die Wiederaufnahme der

Novelle „Mondfinsternis“ im Rahmen des Stoffe-Projekts. Im Folgenden soll darauf näher eingegangen werden.[1]

2.1 Entstehung und Veröffentlichung der Novelle „Mondfinsternis“

Über die Entstehung der Novelle Mondfinsternis ist nur sehr wenig überliefert. Am 7. Februar 1953 hält Dürrenmatt in seinem Notizbuch die Worte „Idee zur Mondfinsternis“ fest. Aus Dürrenmatts Aussagen geht jedoch hervor, dass die im Nachlass überlieferten Fragmente des Stückes erst 1955 entstanden. Durch die Umwandlung des früheren Ansatzes zur Novelle „Mondfinsternis“ entsteht im selben Jahr die Tragikkomödie „Der Besuch der alten Dame“. Erst mehr als dreiundreißig

Jahre nach der Niederschrift der Alten Dame greift Dürrenmatt die „Mondfinsternis“ im Rahmen seines Stoffe-Projekts wieder auf:[2]

„Ich habe letzthin in meiner noch unveröffentlichten Prosa den Versuch der Rekonstruktion einer Novelle unternommen, die ich früher einmal begonnen hatte, von der aber nur noch eine Seite übrig war.“[3]

Die Erinnerungen an einen Bergdorfaufenthalt im Jahre 1941 vor Beginn seines Studiums, und an das merkwürdige Aussehen des Vollmondes, das er als Student in Bern in einer nebligen Winternacht beobachtet hatte, regten ihn dazu an.[4]

Er beginnt schließlich im Februar 1978 mit der Rekonstruktion der Erzählung und bringt sie im Verlauf des Jahres in mehreren Überarbeitungsetappen zur Vollendung.[5]

2.2 Die Idee zu „Der Besuch der alten Dame“

In einem Gespräch über seine Werke mit Horst Bienek (1961) erläutert Friedrich Dürrenmatt die Entstehung der tragischen Komödie „Der Besuch der alten Dame“:

„Zuerst hatte ich den Grundeinfall zur Story, zur Geschichte. Ich versuchte, eine Novelle zu schreiben, Titel: Mondfinsternis. Die Geschichte spielte sich in einem Bergdorfe ab, aus Amerika kehrte ein Auswanderer heim und nahm Rache an seinem alten Rivalen. Das war die erste Phase. Dann die zweite: Aus dem Auswanderer wurde eine Frau, die Multimilliardärin Claire Zachanassian. Aus dem Bergdorf: Güllen.“[6]

Zu dieser „zweiten Phase“ wurde Dürrenmatt bei einer Bahnfahrt angeregt. Er fuhr von Neuenburg nach Bern und wieder zurück. Ihm fiel auf, dass in Kerzers und Ins Schnellzüge anhielten an. Wenn diese Züge dort nicht mehr halten würden, wäre das der Beginn des wirtschaftlichen und sozialen Abstiegs der beiden Dörfer, so glaubte Dürrenmatt. Diese Tatsache regte ihn zum Nachdenken an und er beschloss sein geplantes Theaterstück auf einem kleinen Dorfbahnhof beginnen zu lassen.[7]

Doch dies war nicht seine einzige Motivation. Dürrenmatt war in Schulden geraten und da er der Meinung war, dass man die Novelle „Mondfinsternis“ nur hätte schwer auf der Bühne darstellen können, kam er auf die Idee sie in ein Theaterstück zu verwandeln.

„Ich sah darin eine bessere Möglichkeit, Geld zu verdienen, als mit dem Schreiben einer Novelle. [...] Und wie von selbst verwandelte sich im Weiterdenken das Bergdorf in Güllen und Walt Lotcher in Claire Zachanassian.“[8]

Dürrenmatts geistiger Antrieb beim Schreiben des Stückes „Der Besuch der alten Dame“ war weniger der literarische Ruhm, sondern vielmehr der Ausweg aus seiner finanziellen Zwangslage.

2.3 Aufführung und Rezeption des Stückes „Der Besuch der alten Dame“

Friedrich Dürrenmatts „tragische Komödie“ in drei Akten wurde am 29. Januar 1956 unter der Regie von Oskar Wälterlin im Schauspielhaus Zürich uraufgeführt (mit Therese Giehse als Claire Zachanassian und Gustav Knuth als Ill). „Der Besuch der alten Dame“ wurde zum uneingeschränkten Publikumserfolg der Spielsaison 1956 und des Folgejahres. Es begründete Dürrenmatts Weltruhm als Bühnenautor und Dramatiker.

In kurzer Zeit folgten Erstaufführungen auf allen großen Bühnen der Welt, unter anderem in Japan, Paris, England, Warschau und New York.[9] Man könnte es als Ironie verstehen, dass der größte Zuspruch dabei von eben der gesellschaftlichen Schicht kam, die mittels dieses Stückes kritisiert werden sollte.[10]

Dürrenmatt gab dem Stück ursprünglich den Untertitel „Komödie der Hochkonjuktur“ und betonte damit die Entwicklung der Schweiz in der Nachkriegszeit, die durch Wohlstand und die Jahre der wirtschaftlichen Hochkonjunktur 1952 bis 1958 geprägt war. Später wählte Dürrenmatt den Untertitel „eine tragische Komödie“, wobei der künstlerische Aspekt nun mehr als der politische und gesellschaftliche Hintergrund in den Vordergrund gerückt wurde.[11]

Auch heute noch erfreut sich das Stück großer Beliebtheit. Es gehört zum Standardrepertoire zahlreicher Bühnen und bildet die Grundlage für mehrere Verfilmungen und Fernsehbearbeitungen. Zudem wird es als „überzeugendste Realisierung der Dürrenmattschen Komödientheorie“[12]angesehen.[13]

3. Inhalte der Werke

Unterzieht man Friedrich Dürrenmatts Werke „Der Besuch der alten Dame“ und „Mondfinsternis“ einem Vergleich, so werden zahlreiche Parallelen, aber auch einige Unterschiede deutlich. Im Folgenden sollen die Inhalte der beiden Werke vorgestellt werden. Auf drei bedeutende Unterschiede, nämlich den Geschlechtsunterschied der beiden Hauptfiguren und die sich daraus ergebenden unterschiedlichen Motive, soll dabei besonders eingegangen werden.

In „Der Besuch der alten Dame“ bekommt das heruntergekommene und wirtschaftlich ruinierte Städtchen Güllen mit seinen verarmten Bürgern Besuch aus Amerika, von der Milliardärin und reichsten Frau der Welt Claire Zachanassian, die vor über vierzig Jahren unter dem Namen Klara Wäscher einst eine junge Frau des Ortes war.

Claire hat ihr Heimatstädtchen aufgekauft, um Rache zu nehmen dafür, dass der jetzige Krämer Ill sie mit einem Kind sitzengelassen hat, um dann die finanzielle besser gestellte Mathilde Blumhard heiraten zu können. Vor Gericht hatte er seine Vaterschaft bestritten und durch Bestechung und Vorführung falscher Zeugen dafür gesorgt, dass niemand Claire Glauben schenkte.

Die Güllener, die damals mit kleinbürgerlicher Zufriedenheit zusahen, als Ill seine Geliebte verstieß und damit zur Hure machte, erhalten nun das Angebot, für eine Milliarde Ill zu ermorden. Zunächst lehnen sie das Angebot „im Namen der Menschlichkeit ab“[14]. Doch letztendlich ist die Verlockung zu groß und die Gemeinde, einschließlich des Pfarrers, des Lehrers und des Polizisten beseitigen das Hindernis zum großen Reichtum, indem sie den Mord an Ill begehen und das Geld kassieren.[15]

Dürrenmatts Novelle „Mondfinsternis“ spielt in einem kleinen, schwer zugänglichen Schweizer Bergdorf. Walt Lotcher, ein in Kanada reich gewordener Auslandsschweizer, kehrt nach vierzig Jahren in seinen Geburtsort Flötenbach zurück und bietet der immer noch in Armut lebenden Gemeinde vierzehn Millionen (eine Million pro Familie). Doch an sein Angebot ist eine Bedingung geknüpft: Sein damaliger Nebenbuhler, Adolph Mani, der vierzig Jahre zuvor Lotchers schwangere Verlobte heiratete, soll in der nächsten Vollmondnacht ermordet werden.

Nach kurzem Widerstand und einigen Verzögerungen nehmen die Flötenbacher in der Hoffnung, dadurch ihrer Armut ein Ende zu bereiten, das Angebot an. Auch Mani, das Opfer, zeigt vollstes Verständnis für den Pakt. Geradezu Begeisterung überkommt ihn bei dem Gedanken daran, welche landwirtschaftlichen Maschinen seine Söhne nach seinem Tod mit dem Geld erwerben können. Während die Männer des Dorfes den Mord vorbereiten, geht Lotcher im Hotelzimmer mit den jungen Frauen des Dorfes seinen sexuellen Gelüsten nach.

Als die Dorfbewohner Mani erschlagen wollen, gibt es eine Mondfinsternis, so dass sie Angst haben, die Welt gehe unter, und auf die Knie fallen und beten. Doch als der Mond dann wieder hervor kommt, schlagen sie doch zu. Nach der Ermordung Manis, überreicht Lotcher den Flötenbachern das Geld und reist ab. Kurz nach seiner Abreise, außerhalb des Dorfes, trifft er zum ersten Mal wieder auf seine einstige Geliebte, Kläri Zurbrüggen. Diese möchte nicht am neuen Wohlstand des Dorfes teilhaben und verlässt es ebenfalls, um woanders Arbeit zu suchen. Nach einem letzten Gespräch mit ihr stirbt Lotcher im Wald an einem Herzinfarkt.

Die Flötenbacher Gemeinde, die sofort heftige Auseinandersetzungen über die Verteilung der Millionen führt, erhält nicht nur die vierzehn Millionen von Lotcher, sondern unerwartet und unabhängig davon, zusätzliche vierzig Millionen von der öffentlichen Hand für die touristische Erschließung des Dorfes.[16]

Selbstverständlich erkennt man schon bei der bloßen Nacherzählung von „Der Besuch der alten Dame“ den roten Faden des Stoffes aus „Mondfinsternis“ und umgekehrt.

[...]


[1] Vgl. Rusterholz/Wirtz 2000: S. 180

[2] Vgl. Rusterholz/Wirtz 2000: S. 180

[3] Song 2006: S. 60

[4] Vgl. ebd: S. 60

[5] Vgl. Rusterholz/Wirtz 2000: S. 181

[6] Dürrenmatt 1996: S. 124

[7] Vgl. Knopf 1976: S. 90

[8] Goertz 1987: S. 69

[9] Vgl. Knapp 1993: S. 83

[10] Vgl. Knopf 1976: S. 92

[11] Vgl. Ebd.: S. 91

[12] Knapp 1993: S. 84

[13] Vgl. Ebd.: S. 83-84

[14] Dürrenmatt 1998: S. 50

[15] Vgl. Dürrenmatt 1998 u. Hapkemeyer 1998: S. 78

[16] Vgl. Dürrenmatt 1986 u. Song 2006: S. 59

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Zu Dürrenmatts "Mondfinsternis" und "Der Besuch der alten Dame" - Entstehungshintergründe und eine vergleichende Gegenüberstellung
Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
21
Katalognummer
V118768
ISBN (eBook)
9783640221158
ISBN (Buch)
9783640230006
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dürrenmatts, Mondfinsternis, Besuch, Dame, Entstehungshintergründe, Gegenüberstellung
Arbeit zitieren
Sophie Männel (Autor), 2007, Zu Dürrenmatts "Mondfinsternis" und "Der Besuch der alten Dame" - Entstehungshintergründe und eine vergleichende Gegenüberstellung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118768

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