Hurrelmann (2002) bezeichnet Sozialisation als produktive Verarbeitung der Realität und legt damit ein aktuelles und über knapp zwei Jahrzehnte gewachsenes sozialisationstheoretisches Modell vor. Darin kommt der Identität des einzelnen Menschen eine zentrale Bedeutung zu. Was in diesem Modell unter Identität verstanden wird, wie sie entsteht und warum ihr diese fundamentale Bedeutung zukommt, wird nachfolgend von Hendrik Besserer (aka DJ Freud) erläutert.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Begriffsbestimmungen
2.1 Wissenschaftliches Konstrukt
2.2 Metatheoretisches Modell und Sozialisationstheorie
2.3 Sozialisation
2.4 Individuum und Persönlichkeit
2.5 Identität
3 Das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung
3.1 Innere Realität
3.2 Äußere Realität
3.2.1 Zentrale Sozialisationsinstanzen
3.2.2 Andere soziale Organisationen und Systeme
3.3 Produktive Auseinandersetzung mit der inneren und der äußeren Realität
3.4 Entwicklungsaufgaben
4. Identität im Modell der produktiven Realitätsverarbeitung
4.1 Aufbau von Identität
4.1.1 Handlungskompetenzen
4.1.2 Selbstbild
4.1.2.1 Selbstwahrnehmung und Selbstreflexion
4.1.2.2 Selbstbewertung
4.2 Funktionale Bedeutung von Identität
4.3 Entwicklung von Identität
5. Diskussion über Identität
6 Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung und Entstehung von Identität innerhalb des sozialwissenschaftlichen Modells der „produktiven Realitätsverarbeitung“ nach Klaus Hurrelmann. Ziel ist es, den theoretischen Aufbau der Identität sowie deren koordinierende Funktion bei der Lebensbewältigung im Kontext gesellschaftlicher Anforderungen zu erläutern.
- Grundlagen der Sozialisationstheorie und des Modells der produktiven Realitätsverarbeitung
- Wechselwirkung zwischen innerer (biologischer) und äußerer (sozialer) Realität
- Zusammenspiel von Handlungskompetenzen, Selbstbild und Selbstbewertung für die Identitätsbildung
- Die funktionale Rolle der Identität als Instanz zur Koordination individueller Bedürfnisse und gesellschaftlicher Erwartungen
- Kritische Diskussion der Identitätsentwicklung in modernen, hoch differenzierten Gesellschaften
Auszug aus dem Buch
Funktionale Bedeutung von Identität
Kommt es aufgrund des Selbstbilds zu einem konsistenten und kontinuierlichen Selbsterleben, so kann von Identität gesprochen werden. Hurrelmann versteht Identität aber „nicht als ein für allemal gelungener, feststehender und verlässlicher Besitz eines Menschen ..., sondern als Zustand des Selbsterlebens, der ständig neuen Interpretations- und Aushandlungsprozessen mit der äußeren Umwelt und der eigenen inneren Natur unterliegt“ (2001, S.173).
Identität ist also in diesem Modell kein statisches Konstrukt, sondern sehr dynamisch – sowohl Koordinierungsprozess als auch Koordinationsinstanz des Individuums zwischen eigenen Interessen und Bedürfnissen einerseits und sozialen Erwartungen und physikalischen Bedingungen andererseits.
Diese balancierende Funktion von Identität knüpft, wie bereits teilweise herauszulesen war, eng an Handlungs- bzw. Interaktionstheorien vor allem von Mead (1934), Goffman (1959) und Krappmann (1969) an. Für Krappmann ist Identität „die kreative Antwort des Individuums auf angesonnene Erwartungen“ (1969, S. 59). Er unterscheidet zwischen der sozialen und persönlichen Identität eines Menschen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in das Thema Sozialisation als produktive Verarbeitung der Realität und Vorstellung der zentralen Bedeutung der Identität.
2 Begriffsbestimmungen: Definition der wesentlichen wissenschaftlichen Konstrukte wie Sozialisation, Persönlichkeit und Identität im metatheoretischen Kontext.
3 Das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung: Erläuterung des Wechselspiels zwischen innerer Anlage und äußerer Umwelt bei der Persönlichkeitsentwicklung sowie der Rolle von Entwicklungsaufgaben.
4. Identität im Modell der produktiven Realitätsverarbeitung: Detaillierte Analyse des Aufbaus von Identität über Handlungskompetenzen und Selbstbild sowie deren funktionale Bedeutung.
5. Diskussion über Identität: Kritische Auseinandersetzung mit der Möglichkeit der Identitätsbildung in modernen, pluralisierten Gesellschaften.
6 Zusammenfassung: Resümee der zentralen theoretischen Aussagen zur Identität als Instanz zur Lebensbewältigung.
Schlüsselwörter
Sozialisation, Identität, produktive Realitätsverarbeitung, Persönlichkeitsentwicklung, Handlungskompetenz, Selbstbild, Selbstwahrnehmung, Selbstbewertung, Sozialisationsinstanzen, Entwicklungsaufgaben, Interaktion, Ich-Identität, Individualisierung, Reflexion, Lebenslauf.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie ein Individuum im Rahmen der Sozialisationstheorie Identität entwickelt und diese als zentrale Instanz zur Bewältigung des Lebens nutzt.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Persönlichkeitsentwicklung, der Auseinandersetzung mit der sozialen Umwelt sowie der strukturellen Genese des Selbstbildes.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die theoretische Durchdringung des Identitätsbegriffs innerhalb von Hurrelmanns Modell der produktiven Realitätsverarbeitung und die Klärung ihrer funktionalen Bedeutung.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Literaturarbeit, die auf Basis soziologischer und psychologischer Basistheorien ein metatheoretisches Modell herleitet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Sozialisationsfaktoren, den strukturellen Aufbau der Identität und eine kritische soziologische Diskussion über die Krisenanfälligkeit von Identität in der Moderne.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Sozialisation, Identität, produktive Realitätsverarbeitung, Handlungskompetenz und Selbstbild.
Warum ist die Identität nach dem Modell kein statisches Konstrukt?
Identität ist laut Hurrelmann ein dynamischer Zustand des Selbsterlebens, der durch ständige Aushandlungsprozesse zwischen inneren Bedürfnissen und äußeren sozialen Anforderungen geprägt ist.
Was unterscheidet soziale von persönlicher Identität nach Krappmann?
Die soziale Identität bezieht sich auf die Erwartungen und Normen der Interaktionspartner, während die persönliche Identität die Einzigartigkeit des Individuums betont.
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- Hendrik Besserer (Author), 2003, Identität in der Sozialisationstheorie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11877