In dieser Arbeit soll die Frage untersucht werden, inwiefern Viktor Orbán die antisemitische Verschwörungstheorie des
„Brüsseler Plans“ als Werkzeug für die Illiberalisierung Ungarns nutzt. Als theoretischer Vorbau für die Analyse der Theorie wurde sich in dieser Arbeit für den Diskurshistorischen Ansatz nach Ruth Wodak entschieden, da es dieser ermöglicht, Aussagen in einem breiteren Kontext zu verstehen und zu deuten. In der Folge werden zunächst der Diskurshistorische Ansatz selbst zusammengefasst, um im nächsten Schritt die Verschwörungstheorie des Brüsseler Plans darzustellen, dessen Nutzen im dritten und letzten Aspekt im Sinne der Illiberalisierung Ungarns gedeutet und erklärt wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1 Betrachtung des theoretischen Fundaments: Der Diskurshistorische Ansatz (DHA)
2.2 Inhaltsanalyse: Die Verschwörungstheorie des Brüsseler Plans
2.2.1 Orbáns Ungarn als Bewahrer der christlichen Identität Europas
2.2.2 Der Brüsseler Plan zur Vernichtung des Primats des Christentums
2.2.3 George Soros als Drahtzieher des Brüsseler Plans
2.3 Zwischenüberlegung: Antisemitismus oder Machtpolitik?
2.4 Der Brüsseler Plan als Werkzeug Orbáns für die Illiberalisierung Ungarns
2.4.1 Die antisemitische Konstruktion eines Feindbilds
2.4.2 Selbstlegitimation und Delegitimierung zur Schaffung eines „Wir“ und „Die“
2.4.3 Orbáns (Miss-)Interpretation der liberalen Idee
3. Zusammenfassung und Schluss
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, inwiefern der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán die antisemitische Verschwörungstheorie des sogenannten „Brüsseler Plans“ als politisches Instrument nutzt, um die Illiberalisierung Ungarns voranzutreiben und zu rechtfertigen.
- Analyse der rhetorischen Strategien und Topoi in den Reden Viktor Orbáns
- Anwendung des Diskurshistorischen Ansatzes nach Ruth Wodak
- Konstruktion von Feindbildern (insbesondere George Soros) zur Mobilisierung
- Umdeutung politischer Begriffe wie „liberal“ und „Freiheit“
- Verknüpfung von christlicher Identität mit illiberaler Politik
Auszug aus dem Buch
2.4.1 Die antisemitische Konstruktion eines Feindbilds
Das von Orbán gezeichnete Bild Soros‘ verkörpert wie bereits beschrieben einen im Hintergrund die Fäden ziehenden Juden. Soros kommt also die Rolle des Feindes zu, auf das sich alles Schlechte projizieren lässt. Diese Feststellung traf Ruth Wodak im Jahr 2019 in einem Experteninterview mit der Fachzeitschrift SoziologieMagazin aus dem Jahr 2019:
„George Soros wird metonymisch als Symbol des Bösen schlechthin konstruiert: Orbán, Trump, Babiś, Kaczyński, Salvini, Gudenus, und viele andere rechtspopulistische Politiker_innen unterstellen Soros, als Drahtzieher sämtliche Flüchtlinge […] nach Europa bzw. in die USA zu bringen. […] Früher diente „Rothschild“ als Symbol für den imaginierten mächtigen Juden und damit als Projektionsfläche für alle komplexen gesellschaftlichen Probleme – heute ist es ‚Soros‘.“71
Diese Projektion auf einen „Sündenbock“ hat nun zwei Vorteile: zum einen bietet sie aufgrund ihrer eindimensionalen Begründungslogik Antwortmöglichkeiten auf sämtliche Fragen und Probleme im sozio-politischen, ungarischen Kontext. So nennt Anetta Kahane in einer Studie zum Thema antisemitische Verschwörungsideologien im Auftrag der Amadeu Antonio Stiftung als einen vermeintlichen Vorteil von Verschwörungstheorien, „die Schuldigen für die gesellschaftliche/ eigene Misere benennen zu können“.72 Zum anderen, als Folge, kann diese Projektion eine sinnstiftende Funktion annehmen, da sie die Bevölkerung im Hass gegen Soros vereint.
Die Darstellung des Juden in Verschwörungstheorien als Sündenbock ist überdies nicht nur ein Phänomen der Moderne. Baldauf und Rathje weisen an anderer Stelle darauf hin, dass „bereits im frühen Christentum […] ‚die Juden‘ als Vertreter_innen des Bösen und Verbündete des ‚Antichristen‘ bezeichnet [werden]“.73 Auch Orbáns Vorwurf, Soros wolle das Christentum zerstören, kann als Relikt aus dieser Zeit verstanden werden, da man Juden damals häufig vorwarf, „im Geheimen gegen das Christentum zu arbeiten“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die aktuelle politische Situation Ungarns ein und umreißt das Ziel der Arbeit, Orbáns Rhetorik im Kontext der Illiberalisierung zu untersuchen.
2. Hauptteil: Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung durch den DHA, die Analyse der Verschwörungstheorie des „Brüsseler Plans“ und deren instrumentelle Nutzung für Orbáns politische Agenda.
3. Zusammenfassung und Schluss: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und ordnet die Verschwörungstheorie als funktionales Werkzeug zur Mobilisierung und zum systematischen Umbau des ungarischen Staates ein.
Schlüsselwörter
Viktor Orbán, Brüsseler Plan, Illiberalismus, Diskurshistorischer Ansatz, George Soros, Antisemitismus, Verschwörungstheorie, Ungarn, Rechtspopulismus, christliche Identität, Machtkonzentration, Feindbildkonstruktion, Diskursanalyse, politische Rhetorik, Fidesz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die antisemitische Verschwörungstheorie des sogenannten „Brüsseler Plans“ in der Rhetorik des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen der Zusammenhang zwischen populistischer Rhetorik, der Konstruktion politischer Feindbilder und dem gezielten Umbau der ungarischen Demokratie zu einem illiberalen System.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu zeigen, wie Orbán mittels einer Verschwörungstheorie politische Legitimation schafft, um illiberale Maßnahmen vor der eigenen Bevölkerung zu rechtfertigen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin verwendet den Diskurshistorischen Ansatz (DHA) nach Ruth Wodak, um Aussagen in ihrem sozio-politischen und historischen Kontext kritisch zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die theoretischen Grundlagen, dekonstruiert die Inhalte der Verschwörungstheorie und untersucht, wie diese als Werkzeug zur Mobilisierung und Delegitimierung politischer Gegner dient.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Illiberalisierung, Antisemitismus, Verschwörungstheorie, christliche Identität und Feindbildkonstruktion.
Warum wird George Soros in der Arbeit als zentrale Figur hervorgehoben?
Soros dient in Orbáns Rhetorik als personifiziertes Feindbild und metonymisches Symbol für das antisemitische Stereotyp des „im Hintergrund die Fäden ziehenden Juden“.
Wie deutet Orbán den Begriff „liberal“ um?
Orbán stellt den Liberalismus als zerstörerisch dar und setzt „illiberale Politik“ mit dem Schutz der „christlichen Freiheit“ gleich, um seinem Handeln eine positive moralische Legitimation zu verleihen.
Welche Rolle spielt die „Burgmetapher“ in der Argumentation Orbáns?
Ungarn wird als Verteidiger der „christlichen Festung“ gegen eine „Invasion“ von außen dargestellt, was Orbán und seine Partei als notwendige „Retter“ inszeniert.
Welches Fazit zieht der Autor hinsichtlich der Zukunft der Demokratie in Ungarn?
Die Arbeit lässt die Zukunft der ungarischen Demokratie unter dem derzeitigen Ministerpräsidenten infrage gestellt und warnt vor dem immensen Mobilisierungspotenzial solcher Verschwörungstheorien.
- Arbeit zitieren
- Vincent Weyer (Autor:in), 2020, Illiberalisierung Ungarns durch Viktor Orbán. Inwiefern nutzt er die antisemitische Verschwörungstheorie des 'Brüsseler Plans' als Werkzeug?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1188061