Nach einfachem Diebstahl ist Betrug die am häufigsten begangene Straftat in Deutschland. Ziel dieser Arbeit ist es, kriminologische und psychologische Erkenntnisse zum Phänomen Betrug um die Aspekte der digitalen Kommunikation zu ergänzen und so einen ersten Ausblick zu wagen, welche Herausforderungen die zunehmende Digitalisierung für die Betrugsbekämpfung und Betrugsprävention erwarten lässt und wie diesen Herausforderungen adäquat begegnet werden kann.
Zunächst wird eine Einführung in gängige Kommunikationsmodelle der aktuellen Forschung gegeben, die auf die Neuordnung durch die in den letzten Jahrzehnten eingesetzte digitale Transformation angewendet werden. Weiterhin erfolgt ein psychosoziale Einordnung des Phänomens Betrug anhand bestehender Studien und Literatur zu Betrugsmustern und Betrugsmotivationen. Schließlich werden die Erkenntnisse der Kommunikationspsychologie auf das Phänomen Betrug hinsichtlich Betrugserkennung und Betrugsprävention angewendet.
Aus den gewonnenen Erkenntnissen können mögliche präventive und repressive kommunikative Maßnahmen abgeleitet werden, die die Grundlage für einen Handlungsleitfaden für Betrugsbekämpfung im digitalen Zeitalter bilden können.
Die bisherige Forschung zu dem Thema hat sich maßgebliche auf kriminogene und wirtschaftliche Faktoren des Betrugs fokussiert und bietet keine Antworten auf die Frage der Relevanz des digitalen Wandels für den Betrug. Psychologische Faktoren, insbesondere Faktoren der Kommunikationspsychologie und der Nutzung digitaler Kommunikationskanäle blieben in dem Zusammenhang bisher weitestgehend unberücksichtigt.
Inhaltsverzeichnis
1. Ausgangssituation und Problemstellung
1.1. Zielsetzung
1.2. Forschungsfragen
1.3. Zielgruppe der Forschungsarbeit
1.4. Methode und Aufbau der Arbeit
2. Begriffsabgrenzung
2.1. Digitale Transformation
2.2. Face-to-Face Kommunikation (FtF)
2.3. Medienvermittelte Kommunikation (mvK)
2.4. Betrug
3. Theoretische Grundlagen und Reflexion der bestehenden Literatur
3.1. Face-to-Face Kommunikation
3.1.1.Überblick über eine Auswahl gängiger Kommunikationsmodellen
3.1.2.Integratives Kommunikationsmodell nach Hargie & Dickson (2004)
3.2. Kommunikationsformen und ihre Mittel
3.2.1.Interpersonelle Kommunikationsformen
3.2.2.Verbale Kommunikationsmittel
3.2.3.Nonverbale Kommunikationsmittel
3.3. Medienvermittelte Kommunikation
3.3.1.Unterschiede der medienvermittelten zur Face-to-Face Kommunikation
3.3.2.Aspekte und Theorien medienvermittelten Kommunikationsverhaltens
3.3.3.Medienwahl
3.3.4.Interpersonales Verhalten und soziale Phänomene in der medienvermittelten Kommunikation
3.4. Betrug
3.4.1.Betrugsmodelle
3.4.2.Allgemeine Aspekte der betrugshandelnden Persönlichkeit
3.4.3.Typische TäterInnenprofile
3.4.4.Das Fraud-Triangle und die Dunkle Triade
3.4.5.Motivationsaspekte für Betrug
3.4.6.Muster des Betrugs
4. Beantwortung der theoretischen Subforschungsfragen
4.1. Welche Aspekte der Kommunikation sind bei Betrug relevant?
4.2. Welche Aspekte des digitalen Wandels sind bei Betrug relevant?
5. Erhebung und Auswertung der empirischen Ergebnisse
5.1. Forschungsdesign, Zielgruppe und Forschungsziel
5.1.1.Sampling / Stichprobenauswahl
5.1.2.Erhebungsmethode
5.1.3.Qualitätssicherung / Gütekriterien
5.1.4.Interviewleitfaden und Aufbau des Interviews
5.1.5.Datenauswertung und Kategorienbildung
5.2. Darstellung und Interpretation der empirischen Ergebnisse
5.2.1.Kategorie 1 (K1) – Angaben zur Dubiosschadenbearbeitung
5.2.2.Kategorie 2 (K2) – Medienvermittelte Kommunikation
5.2.3.Kategorie 3 (K3) – Digitale Medien
5.2.4.Kategorie 4 (K4) – Face-to-Face Kommunikation
5.2.5.Kategorie 5 (K5) – Einfluss der Gruppengröße auf die Wahl des Kommunikationswegs
5.2.6.Kategorie 6 (K6) – Wandel der Betrugssachbearbeitung durch Digitalisierung
5.2.7.Kategorie 7 (K7) – Formen des Betrugs
5.2.8.Kategorie 8 (K8) – Persönlichkeits-Typen des Betrugs
5.2.9.Kategorie 9 (K9) – Betrugsfaktoren
5.2.10.Kategorie 10 (K10) – Rechtfertigungsfaktoren
5.2.11.Kategorie 11 (K11) – Faktoren der Betrugsbekämpfung und Betrugsprävention
5.2.12.Kategorie 12 (K12) – Grundsätzliche Einstellung zu Versicherungsbetrug
5.2.13.Kategorie 13 (K13) – Grundsätzliche Einstellung zum Einfluss medienvermittelter Kommunikation auf Betrug
6. Beantwortung der empirischen Subforschungsfragen
6.1. Wie beschreiben die befragten Personen die Aspekte der digitalen Kommunikation für ihren Arbeitsalltag?
6.2. Welche Wahrnehmung haben die betroffenen Personen bezüglich der Relevanz des digitalen Wandels für die Betrugshandlung?
6.3. Welche Wahrnehmung haben die betroffenen Personen bezüglich der Relevanz des digitalen Wandels für die Betrugsbekämpfung?
7. Conclusio und Ausblick
7.1. Welche Relevanz hat der digitale Wandel der Kommunikation für Betrug?
7.2. Reflexion und Limitation der Ergebnisse
7.3. Praktische Implikation und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwiefern die zunehmende Digitalisierung der Kommunikation das Phänomen Betrug beeinflusst, insbesondere im Kontext der Versicherungsbranche, um daraus Grundlagen für einen präventiven Handlungsleitfaden abzuleiten.
- Psychologische und kommunikationswissenschaftliche Analyse von Betrugshandlungen.
- Einfluss des digitalen Wandels auf Kommunikationsmuster bei Versicherungsbetrug.
- Rolle von Anonymität, Kanalreduktion und digitaler Identitätskonstruktion.
- Empirische Untersuchung mittels leitfadengestützter Experteninterviews.
- Ableitung präventiver und repressiver kommunikativer Strategien für die Schadensachbearbeitung.
Auszug aus dem Buch
3.4.1. Betrugsmodelle
Zum Verständnis des Phänomens betrügerischen Handels kann die Betrachtung der unterschiedlichen in der Forschung bestehenden kriminologischen Theorien beitragen. Dieses Kapitel gibt einen Überblick über eine Auswahl der gängig angewendeten Theorien.
Grundlage der meisten Theorien sind sogenannte Rational-Choice-Modelle, bei denen davon ausgegangen wird, dass der Täter/die Täterin ihre Handlung aufgrund einer rational getroffenen Entscheidung tätigt (Allwin et al., 2018). Diese Theorien gehen von einem Menschenbild des homo economicus aus, bei dem Kosten und Nutzen gegeneinander abgewogen werden. „Je geringer die Kosten und je höher der vermeintliche Nutzen, desto wahrscheinlicher wird der Betrug“ (Allwin et al., 2018, S.33). Als Beispiel kann hier das Routine-Aktivitätsmodell nach Cohen und Felson (1979) genannt werden. Cohen und Felsen (1979) beschreiben drei maßgebliche Faktoren für die Begehung von Straftaten. Zu Beginn einer kriminellen Handlung steht die Tatmotivation. Der zweite Faktor ist der wahrgenommene – nicht immer tatsächliche – Schutz bzw. die Angreifbarkeit des möglichen Ziels. Letzter Faktor ist das Tatobjekt selbst und die Frage, ob es geeignet ist und ob sich eine passende Gelegenheit findet. (Cohen & Felsen, 1979).
Im Zusammenhang mit Betrug sind Rational-Choice-Modelle zwar anwendbar, sie bilden jedoch wichtige psychologische Teilaspekte des Betrugs nicht ab: Persönlichkeitsstruktur und Persönlichkeitseigenschaften, Einstellungen und das Selbstbild der Person werden in diesen Modellen nicht berücksichtigt, obwohl sie wichtige Faktoren für betrügerisches Handeln darstellen (Hoffmann, 2011).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Ausgangssituation und Problemstellung: Dieses Kapitel führt in die Relevanz der digitalen Kommunikation im sozialen und beruflichen Kontext ein und definiert die Forschungslücke bezüglich der Rolle des digitalen Wandels bei Betrugshandlungen.
2. Begriffsabgrenzung: Hier werden die zentralen Begriffe der Arbeit, wie digitale Transformation, Face-to-Face Kommunikation, medienvermittelte Kommunikation und der strafrechtliche sowie psychologische Betrugsbegriff, operationalisiert.
3. Theoretische Grundlagen und Reflexion der bestehenden Literatur: Dieses Kapitel bietet eine tiefgehende Literaturanalyse zu Kommunikationsmodellen, medienvermittelten Kommunikationsaspekten und verschiedenen kriminologischen Betrugsmodellen wie dem Fraud-Triangle.
4. Beantwortung der theoretischen Subforschungsfragen: Hier werden die gewonnenen theoretischen Erkenntnisse synthetisiert, um die theoretischen Subforschungsfragen zur Relevanz der Kommunikation und des digitalen Wandels bei Betrug zu beantworten.
5. Erhebung und Auswertung der empirischen Ergebnisse: Dieses Kapitel erläutert das Forschungsdesign der qualitativen Experteninterviews und präsentiert die induktiv gebildeten Kategorien aus der Datenauswertung.
6. Beantwortung der empirischen Subforschungsfragen: In diesem Kapitel werden die empirischen Ergebnisse mit den theoretischen Erkenntnissen verknüpft, um die spezifischen Fragen zum Arbeitsalltag der Betrugssachbearbeiter und deren Wahrnehmung zu beantworten.
7. Conclusio und Ausblick: Das abschließende Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen, diskutiert Limitationen der Studie und gibt einen Ausblick auf die praktische Nutzbarkeit der Erkenntnisse für einen Handlungsleitfaden.
Schlüsselwörter
Betrug, Versicherungsbetrug, digitale Transformation, medienvermittelte Kommunikation, Betrugsbekämpfung, Betrugsprävention, Kanalreduktion, Anonymisierung, Rationalisierung, kognitive Dissonanz, Fraud-Triangle, Kommunikationspsychologie, Experteninterview, Schadensachbearbeitung, digitale Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie sich die zunehmende Digitalisierung der Kommunikation auf Betrugshandlungen auswirkt und welche neuen Herausforderungen oder Chancen sich daraus für die Betrugserkennung und -prävention, speziell in der Versicherungsbranche, ergeben.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen sind die kommunikationspsychologischen Aspekte von Betrug, die Auswirkungen des digitalen Wandels auf interpersonelles Verhalten sowie die Anwendung kriminologischer Betrugsmodelle im digitalen Zeitalter.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es, die Forschungslücke zwischen Kriminologie, Psychologie und Kommunikationswissenschaft zu schließen und aus theoretischen sowie empirischen Ergebnissen einen praxisnahen Handlungsleitfaden für die Betrugsprävention zu entwickeln.
Welche wissenschaftliche Methode wurde für die Untersuchung gewählt?
Es wurde ein zweistufiger Ansatz gewählt: Zunächst erfolgte eine literaturgestützte theoretische Analyse. Im zweiten Schritt wurde eine empirische Untersuchung durch leitfadengestützte qualitative Experteninterviews mit Schadensachbearbeitern durchgeführt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen (Kommunikationsmodelle, Betrugsmodelle), die Beantwortung theoretischer Subfragen, die Darstellung des methodischen Forschungsdesigns sowie die detaillierte Auswertung und Interpretation der aus den Experteninterviews gewonnenen Ergebnisse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Schlagworte sind Versicherungsbetrug, digitale Transformation, medienvermittelte Kommunikation, Betrugsprävention, Kanalreduktion und Betrugsmodelle wie das Fraud-Triangle.
Wie bewerten die Experten den Einsatz von E-Mails im Betrugskontext?
Die Experten sehen E-Mails als effizientes, aber auch risikobehaftetes Medium. Während sie die Arbeit beschleunigen, erlauben sie Betrügern durch Asynchronität mehr Zeit für Manipulationen und die Absprache falscher Tatsachen, ohne dass der psychologische Druck eines direkten Gesprächs entsteht.
Gibt es einen Unterschied zwischen opportunistischem und professionellem Betrug in der digitalen Welt?
Ja, opportunistische Betrüger nutzen oft die Anonymität und Distanz digitaler Kanäle, um spontan Hemmschwellen zu senken. Professionelle Betrüger hingegen planen strategisch und nutzen digitale Ressourcen gezielt zur Informationsbeschaffung und Verschleierung ihrer Aktivitäten.
Welche Rolle spielt die "Dunkle Triade" bei der Betrugsbegehung?
Die Dunkle Triade (Narzissmus, Machiavellismus, Psychopathie) dient als Erklärungsmodell für die Persönlichkeitsstruktur von Betrügern. Diese Profile nutzen Kommunikation zielgerichtet zur Manipulation und Rationalisierung ihrer Taten, um sich moralische Rechtfertigungen zu verschaffen.
- Arbeit zitieren
- Stefanie Willenbrink (Autor:in), 2020, Digitale Kommunikation und Betrug. Eine qualitative Untersuchung relevanter Aspekte am Beispiel von Versicherungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1188068