Die Lüge

Aus "Suchende Seelen"


Klassiker, 2008
25 Seiten
Grete Meisel-Heß (Autor)

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I.

Die Janowitzky war krank, gewiß, das unterlag keinem Zweifel. Aber solche Geschichten brauchte sie deswegen doch nicht zu machen, und das Geschrei in der Nacht hätte sicher nicht sein müssen. Das ganze Pensionat wurde in der Nacht gestört durch diese gellenden fürchterlichen Schreie.

Die Pensionärinnen, die mit ihr in dem großen Schlafsaal lagen, waren einfach empört. Andere Kinder hatten doch auch schon Bronchialkatarrh gehabt, aber keine hatte es so getrieben wie die Janowitzky, und mit keiner waren solche Geschichten gemacht worden. Die besten Suppen – bekam sie. Das schönste Stückchen Braten – bekam sie. Und gab es Wurst zum Nachtmahl – sie bekam sicher ein Schnitzel oder ein Stück Huhn … Und jeden Tag kam der Herr Regimentsarzt wegen ihr ins Pensionat und fand nicht, daß ihr etwas Besonderes fehle.

Dennoch trieb sie es immer ärger und lag nun schon lange zu Bett, während die anderen sich plagen mußten zur Weihnachtsprüfung.

Die Erbitterung gegen die Janowitzky verband sich mit einem heimlichen Neid. Wie gut sie es hatte Und beklagen durfte man sich auch nicht. Sagte man früh etwas der Präfektin …: „Bitte, Fräulein, sie hat schon wieder geschrien in der Nacht, sie macht es zu Fleiß, damit wir nicht schlafen können …“ gleich bekam man einen Verweis: „Seid doch nicht so herzlos, dankt Gott, daß ihr gesund seid“

Interessant wollte sie sich machen, das war das Ganze. Niemand hatte sich früher um sie gekümmert. Die Mädchen aus der Provinz wurden von den kleinen Wienerinnen nicht als gleichwertig betrachtet. Nicht einmal beim Vornamen nannte man sie: die Janowitzky aus Krakau, die Liebich aus Winterberg, die Jungmann aus Saaz, die Fekete aus Ungarisch-Hradisch u. s. f. Während die Käthe, die Alma, die Mizzi, die Fini, die Irene, die Paula und noch viele andere sich zusammenschlossen und sich allein als „das Pensionat“ betrachteten.

Übrigens war Käthe empört, daß die anderen auf die Janowitzky schimpften. Käthe hatte große schwarze Augen und ein kleines weißes Kindergesicht Sie war in der Klasse die Beste, und ihre Aufsätze wurden meistens vorgelesen. Spielte man Theater, so bekam Käthe die Hauptrolle, denn auch da war sie die Talentierteste. Gab es zu irgend einer Gelegenheit ein französisches Gedicht zu deklamieren, so mußte wieder Käthe es tun, denn sie hatte den besten Accent. Nur in Arithmetik und Handarbeiten haperte es fürchterlich, und diese Noten verdarben Käthe regelmäßig das Zeugnis. Auch in Klavier konnte sie es zu nichts bringen, obzwar sie mit sehr viel Gemüt spielte; aber nur wenn viele halbe Noten dabei waren oder höchstens viertel. Gab es Achtel oder Sechzehntel oder war gar die Seite schwarz von Strichen, dann war es aus.

Hingegen machte Käthe wunderschöne Gedichte. Hierzu benützte sie gewöhnlich die Handarbeits- und die Rechenstunde. Während die ganze Klasse schwitzte, um dem Professor bei seinen hastigen Jagden auf der Tafel zu folgen, hatte Käthe die schönsten poetischen Inspirationen. Sie besang nicht nur den Lenz, die Freundschaft, die Liebe und andere Ideale, dichtete nicht nur Stammbuchverse für alle Freundinnen und Prologe zum Geburtstage der Vorsteherin, sondern sie wußte auch die verschiedenen lieblichen Eigenheiten der Herren Professoren in schönen Versfüssen, zu besingen oder die klassischen Produkte „anderer Dichter“ zu passenden Anlässen umzuarbeiten. Die ganze Klasse freute sich neidlos, wenn wieder etwas „fertig“ geworden war, denn Käthe war es gelungen, unter ihren Mitschülerinnen gleichzeitig Liebling und Autorität zu sein. War etwas „fertig“ geworden, so schlich nach der Stunde versteckt eine nach der andern auf den Boden. Hier thronte Käthe inmitten all der kleinen Mädchen auf einem Koffer und verlas ihr neuestes Opus. Stolz wie eine kleine Heldin stieg sie dann vom Koffer herunter und nahm mit gleichgültiger Miene alle Glückwünsche entgegen. Sie war an ihre Erfolge gewöhnt, aber sie mißbrauchte sie niemals. Drum eben war sie der Liebling.

Und dieser Liebling, nach dem sich sonst alle richteten, war jetzt mit dem ganzen Pensionat in Widerspruch – „Es ist niederträchtig, daß ihr über die Janowitzky schimpft – sie schreit doch nicht zum Vergnügen“

Bei Tisch, wenn das Fräulein fragte: „Wer trägt heute der Janowitzky das Essen hinauf?“ war es immer Käthe, welche die Hand hob und sich dazu meldete.

„Aber du hast dich doch früher nie um sie geschert?“ fragte Fini, die eifersüchtig war.

„Aber jetzt ist sie krank, und ihr seid alle scheußlich zu ihr, – drum g’rade“

Eines Morgens, als das Fräulein geweckt hatte und die Pensionärinnen sich verschlafen in ihren Betten aufrichteten und die Strümpfe anzuziehen begannen, sagte plötzlich Fini:

„Schaut doch die Janowitzky“ Alle blickten hin.

Da saß die Janowitzky, ein großes, rothaariges, sommersprossiges Mädchen von vierzehn Jahren aufrecht im Bett und nickte ein paarmal mit dem Kopfe. Dabei öffnete sie den Mund und schloß ihn wieder, als ob sie Luft schnappen wollte.

Der Anblick war zu drollig. Die Kinder kicherten und lachten, und Fini rief, indem sie sich stöhnend vor Lachen auf den Polster zurückwarf:

Wie mein Ziegenbock aus Tragant, wißt ihr, den ich neulich bekommen habe, der hat den Kopf auf Draht und wackelt gerade so …“

Käthe war schon außer Bett und stampfte zornig mit dem Fuß: „Pfui Teufel, schämt euch“

Im selben Augenblick kam das Fräulein herein: „Vorwärts – vorwärts ins Waschzimmer“

Damit trieb sie die kleine Schar halb angekleidet vor sich her.

Alle eilten ins Nebenzimmer zu ihren Waschtischen. Bald hörte man nur noch ein Pritscheln, Pusten und Schnaufen.

Käthe war mit dem Waschen fertig und wollte eben beginnen, sich zu frisieren. Sie hatte schon ihren dicken, schwarzen Zopf gelöst, als sie bemerkte, daß sie ihren Kamm im Schlafsaale vergessen hatte.

Sie beeilte sich, ihn zu holen, denn es war schon spät, und die Frühstücksglocke mußte jeden Augenblick läuten.

Sie trat ins Schlafzimmer. Es war noch nicht gelüftet, und ein warmer, schwerer Dunst schlug ihr entgegen. Die Wintersonne spielte auf den weißen, offenen, zerdrückten Betten, und einer ihrer Strahlen schien grell ins Gesicht der Janowitzky. Große, gläserne Augen blickten die Eintretende an …

Käthe wollte zu ihrem Bette eilen und den Kamm holen. Aber sie konnte sich nicht vom Platze rühren, eine starre Lähmung hielt sie gefangen und zwang sie, in das fahle, sonnenbeschienene Gesicht mit den fletschenden Zähnen zu blicken …

„Janowitzky,“ sagte sie.

„Janowitzky – hörst du?“ wiederholte sie bebend.

„Janowitzky – flüsterte sie, und ihre Zähne schlugen klappernd zusammen.

Mit vorgebeugtem Körper blickte sie starr in das regungslose, verzerrte Gesicht … Und dann stieß sie einen Schrei aus, einen einzigen, langen, gellenden Schrei …

Die Tür vom Waschzimmer wurde aufgerissen, und die Mädchen stürmten herein mit offenem Haar oder halb geflochtenen Zöpfen, in ihren kurzen, weißen Unterröcken. Mitten unter ihnen die Präfektin.

„Was ist denn? – Käthe – Was hast du?“

Das Kind stand noch immer wie gelähmt, mit starren, festgebannten Blicken:

„Die – Janowitzky –

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Details

Titel
Die Lüge
Untertitel
Aus "Suchende Seelen"
Autor
Jahr
2008
Seiten
25
Katalognummer
V118828
ISBN (Buch)
9783640215317
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lüge
Arbeit zitieren
Grete Meisel-Heß (Autor), 2008, Die Lüge, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118828

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