Das "Besetzen" von Begriffen lässt sich dabei den Konkurrenzstrategien zuordnen, deren vorrangiges Ziel die Stärkung der eigenen sprachlichen Ressourcen und die Beeinträchtigung der gegnerischen ist. Um sich dieser Praxis aus politolinguistischer Perspektive annähern zu können, sollen in einem ersten Schritt hierzu relevante theoretische Grundlagen erläutert werden. In Anlehnung an Biedenkopfs Metapher muss der Terminus "Begriff" aus linguistischer Perspektive hierzu zunächst präzisiert und abgegrenzt werden, um die weitere Verwendung innerhalb der Arbeit zu konkretisieren. Da es sich bei den zu untersuchenden Sprachstrategien um Operationen auf der lexikalischen Ebene handelt, werden zudem die lexikologischen Kategorien benannt, auf deren Grundlage sich ein Begriff analysieren lässt. Darüber hinaus werden mit den so-genannten "Schlagwörtern" sowie den dazugehörigen Untergruppen Termini eingeführt, auf die im Verlauf der Arbeit immer wieder zurückgegriffen wird. Im Zentrum der Arbeit steht eine an Klein angelehnte Typologie der verschiedenen Konkurrenzstrategien; hierbei liegt der Fokus vor allem darauf, welche Bedeutungskomponenten eines Begriffs von der jeweiligen Strategie betroffen sind und welche Vorteile sich politische Akteure davon im politischen Wettbewerb versprechen. Zur Veranschaulichung wird zu jeder dieser sprachstrategischen Operationen ein prägnantes Beispiel genannt und näher ausgeführt. Abschließend werden in aller Kürze jene Typen des semantisches "Kampfes um Begriffe" vorgestellt, die ebenfalls den Konkurrenzstrategien angehörig sind und zudem auf lexikalischer Ebene erfolgen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definition: „Begriff“
2.1 Lexikologische Analysekategorien
2.2 Schlagwörter
3. Das „Besetzen“ von Begriffen: Eine Typologie verschiedener Konkurrenzstrategien
3.1 Bezeichnungskonkurrenz – Parteiliches Prädizieren
3.2 Bedeutungskonkurrenz
3.2.1 Mehrdimensionale Bedeutungskonkurrenz
3.2.2 Deskriptive Bedeutungskonkurrenz: Das Umdeuten von Begriffen
3.2.3 Deontische Bedeutungskonkurrenz: Das Umwerten von Begriffen
3.3 Konzeptionenkonkurrenz: Die Prägung von Begriffen
3.4 Das Ausbeuten von Assoziationen: Der Wettbewerb um konnotativen Glanz
4. Weitere Typen „semantischer Kämpfe“ auf lexikalischer Ebene
4.1 Die Demontage gegnerischer Begriffe
4.2 Das „Festnageln“ auf Begriffe
4.3 Das Attackieren des Missbrauchs von Begriffen
4.4 Das Unterlaufen gegnerischer Begriffe
4.5 Der Rückzug aus Begriffen
4.6 Das Verteidigen von Begriffen
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die politolinguistische Praxis des „Besetzens von Begriffen“ als Konkurrenzstrategie im politischen Sprachgebrauch. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie politische Akteure durch die bewusste Manipulation lexikalischer Ebenen – etwa durch Umdeutung, Umwertung oder Neukonzeption von Begriffen – versuchen, die Deutungshoheit über Sachverhalte zu erlangen und ihre eigene politische Position erfolgreich zu profilieren.
- Grundlagen der Politolinguistik und Definition des Begriffs
- Typologie sprachlicher Konkurrenzstrategien im politischen Wettbewerb
- Analyse von Umdeutung, Umwertung und Begriffsprägung
- Untersuchung von Strategien der gegnerischen Schwächung („semantische Kämpfe“)
- Einfluss von Schlagwörtern und assoziativem Sprachgebrauch auf die politische Meinungsbildung
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Mehrdimensionale Bedeutungskonkurrenz
Bedeutungskonkurrenz kann dann unter sämtlichen Bedeutungsaspekten entstehen, wenn Begriffe in semantischer Hinsicht offen und ideologisch wenig fixiert sind. Die semantische Offenheit ist dadurch gekennzeichnet, dass die Lexikonbedeutung eines Begriffs abstrakt ist, sodass diese – abhängig vom Verwendungskontext – jeweils unterschiedlich konzeptuell konkretisierbar ist: In diesem Fall kann die Konkretisierung „deskriptive, emotionale und deontische Bedeutung, Konnotationen und Referenzobjekte betreffen“ (ebd.: 778). So handelt es sich bei dem Begriff „Reform“ bspw. um einen semantisch offenen Begriff, dessen kontextabstrakte lexikalische Bedeutung im Wörterbuch vor allem deskriptive Elemente enthält. Diese kontextabstrakte deskriptive Bedeutung eröffnet gleichzeitig Leerstellen, die durch kontextspezifische Konkretisierungen gefüllt werden können:
Je nach Konkretisierung in der politischen Auseinandersetzung wird der Begriff nicht nur deskriptiv reichhaltiger und spezifischer, sondern es pflegen im Bereich der emotionalen und der deontischen Bedeutung Kontraste und Konkurrenzen zu entstehen, je nachdem wie die deskriptiven Elemente des konkretisierten Reform-Begriffs und die damit bezeichneten Sachverhalte Interessen und Einstellungen berühren. Emotionale Bedeutungen von Reform verteilen sich gegensätzlich zwischen (potenziell) vorteilhaft oder nachteilig betroffenen Gruppen: Da ist Reform entweder ein Hoffnungsbegriff oder evoziert Gefühle der Furcht und des Misstrauens – mit Folgen in der Deontik: für die einen ein Hochwertbegriff, der ein Muss zum Ausdruck bringt, für die anderen ein Negativbegriff, der markiert, was nicht sein bzw. kommen darf (Klein 2017: 778f.).
Bezieht man in die Betrachtung solcher mehrdimensionaler Bedeutungskonkurrenzen zeitgeschichtlich verschiedene Kontexte mit ein, so zeigt sich, dass zu ein und demselben Begriff zu verschiedenen Zeitpunkten völlig unterschiedliche Bedeutungen möglich sind, da ihre deskriptive Bedeutungsseite durch verschiedene kontextspezifische Konkretisierungen gefüllt wurde (vgl. ebd.: 779).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Biedenkopf’sche Metapher des „Begriffe Besetzens“ ein und verortet sie als zentrale Konkurrenzstrategie innerhalb der Politolinguistik.
2. Definition: „Begriff“: Das Kapitel definiert den linguistischen Terminus „Begriff“ als mentale Einheit und grenzt ihn vom alltagssprachlichen Wort ab, während es gleichzeitig die relevanten lexikologischen Analysekategorien festlegt.
3. Das „Besetzen“ von Begriffen: Eine Typologie verschiedener Konkurrenzstrategien: Hier wird eine detaillierte Klassifizierung von Strategien vorgestellt, die darauf abzielen, eigene sprachliche Ressourcen zu stärken und gegnerische zu schwächen, unterteilt in Bezeichnungs- und Bedeutungskonkurrenz.
4. Weitere Typen „semantischer Kämpfe“ auf lexikalischer Ebene: Dieses Kapitel ergänzt die Typologie um weitere offensive und defensive Strategien wie die Demontage gegnerischer Begriffe, das Festnageln oder den Rückzug aus Begriffen.
5. Fazit: Das Fazit fasst die theoretischen Ergebnisse zusammen und betont, dass der „semantische Kampf“ ein unverzichtbarer Bestandteil einer lebendigen, demokratischen Meinungsbildung ist.
Schlüsselwörter
Politolinguistik, Begriff, Sprachstrategie, Konkurrenzstrategie, Bedeutungskonkurrenz, Bezeichnungskonkurrenz, Schlagwörter, Umdeutung, Umwertung, Semantischer Kampf, Fahnenwörter, Stigmawörter, Politische Kommunikation, Diskurs, Lexikologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der linguistischen Untersuchung der Strategien, die politische Akteure anwenden, um Begriffe im politischen Raum „zu besetzen“ und damit ihre politische Sichtweise durchzusetzen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder sind die Definition des Begriffs aus politolinguistischer Sicht, die Typologisierung von Konkurrenzstrategien sowie offensive und defensive Ansätze der semantischen Auseinandersetzung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das Phänomen des „Begriffe Besetzens“ theoretisch zu bestimmen und die verschiedenen sprachstrategischen Operationen auf lexikalischer Ebene anhand wissenschaftlicher Kriterien greifbar zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die politolinguistische Analyse, primär basierend auf den Modellen von Josef Klein, um sprachstrategische Operationen systematisch zu klassifizieren und anhand politischer Beispiele zu erläutern.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden verschiedene Kategorien von Konkurrenzstrategien wie Bezeichnungskonkurrenz, Umdeutung, Umwertung und Konzeptionenkonkurrenz sowie der „Kampf um Begriffe“ (Demontage, Festnageln etc.) detailliert analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Politolinguistik, Konkurrenzstrategie, Bedeutungskonkurrenz, Semantischer Kampf und Schlagwortnutzung charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die „Deontische Bedeutungskonkurrenz“ vom „Umdeuten“?
Beim Umdeuten geht es primär um die Veränderung deskriptiver Merkmale, um den Begriff passend zu machen; beim Umwerten hingegen liegt der Fokus auf der Veränderung der wertenden, deontischen Komponenten eines Begriffs.
Welche Rolle spielen „Fahnenwörter“ und „Stigmawörter“ bei diesen Strategien?
Fahnenwörter dienen zur positiven Selbstbezeichnung und Identifikation, während Stigmawörter vom politischen Gegner genutzt werden, um Begriffe negativ zu belegen und so deren Träger zu diskreditieren.
Was bedeutet der Begriff „lexikalische Diffusion“ im Kontext des Unterlaufens?
Lexikalische Diffusion beschreibt die Strategie, einen gegnerischen Hochwertbegriff durch die Verwendung einer Vielzahl bedeutungsähnlicher Wörter zu ersetzen, um den Begriff in einer neutralen oder eigenen salienten Position zu halten, ohne die gegnerische Konnotation zu übernehmen.
- Arbeit zitieren
- Julian Kroth (Autor:in), 2021, Das "Besetzen" von Begriffen. Eine politolinguistische Untersuchung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1188375