Die 68er-Studentenbewegung als Jugendkultur in Deutschland am Beispiel Bochums


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

34 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Die Studentenbewegung der 1960er Jahre in Deutschland
1.1 Zur Ideologie der 68er-Generation
1.2 Chronologie der Ereignisse auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung

2. Die 68er-Bewegung in Bochum und im Ruhrgebiet
2.1 Die Studentenbewegung in der Stadt Bochum und an der neu gegründeten Ruhr-Universität
2.2 Die 68er-Bewegung im Ruhrgebiet

3. Das Beispiel Bochum im deutschen Vergleich
3.1 Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Studentenbewegungen in Bochum und im Rest Deutschlands
3.2 Ursachen für Gemeinsamkeiten und Unterschiede

4. Schlussbemerkung

5. Literatur

0. Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit den Studentenbewegungen der 1960er Jahre in Deutschland als Beispiel einer Jugendkultur. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei dem zu diesem Zeitpunkt noch sehr jungen Universitätsstandort Bochum und seiner Umgebung, dem Ruhrgebiet.

Das erste Kapitel möchte dabei zunächst einen Überblick über politische, soziale und allgemein ideologische Vorstellungen der so genannten „68er-Generation“ geben. In einem zweiten Schritt geht es auf bedeutsame Ereignisse rund um den Höhepunkt der Studentenbewegung in Deutschland in den Jahren 1967-1969 ein, beispielsweise auf die Attentate auf Benno Ohnesorg und Rudi Dutschke.

Im zweiten Kapitel soll dann untersucht werden, zu welchen Vorkommnissen es im Rahmen der 68er-Bewegung in Bochum kam. Abschnitt 2.1 beschäftigt sich dabei mit Protesten, Demonstrationen, etc. an der damals gerade neu gegründeten Ruhr-Universität. Der Abschnitt 2.2 beschreibt, was an anderen Orten im Ruhrgebiet geschah. So sind etwa der legendäre Besuch von Rudi Dutschke in Wattenscheid, die Blockaden des Springer-Hauses in Essen oder die Essener Songtage von besonderem Interesse.

Kommt den ersten beiden Kapiteln also eine eher deskriptive Funktion zu, so soll Kapitel Drei Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Studentenbewegungen in Bochum und an anderen Universitätsstandorten in Deutschland analysieren. Im Abschnitt 3.1 sollen diese Übereinstimmungen und Differenzen aufgezählt, im Unterkapitel 3.2 dann nach ihren Ursachen geforscht werden.

1. Die Studentenbewegung der 1960er Jahre in Deutschland

In den 1960er Jahren entstand nahezu weltweit eine internationale Studentenbewegung, die allerdings in den unterschiedlichen Nationen unterschiedliche Ziele verfolgte. Noch heute verbindet man mit dem Schlagwort der „68er-Bewegung“ jedoch allerorten Rebellion und Aufstand, Aufruf zu antiautoritärem Verhalten und zur Hinterfragung althergebrachter Werte der Elterngeneration oder der Kirche, aber auch sexuelle Revolution, Drogen und einen bestimmten Musikstil. Im Fokus des folgenden Kapitels stehen besonders die spezifischen Belange der Studentenbewegung in Deutschland. In einem ersten Unterkapitel

geht es dabei um Ideologie, politische Positionen und gesellschaftliche Visionen der „68er“. Der zweite Abschnitt des Kapitels thematisiert dann markante Geschehnisse auf dem Höhepunkt der Bewegung.

1.1 Zur Ideologie der 68er-Generation

In der historischen Forschung gilt es als umstritten, welches Ereignis die Studentenbewegung der 1960er-Jahre ausgelöst hat und welches Thema zentrales Anliegen der zumeist jugendlichen Rebellen war. Neben den international dominanten Reizthemen wie dem Protest gegen den Vietnam-Krieg, gegen Faschismus oder gegen den vermehrt aufkommenden Kapitalismus, gelten im Hinblick auf Deutschland vor allem die unzureichende Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit bzw. des Zweiten Weltkriegs, sowie die Bildung einer Großen Koalition aus CDU und SPD, die Verabschiedung der so genannten Notstandsgesetze und geforderte Hochschulreformen als Gegenstände des Aufruhrs.

Gleichzeitig veränderte sich die Jugendkultur durch den Einfluss von Rock- und Beatmusik, sowie hinsichtlich der Kleidung oder moralischer Fragen wie dem Umgang mit Sexualität. Ein Generationenkonflikt entstand also gleichsam auf zwei verschiedenen Ebenen. Jugendliche und Studenten warfen ihren Eltern vor, schuldig am Zweiten Weltkrieg, oder zumindest untätige Mitläufer gewesen zu sein. Die Elterngeneration hingegen beklagte einen Verfall der Sitten, ausgedrückt durch Musik, Kleidung, Umgangs-formen und Enttabuisierung von Sexualität.

Führende Instanz des Protests war die Außerparlamentarische Opposition (Im Folgenden kurz: APO), deren Kern seit „Mitte der sechziger Jahre die ehemalige Studentenorgani-sation der SPD, der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS)“[1] bildete.

Die schon seit 1958 andauernde Debatte über die Ergänzung des Grundgesetzes um Notstandsgesetze, nahm während der 1960er Jahre an Fahrt auf. Nicht nur studentische Kritiker sahen eine massive Gefährdung der Demokratie in der Tatsache, dass auf Grund-lage der neuen Gesetze im Notstandsfall „die Bestimmungen über die Presse-, Versamm-lungs- und Vereinigungsfreiheit sowie das Fernsprech- und Telegraphengesetz außer Kraft gesetzt werden“[2] sollten. Visionen vom Unterdrückungs- und Überwachungsstaat machten die Runde. Es waren jedoch nicht ausschließlich fatale Zukunftsprognosen, welche diesen Protest schürten, sondern vielmehr auch die negativen Erfahrungen mit dem Artikel 48 der Verfassung der Weimarer Republik. Dieser hatte im Jahre 1933 dazu geführt, dass ein so genanntes Ermächtigungsgesetz greifen konnte, welches letztlich die Diktatur der Nationalsozialisten ermöglichte. Ferner bot sich für den Staat die Chance, „sich durch die Notstandsgesetze autoritär zu verfestigen“[3], was bei vielen linksgerichteten, antiautoritären und den Staat ablehnenden Studenten nicht auf Zustimmung stoßen konnte. Um die notwendige Zweidrittelmehrheit zur Verabschiedung der Notstandsgesetze im Bundestag etablieren zu können, bildeten CDU/CSU und SPD erstmals seit Ende des Zweiten Weltkriegs eine so genannte Große Koalition. Auch dies führte unter linken Studenten zu massivem Widerstand, welche sich nicht nur von der traditionell eher links stehenden Arbeiterpartei SPD geradezu verraten fühlten, sondern auch den faktischen Mangel einer parlamentarischen Opposition anprangerten. Die eher kleine Partei FDP allein konnte einem oppositionellen Anspruch jedenfalls kaum standhalten, sodass die APO ihre Aktivitäten verstärkte. Boris Spernol ist sicher, dass „der Resonanzboden für die über den universitären Rahmen hinausgehenden Aktionen des SDS ohne Große Koalition und Notstandsgesetze nicht so groß gewesen“[4] wäre. Aufgrund des Querverweises auf 1933 und Artikel 48 wurden die Notstandsgesetze von ihren Gegnern auch polemisch als „NS-Gesetze“ verspottet.

Hier knüpft der zweite große Antrieb an, der zu den deutschen Studentenbewegungen der 1960er Jahre führte: Die zu jenem Zeitpunkt nur unzureichend aufgearbeitete nationalso-zialistische Vergangenheit Deutschlands, welche damals noch nicht allzu weit zurücklag und u.a. durch die Frankfurter Auschwitz-Prozesse 1963-1965 und die auch im Bundestag kontrovers diskutierte anstehende Verjährung von Kriegsverbrechen 1964/1965 noch einmal verstärkt ins öffentliche Bewusstsein zurückkehrte. Die 68er kritisierten,

„die durch das Dritte Reich und den Zweiten Weltkrieg kompromittierte Generation der Väter habe sich ausschließlich auf den wirtschaftlichen Wiederaufbau konzentriert, ohne die gesellschaftlichen Bedingungen, die das Dritte Reich möglich gemacht hatten, kritisch zu reflektieren geschweige denn zu ändern. Das Ergebnis sei eine selbstzufriedene Wohlstandsgesellschaft, fest im Griff der Interessen der Großunternehmer und ihrer publizistischen Helfer, unfähig zur Einsicht in gesellschaftliche Mängel und unwillig zur Reform“[5].

Hauptsächlich zielten sie aber „gegen alle, die als Parteigenossen dem NS-Regime in irgendeiner Form gedient hatten und nach dem Krieg wieder in zum Teil führende Stellungen gelangt waren“[6]. Auch wenn die Kritik der Studentengeneration also vor allem gegen ehemalige Nazis in hohen beruflichen Positionen, zum Teil also auch gegen ihre Dozenten und Professoren gerichtet war, so entzündete sich doch auch gerade an der oft-maligen Verurteilung vermeintlichen Mitläufertums ihrer Eltern der eigentliche Genera-tionenkonflikt. Diesen Vorwurf mussten sich die Älteren nicht nur im Hinblick auf die Zeit des Dritten Reiches gefallen lassen, sondern auch bezogen auf die 1950er Jahre und die Wirtschaftswunderzeit. Hier hatten sie abermals nicht aufbegehrt, als Kriegsverbrecher zurück in führende Positionen gelangten. „Viele der 68er haben diese Situation als Jugend-liche verinnerlicht und dann ihre Stimme erhoben, um das Schweigen ihrer Väter wettzu-machen“[7]. Der Protest der 68er und des SDS bzw. der APO gründete also in nicht geringem Maße auch auf „der Überzeugung, daß die Entnazifizierung ein völliger Fehl-schlag gewesen war“[8].

Weiteren Antrieb fand die Bewegung in der Kritik des sich nach dem Zweiten Weltkrieg weiter verstärkenden Kapitalismus. Studentenführer Rudi Dutschke und viele seiner Gesinnungsgenossen lasen „fast ausschließlich deutsche Autoren (Horkheimer, Adorno, Marcuse, Bloch, Lukács, Habermas u.a.), die den Marxismus in irgendeiner Weise fortent-wickelt hatten“[9]. Hinzu kamen Einflüsse des Gedankengutes von Che Guevara oder Mao Tse-Tsung. Gemeinhin wurde also mit dem Kommunismus sympathisiert, obwohl bei kritischer Reflexionsbereitschaft durchaus auch für die 68er zu erkennen gewesen wäre, dass etwa das Nachbarland DDR in nicht unwesentlichem Maße ihrem eigenen Feindbild des Überwachungsstaates entsprach. Ihre politischen Forderungen beliefen sich im Zusam-menhang mit der Kapitalismuskritik folglich auf die Auffassung, „die private, individuelle Verfügung über das Eigentum müsse stark beschnitten“[10] und „die Abschaffung des Privat-eigentums an Produktionsmitteln“[11] herbeigeführt werden. Schlechte Arbeitsbedingungen und mangelhafte individuelle Entfaltungsmöglichkeiten der Arbeiter, soziale Chancenun-gleichheit und erstmals auch Umweltverschmutzung durch die Industrie waren Grundlagen der Kritik. Außerdem störten sich die Linken „am demokratisch zweifelhaften Zusammen-spiel von Privatwirtschaft und staatlicher Interventionspolitik“[12]. In diesem Zusammen-

hang verurteilen sie „Absprachen von Unternehmerverbänden und Verwaltungsspitzen“[13].

Doch nicht nur die Arbeitswelt in der freien Wirtschaft, sondern auch ihre eigene an der Universität stand im Fokus der studentischen Proteste: Ein mangelnder innerer Zusammen-hang zwischen den einzelnen Fakultäten einer Hochschule, welcher so genannte „Fachidi-oten“ produziere und eine Verweigerung der Universitäten gegenüber „dem gesellschaft-lichen Auftrag der Emanzipation“[14] des Individuums wurden ebenso bemängelt, wie die Tatsache, „daß sich die Lernenden bedingungslos den Maßstäben der Lehrenden zu unter-werfen hatten. Insbesondere die Ordinarien erschienen ihnen als die letzten Repräsentanten eines niemand verpflichteten Feudalismus.“[15]. Daher schienen umfangreiche Hochschulre-formen für sie unabdingbar:

„Unter dem Schlagwort ‚Demokratisierung der Hochschule’ forderten der Verband Deutscher Studentenschaften (VDS) und der SDS die Abschaffung der alten akademischen Selbstverwaltung, in der allein die ordentlichen Professoren (Inhaber eines planmäßigen Lehrstuhls) das Sagen hatten (Ordinarien-Universität). Stattdessen forderten sie die Einführung der Drittelparität zwischen Professoren, Assistenten und Studierenden in den Entscheidungsgremien der Hochschulen, das Recht der verfassten Studentenschaften, allgemeinpolitische Stellungnahmen abzugeben (politisches Mandat), und eine grundsätzliche Reform der Studiengänge und Prüfungsordnungen“[16].

Es fand also ein Aufbegehren gegen die Autorität der Hochschule statt, wie es im Kampf gegen die Notstandsgesetze, gegen Alt-Nazis in Führungspositionen oder gegen den Kapi-talismus ein Aufbegehren gegen die Autorität von Staat und Unternehmern gab.

Der Begriff des Antiautoritären ist ein bekanntes Schlagwort in der Ideologie der 68er. Vielfach wird er lediglich im Zusammenhang mit antiautoritärer Erziehung von Kindern und Jugendlichen rezipiert. Dabei handelt es sich um einen „zwanglosen Unterrichtsstil“[17], der aber, wie Gerhard Fels es formuliert, „nur durch den eigenen Dauerstreß einer unendlichen Geduld“[18] erkauft werden kann. Die Lernenden sollen möglichst wenigen Zwängen ausgesetzt werden und verstärkt nach dem Lustprinzip handeln. Für Erzieher und Lehrer tut sich aber schnell die Problematik von Disziplinschwierigkeiten auf. Jedoch ist antiautoritäre Erziehung nicht, wie oftmals irrtümlich angenommen wird, ein von den 68ern erfundener, sondern lediglich übernommener Erziehungsstil, der ursprünglich aus den USA stammte. „Antiautoritär“ zu agieren, bezieht sich also nicht nur auf den Bereich der Erziehung, sondern auch auf den Umgang der 68er mit Staat und Hochschule. Ferner griffen antiautoritäre Bestrebungen aber auch innerhalb der Studentenbewegung selbst:

„Innerhalb des SDS gab es eine Fraktion, zeitweise angeführt von Rudi Dutschke, die sich gegen jede Reglementierung ihrer Ansichten durch einen Vorstand, eine Führungsclique oder eine elitäre peergroup wandte, weil sie der Meinung war, ein revolutionäres Bewusstsein befinde sich in einem Prozeß und müsse deshalb stets bereit bleiben, Anregungen von allen Mitgliedern aufzunehmen und sie kraft Überzeugung, nicht durch Befehl, zur vorherrschenden Meinung zu machen. Man glaubte, wenn man so verfuhr, in der besten Tradition der Aufklärung zu stehen, weil man nur akzeptierte, was man einsah“[19].

Dutschke erachtete in Anlehnung an Theodor W. Adorno „folgende Charakteristika der autoritären Persönlichkeit als bekämpfenswert: eine rigide moralische Einstellung, die Ablehnung des Weichen und Phantasievollen, Feindseligkeit gegenüber Fremden, Beton-ung männlicher Durchsetzungsfähigkeit“[20]. Derartig geprägte Personen sah er in der Tradition Adornos und der Frankfurter Schule als potentielle Faschisten, zumindest aber als autoritätshörig und unkritisch an.

Ein fünfter Aspekt antiautoritärer Haltung bestand nach Interpretation der 68er neben ihrem Verhältnis zu Erziehung, Staat, Hochschule und Organisationsform der eigenen Gruppierung in ihrer Haltung zur bürgerlichen Sexualmoral. „Die Studentenbewegung hat für die folgenden Generationen sicher viele Sozialtabus und sexuelle Verklemmungen abgebaut. Seit dieser Zeit wird nicht nur offener geredet, sondern das Verhältnis der Geschlechter ist äußerlich ungezwungener geworden“[21] konstatiert Fels. Außerehelicher Geschlechtsverkehr, außereheliches Zusammenleben, wechselnde Liebespartner, Sex unter Teenagern, sexuelle Aufklärung von Kindern in Familie und Schule, Homosexualität und vieles mehr sind seither erheblich enttabuisiert worden. Durch die ebenfalls in den 1960er Jahren erfolgte Markteinführung der Anti-Baby-Pille war es erstmals möglich, sexuelle Lust ausleben zu können, ohne eine Schwangerschaft zu riskieren. Die im Zusammenhang mit der Studentenbewegung viel zitierte „Freie Liebe“, also „Promiskuität aus ideologi-scher Überzeugung“[22] oder „Kommunen mit der ausdrücklichen Zustimmung zu Gruppen-sex als Bedingung für das Zusammenleben“[23] waren entgegen der heutigen verklärten Wahrnehmung zwar zum ersten Mal möglich, jedoch eher die Ausnahme.

Doch nicht nur die veränderten Umstände des individuellen Sexuallebens waren Folgeer-scheinungen der neuartigen Ablehnung bürgerlicher Sexualmoral. Auch Wirtschaft und Wissenschaft entdeckten die „sexuelle Revolution“ für sich. Zwar war die Pluralisierung, Kommerzialisierung und Virtualisierung von Sexualität bis hin zur erstmaligen legalen Verbreitung von Pornografie sicherlich ebenso wenig integraler Bestandteil der Ideologie der 68er-Bewegung wie die Verwissenschaftlichung der Sexualität in Form von Studien zum Sexualverhalten, wie etwa dem Kinsey-Report und der Verbreitung von Sex-Ratgeber-Literatur, doch gingen beide Entwicklungen miteinander einher. „Kaum jemand innerhalb der Studentenbewegung oder im weiteren Umkreis der Außerparlamentarischen Opposition konnte sich der beschworenen Bedeutung der Sexualität als eines zentralen Momentes der Subjektkonstitution entziehen“[24]. Die Errungenschaften der 68er im Zusam-menhang mit der sexuellen Revolution waren rückblickend betrachtet vielleicht ihr nachhaltigster Erfolg, die größte gesellschaftliche Veränderung, die sie erwirken konnten. „Der Körper wurde auf diese Weise zum Politikum, die befreite Sexualität zum Symbol des Widerstands gegen Kapitalismus, Imperialismus und Faschismus“[25].

War die Auflehnung gegen die bürgerliche Sexualmoral eine Protestform im Kontext der 68er-Ideologie, so sind Musik, Drogen, Mode und Umgangsformen ebenfalls in diesem Zusammenhang zu nennen.

Mit ihrem Protest waren die Anhänger der Studentenbewegung überzeugt, „für die Ernied-rigten und Beleidigten in aller Welt einzutreten. Daß die Änderung des eigenen Bewußt-seins die aller anderen zwangsläufig nach sich ziehen müßte, war eine ehrliche Hoff-nung“[26]. In der Auswahl ihrer bevorzugten Musik drückten die Studenten ihre Auflehnung auf unterschiedliche Art und Weise aus. Joan Baez, Bob Dylan, Jimi Hendrix oder Frank Zappa galten als Protestsänger, die Beatles und die Rolling Stones standen hingegen weniger durch ihre Songtexte, als vielmehr durch ihren – gemessen am damaligen Zeitgeist – wilden und lauten Rock’n’Roll für Rebellion.

„Es stand halt alles nebeneinander: die Vorliebe für das Lied, wie für den artikulierten Schrei. Man verriet Sensibilität wie Brutalität, je nach der äußeren Gelegenheit. […] Die Unmittelbarkeit bestimmte sich aus dem jeweils vorherrschenden Gefühl. Die emotionelle Grundlage bei Demonstra-tionen war von der bei Zusammenkünften im kleinen Kreis von Gleichgesinnten durchaus verschie-den. Während der wilden Aktionen ließ man Stücke der jeweils aktuellen Bands dröhnen. Nach nächtlichen Diskussionen hörte man lieber der Gitarre von Joan Baez zu“[27].

Dass die deutschen Studenten die gleiche Musik hörten, wie Angehörige der Studentenbe-wegungen anderer westlicher Nationen, etwa in den USA oder in Frankreich, verlieh ihnen ein Gefühl internationaler Solidarität[28]. Insbesondere die Beat- und Rockmusik brachte den Studenten und Jugendlichen neue Ausdrucksmöglichkeiten für ihren Protest. Die Rock-musik selbst fand angesichts der speziellen gesellschaftlichen Stimmung in den 1960er Jahren „erst unter diesen Umständen die Bedingungen […], die ihre rasante Entwicklung ermöglichten“[29]. Umgekehrt transportierte sie „jenen gegenkulturellen, konsumkritischen Impetus, der sie attraktiv machte für die Studentenbewegung der späten 1960er Jahre“[30]. Viel mehr als jede politische Botschaft der 68er erreichte neben der Mode die Musik eine breite Öffentlichkeit.

[...]


[1] Borowsky, Peter: Außerparlamentarische Opposition und Studentenbewegung. http://www.bpb.de/themen/U3WGB7,0,0,Au%DFerparlamentarische_Opposition_und_Studentenbewegung.html S.1. [veröffentlicht am: 20.08.2007] [Stand: 20.09.2008]

[2] Spernol, Boris: Notstand der Demokratie. Der Protest gegen die Notstandsgesetze und die Frage der NS-Vergangenheit. Essen, 2008. S.12.

[3] Fels, Gerhard: Der Aufruhr der 68er. Zu den geistigen Grundlagen der Studentenbewegung und der RAF. Bonn, 1998. S.15.

[4] Spernol, 2008. S.9.

[5] Borowsky, 2007. S.2.

[6] Fels, 1998. S.18.

[7] ebd., S.19.

[8] ebd.

[9] ebd., S.11.

[10] Hecken, Thomas: 1968. Von Texten und Theorien aus einer Zeit euphorischer Kritik. Bielefeld, 2008. S.39.

[11] ebd.

[12] ebd., S.43.

[13] ebd.

[14] Fels, 1998. S.16.

[15] ebd.

[16] Borowsky, 2007. S.1.

[17] Fels, 1998. S.33.

[18] ebd.

[19] ebd., S.24.

[20] zit. n. Hecken, 2008. S.115.

[21] Fels, 1998. S.32.

[22] ebd., S.31.

[23] ebd., S.30.

[24] Eitler, Pascal: Die ‚sexuelle Revolution’ – Körperpolitik um 1968. In: Klimke, Martin/Scharloth, Joachim (Hrsg.): Handbuch 1968. Zur Kultur- und Mediengeschichte der Studentenbewegung. Stuttgart/Weimar, 2007. S.235-246. Hier: S.243.

[25] ebd., S.237.

[26] Fels, 1998. S.112.

[27] ebd.

[28] vgl. ebd., S.113.

[29] Durrer, Lorenz: Born to be wild. Rockmusik und Protestkultur in den 1960er Jahren. In: Klimke, Martin/Scharloth, Joachim (Hrsg.): Handbuch 1968. Zur Kultur- und Mediengeschichte der Studentenbewegung. Stuttgart/Weimar, 2007. S.161-174. Hier: S.161.

[30] ebd., S.166.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Die 68er-Studentenbewegung als Jugendkultur in Deutschland am Beispiel Bochums
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Institut für Pädagogik)
Veranstaltung
„Jugend in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts am Beispiel der Jugend im Ruhrgebiet“, A4, T3
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
34
Katalognummer
V118888
ISBN (eBook)
9783640225293
ISBN (Buch)
9783640227051
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jugendkultur, Deutschland, Beispiel, Bochums, Hälfte, Jahrhunderts, Jugend, Ruhrgebiet“
Arbeit zitieren
Florian Reifenrath (Autor), 2008, Die 68er-Studentenbewegung als Jugendkultur in Deutschland am Beispiel Bochums, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118888

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