Die Orgelpfeifen

Aus: Zwei Erzählungen


Klassiker, 2008
50 Seiten
Elisabeth von Heyking (Autor)

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Elisabeth von Heyking

Die Orgelpfeifen

[aus „Zwei Erzählungen“, erstmalig erschienen 1921]

Ende Juli war Großmamas Geburtstag. Da pflegten sich die drei Enkel, denen sie seit vielen Jahren Vater und Mutter ersetzt hatte, um sie zu versammeln. Der älteste kam aus seiner Garnison, wo er als Leutnant in einem Kavallerieregiment stand, und auch der zweite, der Marineoffizier war, wußte es meist einzurichten, daß er in der Zeit Urlaub erhielt. Der jüngste aber bekam für diesen Tag Ferien aus seinem benachbarten Internat, denn Großmama galt in der ganzen Gegend, wo sie so lange angesessen war, schon ihres hohen Alters halber, als etwas ganz Besonderes, da erwies ihr sogar der knurrige Direktor gern eine besondere Artigkeit.

Auf dem Schloß, wo Großmama seit vielen Jahren lebte, und wo die Enkel ihre ganze elternlose Kindheit verbracht hatten, wurde der Geburtstag alljährlich gefeiert. Die rundungsreiche Mamsell, die so aussah, als bestände sie aus lauter einzelnen festgestopften Kissen und Kißchen, mußte dafür Berge von belegten Brötchen richten und außer der eigentlichen Geburtstagstorte noch viele Kuchen backen, denn eine Menge Gratulanten pflegten zu kommen, und allen wurde ein Imbiß vorgesetzt. Die Postboten stiegen an dem Tage gar oft den steilen Weg zum Schloß hinauf mit Stößen von Briefen und Telegrammen. Auch Schachteln brachten sie, denen der Gärtner große Sträuße von Blumen entnahm die kamen von Freunden Großmamas aus Städten, und sie mußten dort wohl etwas Künstliches angenommen haben, denn sie rochen anders als die Blumen im Garten. Der feierlichste Moment aber war der Kirchgang in die Schloßkapelle, denn auf welchen Tag Großmamas Geburtstag auch immer fallen mochte, es war doch jedesmal, als ob es Sonntag sei. Die Schloßkirchenglocke läutete, der alte Pastor und der alte Kantor kamen aus dem Dorf herauf, und es wurde ein richtiger Gottesdienst gehalten. Alle Jahre hatten das die Enkel erlebt, und schon als sie noch ganz klein gewesen, hatten sie an den Tage mit in die Kirche gedurft. In der Loge saßen sie artig auf den hohen roten Damaststühlen, standen auf, sangen, setzten sich wieder alles genau wie Großmama es tat.

Sie gingen gern in die Kirche, denn wenn es auch im Schloß viele Winkel und Räume gab, die ihnen merkwürdig erschienen, so war die Kirche doch der merkwürdigste Ort. Und so angenehm gruselig war es zu denken, während man oben saß, daß tief unter der Kirche in einem gewölbten Raume, den man die Gruft nannte, die Särge der frühern Besitzer und ihrer Frauen standen. Auch Kinder mußten da beigesetzt sein, denn vom Garten aus konnte man, wenn man sich glatt in den Efeu legte, durch schmale Fenster in die Gruft hinabblicken, und da standen zwischen den großen auch manche kleine Särge. Unter dem ganzen Schloß gab es diese gewölbten Räume. Aber wenn man von draußen in die andern blickte, sah man da Kartoffeln, Kohlen, Äpfel und viele Weinflaschen liegen, nur unter der Kirche lagen tote Menschen, die all solcher Dinge nicht mehr bedurften.

Daß auch die eigenen Eltern da lagen, wußten die Kinder damals noch nicht. Das erfuhren sie später, wie so manches andere, ohne sich besinnen zu können, wann und von wem. Es gab eben Dinge, die wußte man plötzlich, als man anfing groß zu werden.

So dunkel und schauerlich die Gruft auch aussah, wenn man durch die blinden, bestaubten Scheibchen der kleinen Fenster hineinblickte, so hell und freundlich war oben die Kirche. Sie war ganz weiß und golden und zwischen all dem Weiß und Gold waren noch viele Bilder aus der biblischen Geschichte angebracht. Oben die Decke aber war so gemalt, daß es aussah, als schaue man zwischen Säulen und Bogen in einen zu allen Jahreszeiten blauen Himmel. In dem schwamm, gerade in der Mitte in einem Dreieck goldener Strahlen, ein großes offenes Auge. Das sei das Auge Gottes, das alles sieht, hatte ihr Fräulein den Kindern erklärt. Zwischen den Säulen und Bogen flatterten Engel mit bunten Flügeln und wehenden Gewändern. Aber sie waren merkwürdig verzerrt, und auch die Bogen und Säulen schienen ganz schief, als müßten sie gleich umstürzen; nur von Großmamas Platz mitten in der Loge aus gesehen wurde alles plötzlich gerade und richtig. Von da bemerkte man auch, daß alle die Engel so gemalt waren, daß sie genau auf Großmama blickten. Das dünkte die drei Kinder besonders bei der Geburtstagsfeier sehr passend: offenbar gratulierten die Engel Großmama auf diese Weise. Manche der Engel hielten lange, goldene Trompeten an ihren roten Lippen, aber was sie so mit dicken, aufgepusteten Backen bliesen, hörte man nicht. Dafür hörte man den Kantor auf der Orgel spielen.

Die Orgel stand auf der einen Seite der Altarempore. Sie war in ein weißgoldenes Gehäuse eingebaut. Das Schnitzwerk seines Gesimses stellte kleine, pausbackige Engelchen dar, die zwischen allerhand Schnörkeln, wie in einem Irrgarten gefangen saßen. Die Kinder hatten diese Engelchen immer mit besonderer Neugier betrachtet. Was für ein Spiel mochten sie wohl dort oben spielen? Verstecken oder Blindekuh? Unterhalb dieses Gesimses glänzten die Orgelpfeifen blitzblank, wie das Tafelsilber, wenn Großmamas Diener es eben geputzt hatten. Es gab da ganz große, dicke Pfeifen. Sicher waren sie es, die sprachen, wenn es aus der Orgel so schallte, daß man an die Stimme des Jüngsten Gerichts denken mußte, von der der alte Pastor mal auf der Kanzel geredet hatte. Neben diesen ganz großen, breiten Pfeifen standen in Reihen andere, die immer kleiner und schmaler wurden, so daß die dünnsten an den Lauf der Büchse erinnerten, mit der Großmamas Erster auf die Jagd ging. Deren Stimmen waren sicher die feinen, leisen, die manchmal noch ganz lang durch die Kirche klangen, wenn das eigentliche Stück schon vorüber war, das der alte Kantor, mit Händen und Füßen arbeitend und stark schnaufend, auf der Orgel gespielt hatte. Leise, leise war dieser Ton. An das Jüngste Gericht dachte man dabei gar nicht. Aber das Wort »Sternensprache«, das die Kinder irgendwo gehört, fiel ihnen dabei ein. Vielleicht hatte der Stern, der die Hirten zum Jesuskindchen führte, auf seinen Strahlen so feine, sanfte Töne in die Weihnachtsnacht herabgesandt.

Ja, es war eine sehr schöne Orgel. Und sie war sehr alt, wie eigentlich alles auf dem Schlosse alt war. Nur die Zentralheizung war neu und die Waschtische, bei denen man bloß an Hähnen zu drehen brauchte, um kaltes oder warmes Wasser zu haben. Die hatte Großmama erst einsetzen lassen, und es war das auch etwas sehr Merkwürdiges, wie das Wasser so eilig aus der Wand herausgurgelte, und es sollte doch dasselbe Wasser sein, das oben in Großmamas Wald zwischen Farnkraut und vermodernden braunen Blättern als kleine Quelle aus der Erde sickerte aber die Orgel mit den vielen verschiedenen Stimmen in den Pfeifen war doch noch weit geheimnisvoller.

Einmal kam ein fremder Herr aus der Stadt, der die Orgel besehen wollte, denn er schrieb ein großes Buch über alle alten Orgeln, und dabei durfte die von Großmama doch natürlich nicht fehlen. Großmama selbst führte den Herrn in die Kirche, und der alte Pastor und der alte Kantor waren auch da. Die Kinder spielten gerade im Schloßhof, aber als sie die Kirchtür offen sahen, liefen sie auch hinein. Großmama stand da in ihrem weißen Kleid, auf den Stock gestützt, dessen Krücke ein weißes Porzellanmäuschen bildete. Und sie erzählte gerade dem fremden Herrn von der Orgel.

»Nach dem Dreißigjährigen Krieg hat das Schloß lange verwüstet dagestanden,« sagte sie, »aber später, als von Versailles aus über Dresden die Baulust alle hiesigen großen und kleinen Herren ergriff, da hat der damalige Besitzer das Schloß mit der Kapelle neu hergestellt, und die Orgel ließ er von dem berühmten Johann Gottfried Silbermann erbauen.«

»Ja, ja,« sagte der fremde Herr mit pfiffigem Schmunzeln, »das waren noch prunkhaft heitere Zeiten. Und der damalige Besitzer soll ja auch ein prachtliebender, ausgelassener Herr gewesen sein.«

»Aber die Kirche und die Orgel hat er doch zur Ehre Gottes bauen lassen,« warf der alte Pastor ein, dessen freundliche Augen stets die löblichen Seiten an Menschen und Dingen zu sehen wußten.

»Ob er das wirklich zur Ehre Gottes getan?« sagte Großmama, und ihre Augen sahen forschend unter den weißen Brauen hervor. »Ich denke mir eher, er wollte eine schönere Kirche als all die Nachbarschlösser haben, und es geschah daher mehr zur eigenen als zur Ehre Gottes.«

»Vielleicht muß man schon froh sein, wenn beide zusammentreffen,« meinte der alte Pastor sanft.

Doch nun gewahrte der fremde Herr die drei Enkel, die mit großen Augen eifrig lauschend in dem hellen Viereck standen, das das Sonnenlicht durch die offene Tür auf den Steinboden der Kirche warf. »Oh, was für reizende Kinder!« rief er. »Als ob die Engelchen vom Orgelgehäuse lebendig geworden und herabgestiegen waren, so stehen sie da.«

»Na, verwöhnen Sie sie mir nicht, Herr Professor,« sagte Großmama. »Engelchen sind sie nicht gerade, und wenn sie schon mit der Orgel eine Ähnlichkeit haben sollen, so ist es nur mit den Pfeifen.« Dabei schob sie die Enkel nach Alter und Größe in Reih und Glied und sagte: »Sehen Sie, so stehen sie richtig, meine lebendigen Orgelpfeifen.«

Das war, nach dem Zeitmaßstab der Enkel, nun schon lange her, denn damals, als der gelehrte Herr gekommen war, der von der Orgel in seinem Buch erzählen wollte, hatte man erst ein paarmal die Jahreszahl mit einer neun nach der eins zu schreiben begonnen. Seitdem waren Jahre vergangen, und die drei Enkel waren immer länger in die Höhe geschossen, so daß Großmamas damaliger Vergleich mit den Orgelpfeifen mehr und mehr stimmte. Das Gymnasium hatten die beiden ältern längst hinter sich, und auch der jüngste saß schon in der Prima. Während der Schuljahre hatten sie viel lernen müssen. Bei manchem freilich hatten sie die Empfindung gehabt, daß sie es für die Prüfung zwar behalten müßten, gleich nachher aber sicher vergessen würden, weil es von lauter Leuten und Ländern handelte, die sie nichts angingen. Daneben hatten sie aber auch einiges erfahren, das sie nie wieder aus ihren jungen Köpfen herauslassen würden, weil sie es als zu sich gehörig empfanden. Ländlich bodenständige Kinder waren die drei und wurzelten mit allen Herzensfasern in dem Stückchen Erde, das sie Heimat nannten. Bei Spielen wollten sie auch nie Römer, sondern immer Germanen sein, und als ihnen ihr damaliger Hauslehrer sagte, die Römer hätten jene Germanen Barbaren genannt, da lachten sie nur und riefen trotzig: »Ach was, Barbaren! Unsere Vorfahren waren es!« Die Geschichte ihrer Gegend kannten sie ganz genau und wußten, welche Schlösser ursprünglich Burgen gewesen, die die Deutschen gegen die Wenden errichtet hatten. Es war aber auch eine Gegend, über die sich viel lernen ließ, und weltbekannte Orte enthielt sie, bei deren Nennung man stolz oder traurig werden konnte, je nachdem. Im Herzen Deutschlands, wie der Hauslehrer sagte, lag ja Großmamas Schloß, und auf Fußwanderungen oder auch mit dem Auto, das Großmama seit einigen Jahren besaß, gelangte man leicht an die berühmtesten Stätte. Erfurt, wo Luther studierte, lernten die Knaben auf solchem Ausflug kennen, und die Wartburg besuchten sie, wo er wohlgehütet gesessen. Der furchtbare Krieg, der dann über Deutschland gekommen, hatte gerade in ihrer Gegend so manche Erinnerung hinterlassen. In Magdeburg waren sie in dem Dom gewesen, der allein nach dem Brand bei der Tillyschen Belagerung übriggeblieben, und in Weißenfels kannten sie das Zimmer, wohin Gustav Adolfs Leiche von Lützen aus gebracht worden. Auch erfüllte es sie mit Stolz, daß zwei Siege Friedrichs des Großen, bei Roßbach und Torgau, aus ihrem nähern Heimatboden erkämpft worden waren. Aber auch jüngere Begebenheiten hatten sich nicht weit von Großmamas Schloß zugetragen. Saalfeld gehorte zur Nachbarschaft, und nach Jena oder Leipzig konnte man in einstündiger Fahrt gelangen. Und weil sie diese Orte von klein auf kannten, waren die Napoleonischen Kriege für Großmamas Enkel wie Selbsterlebtes. Ihr Schloß selbst hatte in jenen Jahren viele Einquartierungen gesehen; an den Türen einiger Zimmer standen noch die Namen verbündeter österreichischer Offiziere, die damals darin gewohnt, und diese Aufschriften wurden sorgfältig bewahrt.

Ja, damals war ihr Deutschland zum letztenmal der Kampfplatz der Völker gewesen. Kriege hatte es seitdem freilich noch gegeben, aber sie waren von den Deutschen in Feindesland getragen worden. Und unter diesen neueren Kriegen gab es einen, der ging die drei Knaben ganz besonders nahe an. Das war der Krieg 70, denn in dem war der Großpapa gefallen und auch der älteste Sohn von Großmama, der als achtzehnjähriger Freiwilliger hinausgezogen und nicht heimgekehrt war. Ihr eigener Vater, Großmamas zweiter Sohn, war damals noch auf der Schule gewesen, zu jung, um mit ins Feld zu können. »Gottlob,« sagte Großmama leise, als sie ihnen davon erzählte, so leise, daß man dies Dankeswort kaum hörte, denn sie war nicht ganz sicher, ob sie das vor den Enkeln eigentlich sagen durfte. Den Enkeln, die doch so erzogen werden sollten, daß das Fehlen kräftig führender Männerhände nie an ihnen gemerkt würde. Aber dem ererbt heldischen Sinn der Knaben schadete solch leises Wort nichts. Wenn sie auf den Steintafeln an den Wänden der Kirche die Namen der toten Vorfahren lasen, so erfüllten sie immer jene mit besonderm Stolz, die in Kriegen das Leben gelassen. Und es waren ihrer gar manche. Am andächtigsten stimmte sie die Gedenktafel für den Großvater und den jungen Onkel, die beide draußen im Kampf gegen Frankreich geblieben waren. Prachtvoll! mit achtzehn Jahren fürs Vaterland fallen zu dürfen! dachten sie dann immer alle drei, und die drei Herzen klopften dabei zum Zerspringen.

Auf diese Gedenktafel hatte Großmama die Worte einmeißeln lassen: »Saat, von Gott gesät, dem Tage der Garben zu reifen.« Früh mußten diese beiden dem allsehenden Auge droben im blauen Himmel reif erschienen sein. Viel früher als es Menschenurteil verstand, waren sie in die Garben gebunden worden. Und auch die nächsten Gedenksteine für der Kinder Eltern verzeichneten Leben, die kurz gewesen an Jahren. Früh reif befundene auch sie, die gegangen waren, da sie aus Erden doch noch so nötig schienen. Aber wer wollte denn sagen, wo im Weltall die Not am höchsten, wo jener Ewigkeitsbestandteil, den jede flüchtige Erscheinung als innersten Wesenskern enthält, zu neuer Verwendung am dringendsten gebraucht werden mag?

Ja, viele waren gegangen, nur Großmama blieb und wurde älter und alter. Vierundvierzig Jahre waren verstrichen, seit sie durch den Krieg 70 Witwe geworden, und jetzt, Ende Juli, sollte sie ihren achtzigsten Geburtstag feiern.

Das war kein Geburtstag wie alle andern, und die ganze Nachbarschaft hatte denn auch schon lange vorher beschlossen, daß er festlicher noch als sonst begangen werden solle. Die Enkel wollten natürlich dazu kommen. Dem Leutnant aus der nahen Garnisonstadt war das ein leichtes, und dem Jüngsten hatte der Direktor des Internats im voraus bereitwillig Ferien versprochen, aber auch für den Marineenkel traf es sich so günstig, daß er gerade kurz vorher von weiter Fahrt in den heimischen Hafen zurückgekehrt war.

Am Nachmittag vor Großmamas Geburtstag trafen die drei Enkel ein, und als sie auf der kleinen Station ausstiegen, wollte es nicht nur dem Seemann, sondern ihnen allen scheinen, als hätten sie die Heimat nie so lachend und leuchtend gesehen. Segen war über die ganze Gegend gebreitet. Segen auf dem reifenden Korn, den blühenden Kartoffeln, den beladenen Obstbäumen an Straßen und Hängen. Segen auf diesem ganzen Landstrich mit seinem nie versagenden Boden, der meilenweit zu Gärtnereien ausgenützt wurde, mit seinen schmucken, spalierumkleideten Häusern, in denen es wirkliche Armut überhaupt nicht gab.

Und wohl anzuschauen wie das Land waren auch die jungen Leute, die auf der kleinen Station dem Zuge entstiegen. Hoch aufgeschossen alle drei, mit langen Gliedern und praktisch zugreifenden, magern Händen, mit feingeschnittenen, noch weichen Zügen und klaren, unbefangen blickenden Augen. So standen sie da, jeder dem andern ähnlich. Eine gute Masse in drei beinah gleiche Formen gegossen.

Aber während sonst unbekümmerter Frohsinn die Brüder kennzeichnete, hatten sie heut etwas ernst Erwartungsvolles im ganzen Wesen. Und dieses seltsam Erwartungsvolle lag auch auf der kleinen, friedlichen Station, lag in jedem Gesicht, das die Ankommenden begrüßte. Ob sie vielleicht Neueres als die letzten Depeschen brachten? fragten die ihnen von Kindheit her Bekannten. Aber sie schüttelten die blonden Köpfe, wußten auch nur, daß Versuche gemacht würden, den Frieden zu erhalten, und daß man noch hoffe, es werde gelingen eine Hoffnung freilich, die eigentlich nur ein das schreckliche Nichtglaubenwollen und -können bedeute. Und während sie also erzählten, war es, mitten im leuchtenden Nachmittagssonnenschein, als breite eine ungeheure, dräuende Wolke ihren Schatten unheilvoll über das lachende Sommerland, und sie empfanden, daß in diesem Augenblick nicht nur sie hier an der kleinen Station, nein, wohl die ganze Welt, hinaus in die Zukunft mit der gleichen, bangen Frage blickte: Konnte das Gewölk noch vorüberziehen, oder mußte der zündende Blitz ihm entfahren?

Oben am großen Portal des Schlosses stand schon Großmama, die Enkel erwartend. Großmama mit dem feinen, welken Gesicht und den klugen, forschenden Augen, so wie die Enkel sie immer gekannt, in weißem Gewand und gestützt auf den Stock, dessen Krücke ein weißes Porzellanmäuschen bildete. Als sie die drei nun wirklich aus dem leichten Jagdwagen steigen sah, ging freudiges Aufleuchten über das alte Antlitz, und sie sagte zu den beiden Ältesten: »Daß ihr überhaupt kommen konntet, gibt mir wieder Hoffnung.« Aber der Kavallerist antwortete: »Den Urlaub hatte ich ja schon erhalten, noch ehe es so brenzlig wurde, und der Kommandeur sagte, ich solle man ruhig fahren, um dich auf alle Fälle noch zu sehen aber ich kann jeden Augenblick zurückgerufen werden.« Gleiches sagte der Seemann, und der Primaner rief: »Aber, das weißt du, Großmama, wenn es losgeht, meld' ich mich auch gleich, die ganze Prima geht ja dann mit.«

Bald waren die Enkel dann davongelaufen, denn wenn sie heimkehrten, war es jedesmal wie ein ungeheures Wiedersehensbedürfnis, ein neues Besitzergreifen. Durch alle Räume des Schlosses ging es im Sturm, wie um festzustellen, daß alles noch sei, wie es von jeher gewesen, vor allem rasch einmal in den Stall zu den Gäulen. Die schlanken Pferde des Jagdwagens wurden eben vom Stallknecht nach der heißen Fahrt abgerieben und mit leichten Decken belegt. »Werden die auch fort müssen?« fragte der Seemann. Und halb stolz, halb wehmütig antwortete der Kutscher: »Natürlich! Sie sind alle vorgemerkt, die Frau Gräfin hat doch nur solche Pferde.«

Die eigenen Zimmer hatten sich die Enkel nach persönlichem Geschmack eingerichtet. Rennbilder herrschten bei dem ältesten vor, zwischen Jagdbüchsen und Geweihen. Sportblätter lagen herum, und auf einem sonst wenig beschwerten Bücherregal standen etliche landwirtschaftliche Werke. Der älteste Enkel sollte ja die Güter übernehmen, und Großmama hielt darauf, daß der Inspektor schon jetzt die ganze Wirtschaft mit ihm besprach. Großmama hätte ihm schon längst alles gern abgetreten, doch bisher hatte er sich geweigert, wollte sein geliebtes Soldatenleben noch nicht missen. Und auch jetzt in seinem Zimmer, durch die offene Tür mit den Brüdern redend, sagte er: »Wie gut, daß ich noch beim Regiment geblieben bin denkt mal, wenn ich jetzt schon Reserveonkel wäre!«

50 von 50 Seiten

Details

Titel
Die Orgelpfeifen
Untertitel
Aus: Zwei Erzählungen
Autor
Jahr
2008
Seiten
50
Katalognummer
V118914
ISBN (Buch)
9783640217014
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Orgelpfeifen
Arbeit zitieren
Elisabeth von Heyking (Autor), 2008, Die Orgelpfeifen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118914

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