Das Voranschreiten der Technologien ist kaum zu bremsen. Jede weitere technologische Innovation kündigt weitere technologische Möglichkeiten an. Unter diesen Möglichkeiten finden sich auch Interventionen auf unser menschliches Substrat. Die Bewegung des Transhumanismus setzt an diesen Interventionen an. Sie möchte das biologische
Material des Menschen mithilfe von Technologien verändern und dadurch den Menschen verbessern. Anthropologische (und auch ethische) Konsequenzen bahnen sich an, weswegen sich eine philosophische Auseinandersetzung mit dem Transhumanismus lohnt.
Die aufkommenden Fragen, denen in dieser Arbeit nachgegangen wird, drehen sich um den Begriff "Verbesserung". Was bedeutet es konkret für den Transhumanismus, einen Menschen zu verbessern? Und was heißt das dann für den Menschen? Kann es überhaupt einen durch den Transhumanismus konstituierten besseren "Menschen" geben?
Zunächst wird eine Einführung in den Transhumanismus (TH) den Einstieg ebnen. Dann wird Schritt für Schritt die transhumanistische Position konkretisiert: Es wird begrifflich auf "Human Enhancement" eingegangen und zugleich hilfreiche Unterscheidungen vorgestellt. Es folgt das Organon des TH, die Technologien, mithilfe derer der Mensch bis zu einem Ideal verbessert werden soll. Des Weiteren wird dieses Ideal des TH, das Posthumane, unter Bezugnahme auf den Philosophen und Transhumanisten Nick Bostrom vorgestellt. Um die Herkunft des TH und ihr Erbe näher zu untersuchen, wird kurz auf den Humanismus eingegangen und darauffolgend eine Unterscheidung zwischen der Natur und dem Menschenbild folgen, welche für das Verständnis der transhumanistischen Naturbestimmung wichtig ist. Durch die Untersuchung des Erbes kristallisiert sich die transhumanistische Bestimmung der Natur des Menschen heraus,
die erklärt und mit dem Verbesserungsgedanken des TH in Verbindung gebracht wird.
In der daran anknüpfenden kritischen Auseinandersetzung innerhalb des TH soll diese Verbindung auf Widersprüche sowie Mängel überprüft werden und es wird eine Alternative zum TH vorgestellt werden, nämlich der liberale Transhumanismus Bostroms (LTH). Darauf folgt eine Untersuchung, ob die transhumanistische Festlegung der
Verbesserung bestimmte substanziell menschliche Eigenschaften gefährdet. Schließlich soll im Fazit unter Berücksichtigung der vorhergehenden Betrachtung dargelegt werden, ob verbesserter Mensch nach dem TH und LTH möglich sein könnte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2.Was ist der Transhumanismus?
3.Ist das schon Human Enhancement oder Therapie?
4.Die Technologien des Transhumanismus und ihr Anwendungsbereich
4.1 Gentechnisches Enhancement, Stammzellen, Klonen und pharmazeutisches Enhancement
4.2 Was ist molekulare Nanotechnologie?
4.3 Was ist Superintelligenz?
4.4 Was ist Kryonik?
4.5 Was ist (Mind-)Uploading
4.6 Moralisches Enhancement
5.Das Posthumane im Transhumanismus
6. Die Verbindung zum Humanismus
7.Menschenbild(er) und die Natur des Menschen
8.Die menschliche Natur nach dem Transhumanismus
9.Die internen Spannungen des Transhumanismus
9.1 Das Paradoxon der menschlichen Natur
9.2 Der Mensch wird zum Objekt
9.3 Selbstbestimmungsblockaden durch Enhancement-Methoden
10.Der liberale Transhumanismus
11. Die transhumanistische Überschreitung wesentlich menschlicher Eigenschaften
11.1 Wesentlich menschliche Eigenschaften aus wissenschaftlich empirischer Sicht
11.2 Die neue Naturrechtsbewegung
12. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht kritisch die philosophischen und anthropologischen Grundlagen des Transhumanismus, insbesondere die Vorstellung, den Menschen durch technologische Interventionen zu optimieren. Dabei wird der Frage nachgegangen, ob diese Bestrebungen die menschliche Natur sowie die Identität des Menschen bewahren können oder ob sie in einen schädlichen Objektivierungsprozess führen.
- Philosophische Auseinandersetzung mit dem Begriff und den Zielen des Transhumanismus.
- Analyse technologischer Enhancement-Methoden wie Mind-Uploading, Nanotechnologie und genetische Eingriffe.
- Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen Selbstbestimmung und Objektivierung.
- Kritische Würdigung des liberalen Transhumanismus nach Nick Bostrom.
- Definition der Bedingungen für den Erhalt "wesentlich menschlicher Eigenschaften".
Auszug aus dem Buch
9.2 Der Mensch wird zum Objekt
In dieser Arbeit wurde die enge Verbindung zwischen dem TH und dem Humanismus dargelegt. Diese ist aber in einem wesentlichen Punkt empfindlich gestört. Innerhalb des Humanismus steht das aktive Handlungssubjekt im Mittelpunkt. Im TH wird der Mensch zum passiven Objekt seiner eigenen Gestaltung degradiert, da er während des Prozesses seiner (radikalen) Veränderung durch Technologieanwendungen die Kontrolle über diese Optimierung verliert. Der Optimierungsprozess verselbstständigt sich, sodass der Mensch sich diesem unterordnen muss (vgl. Loh 2018, 84f.). Diese Passivierung der Menschen steht im Gegensatz zu seiner Selbstbestimmung.
Daran anknüpfend sollte Folgendes angemerkt werden: Der Technologie, auf die sich der TH im Kontext von Human Enhancement stützt, wird häufig vorgeworfen, diejenige zu sein, welche den Menschen (Patienten) zu einem Material degradiert, wodurch er seine Handlungsgewalt verliert: „The patient is reduced to the level of the thing that is functioning or not“ (Pokorski 2020, 169). Diese Reduzierung auf seine Funktion ist aber nicht erst durch die Technologien des TH hervorgebrachtes Phänomen, sondern war schon immer Teil des Patienten-Arzt-Verhältnisses der heutigen Gesellschaft (vgl. Pokorski 2020, 169).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problematik technologischer Interventionen am Menschen und Skizzierung der philosophischen Fragestellung hinsichtlich des Transhumanismus.
2.Was ist der Transhumanismus?: Definition der transhumanistischen Bewegung als Streben nach der Optimierung des Menschen und Überwindung biologischer Grenzen.
3.Ist das schon Human Enhancement oder Therapie?: Abgrenzung zwischen therapeutischen Maßnahmen zur Heilung und dem transhumanistischen Streben nach Enhancement.
4.Die Technologien des Transhumanismus und ihr Anwendungsbereich: Detaillierte Darstellung der eingesetzten Technologien wie Genetik, Nanotechnologie, Superintelligenz, Kryonik und Mind-Uploading.
5.Das Posthumane im Transhumanismus: Erläuterung des transhumanistischen Zielzustands des "Posthumanen" und der damit verbundenen Unvorstellbarkeit für gegenwärtige Menschen.
6. Die Verbindung zum Humanismus: Untersuchung der historischen Wurzeln des Transhumanismus im Humanismus und dessen Zielsetzung der Selbstbestimmung.
7.Menschenbild(er) und die Natur des Menschen: Diskussion der Schwierigkeit, ein universelles Menschenbild in einer pluralistischen Gesellschaft zu definieren.
8.Die menschliche Natur nach dem Transhumanismus: Erörterung der Auswirkungen transhumanistischer Optimierung auf das Verständnis der menschlichen Natur.
9.Die internen Spannungen des Transhumanismus: Analyse der Widersprüche im transhumanistischen Narrativ, insbesondere bezüglich Selbstbestimmung und Objektivierung.
10.Der liberale Transhumanismus: Betrachtung des liberalen Transhumanismus als Versuch, die Optimierung durch individuelle Freiheit statt metaphysischer Vorgaben zu rechtfertigen.
11. Die transhumanistische Überschreitung wesentlich menschlicher Eigenschaften: Wissenschaftliche und naturrechtliche Prüfung, welche menschlichen Eigenschaften durch Technologie gefährdet werden könnten.
12. Fazit: Zusammenfassende Bewertung, dass der Transhumanismus das Ziel der Selbstbestimmung durch technologische Degradierung zum Objekt konterkariert.
Schlüsselwörter
Transhumanismus, Human Enhancement, Selbstbestimmung, Posthumanismus, Menschliche Natur, Objektivierung, Mind-Uploading, Nanotechnologie, Ethik, Anthropologie, Leiblichkeit, Technologisierung, Liberaler Transhumanismus, Identität, Naturrecht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht kritisch die transhumanistische Bestrebung, den Menschen durch Technologien grundlegend zu verbessern, und analysiert die dabei entstehenden anthropologischen und ethischen Konflikte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die philosophische Definition des Menschen, die Auswirkungen von biotechnologischen und digitalen Eingriffen (Enhancement) sowie die Frage nach der Bewahrung menschlicher Selbstbestimmung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, dass das transhumanistische Streben nach einer "Optimierung" des Menschen paradoxerweise zu dessen Entmündigung und Degradierung zum bloßen Objekt führen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophisch-anthropologische Analyse, die aktuelle transhumanistische Thesen (etwa von Nick Bostrom) mit normativen Konzepten der Naturrechtsbewegung und zeitgenössischen philosophischen Debatten abgleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert spezifische Technologien wie Mind-Uploading und Nanotechnologie, beleuchtet das Spannungsfeld zwischen therapeutischem Nutzen und Enhancement und prüft die transhumanistische Anthropologie auf ihre Konsistenz.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Posthumanismus, Enhancement, Identität, Selbstbestimmung, technologische Optimierung und die philosophische Frage nach dem Wesen des Menschseins.
Wie unterscheidet der Autor zwischen Therapie und Enhancement?
Der Autor greift auf die Unterscheidung von Philosophen wie Dieter Birnbacher zurück, wobei Therapie der Wiederherstellung eines "normalen" Zustands dient, während Enhancement auf eine über den natürlichen Zustand hinausgehende Erweiterung abzielt.
Warum sieht der Autor im Mind-Uploading eine Gefahr für die menschliche Identität?
Der Autor argumentiert, dass beim digitalen Upload die physische Grundlage des Menschen verloren geht und das Problem der numerischen Identität sowie die Abhängigkeit von physikalischen Erklärungsmodellen (Physikalismus) nicht gelöst werden können.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2021, Der bessere Mensch? Eine kritische Auseinandersetzung mit transhumanistischen Positionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1189313