„Εναντίον δέ έοτιν άγαθώ μεν έξ άναγκης κακόν.“
Gegenüberliegend ist dem »gut« notwendig das »schlecht«.
Dem Guten wie dem Schlechten oder dem Bösen eignet keine präzise und allgemeingültige Bestimmung. Die Begriffe bilden eine Entgegensetzung, so sind Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit gegenüberliegende Gegensätze die einer Seinsgattung angehören und, nach Aristoteles, in der menschlichen Seele auftreten. Im Unterschied dazu sind »gut« und »böse« >nicht in einer Gattung, sondern das sind selbst Seinsgattungen von anderem.<
Damit ist gesagt, dass das Böse in unterschiedlicher Weise ausgesagt werden kann. Es kann ebenso »ein böses Geschwür« wie »eine böse Handlung« bezeichnen. Diese Arbeit betrachtet und diskutiert Positionen des moralisch Bösen.
Das moralisch Böse ist bei Immanuel Kant ein radikal Böses in der menschlichen Natur.
Hannah Arendt prägte – für das moralisch Böse - im Anschluss an ihre Auseinandersetzung mit dem »Fall Eichmann« den Begriff der Banalität des Bösen. In beiden Moralkonzeptionen geht es um die menschliche Fähigkeit Recht von Unrecht zu scheiden, die Möglichkeit gut oder böse sein zu können. Das gute wie das böse Handeln stellen Seinsmöglichkeiten der Menschen dar und so geht es, bei Kant und Arendt, um die Auseinandersetzung angesichts des Bösen das Gute zu erkennen, zu wollen und zu tun.
Diese Arbeit gliedert sich in fünf Teile. Nach einer kurzen Einführung in den Begriff und die Definition des Bösen wird im zweiten Kapitel die Entwicklung des Begriffs des radikal Bösen bei Immanuel Kant beschrieben. Dies geschieht auf der Grundlage seiner Moralphilosophie und vor allem an Hand der Schrift: Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft von 1793. Der dritte Abschnitt zeigt die Argumentation, die Hannah Arendt für die Entwicklung der »Linie der moralischen Kompetenzen« geltend macht. Die Entfaltung ihrer Moralkonzeption geschieht vor dem Hintergrund der Philosophie Kants. Textgrundlage ist hier vor allem ihre Vorlesung zu Fragen der Ethik aus dem Jahre 1965: Über das Böse. Im vierten Kapitel werden die Differenzen der Denkmodelle von Kant und Arendt an Hand der Konzeptionen der Persönlichkeit, des Gewissens, der Vernunft und der Kompetenzen im Hinblick auf die Grundlagen und Motivationen für moralisches Handeln, diskutiert. Der abschließende fünfte Abschnitt resümiert die vorgetragenen Positionen und stellt die Frage:
Was sollen wir tun? im Sinne eines Ausblicks.
[...]
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Das Böse
1.1 Begriff und Definition des Bösen
2. Das radikal Böse bei Immanuel Kant
2.1 Von der Einwohnung des bösen Prinzips neben dem guten: oder über das radikal Böse in der menschlichen Natur
2.2. Von der ursprünglichen Anlage zum Guten in der menschlichen Natur
2.3. Von dem Hange zum Bösen in der menschlichen Natur
2.4 Der Mensch ist von Natur böse
2.5 Vom Ursprung des Bösen in der menschlichen Natur
2.6 Von der Wiederherstellung der ursprünglichen Anlage zum Guten in ihre Kraft
3. Die Banalität des Bösen bei Hannah Arendt
3.1 Eichmann und der ‚Kategorische Imperativ für den Hausgebrauch’
3.2 Das Denken
3.3 Das Wollen
3.4 Das Urteilen
3.5 Freiheit und Verantwortung
4. Grundlagen des moralischen Handelns bei Immanuel Kant und Hannah Arendt
4.1 Die Persönlichkeit bei Immanuel Kant und Hannah Arendt
4.1.1 Die Persönlichkeit bei Immanuel Kant
4.1.2 Die Persönlichkeit bei Hannah Arendt
4.1.3 Moralisches Gefühl versus Ergebnis des Denkens
4.2 Das Gewissen bei Immanuel Kant und Hannah Arendt
4.2.1 Das Gewissen bei Immanuel Kant
4.2.2 Das Gewissen bei Hannah Arendt
4.2.3 Kultivierte Pflicht versus moralische Vorschrift
4.3 Kant: Mit Vernunft und Hoffnung gegen das radikal Böse
4.4 Arendt: Mit moralischen Kompetenzen gegen die Banalität des Bösen
5. Schluss
5.1 Resümee oder: Geliebte Pflicht versus verantwortliches Denken
5.2 Ausblick oder: Was sollen wir tun?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das moralisch Böse im Vergleich zweier gegensätzlicher philosophischer Konzeptionen: das "radikal Böse" bei Immanuel Kant und die "Banalität des Bösen" bei Hannah Arendt, um die Bedingungen moralischen Handelns und die Möglichkeiten, dem Bösen zu begegnen, zu ergründen.
- Analyse des radikal Bösen in Kants Religionsphilosophie
- Untersuchung von Arendts Begriff der Banalität des Bösen im Kontext des Falls Eichmann
- Vergleich der Konzepte von Persönlichkeit, Gewissen und moralischer Urteilskraft bei beiden Denkern
- Diskussion der Bedeutung von Vernunft, Hoffnung und geistigen Kompetenzen als Barrieren gegen das Böse
Auszug aus dem Buch
2.4 Der Mensch ist von Natur böse
Der Satz: der Mensch ist böse, kann [...] nichts anderes sagen wollen als: er ist sich des moralischen Gesetzes bewusst, und hat doch die (gelegentliche) Abweichung von demselben in seine Maxime aufgenommen. Er ist von Natur böse, heißt so viel als: dieses gilt von ihm in seiner Gattung betrachtet...
Man könne den Menschen, wie man ihn aus der Erfahrung kenne, nicht anders als von Natur aus böse bezeichnen oder man kann es, als subjektiv notwendig, in jedem, auch dem besten Menschen, voraussetzen.
Kant führt aus, dass wir diesen natürlichen Hang zum Bösen, und, da er doch immer selbst verschuldet sein muss, ihn selbst ein radikales, angeborenes (nichts destoweniger aber uns von uns selbst zugezogenes) Böses in der menschlichen Natur nennen können.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Diese Einführung legt die Zielsetzung dar, die Begriffe des moralisch Bösen bei Kant und Arendt gegenüberzustellen und deren Relevanz für das Handeln zu beleuchten.
1. Das Böse: In diesem Kapitel werden grundlegende Begriffsdefinitionen zum moralisch Bösen erörtert, wobei die Evidenz des Bösen in der menschlichen Erfahrung betont wird.
2. Das radikal Böse bei Immanuel Kant: Hier wird Kants Konzept des radikal Bösen basierend auf seiner Religionsschrift analysiert, wobei das Verhältnis zwischen Freiheit, Triebfedern und der Umkehrung der sittlichen Ordnung im Vordergrund steht.
3. Die Banalität des Bösen bei Hannah Arendt: Dieses Kapitel widmet sich Arendts Interpretation des Bösen, die den Fokus von einer tiefen, radikalen Bosheit auf eine als "banal" bezeichnete, gedankenlose Pflichterfüllung verschiebt.
4. Grundlagen des moralischen Handelns bei Immanuel Kant und Hannah Arendt: Hier erfolgt der direkte Vergleich der Konzepte von Persönlichkeit und Gewissen, ergänzt durch eine Gegenüberstellung von Kants Hoffnung und Arendts moralischen Kompetenzen.
5. Schluss: Der letzte Teil resümiert die vorangegangenen Untersuchungen und wagt einen Ausblick auf die Möglichkeiten moralischen Handelns in der modernen Welt.
Schlüsselwörter
Radikal Böses, Banalität des Bösen, Immanuel Kant, Hannah Arendt, Moralität, Freiheit, Gewissen, Persönlichkeit, Kategorischer Imperativ, Denken, Urteilskraft, Pflicht, Vernunft, Verantwortung, Handeln.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit vergleicht die Moralphilosophie von Immanuel Kant, der das Böse als "radikal" in der menschlichen Natur verortet, mit Hannah Arendts Konzept der "Banalität des Bösen", das sie nach dem Fall Eichmann entwickelte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die menschliche Freiheit, die Natur des Bösen, die Rolle des Gewissens, das moralische Handeln und die geistigen Kompetenzen, die einen Menschen zur Verantwortung befähigen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu untersuchen, wie Kant und Arendt das moralisch Böse verstehen und welche Mechanismen – sei es durch Vernunft bei Kant oder durch kritisches Denken und Urteilen bei Arendt – der Mensch nutzen kann, um dem Bösen zu widerstehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philosophische Textanalyse. Sie stützt sich primär auf Kants "Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft" sowie Arendts Vorlesungen und Schriften zu Ethik und Politik.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Begriffe "radikal Böse" und "Banalität des Bösen", vergleicht Persönlichkeits- und Gewissenskonzepte beider Denker und diskutiert die Wirksamkeit von Vernunft und moralischen Kompetenzen im Alltag.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind radikal Böses, Banalität des Bösen, Freiheit, Gewissen, Urteilskraft, Persönlichkeit, Pflicht und Handeln.
Warum unterscheidet Arendt das "radikal Böse" von ihrer "Banalität des Bösen"?
Arendt argumentiert, dass das Böse im Nationalsozialismus nicht aus einer tiefen, dämonischen Bosheit entsprang, sondern aus einem erschreckenden Mangel an Denken und der Unfähigkeit, das eigene Handeln kritisch zu hinterfragen.
Wie unterscheidet sich Kants Konzept des Gewissens von dem Arendts?
Bei Kant ist das Gewissen ein "innerer Gerichtshof" der Vernunft und eine unausweichliche Tatsache. Arendt hingegen begreift das Gewissen eher als einen inneren Dialog mit sich selbst ("Zwei-in-Einem"), der vor allem den Selbstwiderspruch verhindern soll.
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- Monika Skolud (Author), 2008, Das radikal Böse bei Immanuel Kant und die Banalität des Bösen bei Hannah Arendt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118950