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Haben Tiere Gedanken und Begriffe? Wie Tieren kognitive Fähigkeiten zu- oder abgesprochen werden können

Title: Haben Tiere Gedanken und Begriffe? Wie Tieren kognitive Fähigkeiten zu- oder abgesprochen werden können

Master's Thesis , 2022 , 89 Pages , Grade: 1,2

Autor:in: Désirée Martin (Author)

Philosophy - Practical (Ethics, Aesthetics, Culture, Nature, Right, ...)
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Was ist der Mensch? Was macht Menschsein aus? Das sind gewiss sehr alte Fragen. Dass sie immer noch gestellt werden, liegt daran, dass sie notorisch schwer zu beantworten sind. Gesucht wird nicht nur eine Antwort in eigener Sache, auch die Maßstäbe für Frage und Antwort müssen erst noch gefunden werden. Nicht viel anders ist es mit der Frage, was Tiere sind. Auch eine Antwort darauf hängt davon ab, ob wir uns als ähnlich begreifen oder uns abgrenzen, ob wir Unterschiede betonen oder Gemeinsames.
In der Philosophie beschäftigt sich bereits im antiken Griechenland Aristoteles mit der Stellung von Menschen und Tieren in der Natur. Für Menschen hebt er ein einzigartiges Vermögen der Vernunft hervor. Der Verstand als kategorialer Unterschied zwischen Tier und Mensch ist seither im Fokus der Debatte um die Fähigkeiten der Tiere.

Eine Aufgabe der theoretischen Philosophie besteht dabei darin, zu klären, ob und unter welchen Umständen kognitive Zuschreibungen an Tiere erlaubt sind. Wie kann eine solche Aufgabe gelöst werden? Ein Problem dabei ist das Fremdpsychische. Kurz: es fehlt die Möglichkeit, aus beobachtetem Verhalten von Tieren direkt kognitive bzw. geistige Fähigkeiten abzuleiten und zuzuschreiben.

Um Verhaltensweisen von Tieren überhaupt deutbar zu machen, brauchen wir einen Zugang, der es erlaubt, Verhalten so zu interpretieren, dass die Ergebnisse nicht nur unsere Kognitionen spiegeln. Diesen Zugang zu finden wird die erste Aufgabe sein.

In der Tier-Mensch-Debatte tauchen immer wieder die gleichen Begriffe wie KOGNITION, REPRÄSENTATION, VORSTELLUNG, ÜBERZEUGUNG, HANDELN, INTENTIONALITÄT, RATIONALITÄT und SPRACHE auf. Wenn wir diese verstehen und deutlich unterscheiden können, können wir womöglich auch die Bedingungen für Tierkognitionen erhellen. Eine zweite Aufgabe wird deshalb darin bestehen, ein begrifflich geeignetes Instrumentarium dafür zu entwickeln, beobachtetes Verhalten von Tieren zu erklären.

Auch die Entscheidung, um welche Tiere es gehen soll, ist beim Versuch einer Verhaltensinterpretation von Bedeutung. Da viele unterschiedliche Tiergattungen und -arten viele verschiedene Merkmale tragen und Fähigkeiten besitzen, sind einige besser für eine Verhaltensinterpretation geeignet als andere. In dieser Arbeit beziehe ich mich vor allem auf die Forschung an Primaten, bei denen hoch entwickelte Fähigkeiten nachgewiesen werden konnten, exemplarisch werde ich aber auch Experimente mit Vögeln und Beobachtungen an Hunden berücksichtigen.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Tiere und Menschen in der Philosophiegeschichte: Gemeinsames, Trennendes und die Frage nach dem Geist

2. Vorgehen und Ziele der Arbeit

3.1. Im Kontext von Differenzialismus und Assimilationismus

3.2. Methodische Überlegungen und Entscheidungen – auf der Suche nach der besten Erklärung

4.1. Repräsentationen, Vorstellungen und Einführung in Intentionalität

4.2. Intentionalität: Überzeugungen

4.3 Intentionalität: Überzeugungen und Handlungen

5. Haben Tiere Gedanken?

5.1. Der Begriff des Denkens

5.2. Ein Stufenmodell kognitiver Fähigkeiten

5.3. Zuschreibungen, Beobachtungen, Experimente I: Rabenvögel

5.4. Zuschreibungen, Beobachtungen, Experimente II: Primaten

6. Haben Tiere Begriffe?

6.1. Sind Begriffe als mentale Repräsentationen, als abstrakte Gegenstände oder als Fähigkeiten zu verstehen?

6.2. Begriffe als Fähigkeiten: Glocks Version

6.3. Begriffe oder Unicepte?

7. Fazit: Haben Tiere Gedanken und Begriffe?

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht, unter welchen Voraussetzungen und in welcher Form Tieren kognitive Fähigkeiten, wie Gedanken oder Begriffe, zugeschrieben werden können. Dabei steht die methodische Herausforderung im Mittelpunkt, ein Fremdpsychisches ohne unzulässige anthropomorphe Projektionen zu deuten und die Debatte zwischen Differenzialismus und Assimilationismus in Bezug auf tierliche Kognition zu beleuchten.

  • Philosophische Begriffsbestimmung von Denken, Intentionalität und Kognition.
  • Kritische Analyse von Zuschreibungspraxen in der Ethologie und Primatenforschung.
  • Anwendung des "Morgan’s Kanon" und Stufenmodellen kognitiver Fähigkeiten.
  • Evaluation von Ansätzen wie mentalen Repräsentationen und dem Unicept-Konzept.
  • Differenzierung zwischen menschlichen und tierlichen Seinsweisen in der Philosophiegeschichte.

Auszug aus dem Buch

3.2. Methodische Überlegungen und Entscheidungen – auf der Suche nach der besten Erklärung

Bei der Entscheidung, ob Tiere denken können oder über Begriffe verfügen, scheidet eine sichere Methode von vornherein aus52. Deduktive Schlüsse schließen vom Allgemeinen aufs Besondere und sind informationserhaltend. Sie sind hier ausgeschlossen, weil das gesucht wird, was vorausgesetzt werden müsste. Dagegen sind induktive Schlüsse informationserweiternd, sie schließen vom Besonderen aufs Allgemeine. Da sie Erfahrungsschlüsse sind, können sie nicht logisch, sondern nur psychologisch gerechtfertigt werden. Ein Verfahren, das formal zu den induktiven Schlüssen gehört, aber einen ganz besonderen Akzent setzt, hat Charles Sanders Peirce bekannt gemacht: die Abduktion:

„Die Abduktion ist der Vorgang, in dem eine erklärende Hypothese gebildet wird. Es ist das einzige logische Verfahren, das irgendeine neue Idee einführt […] Die Deduktion beweist, daß etwas der Fall sein muß; die Induktion zeigt, daß etwas tatsächlich wirksam ist; die Abduktion vermutet bloß, daß etwas der Fall sein mag“53.

Die Abduktion geht von einem Wahrnehmungsurteil aus (einem ‚Ergebnis‘), dazu bildet sie eine hypothetische Regelmäßigkeit (das ‚Allgemeine‘), um eine Konklusion zu erzeugen (einen „Fall“)54. Während die Leistung der Abduktion darin besteht, einen potenziell erkenntniserweiternden Vorschlag zu machen, ist auch ihre Schwäche offensichtlich, denn sie muss aus einer Beobachtung quasi rückwärts auf eine Ursache schließen. In Verbindung mit der Abduktion steht häufig die Suche nach der besten Erklärung. Das ist sinnvoll, weil man bei der Unsicherheit dieses Schließverfahrens besser erst konkurrierende Erklärungen als falsch erweist, bevor man eine Abduktion akzeptiert.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Tiere und Menschen in der Philosophiegeschichte: Gemeinsames, Trennendes und die Frage nach dem Geist: Historische Einordnung der Debatte um die Tier-Mensch-Differenz, von Aristoteles bis zu modernen ethologischen Erkenntnissen.

2. Vorgehen und Ziele der Arbeit: Methodische Herleitung der Untersuchung und Begründung der Wahl kognitiver Fähigkeiten als zentraler Untersuchungsgegenstand.

3.1. Im Kontext von Differenzialismus und Assimilationismus: Diskussion der anthropologischen Differenz und der Positionen, die entweder eine kategoriale Trennung oder eine graduelle Kontinuität annehmen.

3.2. Methodische Überlegungen und Entscheidungen – auf der Suche nach der besten Erklärung: Etablierung des abduktiven Verfahrens und des "Morgan's Kanon" zur fairen Zuschreibung kognitiver Zustände.

4.1. Repräsentationen, Vorstellungen und Einführung in Intentionalität: Definition und Abgrenzung mentaler Repräsentationen und ihre Rolle als basale kognitive Leistung.

4.2. Intentionalität: Überzeugungen: Untersuchung der Verbindung von Sprache, Gedanken und Überzeugungen, insbesondere unter Rückgriff auf Donald Davidson.

4.3 Intentionalität: Überzeugungen und Handlungen: Diskussion von Handlungsfähigkeit bei Tieren durch objektive Gründe statt mentalistischer Überzeugungsnetze.

5. Haben Tiere Gedanken?: Analyse, ob Tiere Gedanken im Sinne von intentionalen Zuständen haben können, unter Berücksichtigung von Hans-Johann Glocks Parametern.

5.1. Der Begriff des Denkens: Philosophische Bestimmung dessen, was Denken bedeutet, in Abgrenzung zur reinen Wahrnehmung.

5.2. Ein Stufenmodell kognitiver Fähigkeiten: Vorstellung eines heuristischen Modells zur Einordnung kognitiver Leistungen in verschiedene Ordnungsstufen.

5.3. Zuschreibungen, Beobachtungen, Experimente I: Rabenvögel: Empirische Untersuchung von Gedächtnis- und Planungsleistungen bei Rabenvögeln.

5.4. Zuschreibungen, Beobachtungen, Experimente II: Primaten: Auswertung von Studien zu sozialen und physischen Kognitionen bei Schimpansen.

6. Haben Tiere Begriffe?: Prüfung, ob Tieren Begriffe zugeschrieben werden können, trotz des Fehlens einer diskursiven Sprache.

6.1. Sind Begriffe als mentale Repräsentationen, als abstrakte Gegenstände oder als Fähigkeiten zu verstehen?: Systematische Untersuchung konkurrierender Begriffsansätze hinsichtlich ihrer Anwendbarkeit auf Tiere.

6.2. Begriffe als Fähigkeiten: Glocks Version: Detaillierte Analyse von Glocks Ansatz, Begriffe als Fähigkeiten zur Klassifikation zu begreifen.

6.3. Begriffe oder Unicepte?: Vorstellung der Alternative von Ruth Garrett Millikan, Begriffe durch das partikulare Unicept-Konzept zu ersetzen.

7. Fazit: Haben Tiere Gedanken und Begriffe?: Zusammenfassende Antwort auf die Ausgangsfrage unter Berücksichtigung der untersuchten kategorialen Grenzen.

Schlüsselwörter

Tierkognition, Philosophie, Denken, Begriffe, Intentionalität, mentale Repräsentation, Unicept, Ethologie, Aristoteles, Morgan’s Kanon, Klassifikation, Handlungsfähigkeit, Assimilationismus, Differenzialismus, Kognition.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Masterarbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht philosophisch, ob Tiere kognitive Fähigkeiten besitzen, die als Gedanken oder Begriffe klassifiziert werden können, und wie diese Zuschreibungen wissenschaftlich methodisch korrekt vorgenommen werden können.

Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?

Zentrale Themen sind die Tier-Mensch-Differenz in der Philosophiegeschichte, die Analyse intentionaler Zustände, die Abgrenzung von Begriffen und Vorstellungen sowie die Auswertung ethologischer Experimente zu den kognitiven Leistungen von Rabenvögeln und Primaten.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Ziel ist es, ein besseres Verständnis für das Verhalten von Tieren zu entwickeln, indem untersucht wird, ob kognitive Begriffe auch auf nicht-sprachliche Lebewesen sinnvoll anwendbar sind, ohne sie vermenschlichend zu überfordern.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Autorin nutzt einen abduktiven Ansatz, um aus beobachtetem Verhalten auf die "beste Erklärung" zu schließen, ergänzt durch "Morgan’s Kanon" als methodische Norm, um Zuschreibungen auf einer möglichst niedrigen, fairen Stufe vorzunehmen.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Gedanken, Handlungsfähigkeit, dem Begriff des Denkens und die Prüfung, ob Begriffe als Fähigkeiten oder mentale Repräsentationen auf Tiere zutreffen, inklusive der Einführung des Unicept-Konzepts.

Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit ist durch Begriffe wie Intentionalität, Kognition, Repräsentation, Klassifikation, Differenzialismus und das Unicept-Konzept nach Ruth Garrett Millikan geprägt.

Wie unterscheidet die Autorin zwischen "Denken" und "Wahrnehmung" bei Tieren?

Während Wahrnehmung als basale kognitive Fähigkeit fast allen Tieren zugesprochen wird, wird Denken als komplexere, intentionalere Leistung betrachtet, die oft an die Fähigkeit zur Verknüpfung von Vorstellungen und zur Kausalitätsbeurteilung gebunden ist.

Warum hält die Autorin "Unicepte" für eine geeignetere Beschreibung als "Begriffe"?

Unicepte sind partikulare Vorstellungen, die nicht teilbar sein müssen und keine Sprache oder diskursive Begründung erfordern, was sie als Erklärungsmodell für das Verhalten von Tieren robuster gegenüber den Einwänden gegen klassische Begriffsmodelle macht.

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Details

Title
Haben Tiere Gedanken und Begriffe? Wie Tieren kognitive Fähigkeiten zu- oder abgesprochen werden können
College
University of Stuttgart  (Institut für Philosophie)
Course
Masterarbeit
Grade
1,2
Author
Désirée Martin (Author)
Publication Year
2022
Pages
89
Catalog Number
V1189758
ISBN (PDF)
9783346627865
ISBN (Book)
9783346627872
Language
German
Tags
Philosophie des Geistes Tierkognition Mensch-Tier-Debatte animal rationale zoon logon echon Ethologie Schimpansen
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Désirée Martin (Author), 2022, Haben Tiere Gedanken und Begriffe? Wie Tieren kognitive Fähigkeiten zu- oder abgesprochen werden können, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1189758
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