Ostrock in der DDR. Zwischen Verbot und Legalisierung

Wie konnte sich der Ostrock in der DDR entwickeln und welche Spuren hinterließ dieser auf die Gegenwart?


Examensarbeit, 2012

113 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Vorgeschichte: Deutschland nach dem 2.Weltkrieg und die Entstehung von BRD und DDR

3. Die Entwicklung der Rockmusik in beiden Teilen Deutschlands
3.1 Entstehung und Verlauf der Rockmusik in der BRD - ein Überblick
3.2 Vom Beat zum Rock - die Entwicklungen der Musik im Osten .

4. Die Staatssicherheit im Osten
4.1 Kontrolle in der Musikbranche seitens des DDR-Staates
4.2 Die Medien - Rundfunk und Fernsehen in der DDR

5. Zwischen Verbot und Legalisierung - ausgewählte Rockbands des Ostens
5.1 Die Puhdys vs. Renft - Bandgeschichte und Umgang mit dem politischen System

6. Ausblick: Ostrock nach dem Fall der Mauer - allgemeine Entwicklung in der Musikbranche und das Verhältnis der Künstler aus Ost und West heutzutage

1. Einleitung

Es ist der 28.11.2012. Überall drängen sich Menschen im Theaterhaus Stuttgart, um in wenigen Minuten einem speziell ausgearbeiteten Akustikkonzert lauschen zu dürfen. Doch diesmal lockt kein internationaler Name die rund 2000 begeisterten Fans in die Landeshauptstadt Baden-Württembergs, sondern eine Band, die vor genau 43 Jahren in der längst dahin geschiedenen DDR gegründet wurde - die Zuschauer an diesem Abend feiern die Puhdys.

Hört man heutzutage Oldie-Radioprogramme oder schaut sich Musiksendungen im Fernsehen an, vermisst man jedoch oft die Lieder 'Alt wie ein Baum' oder 'Geh zu ihr' von den immer noch existierenden Ostrockern. Auch die Songs anderer Bands wie die von Karat, Silly, Pankow, CITY oder Renft werden kaum gespielt. Dabei bewegten die Texte der Musikgruppen jahrzehntelang Generationen von Menschen in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik.

Genau aus diesem Grund soll sich im Folgenden intensiv mit der Thematik Ostrock, dessen Entwicklung und Problematiken näher auseinandergesetzt werden.

Um sich mit diesem Thema eingehend beschäftigen zu können, muss man sich im Vorfeld darüber informieren, welche Geschichte das Deutsche Reich nach dem Zweiten Weltkrieg bis hin zu seiner Trennung durchlebte. Deshalb ist es wichtig, im nachfolgenden Kapitel einen kurzen Abriss darüber zu geben, welche Ursachen dazu führten, dass Deutschland geteilt wurde. Ebenso von Bedeutung wird dabei sein, welche Rolle die Siegermächte, aber auch die deutschen Politiker selbst bei der Spaltung spielten und welche Auswirkungen deren Entscheidungen schließlich auf die Bevölkerung, Politik oder Kultur hatten. So kann später der Verlauf der Musikbranche in beiden Teilen Deutschlands hinreichend dargestellt werden.

Angeschnitten werden soll in diesem Zusammenhang auch, was die Deutschen als Volk verband und warum man sie als Volk nie vollständig entzweien konnte. Des Weiteren wird dargestellt, welches politische Programm beide Staaten nach der Trennung verfolgten, da dieses einen wichtigen Einfluss auf die kulturelle Entwicklung in Ost und West ausübte.

In dieser Ausarbeitung soll dann der Bereich Musik aus dem Themengebiet Kultur herausgegriffen werden. Ein Schwerpunkt wird dabei auf die Rockmusik gelegt, da diese zwischen den 50-er Jahren und dem Fall der Mauer eine völlig neue Stilrichtung in der Musikgeschichte begründete, welche anfangs einherging mit einem intensiven Aufruhr der älteren Bevölkerung und Verboten seitens der Regierung. Aus diesem Grund werden die Entwicklungen und deren Einflüsse durch benachbarte Staaten überblicksartig für beide Teile Deutschlands vorgestellt. Dabei wird unter anderem zu untersuchen sein, welche Unterschiede in Ost und West zu verzeichnen waren und wie die führenden Politiker im eigenen Land mit der kulturellen Veränderung umgingen. Ebenso soll durch Interviews analysiert werden, welche Erfahrungen die Bevölkerung selbst mit der neuen Musikrichtung machte. In diesem Zusammenhang ist es allerdings extrem wichtig, auch andere Stile wie den Schlager, den Jazz oder die Klassik mit einzubeziehen, um einen Gesamtüberblick über die gehörte Musik zur damaligen Zeit zu erhalten und diese der Rockmusik gegenüberstellen zu können.

Bekannt ist, dass in der DDR Künstler oftmals mit Zensur, Verboten, zwanghafter Ausreise oder sogar Haft konfrontiert waren. Dies betraf unter anderem Stefan Heym, Robert Havemann oder Wolf Biermann. Inwiefern diese Maßnahmen nun auch die Musikbranche tangierte und welche Unterscheidungen man machte, wird Hauptgegenstand dieser Arbeit sein.

Im Rahmen dessen ist es unumgänglich, die Staatssicherheit in der DDR näher darzustellen. Daraufhin wird eine Analyse gegeben, ob und wenn ja, welche Kontrolle in der Musikbranche ausgeübt wurde und welche Konsequenzen das Nichteinhalten der Anordnungen nach sich zog. Da in diesem Diskurs auch immer wieder aufgeführt wird, dass die Medien dazu beitrugen, systemkritische Künstler der DDR klein zuhalten, indem man sie aus sämtlichen Sendungen verbannte, muss die Untersuchung von Rundfunk und Fernsehen und dessen Einfluss auf die Karrieren der ostdeutschen Musikgruppen ebenfalls eine zentrale Rolle spielen. Hierbei wird im Vorfeld untersucht, ab wann und wie intensiv Medien in der DDR genutzt werden konnten und welche Auswahl an Programmen und Sendungen letztendlich zur Verfügung standen. Ebenso soll die Frage nach der vorhandenen Technik und der Unterstützung der Medien seitens des Systems geklärt werden. Wichtig ist ebenfalls zu analysieren, ob es eine Art Wettkampf zwischen den Ost- und Westmedien gab und inwieweit Menschen der DDR Zugriff auf die Programme und somit auch auf Musiksendungen des Nachbarstaates hatten, um darstellen zu können, ob dieser Faktor mit ausschlaggebend für die Entwicklung in der Musikbranche im eigenen Land war. Auch die Veränderungen, die sich in diesem Zusammenhang ab den 80-er Jahren abzeichneten, werden Gegenstand der Medienanalyse sein.

Nach der umfangreichen Darstellung der Vorgeschichte, der Entwicklung der Rockmusik und dessen Kontrolle soll anhand von zwei Bandbeispielen deutlich gemacht werden, wie unterschiedlich eine Musikkarriere in der DDR verlaufen konnte. Ob dabei die Begriffe 'systemkritisch' und 'angepasst' eine zentrale Rolle spielen, wird zu klären sein.

In diesem Kapitel werden zwei völlig unterschiedlich verlaufene Bandgeschichten vorgestellt und ihre Auseinandersetzung mit der Regierung analysiert. Des Weiteren wird dargestellt, wie die Musikgruppen mit dem System zurecht kamen und inwiefern sie gewillt waren, sich an die vorgegebenen Richtlinien zu halten. Die Konsequenzen, die sich aus den getroffenen Entscheidungen der Bands ergaben, werden dabei ebenfalls in den Kontext des weiteren Verlaufs ihrer Karriere zu stellen sein. Abschließend dazu soll die Entwicklung beider Gruppen nach der Wiedervereinigung erläutert und untersucht werden.

Am Ende dieser Arbeit wird ein Überblick darüber gegeben werden, wie sich der Ostrock weiter entwickelte und welche Veränderungen sich in der Musikbranche in allen Sparten vollzogen. Des Weiteren gilt es zu überprüfen, ob sich noch heutzutage Bandkarrieren von Künstlern der alten Bundesländer zu denen der neuen in irgendeiner Art und Weise unterscheiden.

Ostrock in der ehemaligen DDR ist bis heute nur ein mäßig etablierter Forschungsgegenstand in der Musikbranche. Intensiv auseinandergesetzt haben sich bislang mit diesem Thema nur wenige. Zu diesen zählen Michael Rauhut, Ansgar Jerrentrup oder Klaus Staib. Es fehlen jedoch immer noch umfassende methodische und theoretische Fundierungen, die als Basis für konkrete Analysen herangezogen werden könnten. Aus diesem Grund berührt die hier verwendete Forschungsliteratur sehr viele Bereiche, die in irgendeiner Form mit dem Thema zu tun haben.

In der Vorgeschichte sind beispielsweise Anregungen der Friedrich-Ebert-Stiftung, Peter Benders oder Stefan Wolles eingeflossen. Im Bereich Rockmusik und dessen Entwicklung waren Forschungsansätze von Matthias S. Fifka oder Martin Büssner sehr hilfreich.

Bei der Auseinandersetzung mit der Staatssicherheit im Osten, den Kontrollorganen in der Musikbranche und den Medien wurden oft Claudia Dittmar, Jochen Staadt oder Tobias Voigt zitiert.

Um einen realen Bezug zu diesem Thema herzustellen, wurden außerdem Zeitzeugen sowie eine bekannte Ostrockband befragt.

2 .Vorgeschichte: Deutschland nach dem 2.Weltkrieg und die Entstehung von BRD und DDR

Am 9. November 1989 fiel die Mauer, die jahrzehntelang die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik voneinander trennte. Tausende DDR Bürger waren kurz zuvor über Ungarn in den Westen geflohen. Die beiden Teilstaaten des ehemaligen vereinten Deutschlands wuchsen nun allmählich wieder zusammen.

Wie kam es allerdings dazu, dass Deutschland geteilt wurde? Und welche Auswirkungen hatte dies beispielsweise auf Bevölkerung, Politik, Wirtschaft oder Kultur?

In diesem Kapitel soll kurz aufgezeigt werden, wie es zur Spaltung Deutschlands kam und welche Motive dabei eine Rolle spielten. Des Weiteren wird komprimiert dargestellt, welche Politik beide Staaten verfolgten und welche Entwicklungen sie dabei durchliefen.

Dieser Überblick ist notwendig, um später die Zusammenhänge in der Kulturgeschichte der DDR besser zu verdeutlichen.

Im Sommer 1945 begannen die Deutschen, sich langsam über ihre Lage bewusst zu werden, die eine dreifache Niederlage erkennen ließ, nämlich militärisch, politisch und moralisch.1 Militärisch wurde Deutschland bis zum letzten Quadratkilometer erobert und besetzt.2 Im Vergleich zum Ersten Weltkrieg blieb Deutschland als Staat nicht mehr bestehen. Es gab keine Regierung mehr, die dem deutschen Volk vorstand. Die Regierungsgewalt in Deutschland übernahmen nun die Besatzungsmächte: Russland, Amerika, Großbritannien und Frankreich.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Deutschland rechtlos, schutzlos nach außen und ohne Neuordnung von Staat und Wirtschaft.3 „Besiegt und entmündigt zu sein, war schlimm“4, doch viel schlimmer für das deutsche Volk wurde der Umgang mit Schuld und Schande, die Hitler im Zweiten Weltkrieg an Juden, ethnischen Minderheiten oder anders Denkenden verübte - dies drohte die Deutschen moralisch zu vernichten. Dennoch war nach dem Krieg die deutsche Einheit für alle keine Frage, sondern eine Selbstverständlichkeit, denn seit 1871 bildete das Reich eine gewohnte staatliche Form, in der man aufgewachsen war und in der man lebte; etwas anderes kannte man nicht .5 Andere Staaten Europas zweifelten unterdessen, ob die Deutschen überhaupt fähig seien, sich jemals zu ändern und ihrerseits Frieden in der Welt zu garantieren. Aus diesen Gründen erschien es den Alliierten notwendig, die Besiegten gänzlich zu besetzen, anstatt ihnen wie in Versailles einen strengen Friedensvertrag aufzudiktieren. Oberstes Ziel der neuen Besatzungsmächte war natürlich, Deutschland für alle Zeiten kampfunfähig zu machen und dadurch die Gefahr für alle Nationen in Europa zu bannen. Der amerikanische Außenminister John Foster Dulles sagte im Jahr 1959 dazu folgendes:

„' Die Russen und wir mögen uns über tausend Dinge uneinig sein. Doch über eines gibt es zwischen uns keine Meinungsverschiedenheit: Wir werden es nicht zulassen, daß ein wiedervereinigtes, bewaffnetes Deutschland im Niemandsland zwischen Ost und West umherirrt.'“6

Bereits während des Krieges überlegten die späteren Siegermächte, beispielsweise 1943 in Teheran, wie man Deutschland am besten unter Kontrolle bringen könnte. Dabei war zunächst die Aufspaltung des gesamten Reiches in Teilstaaten im Gespräch sowie 1944 auch der Morgenthau-Plan, der eine Teilung Deutschlands in drei Staaten vorsah. Doch bereits im Jahr 1945 zeichnete sich auf der Konferenz in Jalta eine Disharmonie zwischen Churchill, Roosevelt und Stalin ab, die sich um vereinzelte Gebiete im Deutschen Reich, aber auch in Süd- und Osteuropa stritten. Man rückte aus diesen Gründen immer mehr von einer Teilung Deutschlands ab. Großbritannien und die USA strebten nun vielmehr einen stabilen deutschen Staat an, welcher den Expansionsbestrebungen von Stalin standhalten konnte. Auch die Sowjetunion befürchtete, dass sich bei einer Teilung wichtige Gebiete an die Westalliierten wenden würden und diese somit an Churchill und Roosevelt fallen könnten.

Die entscheidende Konferenz in Potsdam, die schließlich schicksalhaft für das Deutsche Reich war, tagte vom 17. Juli bis zum 2. August 1945. Von großer Bedeutung war, dass die Zerstückelungspläne, wie sie in Teheran oder Jalta noch diskutiert wurden, nicht mehr auf der Agenda standen, die Konferenz dennoch unbeabsichtigt zur Teilung führte.7 Anfänglich war geplant, der Bevölkerung die Chance zu geben, in einem vereinten

Deutschland weiterzuleben. Dazu heißt es in einem Dokument, das als Potsdamer Abkommen in die Geschichte einging:

„' Die Alliierten wollen dem deutschen Volk die Möglichkeit geben, sich darauf vorzubereiten, sein Leben auf einer demokratischen und friedlichen Grundlage von neuem aufzubauen. Wenn die eigenen Anstrengungen des deutschen Volkes unablässig auf die Erreichung dieses Zieles gerichtet sein werden, wird es [...] seinen Platz unter den freien und friedlichen Völkern der Welt einnehmen.'“8

Politisch gesehen sollte Deutschland keine zentrale Regierung haben, sondern durch den Kontrollrat der Alliierten in verschiedenen Verwaltungsabteilungen wie Verkehr, Finanzwesen oder Wirtschaft überprüft und kontrolliert werden. Auch formal war zunächst keine Zerschlagung Deutschlands erkennbar. Da jedoch von den Siegermächten beschlossen worden war, das Deutsche Reich aufgrund von Unstimmigkeiten zunächst in einzelne Besatzungszonen zu unterteilen, „waren die Weichen so gestellt, dass einer relativ schwachen alliierten Zentralgewalt über Deutschland starke und mit allen exekutiven Vollmachten ausgestattete Militärregierungen in den Zonen gegenüberstanden.“9 In Bezug auf politische Fragestellungen, wie beispielsweise Vernichtung des Nationalsozialismus, Demokratisierung oder Dezentralisierung der Wirtschaft, waren sich die Siegermächte, insbesondere die Sowjetunion und die westlichen Staaten, alles andere als einig.10 Dies führte später zwangsläufig zu einer völlig anderen Entwicklung in der sowjetischen Besatzungszone. Während diese den Sozialismus anstrebte, mit einem autoritären System und staatlicher Planwirtschaft, legten Frankreich, Großbritannien und die USA den Grundstein zur Demokratie und Marktwirtschaft. Mit dem unaufhaltsamen Fortschreiten der Konfrontationen zwischen Ost und West wurde bereits vor 1961 eine unsichtbare Mauer zwischen Ost und West gezogen, da keiner mehr zu Zugeständnissen bereit war und sogar eine Übernahme seitens der anderen Partei vermutete. Während dieser Prozess für die Sieger ein Fortführen ihrer eigenen Politik in einem anderen Land bedeutete, kündigten sich für die Deutschen Veränderungen ihrer nationalen Existenz mit unabsehbarer Tragweite an.11 Verwunderlich scheint es deshalb anfangs, dass sich auch deutsche Politiker für die Teilung stark machten. Aber aufgrund der verheerenden Versorgung an Grundnahrungsmitteln und der Rechtlosigkeit versprachen sich zumindest die westlichen Länder in Deutschland durch den Marshallplan und durch den Anschluss an den Westen Verbesserung. Während Stalin immer noch zögerte, waren es auf Seiten der DDR die Politiker, die zur endgültigen Teilung Deutschlands drängten. Insbesondere die führenden Parteimitglieder der SED fürchteten einen gesamtdeutschen Staat, indem mit großer Wahrscheinlichkeit andere Parteien die Mehrheit bekommen hätten.12 Im Jahr 1949 wurde dann offiziell die BRD (im Mai) und DDR (im Oktober) gegründet - eine Teilung, die nicht nur durch die Besatzungsmächte, sondern insbesondere auch durch den massiven Druck deutscher Politiker hervorgerufen worden war. Um die massenhafte Abwanderung der DDR-Bürger in den Westen zu verhindern, wurde schließlich 1961 die Berliner Mauer errichtet. Offiziell geschah dies natürlich nur, um sich vor den aggressiven Anfeindungen des Westens zu schützen. Die propagierte Wiedervereinigung rückte ab diesem Zeitpunkt in weite Ferne. Kurze Zeit später wurden die BRD und DDR als eigenständige und voneinander unabhängige Staaten anerkannt.

Erst mit dem Regierungsantritt von Helmut Kohl zeichnete sich allmählich ein Wandel ab. Durch intensive Bemühungen, Kontakt mit der DDR herzustellen, gelang es ihm in Bezug auf humanitäre Belange, eine Besserung der Verhältnisse zu erreichen. Auch Michail Gorbatschow hatte schließlich enormen Anteil an dem Prozess der Wiedervereinigung.

Die Trennung Deutschlands hatte nicht nur, wie angedeutet, weitreichende politische oder wirtschaftliche Folgen, sondern beeinflusste die deutsche Bevölkerung massiv in ihrer gewohnten Lebensweise. Während der vierzigjährigen Trennung zweier deutscher Staaten wurde die Existenz eines gesamten Deutschlands immer mehr in Frage gestellt, aber nie völlig vergessen. Beide Staaten verband eine gemeinsame Sprache und Herkunft, die Vergangenheit und ihre Bewältigung damit sowie Erinnerungen an den Wiederaufbau des eigenen Landes.

Im Laufe der 50-er und 60-er Jahre, nach der Gründung der BRD und DDR, wurden die nationalen Töne zwar leiser, aber ein Großteil der Bevölkerung hoffte dennoch auf eine Wiedervereinigung13, denn oftmals waren mit der Trennung der beiden Staaten auch dramatische persönliche Schicksale verbunden.

Im Jahre 1952 versuchte Stalin eine Vereinigung der beiden deutschen Teile herbeizuführen, allerdings waren die Fronten der Siegermächte schon zu sehr verhärtet und man befürchtete ausschließlich wirtschaftliche Interessen hinter dem Bestreben Stalins. Als die DDR dann im Jahr 1974 ihre Verfassung änderte, rückte eine Annäherung der beiden Staaten in weite Ferne. Der wichtige Artikel 8 war in der neuen Verfassung entfallen; in diesem hieß es:

„'Die Deutsche Demokratische Republik und ihre Bürger erstreben ... die Überwindung der vom Imperialismus der deutschen Nationen aufgezwungenen Spaltung Deutschlands, die schrittweise Annäherung der beiden deutschen Staaten bis zu ihrer Vereinigung auf der Grundlage der Demokratie und des Sozialismus.'“14

Mit der Abgrenzungspolitik, die von Seiten führender Männer des Staates vollzogen wurde, entwickelte sich Deutschland zu einem Land mit zwei unterschiedlichen Staaten. In der BRD herrschte allmählich der Kapitalismus, der der Bevölkerung immer ein ausreichendes Angebot an Konsumgütern lieferte. Des Weiteren bezog man klare Stellung gegenüber dem Nationalismus und wandte sich der Demokratie zu.15 Obwohl es für beide Staaten zunächst wirtschaftlich bergauf ging, profitierte die BRD letztendlich langfristig gesehen von ihrem System - weg vom industriellen Sektor hin zur Dienstleistungsgesellschaft; nicht mehr die Schwerindustrie, die beispielsweise im Ruhrgebiet ansässig war, sondern die Konsumgüterindustrie mit ihren zahlreichen Zulieferfirmen in der Automobilindustrie und im Maschinenbau bestimmten das industrielle Wachstum.16 Aber auch die Bundesrepublik Deutschland hatte lange Zeit mit einer andauernden Arbeitsmarktkrise zu kämpfen.

Kulturell gesehen, profitierte die Bevölkerung von der Presse- und Meinungsfreiheit. Dabei konnten sich Redakteure wie Axel Springer, Gründer des gleichnamigen Verlags, immer wieder öffentlich für die Wiedervereinigung Deutschlands einsetzen und ihre eigenen Ansichten publizieren; auch entgegen der führenden Politikermeinungen im Westen. Im Januar 1958 reiste Springer sogar ohne politische Rückendeckung der Bundesregierung nach Moskau, um dort dem russischen Parteichef Nikita Chruschtschow seinen in fünf Phasen gegliederten Plan zur Wiedervereinigung Deutschlands vorzulegen.17

Die DDR, die aus der sowjetischen Besatzungszone hervorgegangen war, hatte anfänglich mit anderen Problemen zu kämpfen. Aufgrund politischer und wirtschaftlicher Unzufriedenheit wanderten große Teile der Bevölkerung in den Westen aus; diese Abwanderungsbewegung wurde erst 1961 mit dem Bau der Mauer gestoppt.

Wirtschaftlich war der Osten unterdessen geprägt von der sozialen Planwirtschaft. Konsumgüter wie Autos, Fernseher, Radios oder exotische Lebensmittel waren in der DDR nur schwer erhältlich. Obwohl die Deutsche Demokratische Republik zu Beginn eine gute wirtschaftliche Situation aufwies, gab es besonders gegen Ende extreme Defizite in der Haushaltskasse. Die Bundesrepublik tat unterdessen alles Mögliche, um den Konkurrenzstaat ökonomisch und auch politisch vom übrigen Europa zu distanzieren und zu verdrängen.18 Durch spätere Kredite, die seitens der BRD an die DDR verliehen wurden, machte der Osten sich immer abhängiger von seinen westlichen Nachbarn. So sehr also die Regierung in der DDR versuchte, sich vom westdeutschen Gegenstaat abzugrenzen, so sehr war sie dennoch von ihm abhängig.19

Der Bevölkerung versuchte die SED währenddessen, den perfekten Staat zu simulieren. Enteignungen des Privateigentums wurden mit dem Nutzen für das Gemeinwohl erklärt. Durch geschickte Propaganda und harsche Kritik an der, in den Augen der sozialistischen Führung übertriebenen Konsumgier, versuchte man den Westen schlecht zu machen.In der DDR führte, nach Meinung der Parteiführenden und später auch nach Meinung der Bevölkerung, der Verzicht auf ein ständiges Überangebot an Konsumgütern zu einem intensiveren Genuss des Vorhandenen.20 Auch die Förderung der Jugend, besonders im sportlichen Bereich oder in der Partei und die Schaffung von ausreichenden Arbeitsplätzen stimmten schließlich die Bevölkerung milde. „Aus der Unfreiheit resultierte tatsächlich eine Art von Geborgenheit.“21

Allmählich waren in der DDR nicht mehr die großen Weltdebatten interessant, sondern man widmete sich immer mehr den kleinen Problemen des täglichen Lebens - politische oder ideologische Grundsatzdiskussionen waren unmodern und irgendwie degoutant.22 Aufgrund dessen merkte wohl ein Großteil der Bevölkerung nicht, wie die DDR immer mehr Freiheiten des Einzelnen herabsetzte. Die Meinungs- und Pressefreiheit war beispielsweise erheblich eingeschränkt. Zeitungen und Zeitschriften aus dem Westen waren unzulässig und wurden somit der Bevölkerung auch nicht zugänglich gemacht.

Ebenso verhielt es sich mit Literatur, die nach Ansicht des Regimes systemkritisch war. Besonders im kulturellen Bereich achteten Parteifunktionäre darauf, dass Texte, die sich mit den Problemen der DDR beschäftigten, gar nicht erst erschienen. Autoren, die sich kritisch gegenüber dem Sozialismus äußerten, wurden mit Schreibverboten, Abschiebungen oder Gefängnisstrafen geahndet.

Auch für Autoren von Musiktexten galten diese Einschränkungen. Es erfolgten strenge Zensuren in Bezug auf die Songtexte der jeweiligen Bands.

Diese Ausarbeitung wird sich im Folgenden mit diesem Teil des kulturellen Lebens in der DDR auseinandersetzen. Es gab ein breit gefächertes Spektrum an verschiedenen Musikstilen in der DDR, wobei sich diese Arbeit auf Rockmusik spezialisiert. Die hauptsächliche Frage, die sich dabei stellt, ist die Untersuchung dessen, was in diesem Zusammenhang erlaubt und was verboten wurde, welche Musikgruppen von der Zensur betroffen waren und welche Auswirkungen es hatte, wenn man sich beim Musizieren nicht an die staatlichen Vorgaben hielt; ein Vergleich mit der BRD ist diesbezüglich oft unerlässlich.

Die Darstellung der Entwicklung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg und die damit verbundene Aufspaltung in zwei Staaten ist wichtig gewesen, um politische Sachverhalte der nächsten Kapitel besser erläutern und analysieren zu können. Dabei werden immer wieder Rückschlüsse auf die hier dargelegte Vorgeschichte gezogen werden müssen.

3 . Die Entwicklung der Rockmusik in beiden Teilen Deutschlands

Um eine Vorstellung davon zu gewinnen, wie sich die Rockmusik und andere Musikrichtungen in der BRD im Gegensatz zur Musik in der DDR entwickelten, soll im folgenden Kapitel eine Darstellung der Musikgeschichte, speziell der Rockmusik, im Westen erfolgen. Dieser Überblick ist deshalb notwendig, weil sich zum einen viele ostdeutsche Musikgruppen von den Bands im Westen inspirieren ließen und zum anderen, weil die Bevölkerung in der DDR musikalischen Einflüssen aus der BRD ausgesetzt war, denn nicht alle 'störenden' Einwirkungen des Nachbarstaates konnten seitens des Regimes abgewendet werden.

3.1 Entstehung und Verlauf der Rockmusik in der BRD - ein Überblick

Um den Verlauf der Rockmusik in der Bundesrepublik Deutschland bis 1990 näher zu untersuchen, wird zunächst geklärt, was unter dem Begriff Rockmusik verstanden wird, woher diese Musikrichtung stammt, aus welchen Beweggründen heraus sie entwickelt wurde und welche Dauerhaftigkeit dieser Musikstil verzeichnen konnte.

Rockmusik ist eine Bezeichnung verschiedener Musikrichtungen, die sich im Laufe der 50­er und 60-er Jahre vermischt haben; dazu zählen beispielsweise der Rock 'n' Roll, der Blues und die Beatmusik. Bereits Mitte der 50-er Jahre trat der Musikstil des Rock 'n' Roll seinen unaufhaltsamen Siegeszug in den Vereinigten Staaten und Westeuropas an.23 Obwohl man zu dieser Zeit noch nicht von einer dominierenden Musikrichtung sprechen konnte, fand diese Art von Musik immer mehr Anklang bei der jüngeren Generation. Die Älteren hingegen bezeichneten den Rock 'n' Roll als 'Radaumusik' und in der DDR- Parteizeitung 'Neues Deutschland' verpönte man diesen sogar als “'Orgie amerikanischer Unkultur“'.24 Während die Erziehungsberechtigten folgerten, der neue Musikstil würde ihre Kinder zur Gewalt animieren, äußerte sich der Widerstand der verschiedenen Regierungen darin, dass sie Auftrittsverbote aussprachen oder die Lieder aus Radio und Fernsehen verbannten.25

Der Rock 'n' Roll entwickelte sich allerdings nicht aus einer latenten Gewaltbereitschaft junger Menschen heraus, sondern war vielmehr ein Ausdruck dafür, dass man begann, sich gegen überholte Sexual- und Moralvorstellungen des konservativen Umfeldes durchzusetzen.26 Als der Musikstil Ende der 50-er Jahre für kurze Zeit an Bedeutung verlor, atmete ein Großteil der Bevölkerungen vorübergehend auf. Allerdings kehrte der Rock 'n' Roll schon 1964 zurück, um mit ganzer Kraft nicht mehr nur Ausdruck einer Rebellion gegen moralische Werte darzustellen, sondern vielmehr um sich nun auch dem gesamten gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen System zu widmen.27 Die Gesellschaft und besonders die politischen Rahmenbedingungen dürfen deshalb nicht außen vor bleiben, wenn man verschiedene Bands dieses Musikstils sowie deren Liedgut näher betrachtet.

Um 1965 entstanden nun diverse, sehr unterschiedliche Stile der Rockmusik, deren Entwicklung meistens nicht nacheinander, sondern vielmehr parallel verlief.28 Deutschland brachte zwar in den anfänglichen Bewegungen der 50-er und 60-er Jahre keine weltbekannten Musiker in diesem Bereich hervor, aber die jungen Menschen der damaligen Zeit waren für amerikanischen und britischen Rock dennoch äußerst empfänglich.29

Eine klare Abgrenzung zwischen Pop- und Rockmusik zu ziehen, gestaltet sich nicht immer als einfach, da es große Überschneidungen beider Musikstile gibt.

Während Martin Büsser Popmusik als „seichte, kommerzielle Musik“30 bezeichnet und somit die Band ABBA klar von Gruppen wie Led Zeppelin oder AC/DC abtrennt, sehen Reinhard Flender und Hermann Rauhe den Ursprung populärer Musik bereits im 18. Jahrhundert. Sie gehen dabei eher auf die Verbreitung von Musik in der Öffentlichkeit ein und nicht auf differenzierte Musikrichtungen.

Ursprünglich bedeutet der Begriff ,Pop‘ übersetzt Knall, Schuss, Sprudel oder auch Brause. Er tauchte erstmals um 1950 im Zusammenhang mit Bildender Kunst auf. Künstler wie Richard Hamilton, Robert Rauschenberg oder Jasper Johns verstanden ihre Kunst nicht mehr als eine elitäre, sondern als populäre Alltagskultur.31 Folgt man den Ansichten von Büssner, übertrug sich nun der Begriff in die Musikindustrie, wobei dieser als eine Art Überbegriff dient und all die Musikformen bezeichnet, die weder dem Bereich der klassischen und so genannten ernsten Musik (E-Musik), noch dem Jazz und dem

Schlager angehören.32 Dieser Argumentation muss jedoch widersprochen werden, wenn man die Popmusik nicht als eine Musikrichtung versteht, die sich von Punk, Rock, Schlager und Jazz unterscheidet, sondern als eine Musikkultur, die alle Unterbegriffe mit einbezieht. Auch für Matthias Fifka ist es nicht ungerechtfertigt, wenn man Rockmusik dem Oberbegriff Pop zuordnet, da „Rockmusik, die kommerziell erfolgreich ist, [...] zwangsläufig auch immer populäre Musik [ist], da sie von vielen Menschen gehört [...] wird und damit 'populär' ist.“33 Dennoch gibt es für ihn einige Merkmale, wie man Rockmusik von Popmusik unterscheidet. Zum einen erläutert er, dass Rockmusik meist aggressiver, rauher und schneller ist, im Gegensatz zur Popmusik. Des Weiteren werden E-Gitarren, Schlagzeugen und Bässen mehr Bedeutung beigemessen als im Pop. In der Popmusik hingegen trifft man einen einfacheren und harmonischeren Stil an. Die Melodie ist dabei einprägsam, das Liedgut ist oft in Strophen gefasst und man findet einen wiederkehrenden Refrain. Für Fifka dient Popmusik vorwiegend der Unterhaltung und verfolgt kommerzielle Zwecke; sie wird daher eher als eine „[...]leichte, unkritische und an ein breites Publikum gerichtete Unterhaltungsmusik verstanden.“34 Im Gegensatz dazu versuchen Rockmusiker häufig, durch kritische und aggressivere Texte ihrer Unzufriedenheit Ausdruck zu verleihen und auf Missstände verschiedenster Art hinzuweisen. Während Rockmusik der 60-er Jahre noch massiv gesellschaftliche und politische Dinge anprangerte, gab es in den 70-er Jahren bereits kommerziell orientierte Rockmusiker wie Led Zeppelin oder AC/DC, die äußerst erfolgreiche Rockmusik lieferten, die aber eher unterhaltenden Charakter hatte.35 Damit könnten auch diese Bands als populär angesehen werden und somit dem Genre der Popmusik zufallen, was jedoch jeder Rockmusikfan massiv bestreiten würde. Auch bei den Beatles und den Rolling Stones gibt es dahingehend verschiedene Abgrenzungsversuche.

Dass es schwierig ist, die unterschiedlichen Begriffe zu definieren, geht auch aus den Interviews mit Zeitzeugen hervor, welche im Rahmen dieser Arbeit geführt wurden.36 Dabei sollte jedoch nicht nur heraus gefunden werden, ob es Menschen auch ohne fundierte wissenschaftliche Ausbildung im Bereich Musik gelingt, eine Unterscheidung zwischen den einzelnen Genres zu treffen, sondern auch, welche Musikgruppen und Richtungen in der ehemaligen BRD gehört wurden, ob eine Art Fankult wahrnehmbar war und inwieweit der Einfluss von Medien auf die unterschiedlichen Bands spürbar war. Außerdem galt es zu untersuchen, ob Musik, speziell aus dem Bereich Rock, aus der ehemaligen DDR im Westen Deutschlands bekannt war und welche Unterscheidungen man gegebenenfalls treffen würde. Zusätzlich sollte festgestellt werden, ob die Befragten weiterhin die Bands aus ihrer Jugend hören und welche Veränderungen sie bis heute im Bereich Musik verspüren.

Das fragengleiche Interview wurde für die ehemalige BRD sowie für die ehemalige DDR mit je fünf unterschiedlichen Personen durchgeführt, die jeweils ihre Jugend im Westen oder Osten Deutschlands verlebt haben. Dabei wurde darauf geachtet, dass die Befragten sich zum Zeitpunkt der deutschen Teilung in einem Alter befunden haben, in dem Musik als Teil eines Lebensstils wahrgenommen werden konnte. Ebenfalls wurde darauf geachtet, dass keine fundierte Ausbildung in diesem Bereich vorhanden war, um einen individuellen Eindruck davon zu bekommen, wie Musik von Laien wahrgenommen, verstanden und empfunden wurde.

Es ging bei den Befragungen nicht darum, eine wissenschaftlich fundierte Statistik zu erstellen, sondern viel mehr darum, gewisse Ähnlichkeiten und Unterscheidungen zu finden, die allein bei der Wahrnehmung von einer kleinen Gruppe an Befragten zum Thema Rock- und Popmusik auftritt. Außerdem sollte anhand von Zeitzeugen besser herausgearbeitet werden, welche Bands Aufmerksamkeit bei jungen Menschen erregten, wie Medieneinfluss auf die Befragten wirkte und wie sie diesem selbst ausgesetzt waren und inwieweit die musikalische Prägung der Jugend bis in die Gegenwart anhält. Des Weiteren sollte festgestellt werden, welche Musikrichtungen bzw. welche Musikgruppen in den einzelnen Teilen Deutschlands gehört wurden.

In der BRD erregten zur Zeit der deutschen Teilung sehr viele verschiedene Bands die Aufmerksamkeit junger Leute. Diese waren, wie aus den Interviews hervorgeht, auch oftmals Teil verschiedener Bewegungen. Dazu zählte der New Wave, die Neue Deutsche Welle oder die Rock- und Popbewegung. Auffällig war in diesem Zusammenhang, dass die Befragten aus Westdeutschland nicht nur englische Interpreten wie die Scorpions, die Rolling Stones, ABBA, die Bees Gees, Sweet, die Beatles oder Santana aufzählten, sondern auch viele deutschsprachige Gruppen genannt wurden. Dazu zählten: die Spider Murphy Gang, Nina Hagen, Nena, Udo Lindenberg, Herbert Grönemeyer, die Fantastischen Vier oder auch die Toten Hosen.

Obwohl die Befragten verschiedene Konzerte besuchten, wie beispielsweise das von Depeche Mode am 02.05.1986, ist ihnen kein spezieller 'Fanhype' bei einer bestimmten Gruppe aufgefallen. Man sprach eher davon, sich gewissen Stilrichtungen in Kleidung und Verhalten anzupassen. Dies traf sicherlich zum einen auf die Beatles zu, die mit ihren 'Pilzfrisuren' einen neuen modischen Trend setzten, aber auch auf Bands aus der Popper­und Punkszene. Ebenso setzte man im Bereich Heavy Metal - und Rock verschiedene Trends. Dementsprechend waren auch schon vor 1990 verschiedene Merchandisingprodukte wie T-Shirts, Anhänger, Sticker etc. der einzelnen Bands erhältlich. Wie in den Interviews häufig angeführt, änderte sich das Käuferverhalten im Bereich Musik in den 90-er Jahren noch einmal drastisch. Besonders, weil man durch verschiedene Bandcastings immer mehr einen künstlich hoch gezüchteten Fankult erschuf. Dennoch kann festgehalten werden, dass dieser seine Anfänge im Bereich Merchandising schon in den späten 70-er und 80-er Jahren im Westen Deutschlands nahm. Benutzt wurde dieses Wort 'Fankult' wahrscheinlich schon zum ersten Mal mit der Entstehung der amerikanischen Filmindustrie, bei der Personen erstmalig und in Serie als ökonomische Strategie zur Produktdifferenzierung eingesetzt wurden und man hinsichtlich Filmrollen und Privatleben ein kohärentes Bild erzeugte.37 Die historische Basis dürfte diesbezüglich also schon das 19. Jahrhundert geliefert haben, indem man Theaterprotagonisten als „‘Sterne ersten Ranges‘“38 bezeichnet hatte, weil sie eine unglaubliche Stimmung beim Publikum erzeugten. Somit kann auch behauptet werden, dass man beispielsweise Richard Tauber schon als Star des 20. Jahrhunderts bezeichnen konnte.

Festzustehen scheint aber, dass ein großer Teil der jugendlichen Hörer im Westen der Republik sein Hauptaugenmerk auf das musikalische Können einer Band legte und weniger einen speziellen Fankult auslebte, wie es später bei den Backstreet Boys, Take, That, der Kelly Family oder auch bei Tokio Hotel zu verzeichnen war. Sicherlich gab es auch vor der Wiedervereinigung verschiedene Musikgruppen, die sich besonders durch ihre stellenweise hysterische, weibliche Fangemeinschaft auszeichneten (dies betraf z.B. die Beatles oder die Rolling Stones), aber von einem künstlich erschaffenen, 'hoch gepushten' Fankult kann hierbei sicher weniger die Rede sein. Vielleicht ist dies dadurch begründet, weil speziell das Medium Fernsehen sich bis zum Fall der Mauer noch in der Entwicklungsphase bezüglich dem musikalischen Genre befand. Sendungen für junge Menschen entwickelten sich auch im Westen Deutschlands relativ spät. Während man zunächst nur die ältere Generation mit musikalischen Sendungen wie beispielsweise 'der Hitparade' überzeugte, wurden Sendungen wie 'Rockpalast' oder 'Formel Eins', die speziell auf Jugendliche abzielten, erst Mitte der 70-er bzw. Ende der 80-er Jahre produziert. Obwohl es auch damals schon Musikshows, Konzerte, Interviews im Radio oder die Zeitschrift 'BRAVO' gab, werden Medien in der Musikbranche heutzutage noch ganz anders genutzt. Für eine Befragte ist Musik im 21. Jahrhundert Konsum ausgerichteter und kommerzieller. Sie sieht heute die Grenzen fließend zwischen Musik, Unterhaltung, Show und Mode. Ein weiterer Interviewteilnehmer bemerkte, dass ihm jetzt zumeist Aussagekraft und Kreativität in der Musik fehlen. Auf der anderen Seite konnten einige keinen Unterschied zwischen damals und heute ausmachen. Inwiefern sich nun Medien auf die musikalische Entwicklung in Ost und West auf die verschiedenen Bands auswirkten und inwieweit man dabei von einer Erweiterung im Musikbusiness sprechen kann, soll im Kapitel 4 noch einmal näher für beide Teile Deutschlands untersucht werden. Ob es vor 1990 existierenden, deutschen Musikgruppen gelang, trotz der Veränderungen bis heute im Geschäft zu bleiben, ist Gegenstand des 6. Kapitels.

Aus den Interviews geht zusätzlich deutlich hervor, dass die Teilnehmer, die in Westdeutschland aufgewachsen sind, stellenweise große Probleme hatten, eine Entwicklung in der Musikbranche zu erkennen. Ebenso waren fast keinerlei Kenntnisse vorhanden, wenn es um Musiker in der ehemaligen DDR ging. Die einzigen Bands, die hierbei genannt werden konnten, waren: CITY, Karat oder die Puhdys. Eine Befragte verwechselte sogar Interpreten des Westens und ordnete jene dem deutschen Ostrock zu. Ebenso schwierig empfanden die Interviewten die Frage nach einer klaren Rock­Popdifferenzierung. Wie oben bereits aufgezeigt, haben dabei jedoch auch Wissenschaftler ihre Schwierigkeiten. Überraschend war, dass es dennoch gelang, Rockmusik an sich sehr zutreffend zu beschreiben. So brachte man den Begriff in Zusammenhang mit: „Virtuosität und gesellschaftlicher Aussagekraft“, „rebellisch[er], laut[er], kritisch[er], schnelle[r] Musik“, „gitarrenlastig mit bedeutungsvollen Texten“ oder auch mit „härtere[r] Musik, [die] kritisch gegenüber sozialen und politischen Verhältnissen [ist]“.

Mit diesen Beschreibungen seitens der Interviewpartner dürfte es gelungen sein, eine zutreffende Charakterisierung der Rockmusik in Westdeutschland zu geben. Ob es dabei gravierende Unterschiede zum Ostrock gibt, wird in den folgenden Kapiteln noch zu untersuchen sein. Die Befragten aus der ehemaligen BRD vermuteten, dass der „DDR-

Rock gefühlsduseliger [war], ohne ironische Distanz“, oder dass es ihm einfach an „sozialkritischen Texten“ mangelte. Wie sich also der Ostrock entwickelte, welchen Einfluss dabei die Medien und die Partei ausübten und welche Veränderung dabei die Wiedervereinigung mit sich brachte, wird im Folgenden Gegenstand dieser Arbeit sein. Dabei wird auch immer ein Blick auf den anderen Staat geworfen, welcher nicht nur in politischen Dingen die DDR und ihren Verlauf beeinflusste. Aus diesem Grund war es von Bedeutung, in diesem Kapitel einen Überblick zu den musikalischen Verhältnissen in der BRD zu liefern.

Die fragengleichen Interviews sollen im weiteren Verlauf, zusätzlich zu dieser Darstellung, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Hörer in Ost und West aufzeigen und beweisen, dass speziell Musik ein Mittel war, welches Grenzen überwinden konnte.

Im Folgenden wird nun zunächst dargestellt werden, wie sich Rockmusik in der DDR entwickelte, um anschließend darauf eingehen zu können, welche individuellen Eindrücke Menschen aus dem östlichen Teil Deutschlands in Bezug auf Musik zur damaligen Zeit erhalten haben.

3.2 Vom Beat zum Rock - die Entwicklungen der Musik im Osten

Um die Entwicklung der Rockmusik in der Deutschen Demokratischen Republik zu untersuchen, ist es wichtig, die Vorläufer der aufkommenden Rock-Ära zu charakterisieren. Die Zeit der Beatmusik spielt dabei für den weiteren musikalischen Verlauf im Osten eine entscheidende Rolle. Um den Beat und seine Merkmale näher zu beschreiben, ist es zunächst jedoch notwendig, die Entwicklungslinien des historischen Vorfelds darzustellen.

Zu einem wichtigen Musikgenre der 50-er Jahre zählte in der DDR der Jazz. Dieser erlebte ein stetiges Auf und Ab - zwischen partieller Förderung und offizieller Ablehnung bis hin zu massiver Repression.39 Ebenso musste der Boogie Woogie, ein Tanzstil des Swings, schärfste Kritik hinnehmen. Der Vorwurf des sozialistischen Staates lautete: verstärkte Amerikanisierung in der Musik. Wie bereits oben dargestellt, wollte man sich zunehmend von dem kapitalistischen System des Westens abgrenzen. Zugespitzt wurde die Abgrenzungsdoktrin noch in der Diversionsthese, derzufolge Tanz- und

Unterhaltungsmusik zukünftig als psychologische Waffe der beiden Staaten fungieren sollte.40 Musik wurde also zunehmend zum Politikum, da man überzeugt war von der Macht der Töne. Georg Knepler, Rektor der Deutschen Hochschule für Musik in Berlin, referierte 1951 darüber bereits wie folgt:

„'Die Musik hat die Fähigkeit, das, was sie unterstreicht, sehr einleuchtend, sehr eindrucksvoll zu machen. Sie hat eine großartige Kraft, gleichsam einzuprägen, zu propagieren. Je besser sie ist, je besser sie gemacht wird, sie komponiert ist, desto besser kann sie diese schädliche Funktion ausführen.'“41

Dass die Tanzmusik zum politischen Diskussionsthema wurde, erkennt man ebenfalls an dem Informationsblatt der SED, welches 1961 von der Abteilung Agitation und Propaganda herausgegeben wurde.42 So heißt es darin beispielsweise, dass man sich von der „westlichen Lebensweise“ abgrenzen muss, die nach Meinung des SED-Politbüros die Jugendlichen „moralisch verseucht“. Aus diesem Grund muss Literatur und Musik, die das „zweifelhafte Vergnügen“ zum Thema hat, verboten werden. Auch der Rock 'n' Roll wird dabei als „heftig aufpeitschende Schlagermusik“ charakterisiert, dessen Ziel es ist, durch „sinnlose Texte [...] das menschliche Gewissen und das menschliche Verantwortungsbewußtsein abzutöten.“ Gerade dieser Musikrichtung, die sich an den Jazz und Swing anschloss, wurde extremes Gewaltpotential zugeschrieben, weshalb sie unterdrückt und verboten werden sollte. Mit der Ausbreitung des Rock 'n' Roll wurde deshalb noch einmal ein neues Kapitel in der SED-Tanzpolitik aufgeschlagen.43 Man versuchte, diese Art von Musik zu verdrängen oder zu verbieten, wie auch aus mehreren Stellen des Informationsschreibens deutlich hervorgeht. Ziel der Regierung war es, nur Musik zu erlauben, die „die Schönheiten des Lebens in beschwingter oder lyrisch besinnlicher Weise zu besingen [sic!]. Ihre Funktion ist es, in unterhaltender Form die Erkenntnis zu festigen, daß das Leben im Sozialismus schön, interessant, sinnvoll und gut ist.“ Wie hierbei schon angedeutet wird, war es das Bestreben der SED, die Amerikanisierung in der Musikbranche des Ostens zu verbannen. Wie genau der Staat dabei vorging, welche Einschränkungen es generell für die Gesellschaft gab und welche Überwachungen oder Verbote in der Musikbranche durchgeführt wurden, wird im nachfolgenden Kapitel noch näher untersucht.

Anders als beim Jazz, der oftmals nur von einer Gruppe intellektueller Jugendlicher gehört wurde, war der Rock 'n' Roll nun eine Musikrichtung der Öffentlichkeit. Lieder von Bill Haley oder Elvis Presley wurden in Bars und Tanzlokalen gespielt oder liefen in den verschiedenen Jugendclubs. Es war eine Musikbewegung geboren worden, die in beiden deutschen Staaten Erfolge feierte. Während der Protest am Rock 'n' Roll sich im Westen eher gegen den Verfall moralischer Werte der Jugend richtete (im oberen Kapitel bereits näher ausgeführt), wurde diese Musikrichtung im Osten zum Politikum. Die Attribute zur Charakterisierung des Rock 'n' Roll waren negativer nicht denkbar: „amerikanisch, dekadent, manipulativ, [...] marktstrategisch raffiniert kalkuliertes Produkt einer gigantischen industriellen Maschinerie“.44 Deren Stars wurden als „geist- und gedankenlose Marionetten“45 abgetan. Wie bereits erwähnt, schien gegen Ende der 50-er Jahre der Boom um den Rock 'n' Roll merklich abzuflauen, sehr zum Wohlwollen der Regierung im Osten. Dennoch waren aufgrund dieser Musikrichtung tanzmusikpolitische Argumentationsmuster und Strategien ausgeprägt worden, die in ihren Grundzügen und institutionellen Strukturen transformiert, länger als nur ein Jahrzehnt Bestand haben sollten.46

Mit den Beatles fiel dann der Startschuss für den Beat. Bob Dylan sagte mal: „' They were doing things nobody was doing'“.47 Der Einfluss dieser Band erstreckte sich über den gesamten westlichen Kulturkreis und wurde Bestandteil einer Jugendkultur, da die Beatles mit ihren Frisuren oder ihrer Mode Akzente und somit neue Trends setzten. Dennoch war die Musik dieser Gruppe nicht alleiniger Vorläufer des späteren DDR-Rocks. Bereits durch den Rock 'n' Roll waren künstlerische und kulturelle Eigentümlichkeiten der späteren Beatbewegung vorgezeichnet worden.48 Auch der Twist beeinflusste Anfang der 60-er Jahre diese Musik, indem diese Bewegung zum Kult wurde; nicht nur im Westen Deutschlands. Ein weiterer kurzzeitiger Trend, der aber elementar für die Entstehung des Rocks war, nannte sich Twangy Sound. Diese Musik war gekennzeichnet durch einen prägenden, mittels Echoeffekten eigentümlich schwebenden Musikvortrag, der durch die E-Gitarre charakterisiert war - dies etablierte eine neue Klangästhetik und war somit

Vorläufer der Rockmusik.49 Begründet wurde der Twangy Sound durch den amerikanischen Gitarristen Duane Eddy; globalen Erfolg damit hatte jedoch erst die britische Band 'Shadows'.50 Auch in der DDR kam diese neue Art instrumentaler Musik gut an. Es entstand in den 60-er Jahren eine Vielzahl von Bands, die sich diesem Instrumentalkonzept widmeten. Die 'Sputniks', 'The Butler' oder das 'Franke-Echo-Quintett' zählten dabei zu den frühen Gitarrenbands der DDR. Durch die Erweiterung der instrumentalen Stücke mit Liedtexten bildete sich schließlich die Rockmusik heraus. Eine klare Abgrenzung zwischen Beat,- Pop- und Rockmusik zu ziehen, ist dabei, wie bereits oben dargestellt, nicht einfach.

Die politische Offensive der sozialistischen Partei richtete sich in ihren Schreiben hauptsächlich gegen die Beatmusik, wobei allerdings der Twangy Sound und die daraus resultierende Rockmusik inbegriffen waren.51 Aus diesem Grund kam es immer wieder auch zur Vermischung der Musikrichtungen und der einzelnen Begriffe.

Wenn man überlegt, dass die Regierung des Ostens immer wieder versuchte, gegen einzelne Musikgenre vorzugehen, muss man die Frage stellen, was beispielsweise die Beatmusik auszeichnete.

Zum einen wurde bereits angesprochen, dass sich Jugendliche durch die neue Musik von der Enge, Biederkeit und strikten moralischen Vorstellungen der Erwachsenen versuchten, zu lösen. Auf der anderen Seite löste die Musik aber auch deshalb eine Faszination aus, da sie eine neue Dimension von Klang, Melodie und Rhythmus auftat. Durch die Reduzierung des Instrumentariums auf die E-Gitarre und das Schlagzeug vollzog man einen Bruch in der bisherigen harmonischen Tanzmusik. Es wurde dadurch ein ganz anderer Tanzstil entwickelt, der mit dem gewohnten Paartanz nicht immer in Einklang zu bringen war. Dadurch konnten Leidenschaften und Emotionen eines Einzelnen besser ausgedrückt werden. Der Schauspieler und Musiker Dieter Franke erkannte damals die neuen Möglichkeiten des eigenen Ausdrucks und beschrieb die Musikbewegung wie folgt:

„'Ich hatte das Gefühl, daß mit unserer Musik ein Ventil geöffnet wurde. Da brach etwas auf, was man vielleicht als eine Art 'Knast-Syndrom' bezeichnen könnte. Emotionen, die normalerweise 'in Ketten gelegt' waren, wurden entfesselt.'“52

Auch wenn sich die politische Regierung im Osten noch so sehr bemühte, diese Bewegung aufzuhalten, so gelang es ihr am Ende nicht, da verschiedene Tanzveranstaltungen, Kulturhäuser und Gaststätten sowie Privathäuser schon völlig von der neuen Musik erschlossen worden waren. Da man die Entwicklungen nicht stoppen konnte, änderte das SED-Politbüro seinen Kurs und versuchte, den Beat und die Rockmusik im Land zu fördern. Der Zentralrat der FDJ kam aus diesem Grunde zu einem für die Musikbewegung einschneidenden Urteil:

„'In seinem Ursprung ist deshalb der Gitarren-Sound [sic!] eine progressive Erscheinung der Tanzentwicklung [...] Inhalt und Form des Gitarrenensemblespiels sind für die Tanzmusik in unserer Republik eine Bereicherung.'“53

Diese Meinung änderte man Ende der 60-er Jahre zwar erst einmal wieder, nachdem es im Westen zu erheblichen Ausschreitungen bei Konzerten der Rolling Stones und anderen gekommen war. Zunächst förderte man aber die Beatbewegung, indem man Gitarrenwettbewerbe in der DDR veranstaltete, Künstlern Auftritte bei Tanzveranstaltungen und in Unterhaltungsprogrammen ermöglichte, oder ihnen Plattenverträge beim ostdeutschen Plattenlabel 'Amiga' verschaffte. Dadurch versuchte man, die verschiedenen Bands nicht nur aufzubauen, sondern auch zu steuern. Welche nationalen Gruppen angesagt waren, bestimmte durch die Förderung im gewissen Maße auch die Partei.

Der Erfolg einer Band hing aber zusätzlich davon ab, inwieweit es ihr auch technisch gelang, die mit hohem Studioaufwand produzierten Lieder auch live zu präsentieren. Die Musikinstrumentenbranche der DDR war mit den plötzlich internationalen Bewegungen und den daraus resultierenden nationalen Entwicklungen in der Musikbranche völlig überfordert.54 Aus diesem Grund waren die Gruppen der DDR oftmals auf ihre technische Selbsthilfe angewiesen. So baute man sich eigenhändig verschiedene Geräte und Anlagen. Handwerkliche und technische Begabung war dabei natürlich unbedingte Voraussetzung. Schaut man sich Besetzungslisten früherer DDR - Beatcombos näher an, so stellt man fest, dass diese teilweise mit Elektrikern oder Rundfunk- und Fernsehmechanikern besetzt waren.55 Man wollte auf jeden Fall mit den Bands aus dem Westen mithalten können, denn die Überlebensfähigkeit der einzelnen Gruppen hing immer stärker auch von ihrer technischen Begabung ab. Mit schmalsten finanziellen Mitteln versuchte man dabei, das Maximale an Potential heraus zu holen. Dabei hatte sich in der DDR ein Schwarzmarkt entwickelt, der die begehrten Geräte zu horrenden Preisen anbot. Die finanziellen Ausgaben einer DDR-Band überstiegen oftmals die übliche Einnahmen um ein Vielfaches.56 Die 'Butlers' besaßen beispielsweise 1965 bereits eine Anlage mit einem Wert zwischen 15.000-20.000 Mark - mit derartigen Aufwendungen konnten sich junge Künstler auch schnell in die Schuldenfalle hinein begeben, nur weil sie ihren vermeintlichen Traum verwirklichen wollten.57

Ein weiteres Sprungbrett zum Erfolg konnten die Medien darstellen. Wer in klassischen Posen mit einem Gewinnerlächeln in Zeitschriften vertreten war, hatte es geschafft. Ebenso diejenigen, deren Lieder im Radio gespielt wurden, oder die die Auftritte in den zahlreichen Unterhaltungs- und Tanzshows der DDR bekamen. Wie der Osten Deutschlands dabei im einzelnen Künstler in den Medien darstellte, sie förderte oder eben nicht und welche Kontrolle seitens Rundfunk, Zeitschrift oder Fernsehen ausging, soll in Kapitel 4 ausführlich erläutert werden.

Obwohl viele Gruppen der DDR, zum Beispiel 'The Strangers', 'The Twens', 'The Black Devils' oder auch das 'Diana-Show-Quartett', eindeutig der Beat- oder Rockbewegung angehörten, waren sie bei öffentlichen Tanzveranstaltungen dennoch dazu angehalten, auch Lieder aus den Bereichen: Schlager, Traditionelles oder Blues zu spielen.58 Trotzdem mangelte es den beliebten Bands nicht an Aufträgen. Im Gegenteil: ausverkaufte Säle, Freiluftveranstaltungen oder Medienauftritte standen bei vielen genannten Rockgruppen der DDR auf der Tagesordnung. Aber auch andere Musikrichtungen hatten im Osten großen Erfolg, dazu zählten vor allem Musiker aus dem Bereich des Schlagers, die durch Willi Brandes, Ralf Bursey oder Peter Kraus vertreten wurden. Leichte Unterhaltungsmusik von Frank Schöbel oder Helga Brauer war besonders bei der älteren Generation beliebt. Neben den aufgezählten Interpreten gelten des Weiteren jazzorientierte Big-Bands als Pendant zur Beat- und Rockmusik.

Am Ende kann festgehalten werden, dass der Jazz, Twist, Swing, der Rock 'n' Roll, der Twangy Sound und die Beatbewegungen vorwiegend musikalische Erscheinungen aus den Vereinigten Staaten sowie des United Kingdom waren. Diese beeinflussten dabei nicht nur das westliche Europa, sondern auch den Osten Deutschlands. Der Grund der neuen Musikentwicklungen ist dabei ursprünglich in einer jugendlichen Protestaktion zu sehen, welche sich gegen die damaligen ethischen Vorstellungen und soziologischen Umstände wehrte.59 Der harte Widerstand der Erwachsenen auf der einen Seite und die enthusiastische Aufnahme der neuen Musik durch die Jugend markiert, wie tief die ästhetisch-ideologischen Trennungslinien zur damaligen Zeit waren.60 Hinzu kam im Osten Deutschlands der Versuch, die neuen Musikbewegungen gänzlich zu verdammen, was nicht gelang. Der Jazz, der Swing und der Twist waren Vorläufer der Beatbewegung, die schließlich im Twangy Sound und den damit verstärkten instrumentalen Musikstücken mündete und somit die Rockmusik begründete.

Wie bereits in Kapitel 3.1 wurden nun auch zum Thema 'Musik in der DDR' Menschen aus Ostdeutschland in einem Interview befragt, an welche Bands sie sich erinnern, welchen Medieneinfluss sie zur damaligen Zeit in Bezug auf Musik verspürten, welche Künstlergruppen des Westens gehört wurden und welche Veränderungen nach dem Mauerfall ihrer Meinung nach im Musikbusiness zu verzeichnen waren. Wie im Vorangegangenen bereits dargelegt, sollte hierbei keine wissenschaftliche, fundierte Statistik erhoben werden, sondern lediglich ein Überblick über die individuellen Eindrücke einer kleinen Anzahl an Menschen erfolgen, die zur damaligen Zeit in der DDR lebten und Musik als einen kulturellen Bestandteil ihres Lebens ansahen.

Nicht verwunderlich ist also, dass Bewohner der Deutschen Demokratischen Republik auf die Frage nach Musikgruppen des Ostens nicht nur die Puhdys, Karat oder CITY aufzählten, sondern zahlreiche andere Bands im östlichen Teil Deutschlands bekannt waren. Dazu zählten, wie aus den Interviews hervorgeht: die Stern Combo Meißen, die Gruppe Elefant oder Kreis, Silly, Karussell, Lift, Elektra oder Bayon. Die ältere Generation nannte zusätzlich noch Frank Schöbel, das Orchester um Günther Fischer oder die Theo- Schumann Combo. Neben den aufgezählten Künstlern waren noch Schlager rund um Fred Frohberg oder Irma Balfuß angesagt sowie allgemein Musik aus der Richtung Pop oder Rock. Dazu kam Film- oder Jazzmusik oder auch die Klassik. Auffällig ist hierbei, dass die beiden letztgenannten Musikrichtungen von keinem Interviewteilnehmer der BRD erwähnt wurden. Ein Grund dafür könnte sein, dass man den Jazz, wie bereits oben erwähnt, in der DDR mehr förderte. Ein Befragter erinnerte sich, dass es seit den 60-er Jahren in Dresden ein alljährliches Jazzfestival gibt, das bis heute Bestand hat. Ebenso wurde angeführt, dass klassische Musik im Osten Deutschlands mehr „gepflegt“ wurde.

Inwieweit dies zutreffend ist, kann nicht sicher eingeschätzt werden. Auffällig ist jedoch, dass zwei Interviewte bis heute fasziniert von klassischer Musik sind und diese auch in ihrer Jugend hörten, während kein Befragter des Westens diese Musikrichtung als wichtig genug empfand, um es zu erwähnen.

Zusätzlich zum Genannten gab jeder an, Musik und TV-Sendungen gehört oder gesehen zu haben. Erwähnung fanden hier, wie bereits bei den Teilnehmern des Westens: ABBA, die Rolling Stones, die Beatles, die Bee Gees oder Depeche Mode. Schallplatten dieser Bands zu erhalten, war jedoch sehr schwierig, weshalb ausschließlich die Westmedien genutzt werden konnten, um Musik aus westlichen Ländern zu hören und in ihrer Entwicklung zu verfolgen. Auffällig war in diesem Zusammenhang, dass bis auf eine Ausnahme (genannt: Modern Talking und Rammstein) kein Interviewpartner des ehemaligen Ostens deutschsprachige Künstler aus dem Westen nannte, obwohl diese sicherlich ebenso bekannt gewesen sind. Vermutlich waren einfach die amerikanischen und englischen Einflüsse, wie mit dem Rock 'n' Roll und der Beatmusik bereits dargestellt, prägender für die ostdeutsche Jugend. Vielleicht wirkte auch die fremde Sprache besser auf junge Menschen als die immerzu deutschsprachig produzierten Liedtexte des eigenen Landes. Deutschen Rock gab es auf jeden Fall und zwar schon ab Ende der 60-er Jahre. Gruppen wie Kraftwerk schafften mit den Titeln 'Autobahn' oder 'Roboter' den Durchbruch.61 In den ersten Jahren schrieben Deutschrocker wie Herbert Grönemeyer, Marius Müller Westernhagen oder auch Udo Lindenberg noch vorwiegend deutsche Liedtexte, die sehr stark sozialkritisch und politisch motiviert waren.62 Wie bereits aus den Interviews der BRD- Bürger hervorgegangen, waren die Spider Murphey Gang oder BAP ebenfalls sehr erfolgreich im deutschen Rockgeschäft. Peter Maffay hingegen rückte mit seinen Rockballaden schon mehr in Richtung Schlager ab und Nina Hagen läutete mit ihrem Song 'Du hast den Farbfilm vergessen' die Neue Deutsche Welle ein.63 Ihr folgten Künstler wie Nena, Rio Reißer, die Gruppe Extrabreit oder Trio. Ab den 70-er Jahren schrieben die Musiker des Westens dann vorwiegend englische Songtexte, um international bekannter zu werden.64

Zum Thema Fankult in der DDR ist festzuhalten, dass dieser im Osten zwar vorhanden gewesen sein muss, allerdings gaben vier von fünf Personen an, sich an diesem nicht beteiligt zu haben. Im Gegensatz zu den anderen Befragten erwähnte niemand in diesem Zusammenhang gewisse Bewegungen wie beispielsweise den New Wave. Es schien sich also beim Thema Fankult im Osten wirklich um die Verehrung der einzelnen Künstler zu handeln und weniger um die Nacheiferung ihrer Stile und ihrer Mode. Eine Interviewpartnerin äußerte, „verliebt [gewesen zu sein] in den Sänger der Stern Meißen“. Außerdem bezeichnete sie sich als „Fan von Ralf 'Bummi' Bursy“. Dieses Fan-Dasein scheint man eher in Zusammenhang bringen zu können mit dem Fankult der heutigen Zeit. Dabei sieht es weniger so aus, als hätte man sich im Osten an Stilbewegungen beteiligt. Dass die Industrie heutzutage geschickt beides zu verbinden weiß, wird im letzten Kapitel dieser Arbeit noch näher dargestellt.

Wenn man also für die DDR davon ausgeht, dass es einen Fankult gegeben hat, wenn auch sicherlich in einer anderen Art und Weise praktiziert wie im 21. Jahrhundert, so stellt sich die Frage, welche Mittel die Musiker des Ostens nutzten, um sich in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Wie aus den Interviews hervorgeht, gab es zahlreiche Konzerte der einzelnen Bands, wie beispielsweise das Middle of the Road Konzert, das ein Teilnehmer im Jahr 1973 besuchte. Um bekannt zu werden, nutzten die unterschiedlichen Musikgruppen auch die verschiedenen Stadtfeste, die sich heute noch großer Beliebtheit erfreuen und meist einmal jährlich durchgeführt werden. Zusätzlich buchte man Künstler aus der Musikbranche für Jubiläumsveranstaltungen von Betrieben oder Vereinen. Wer jedoch richtig 'durchstarten' wollte, musste die Medien für sich nutzen. Wie später noch ausführlich dargelegt wird, gab es auch in der DDR verschiedene musikalische Fernsehdarbietungen, zu denen Sendungen wie 'Kessel Buntes', 'Bong' oder 'Heinz Quermann' gehörten. „Als Ersatz für West-Musik wurde Ostrock sehr stark über die DDR- Medien, insbesondere Radio als Freizeitbegleiter präsentiert“, gab ein Interviewter an. Inwieweit dies zutraf, wird im Kapitel 'Die Medien - Rundfunk und Fernsehen in der DDR' näher geklärt werden.

Im Gegensatz zu den Interviewpartnern des Westens gelang es denen aus dem Osten eher, eine Abgrenzung zwischen Rock-und Popmusik zu ziehen. So wurde Pop oft als „gemäßigte, gefällige und moderne Unterhaltungsmusik“ bezeichnet, Rock hingegen als „laut und elektronisch“. Hinzu kommt beim Rock die starke instrumentale Prägung durch Gitarren, Schlagzeug und Keyboards. Ein Befragter definierte Rockmusik zusätzlich als „freier, direkter, rauer, Grenzen testend und entspricht damit dem Charakter eines Teils der

[...]


1 Bender, Peter: Zweimal Deutschland. Eine ungeteilte Nachkriegsgeschichte 1945-1990, Stuttgart, 2009, S.9.

2 Ebd..

3 Ebd..

4 Ebd..

5 Ebd., S.37.

6 Ebd., S.24.

7 Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.): Vorgeschichte und Entstehung der DDR. Der Anfang vom Ende, Bonn, 31989, S.19.

8 Ebd..

9 Ebd, S.22.

10 Ebd..

11 Bender, Peter: Zweimal Deutschland, S.37.

12 Ebd., S.38.

13 Wolle Stefan: Die DDR in der deutschen Geschichte In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, Heft 7/8, 1999, 396-412.

14 Ebd., S. 396-412.

15 Möller, Frank und Mählert, Ulrich: Abgrenzung und Verflechtung. Das geteilte Deutschland in der zeithistorischen Debatte, Berlin, 2008, S.20.

16 Ebd., S.60.

17 Springer, Axel: Wiedervereinigungsplan in fünf Phasen. In: Döpfner, Mathias (Hrsg.): Axel Springer. Neue Blicke auf den Verleger, Berlin, 2005, S.179-181.

18 Bender, Peter: Zweimal Deutschland, S.57.

19 Ebd., S.59.

20 Wolle, Stefan: Die DDR in der deutschen Geschichte, S.396-412.

21 Ebd..

22 Ebd..

23 Fifka, Matthias S.: Von der jugendlichen Rebellion zum Protest einer Generation. Rockmusik in den 50er und 60-er Jahren, Baden-Baden, 2007, S.11.

24 Ebd..

25 Ebd., S.11-12.

26 Ebd., S.12.

27 Ebd..

28 Ebd., S.14.

29 Ebd..

30 Büsser, Martin: Popmusik, hrsg. von Martin Hoffmann, Hamburg, 2000, S.8.

31 Ebd..

32 Ebd., S.8.

33 Fifka, Matthias S.: Rockmusik in den 50-er und 60-er Jahren, S.19.

34 Ebd., S.18.

35 Ebd., S.19.

36 Die geführten Interviews befinden sich im Anhang 1 dieser Arbeit. Dem zugrunde liegend werden im Folgenden verschiedene Aussagen über die Musik des Westens und des Ostens getroffen. Dabei werden vereinzelte Phrasen sinngemäß wiedergegeben. Bei wörtlicher Wiedergabe wird dies mit Anführungszeichen verdeutlicht.

37 Borgstedt, Silke: Der Musik - Star. Vergleichende Imageanalysen von Alfred Brendel, Stefanie Hertel und Robbie Williams, hrsg. von Thomas Phleps und Helmet Rösing, Bielefeld, 2008, S.15.

38 Ebd.

39 Rauhut, Michael: Beat in der Grauzone. DDR-Rock 1964 bis 1972 - Politik und Alltag, Berlin, 1993, S.20.

40 Ebd..

41 Ebd..

42 Anmerkung: Das Informationsmaterial über NATO-Politik und Tanzmusik ist im Anhang 2 dargestellt. Die nachfolgenden Zitate sind dieser Textgrundlage entnommen und werden im Anhang zitiert.

43 Rauhut, Michael: Beat in der Grauzone, S.27.

44 Ebd., S.30.

45 Ebd..

46 Ebd., S.33.

47 Fifka, Matthias S.: Rockmusik in den 50er und 60er Jahren, S.77.

48 Rauhut, Michael: Beat in der Grauzone, S.49.

49 Ebd..

50 Ebd..

51 Staib, Klaus: Rockmusik und die 68er-Bewegung. Eine historisch-musikwissenschaftliche Analyse (= Schriften zur Kulturgeschichte, Bd.14), Hamburg, 2009, S.217.

52 Rauhut, Michael: Beat in der Grauzone, S.103.

53 Ebd., S.66.

54 Ebd., S.54.

55 Ebd., S.54.

56 Ebd., S.54.

57 Ebd., S.54.

58 Ebd., S.54.

59 Jerrentrup, Ansgar: Entwicklungen der Rockmusik von den Anfängen bis zum Beat, hrsg. von Heinrich Hüschen (= Kölner Beiträge zur Musikforschung, Bd. 113), Regensburg, 1981, S.45.

60 Ebd., S.47.

61 Lindner, Bernd: Rock und Revolte. Ein Rhythmus verändert die Welt. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Rock. Jugend und Musik in Deutschland, Berlin, 2005, S.12-24.

62 Rauhut, Michael: Am Fenster. Rockmusik und Jugendkultur in der DDR.In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Rock. Jugend und Musik in Deutschland, Berlin, 2005, S.70-78.

63 Stark, Jürgen: Tief im Westen. Vom Krautrock bis zur Neuen Deutschen Welle. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Rock. Jugend und Musik in Deutschland, Berlin, 2005, S.62-70.

64 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 113 Seiten

Details

Titel
Ostrock in der DDR. Zwischen Verbot und Legalisierung
Untertitel
Wie konnte sich der Ostrock in der DDR entwickeln und welche Spuren hinterließ dieser auf die Gegenwart?
Hochschule
Universität Stuttgart
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
113
Katalognummer
V1189818
ISBN (Buch)
9783346623232
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Musikbranche, Musik, Ostrock, Rockmusik, Verbot, Zensur, Legalisierung, Staatssicherheit, deutsche Teilung, Pudhys
Arbeit zitieren
Sue Lorenz (Autor:in), 2012, Ostrock in der DDR. Zwischen Verbot und Legalisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1189818

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