Das Verhältnis von Körper und Geist. Wie entwickelte sich das Leib-Seele-Problem von Aristoteles über Descartes?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2021

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Leib-Seele-Problem

3. Das dualistische Verhältnis von Leib und Seele nach René Descartes
3.1 Das erkenntnistheoretischeProblem
3.2 Die zwei verschiedenen Substanzen „res cogitans“ und„res extensa“
3.3 Die kausale Verbindung der zwei Substanzen „res cogitans“ und „res extensa“
3.4 Die Problematik des interaktionistischen Dualismus nach Descartes

4. Der aristotelische Hylemorphismus als Gegenpol zu dem cartesischen Dualismus
4.1 Die Seele als das Prinzip des Lebens
4.2 Das Verhältnis von Körper und Seele nach dem aristotelischen Hylemorphismus
4.3 DieAusnahme des aristotelischen Hylemorphismus

5. Ein Vergleich der zwei verschiedenen Perspektiven

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wir erröten, wenn wir uns schämen. Unser Blutdruck steigt, wenn wir zornig sind. Die Einnahme von Drogen ruft bestimmte Erlebnisse hervor und Hirnverletzungen können zu kognitiven Ausfällen führen. Diese Phänomene zeigen, dass der Körper und unser Geist/unsere Seele in einem bestimmten Verhältnis zu einander stehen müssen.

Gegenstand dieser Hausarbeit ist es, sich mit diesem Verhältnis von Körper und Geist auseinanderzusetzen. Die zentrale Frage des Leib-Seele-Problems, wie sich mentale Zustände zu den physischen Zuständen verhalten, ist bis heute eine sehr umstrittene Frage der Philosophie des Geistes. Das Ziel dieser Arbeit ist es aufzuweisen wie aus der Frage, nach der Beziehung zwischen Körper und Geist, das Leib-Seele-Problem resultierte. Hierzu wird in Kapitel 2 zunächst einmal das Leib-Seele-Problem dargestellt. Das 3. Kapitel soll verdeutlichen, dass die erste klassische Formulierung des Leib-Seele-Problems ihren Ursprung bei dem französischen Philosophen René Descartes findet. Um dies aufzuweisen wird das Kapitel 3.1 bei der erkenntnistheoretischen Problematik ansetzen, aus welchem resultierte, dass Descartes sich für die Existenz einer geistigen Substanz, die differenziert von der des Körpers zu betrachten gilt, positioniert. Die zwei verschiedenen Substanzen „res cogitans“ und „res extensa“ sollen in dem Kapitel 3.2 genauer beleuchtet werden. Descartes Annahme einer kausalen Interaktion dieser beiden Substanzen soll der Kern des darauffolgenden Kapitels 3.3 werden. Das letzte Kapitel zu Descartes wird sich schließlich mit den daraus resultierenden Problemen auseinandersetzen. Das Nachdenken über den Zusammenhang von Körper und Geist geht dennoch bis in die Antike zurück. Bereits Aristoteles beschäftigte sich mit dieser Fragestellung, allerdings musste er sich mit seiner Seelenlehre nie den Problematiken stellen, wie es beispielsweise Descartes als Vertreter des Dualismus musste. Dies soll das 4. Kapitel verdeutlichen, indem zunächst die aristotelische Seelenlehre dargestellt und auf seine Konzeption des Hylemorphismus eingegangen wird. Im Nächsten Schritt soll das Verhältnis von Körper und Geist nach Aristoteles erläutert und schließlich auf eine Ausnahme des Hylemorphismus eingegangen werden. Die theoretischen Überlegungen zu dem cartesischen Dualismus, sowie zu dem aristotelischen Hylemorphismus werden anschließend im 5. Kapitel zusammengeführt. Hier sollen beide Perspektiven nochmals gegenübergestellt und die gravierenden Unterschiede zusammenfassend betont werden. Zum Schluss werden die zentralen Punkte dieser Arbeit komprimiert und eine prägnante Antwort auf die zugrunde liegende Frage der Arbeit formuliert.

2. Das Leib-Seele-Problem

Bevor dieses Kapitel das Leib-Seele-Problem darstellt, möchte ich im Voraus auf die Begriffe „Leib“ und „Seele“ eingehen, um Missverständnisse zu vermeiden. Heute ist, aus zweierlei Gründen, der Ausdruck „Körper-Geist“ dem der „Leib-Seele“ vorzuziehen. Einerseits ist der Ausdruck „Leib“ in der Alltags- und Fachsprache mit Konnotationen verbunden, die zu Missverständnissen führen könnten. Andererseits wird in der deutschen Sprache oftmals zwischen Seele und Geist unterschieden. Während der Bereich des rationalen Überlegens und Handelns dem Geist zugeordnet wird, kommt der Seele der Bereich der Gefühle und Intuitionen zu. Aufgrund dessen wird ein Begriff benötigt, der beide umfasst, wie etwa das englische Wort „mind“. Aufgrund dessen, dass das Wort „mind“ im deutschen mit „Geist“ übersetzt wird, gilt dieserAusdruckvorzuziehen (vgl. Beckermann 1999: 766a).

Das Leib-Seele-/Körper-Geist-Problem ergibt sich aus der Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem Körper und dem Geist eines Lebewesens.

Aristoteles Hylemorphismus besagt, dass die Form/der Geist in die Materie/den Körper eingeht und es sich dabei nur um zwei verschiedene Prinzipien derselben Substanz handelt. Zu dieser Zeit existierte noch kein Dualismus und auch das Leib-Seele-Problem gab es nicht. Bis in die Antike dominierte diese Vorstellung des Zusammenspiels von Körper und Geist. Später aber passte diese Vorstellung nicht mehr mit dem vorherrschenden Weltbild zusammen. Descartes, wessen vorrangiges Motiv es war die Überlegenheit des mathematisch-physikalischen Weltbildes gegenüber Aristoteles zu begründen, hat die Selbstverständlichkeit des Zusammenhangs zwischen Körper und Geist aufgebrochen (vgl. Rorty 1987: 73).

Unsere Welt kann als ein komplexes physikalisches System betrachtet werden, dessen Grundstrukturen von der Physik und den Naturwissenschaften beschrieben werden. Aber welcher Ort und welche Bedeutung kommt dem Geist in diesem System zu? Unterscheidet sich das Geistige grundsätzlich vom Physischen und ist somit etwas Eigenständiges? Descartes zufolge werden alle Bewusstseinsvorgänge, wie zum Beispiel Gefühle oder Vorstellungen, und alle intentionalen Einstellungen, beispielsweise Absichten und Überzeugungen, dem Bereich des Geistigen zugeordnet. Dem gegenüber steht die körperliche Seite eine kausal

geschlossene, in der Sprache der Physik vollständig beschreibbare Welt raumzeitlich ausgedehnter Gegenstände.“ (Metzler Lexikon Philosophie). Geistige Vorgänge sind Descartes zufolge also nicht physisch/materiell, woraus das Leib-Seele-Problem resultiert. Den Erhaltungsgesätzen der Physik zufolge könne nämlich nur Physisches auf Physisches einwirken. Wie aber können dann geistige Zustände eine kausale Rolle in körperlichen Vorgängen spielen?

Problematisch wurde die Fragestellung nach dem Verhältnis zwischen Körper und Geist also erst durch die Zuspitzung des französischen Philosophen René Descartes (vgl. ebd.).

3. Das dualistische Verhältnis von Leib und Seele nach René Descartes

Descartes vertritt einen interaktionistischen Dualismus, indem er geistige und körperliche Eigenschaften zwei unterschiedlichen Substanzen zuordnet, die allerdings kausal aufeinander Einfluss nehmen.

Der französische Philosoph kann als ein notorischer Zweifler bezeichnet werden, der analytisch alles infrage stellte, was sich auch nur anzweifeln ließ. „Unbezweifelbarkeit“ war jetzt das Resultat dernichtverworrenen Erkenntnis, die man im Durchgang durch den Prozess der Analysis erwarb.“ (Rorty 1987: 73) und das war für Descartes nur das, was im Inneren zu finden sei. Was ohne Zweifel blieb, war also der Zweifel selbst und das Denken. Demzufolge ist die Substanz der Seele als Immaterielle Ideenwelt unabhängig von der Substanz des Körperlichen, welche als Materie den Naturgesetzen folgt.

Die nächsten Kapitel sollen genauer beleuchten, wie Descartes über seine Erkenntnistheorie zu der Frage nach dem Verhältnis von Körper und Geist gelangte, wie er dadurch zu dem Vater des Leib-Seele-Problems wurde und wie er auf diese Weise bis heute unser Denken über Körper und Geist prägt.

3.1 Das erkenntnistheoretische Problem

Die Erkenntnisphilosophie beschäftigt sich mit der Frage nach den Bedingungen eines begründeten Wissens. Hier setzt die philosophische Skepsis an, worunter sich Zweifelsgründe/radikale Zweifel verstehen lassen, welche problematisieren. Hieraus kristallisiert sich die Frage, ob wir überhaupt etwas wissen können.

Nachdem das Agrippa-Trilemma die Erkenntnis hervorbrachte, man könne nie etwas endgültig wissen, setzte hier einige Zeit später die cartesische Skepsis an, denn Descartes will die letzte Begründung finden, um so eine Grundlage für das Wissen schaffen zu können. Descartes methodische Skepsis will alles in Zweifel ziehen, was sich bezweifeln lässt, um so das Gewisse zu finden, das sich nicht mehr bezweifeln lässt. Ihm zufolge lasse sich alles bezweifeln, wofür man Zweifelsgründe finden kann.

Infolgedessen nennt Descartes 3 Kategorien von Inhalten, die bezweifelbar sind. Der erste Zweifel bezieht sich auf die Zuverlässigkeit der Sinne, da sie uns täuschen können. Descartes argumentiert: „[ajlles nämlich, was ich bis heute als ganz wahr gelten ließ, empfing ich von den Sinnen, diese aber habe ich bisweilen auf Täuschung ertappt, und es ist eine Klugheitsregel, niemals denen volles Vertrauen zu schenken, die uns auch nur ein einziges Mal getäuscht haben.“ (Descartes 2008: 65).

Auch die Seinsebene, also die Realität der Außenwelt kann angezweifelt werden. Wenn unsere Sinne uns täuschen können, könnte man ein Erlebnis für wahr halten, welches man in Wirklichkeit träumt. Woher wissen wir also genau, dass das gerade kein Traum ist? Descartes stellt fest dass nie durch sichere Merkmale der Schlaf vom Wachen unterschieden werden kann“ (ebd.: 67).

Die dritte Kategorie zweifelt die Zuverlässigkeit abstrakter, ewiger Wahrheiten an. So könne auch unsere Vernunft keine sichere Erkenntnisquelle sein. Wir glauben, dass zwei plus zwei vier ergibt, aber vielleicht gibt es einen Täuschergott oder einen bösen Dämon, der uns täuscht und uns die Dinge falsch in die Köpfe setzt (vgl. ebd.: 71). Demzufolge gäbe es weder Verlass auf die Sinneseindrücke, noch auf die Vernunft. Die Frage, die hieraus resultiert ist, ob es etwas gibt, das man nicht anzweifeln kann. Descartes meint, etwas gefunden zu haben: „Nachdem ich so alles genug und übergenug erwogen habe, muss ich schließlich festhalten, dass der Satz ,ich bin, ich existiere[4] sooft ich ihn ausspreche oder im Geist auffasse notwendig wahr sei.“ (ebd.: 79). Der cartesischen Skepsis zufolge kann das denkende Ich nicht angezweifelt werden. Es lasse sich nicht anzweifeln, dass man zweifelt - so das epistemische Element - ich denke, also bin ich. Wenn man nicht existieren würde, so wäre man auch nicht in der Lage zu denken oder zu zweifeln. Die Garantie einer jeden Existenz ist demnach zu erkennen, dass man existiert, denn die Tatsache des existierenden denkenden Wesens ist nicht anzweifelbar. Schlussfolgernd bedeutet das, dass ich als Mensch ein Wesen mit Bewusstsein bin und somit meine Urteile über private Bewusstseinszustände, wie beispielsweise „ich habe Kopfschmerzen“, wahr sind. Der Schluss „ich denke, also bin ich“ impliziert, dass sich Descartes seiner Existenz nur als „denkendes Subjekt“ gewiss ist. Alles Physische und Materielle ist anzweifelbar und muss demnach erst bewiesen werden (vgl. ebd.) Die Gewissheit des denkenden Subjekts und die Anzweifelbarkeit aller körperlichen Eigenschaften verweist bereits auf die dualistischen Züge des Philosophen René Descartes, der die Annahme vertritt, dass das denkende Ich unabhängig von dem Körper gedacht werden kann und somit für sich alleine steht. Demnach seien Körper und Seele zwei verschiedene Substanzen (vgl. Jedan 2000: 74f.).

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Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das Verhältnis von Körper und Geist. Wie entwickelte sich das Leib-Seele-Problem von Aristoteles über Descartes?
Hochschule
Universität Potsdam
Veranstaltung
theoretische Philosophie
Note
1,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
19
Katalognummer
V1189933
ISBN (Buch)
9783346628602
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Körper, Geist, Leib-Seele-Problem, René Descartes, Aristoteles, Dualismus, Hylemorphismus, res cogitans, res extensa, Vergleich
Arbeit zitieren
Sophie-Louise Wagner (Autor:in), 2021, Das Verhältnis von Körper und Geist. Wie entwickelte sich das Leib-Seele-Problem von Aristoteles über Descartes?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1189933

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