Diese studentische Hausarbeit wurde mit 1,0 bewertet und befasst sich mit Heinrich von Kleists Novelle "Die Marquise von O." und dem darin suggerierten Frauenbild. Dieses wird in ein Verhältnis gesetzt mit den Ansichten von Kleist und seinen Zeitgenossen um 1800, wie etwa Rousseau. Die Figur der Marquise wird anhand der drei weiblichen Rollen, die sie in der Novelle einnimmt, charakterisiert. Außerdem werden ihr Verhalten, ihre Körpersprache und ihre Wortwahl analysiert. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen werden mit dem Frauenideal von Kleist und seinen Zeitgenossen vergleichen. Die Arbeit enthält ein vollständiges und umfangreiches Quellenverzeichnis.
Das Thema Frauenbilder und Emanzipation beschäftigt mich persönlich schon lange. So war ich in unserem Kleist-Seminar überaus fasziniert von der Darstellung der weiblichen Protagonistinnen und deren Einordnung in die fiktive Gesellschaft und die zwischenmenschlichen Beziehungen in Heinrich von Kleists Werken. Bei der weiteren Recherche für diese Arbeit erstaunte mich, dass Kleist vor allem tapfere und starke Frauencharaktere geschaffen hatte, da er selbst, wie man etwa an seinen Briefen an seine Verlobte Wilhelmine von Zenge festmachen kann, in der realen Welt eine eher zeittypische, chauvinistische Einstellung zu dem Thema hatte. Käthchen "Feuerprobe", der Sieg Penthesileas über Achilles oder die tödlich endende Mission Lisbeths beim Kurfürsten im Kohlhaas konterkarieren das traditionelle Rollenverständnis der damaligen Zeit.
Inwiefern Kleist das Verhältnis der Geschlechter in seinen Werken verändert, möchte ich in dieser Arbeit vor allem unter Zuhilfenahme der Novelle Die Marquise von O. klären. Entspricht die Protagonistin dieses Werkes der damaligen Rollenzuweisung und der gesellschaftlich manifestierten Erwartungen?
Um diese Frage zu klären, werde ich zunächst auf das Frauenbild um 1800 und auf Heinrich von Kleists persönliches Frauenideal eingehen. Anschließend werde ich die charakteristischen Figurenmerkmale der Marquise von O. herausarbeiten und damit in ein Verhältnis setzen, so-dass ich anhand dessen hoffentlich meine Forschungsfrage "Die Frauenbilder Kleists – gibt es eine Ambivalenz zwischen seiner Realität und seiner Literatur?" beantworten kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Frauenbild um 1800
2.1 Das Frauenbild Kleists
3. Die Marquise von O.
3.1 Tochter durch Zufall, Ehefrau aus Kalkül, Witwe durch Tragik?
3.2 Charakteristische Figurenmerkmale
3.3 Körpersprache und Wortwahl
4. Fazit und Beantwortung der Forschungsfrage
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Ambivalenz zwischen Heinrich von Kleists realem Frauenbild und der Darstellung weiblicher Charaktere in seinem literarischen Werk, insbesondere am Beispiel der Novelle "Die Marquise von O.". Dabei steht die Frage im Zentrum, inwieweit die Protagonistin den gesellschaftlichen Rollenerwartungen um 1800 entspricht oder durch ihr Handeln aus diesen Strukturen ausbricht.
- Historisches Frauenbild um 1800 (Rousseau/Fichte)
- Persönliche Einstellung Kleists zum Verhältnis der Geschlechter
- Analyse der verschiedenen Rollen der Marquise von O.
- Aspekte der Emanzipation und des Reifeprozesses
- Bedeutung von Ohnmacht und Körpersprache
Auszug aus dem Buch
3.2 Charakteristische Figurenmerkmale
Fest steht, dass die Annonce, die die Marquise zu Beginn der Novelle aufgibt, um 1800 skandalös war. Kleist führt den Leser, der hier zum ersten Mal von der Marquise erfährt, in die Irre. Einerseits wird diesem nämlich die Marquise als „Dame von vortrefflichem Ruf“ vorgestellt, im selben Atemzug jedoch auch als ungewollt schwanger bezeichnet, was die Verhaltensweise der Marquise gleich wieder in Frage stellt. Eine öffentliche Anzeige, wie sie sie aufgab, bedeutet eine Reputationsgefährdung für die angesehene Familie. Ist es als Rücksicht getarnter Egoismus, der sie diesen Schritt gehen lässt? Dafür spricht, dass eine Heirat mit dem Vater ihres Kindes sowohl ihr Ansehen in der Gesellschaft wieder stärkt als auch das ihres ungeborenen Kindes. Ebenso ginge finanzielle Absicherung damit einher. Andererseits könnte man die Annonce auch so auslegen, dass die Marquise gelernt hätte, auch für ihre Kinder und die Familienehre Verantwortung zu übernehmen und dafür ihre eigene Selbstfindung hintenan zu stellen.
Auch wenn die Annonce ein gefährlicher und skandalöser Schritt war, so tat die Marquise es nicht aus Böswilligkeit oder Egoismus, sondern aus Weitsicht. Dies zeichnet sich in der Novelle an vielen Stellen ab. Sie wolle laut Walter Müller-Seidel „nichts als dem Kind einen Vater geben. Sie will von ihm den Makel der unehelichen Geburt nehmen und sie will es einzig um des Kindes Willen. [...] Es besteht daher eine Diskrepanz zwischen der Echtheit des mütterlichen Gefühls und der Unnatürlichkeit ihrer Ehe.“ Die als eigentlich widersinnig scheinende Zeitungsanzeige auf der Suche nach einem Mann, der „nur aus dem zertretensten und unflätigstem Schlamm hervorgegangen sein könne“, ergibt nur so einen Sinn. Es war also ein wohlüberlegtes Vorgehen, und darüber hinaus auch die einzige Möglichkeit, den unbekannten Vater ausfindig zu machen, und damit ihr Gesicht als ehrliche Tochter vor dem Vater zu wahren bzw. wiederherzustellen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Verfasserin erläutert ihre persönliche Faszination für Kleists Frauenfiguren und führt in die Fragestellung ein, ob eine Ambivalenz zwischen Kleists privatem Frauenbild und der Literatur besteht.
2. Das Frauenbild um 1800: Dieses Kapitel skizziert die philosophische Prägung durch Rousseau und Fichte, die Frauen eine untergeordnete Rolle im privaten und häuslichen Bereich zuschrieben.
2.1 Das Frauenbild Kleists: Die Analyse zeigt auf, dass Kleist zwar einerseits konventionelle Ansichten vertrat, andererseits aber durch den Austausch mit seiner Schwester Ulrike sowie in seinen literarischen Werken komplexere Frauenrollen entwarf.
3. Die Marquise von O.: Eine detaillierte Untersuchung der Novelle, in der die verschiedenen Lebensrollen der Titelfigur analysiert werden.
3.1 Tochter durch Zufall, Ehefrau aus Kalkül, Witwe durch Tragik?: Dieses Kapitel beleuchtet, wie die Marquise zwischen den gesellschaftlichen Rollen als Tochter, Mutter und Witwe oszilliert und wie sie versucht, ihre Integrität zu wahren.
3.2 Charakteristische Figurenmerkmale: Die Untersuchung konzentriert sich auf das Verhalten der Marquise, insbesondere ihre Annonce, und bewertet diese als Akt der Weitsicht und Emanzipation entgegen gesellschaftlicher Konventionen.
3.3 Körpersprache und Wortwahl: Die Analyse zeigt, dass die Ohnmachtsanfälle der Figur einerseits ihre emotionale Erschütterung, andererseits aber auch einen Prozess der inneren Erstarkung und Bewusstwerdung widerspiegeln.
4. Fazit und Beantwortung der Forschungsfrage: Das Fazit stellt fest, dass die Marquise zwar in Ansätzen emanzipiert handelt, letztlich jedoch in patriarchale Strukturen zurückfällt, was die Ambivalenz in Kleists Werk unterstreicht.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Marquise von O., Frauenbild, 1800, Emanzipation, Rollenverhalten, Aufklärung, Geschlechterrollen, Literaturanalyse, Feminismus, Weiblichkeit, Patriarchat, Identitätsfindung, Rousseaus Philosophie, Soziale Normen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen dem persönlichen Frauenbild des Autors Heinrich von Kleist und der Darstellung von Frauenfiguren in seinem literarischen Schaffen, insbesondere in der Novelle "Die Marquise von O.".
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind das historische Frauenbild um 1800, beeinflusst durch Philosophen wie Rousseau, das persönliche Frauenideal Kleists sowie die literarische Analyse der verschiedenen Rollen, die die Titelfigur der Novelle einnimmt.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu klären, ob eine Ambivalenz zwischen Kleists realer, eher konventioneller Einstellung zu Frauen und der Gestaltung seiner weiblichen literarischen Protagonistinnen besteht.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse des Primärtextes unter Einbeziehung von Sekundärliteratur, historischen Kontexten sowie brieflichen Dokumenten des Autors.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden das Frauenbild um 1800, Kleists spezifisches Frauenideal sowie die detaillierte Charakterisierung der Marquise von O. hinsichtlich ihres Rollenverhaltens, ihrer Körpersprache und ihrer Emanzipationsansätze analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Heinrich von Kleist, Frauenbild, Emanzipation, Rollenverhalten, Marquise von O., Aufklärung, Patriarchat und Identitätsfindung charakterisiert.
Wie interpretiert die Autorin die häufigen Ohnmachten der Marquise von O.?
Die Ohnmachten werden nicht nur als Zeichen von Schwäche gedeutet, sondern im Kontext der Literaturwissenschaft als Ausdruck eines Erwachens und einer beginnenden inneren Erstarkung sowie Bewusstwerdung der Figur gesehen.
Welches Fazit zieht die Autorin hinsichtlich der "Emanzipation" der Marquise?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass der Begriff der "Emanzipation" mit Vorsicht zu genießen ist, da die Marquise zwar mutig handelt, am Ende aber dennoch wieder in eine gesellschaftlich normierte, abhängige Rolle zurückkehrt.
Wie bewertet die Arbeit die Versöhnungsszene zwischen der Marquise und ihrem Vater?
Die Szene wird als ein Moment identifiziert, in dem die Marquise trotz einer oberflächlich passiven Haltung eine dominante Rolle einnimmt, da sie den Vater mit ihrem Verhalten und ihrer Selbstbehauptung konfrontiert.
Inwiefern beeinflussten Kleists eigene Briefe die Argumentation?
Kleists Briefe an seine Schwester Ulrike und seine Verlobte Wilhelmine dienen als Beweismaterial, um sein eher traditionelles, patriarchales Weltbild im privaten Kontext aufzuzeigen, welches im Kontrast zu den starken, selbstbestimmten Frauenfiguren in seinen Erzählungen steht.
- Arbeit zitieren
- Jana Hilmer (Autor:in), 2021, Die Frauenbilder Heinrich von Kleists. Gibt es eine Ambivalenz zwischen seiner Realität und seiner Literatur?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1190026