Barthold Heinrich Brockes "Die kleine Fliege". Eine Gedichtinterpretation

Über das Verhältnis des Menschen zur Natur als Paradebeispiel Gottes wunderbarer Schöpfung


Essay, 2022

4 Seiten, Note: 15


Leseprobe

Barthold Heinrich Brockes: „Die kleine Fliege“ – Eine Gedichtinterpretation

Barthold Heinrich Brockes (1680-1747) war ein deutscher Schriftsteller, Lyriker und prominenter Vertreter der frühen Aufklärung. Sein Hauptwerk, die naturlyrische Gedichtsammlung „Irdisches Vergnügen in Gott“, zählt zu den wichtigsten Werken eben dieser Epoche.

Das vorliegende Naturgedicht, „Die kleine Fliege“, 1736 im „Irdischen Vergnügen in Gott veröffentlicht, lässt sich der Frühaufklärung zuordnen, welche sich durch eine vermehrt wissenschaftlich-empirische Betrachtung der Natur als Schöpfung Gottes, der Moral, Religion und Justiz auszeichnete und somit erste der Physikotheologie aufzeigte. „Die kleine Fliege“ ist im Vermaß eines viersilbigen Trochäus verfasst.

In der „Schönen Fliege“ beschäftigt sich das lyrische ich auf ebenso wissenschaftlich-empirische Weise mit einer kleinen Fliege als Musterbeispiel Gottes oh so wunderbarer Schöpfung.

Auf Basis einer detaillierten, empirischen Naturbeschreibung und der Rückführung dieser auf das zu preisende Werk Gottes propagandiert Brockes in der „schönen Fliege“ eine wissenschaftlich -ästhetisch-theologische Auseinandersetzung mit der Natur durch den neugierigen und ebenfalls gottgeschaffenen Menschen, die Physikotheologie und stellt eine unbedingte Vereinbarkeit von Ästhetik, Wissenschaft und Glauben fest. In 41 Versen legt Brockes auf diese Weise die Kernthese der frühen Aufklärung dar.

Wie nach der Lektüre anderer Werke aus dem „Irdischen Vergnügen in Gott“ deutlich wirkt, zeichnet sich auch „Die kleine Fliege“ durch eine für Brockes‘ Naturlyrik typische und wiederkehrende Form aus: Zu Beginn (Vers 1-7) beschreibt das lyrische Ich die Situation bzw. die Natur, in der es sich befindet und wie es zur Betrachtung des darauffolgend beschriebenen Teiles göttlicher Natur kam. Im Anschluss an diese allgemeine Situationsbeschreibung findet eine genaue und von Vergleichen gespickte Beschreibung des Objektes statt (Vers 8-14), welches anschließend (Vers 15-20) auf Gottes Schöpfung zurückgeführt wird. Die Fliege in all ihrer Komplexität wird im vierten Sinnabschnitt (Vers 21-25) zu einer durchdachten, gottgeschaffenen Maschine stilisiert, um daraufhin im fünften Sinnabschnitt (Vers 26-38) auf Gottes Schöpfung bzw. Gott selbst zurückgeführt zu werden. Der sechste Sinnabschnitt ist geprägt durch eine Darstellung der Fliege als Meilenstein auf dem Weg zur menschlichen Erkenntnis Gottes.

Im Folgenden soll Brockes‘ „kleine Fliege“ nun analysiert, interpretiert und auf ihre Konformität zu den Thesen der Frühaufklärung untersucht werden.

Bereits die ersten sieben Verse spiegeln die für die Aufklärung typische Neugier bei der Naturbeobachtung wieder: Eine vermeintlich allgemeine Beschreibung der Ausgangssituation (vgl. V. 1-3), eine vom lyrischen ich entdeckte auf einem Erlenblatt sitzende kleine Fliege (vgl. V. 1-3) wird durch die Freude, das „Ergetzen“ (V.1), welches das lyrische ich währenddessen empfindet zur Aufforderung zur Naturbeobachtung, der „bunte Glantz“ (V. 7) manifestiert die überraschende Schönheit der Natur, wenn man sich denn näher mit ihre beschäftigt. Auf diese Weise erzeugt Brockes einerseits ein Gefühl der Neugierde und schafft zur gleichen Zeit eine Atmosphäre der Geborgenheit und Ruhe. Die Personifizierung der Natur durch die ihr zugeschriebenen Finger („Von den Fingern der Natur“ (V. 5)) deutet bereits auf die Natur als mit Güte in Handarbeit geschaffenes Werk Gottes hin, wird allerdings erst an späterer Stelle genauer ausgeführt.

Anknüpfend an diese allgemeine Beschreibung der Situation als Basis der folgenden Betrachtung des untersuchten Objektes implizieren die folgenden sieben Verse (V. 8-14) den eigentlichen, revolutionären Charakter der Aufklärung:

Eine für die damalige Zeit, geprägt von theologisch-mythologischen Erklärungsversuchen naturwissenschaftlicher Phänomene, unüblich detaillierte, empirische Beschreibung der Fliege, gespickt von lobpreisenden Vergleichen (vgl.z.B. V. 12) verdeutlicht den intensiven Wandel des Verhältnisses des Menschen zur Natur und Gott und die Hinwendung zur empirischen, wissenschaftlichen Naturbeobachtung im Laufe der Aufklärung.

Die Vielzahl an Farben, vier an der Zahl, mit welchen das lyrische ich verschiedene Körperteile der Fliege beschreibt, ein grüner Kopf (vgl. V. 8), ein goldener Korpus (vgl. V. 9) und teils rote(vgl. V. 12), teils blaue (vgl. V. 14) Flügel symbolisieren einerseits die (Farb-)Vielfalt, mit der Gott die Fliege und andere Werke seiner Schöpfung detailverliebt geschaffen habe und fordert andererseits den Leser dazu auf, eben diese Werke göttlicher Schöpfung mikroskopisch genau zu betrachten.

Ein Vergleich der Farben der Fliege mit einem Edelstahl, Flügel „Roth fast wie Rubin“ (V. 12) kann als Lob der göttlichen Schöpfung verstanden werden und unterstreicht somit die Aufforderung, die Natur als werk Gottes zu untersuchen und zu loben.

War eine so detailreiche Beschreibung vermeintlich simpler Natur für die damalige Zeit durchaus unüblich und auf längere Zeit weltbewegend, so nahm die Detailschärfe der Naturbeobachtungen in Brockes‘ „Irdisches Vergnügen in Gott“ und Werken anderer Lyriker der Aufklärung mit Fortschreiten der Aufklärung noch weiter zu. Im Laufe der hoch- und Spätaufklärung rückten die empirisch-wissenschaftlichen Aspekte der Naturbeobachtung und -beschreibung weiter in den Vordergrund, während der Anteil theologischer Erklärungsversuche stetig abnahm. Erste Anzeichen der Hinwendung der Physikotheologie hin zur Empirie sind bereits in Brockes‘ sieben Jahre später, 1743 veröffentlichten Gedicht „Das schöne Würmchen“ zu erkennen. Doch nun zurück zum eigentlichen Objekt dieser Analyse.

Erstmalig erwähnt wird der Schöpfer der zuvor beschriebenen Natur im folgenden Abschnitt (V. 15-20). Ein heiterer und zugleich lobpreisender Ausruf „Liebster Gott!“ (V. 15) und die darauffolgende Zuschreibung der Fliege zur Schöpfung Gottes drückt die unbedingte Vereinbarkeit von Religion bzw. Glauben und Natur bzw. Wissenschaft im Zeitalter der Aufklärung aus, in dessen Mittelpunkt Gott als Schöpfer aller Natur steht. Auf diese Weise manifestiert Brockes das aufklärerische Konzept der Physikotheologie und definiert das aufklärerische Verständnis einer engen Beziehung zwischen Gott und den Menschen, eine Beziehung, geprägt von Lobpreisungen der Werke göttlicher Schöpfung. So sollen etwa ästhetische Attribute wie der „Glantz“ (V. 18) und die „Farben Zier“ (V. 16), mit denen die kleine Fliege als Paradebeispiel Gottes detailreicher Schöpfung versehen ist, die Schönheit eben dieser Natur, welche nur bei einem genauen, nahezu mikroskopischen Betrachten in all ihren Facetten zum Vorschein kommt hervorheben.

Die Betrachtung der kleinen Fliege auf ästhetische Art und Weise wird auch in den folgenden Versen des vierten Sinnabschnittes fortgesetzt. Die in den vorhergehenden Versen (V. 15-20) begonnene mikroskopische Untersuchung der kleinen Fliege insbesondere ihres metallenen Scheines (vgl. V. 19) wird weiter ausgeführt. „Wie so künstlich“ (V. 21) sein die „kleinen Theile“ (V. 22) die allesamt, maschinell anmutend „wunderbar verbunden sein“ (V.25). Während die Künstlichkeit des Teilegefüges der Fliege die ästhetische Naturbeobachtung fortsetzt, ergänzt das lyrische Ich die dreiteilige Naturbeobachtung (Ästhetik, Wissenschaft und Religion) durch den Aspekt der Wissenschaft, indem es die Fliege als eng verknüpfte, kleinteilige Maschine beschreibt. Diese äußerst technische Beschreibung nimmt Bezug auf den zuvor erwähnten metallenen Schein der Fliege (vgl. V. 19) und unterstreicht gleichzeitig Gottes Beziehung zum Menschen und zur Natur als Bauherren bzw. Schöpfer sowohl des Menschen als auch der Natur. Verdeutlicht wird diese Hierarchie durch die Darstellung der Fliege als „wunderbar verbundenes“ (V. 25) Konstrukt, als übernatürliches und übermenschliches Wunder Gottes Schöpfung. Auch an dieser Stelle lässt sich also ein erneutes Lob der Schöpfung Gottes und eine Manifestierung seiner erhabenen Stellung über der Natur und dem Menschen feststellen, eines der Charakteristika der frühen Aufklärung.

Die Aufforderung zur dreiteiligen Naturbeobachtung wird im folgenden Abschnitt (V.26-38) durch den Glauben vervollständigt. Brockes formuliert die These, dass nur die detaillierte Beobachtung der Natur auf ästhetischer und wissenschaftlicher Ebene (Physikotheologie) den Menschen zu Gott, dem Schöpfer der Natur führe. Insofern stellt Brockes nicht nur eine Vereinbarkeit von Natur und Religion fest, sondern seiht diese als voneinander abhängendes und einander bedingendes Gefüge an, dessen Zweck es ist, den Menschen Gott erkennen zu lassen. Diese zur damaligen Zeit revolutionäre These erläutert der Autor anhand der für Brockes Naturbeobachtungen und Lyrik typischen Motive des Lichtes und der Farben, deren wissenschaftliche, ästhetische und theologische Aspekte allesamt entfaltet werden. Eine detaillierte Beobachtung einzelner, facetten- und farbereicher Werke der göttlichen Schöpfung, wie es Brockes im „Irdischen Vergnügen in Gott“ beispielhaft praktiziert, ermöglicht es dem Menschen, das Licht als übergeordnete, verbindende Instanz wahrzunehmen („Zu dem Endzweck, dass der Schein unsrer Sonnen und ihr Licht […] unserm forschenden Gesicht sichtbar wird‘“ (V. 26 ff.).

Aufgrund der Brechungsverhältnisse des Lichtes, charakterisiert als „wunderbarlich-schön“, werde es dem Menschen erst bei der genaueren Betrachtung in all seinen Farben und der damit verbundenen „Pracht“ (V. 32) bewusst und verbindet so Wissenschaft und Ästhetik. Die Tatsache, dass aus einer wissenschaftlichen, empirischen Erkenntnis (die Brechungsverhältnisse des Lichtes) unmittelbar ein Zugewinn an Ästhetik, Schönheit folgt, verdeutlicht noch einmal Brockes‘ These des harmonischen Zusammenspiels von Ästhetik, Wissenschaft und Religion. Die wissenschaftliche Erforschung verschiedenster Naturobjekte wird auch durch die währenddessen vom lyrischen Ich empfundene Neugier („unserm forschenden Gesicht“ (V. 30) beworben.

Ästhetik und Wissenschaft, die beiden Teilbereiche der Brock‘schen Naturbeobachtung, die einem jeden Menschen, wenn er sich denn seines eigenen Verstandes bedient, offen stehen, vereint, führen dann zu Gott, einerseits als Quelle des beobachteten Lichtes (vgl. V. 33 ff.), andererseits als Schöpfer der gesamten Natur (V. 39 ff.).

Nachdem zu Beginn des Gedichtes die Fliege ästhetisch und wissenschaftlich untersucht und gelobt wurde, somit Gott bzw. seine Schöpfung nur indirekt gepriesen wurde, erfolgt nun (V. 35 ff.) ein direktes Lob Gottes für seine zuvor im Detail untersuchte „so herrlich zubereitete“ (V. 38) Schöpfung.

Daran anschließend erhält die für Brockes‘ Naturlyrik typische abschließende Lobpreisung Gottes einen nahezu biblischen Psalmcharakter (vgl. V. 39 ff.). Die Fliege wird direkt und persönlich angesprochen und ihre Fähigkeit, den Menschen bzw. das lyrische ich zu Gott zu leiten (vgl. V. 41) hervorgehoben. Auf diese Weise vermitteln die abschließenden Verse durch die persönliche Anrede den Anschein einer Danksagung des lyrischen Ichs an die Fliege als Leitfaden zur Offenbarung Gottes.

Im Laufe von 41 Versen unternimmt das lyrische Ich in der „kleinen Fliege“ eine Naturbeobachtung wie aus dem Lehrbuch der Aufklärung. Wird zu Beginn die Fliege als Paradebeispiel Gottes Schöpfung auf ihre Ästhetik, unter anderem ihre Farbfreudigkeit untersucht, so folgt darauf eine wissenschaftlich-empirische Beobachtung der Fliege als komplexe Maschine in einer noch komplexeren, gottgeschaffenen Welt. Die Dreifaltigkeit der aufklärerischen Naturbeobachtung, bestehend aus Ästhetik, Wissenschaft und Religion wird, wie es im „Irdischen Vergnügen in Gott“ oft der Fall ist, gegen Ende des Gedichtes durch eine Rückführung des zuvor untersuchten Objektes auf Gottes Schöpfung und eine anschließende Lobpreisung dieser Schöpfung vervollständigt. Doch entspricht Brockes in der kleinen Fliege nicht bloß der Kernthese der frühen Aufklärung, der Physikotheologie, die Vereinbarkeit von Wissenschaft und Glauben, er übertrifft sie: Brockes formuliert nicht nur eine unbedingte Vereinbarkeit von Glauben und Wissenschaft bzw. Naturbeobachtung, sondern betrachtet sie als untrennbarer und einander bedingender Schritt zur Offenbarung Gottes an. Brockes sieht nicht bloß keinen Widerspruch zwischen Religion und Wissenschaft, er sieht sie als eng verbunden und unzertrennbar an, denn nur durch eine wissenschaftliche Beobachtung der Natur als Schöpfung Gottes sei es dem Menschen möglich, Gott als Schöpfer dieser Natur zu erkennen (die Fliege führt den Menschen zu Gott). Mit dieser revolutionären These legte Brockes in der „kleine Fliege“ eine wichtige Grundlage für die fortschreitende Aufklärung und somit auch für unsere heutige, freie und aufgeklärte Welt.

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Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Barthold Heinrich Brockes "Die kleine Fliege". Eine Gedichtinterpretation
Untertitel
Über das Verhältnis des Menschen zur Natur als Paradebeispiel Gottes wunderbarer Schöpfung
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
15
Autor
Jahr
2022
Seiten
4
Katalognummer
V1190056
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Benotet mit 15 Notenpunkten, besonderes Lob galt der guten Strukturierung und der Bezugnahme auf die geäußerte These.
Schlagworte
barthold, heinrich, brockes, fliege, eine, gedichtinterpretation, über, verhältnis, menschen, natur, paradebeispiel, gottes, schöpfung
Arbeit zitieren
Michael Müller (Autor:in), 2022, Barthold Heinrich Brockes "Die kleine Fliege". Eine Gedichtinterpretation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1190056

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