Wahlstatistik - Zur Geschichte der Wahlstatistik


Seminararbeit, 2000

12 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1. Thema der Arbeit
1.2. Fragestellung

2. Geschichte der Wahlstatistik
2.1. Geschichtlicher Kontext erster wahlstatistischer Erhebungen
2.2. Wahlstatistische Erhebungen bis 1914
2.3. Wahlstatistische Erhebungen ab 1919
2.4. Erste wahlstatistische Analysen
2.4.1. Engel: Die Ergebnisse der Urwahlen für das pr. Abgeordnetenhaus
2.4.2. Tingsten: Political Behaviour

3. Repräsentative Wahlstatistik
3.1. Repräsentative Wahlstatistik in der Weimarer Republik
3.2. Repräsentative Wahlstatistik in Deutschland seit 1953
3.2.1. Vorgehensweise
3.2.2. Nutzen der repräsentativen Wahlstatistik
3.2.3. Ergebnisse der Repräsentativstatistik zur Europawahl 1999

4. Schlußfolgerungen

5. Bibliographie

1. Einleitung

1.1. Thema der Arbeit

Die Geschichte der Wahlforschung ist untrennbar mit der Wahlstatistik und ihrer Entwicklung verbunden. Wahlstatistiken gehörten zu den ersten Instrumenten der Wahlforschung, haben aber bis heute nichts an ihrer Aktualität eingebüßt. Immer noch bilden sie eine wichtige Grundlage für Analysen von Wahlergebnissen.

Die Wahlstatistik als differenzierte Erfassung von Wahlergebnissen soll Ergebnisse von politischen Wahlen und Volksabstimmungen erfassen und in verschiedener Weise darstellen, um ihre Ergebnisse dann der Verwaltung, den Parteien aber auch der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen (Miller 1968; 58 ff.).

Sie muß dabei als wissenschaftliche Disziplin verstanden werden, deren Anfänge bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückreichen und deren Ziel es ist zu erklären, aus welchen Gründen zu unterscheidende Wählergruppen welche politischen Bewegungen mit ihrer abgegebenen Stimme unterstützt haben und welche Voraussagen daraus für zukünftiges Wahlverhalten gezogen werden können (Roth 1998; 1 f.).

Die folgende Arbeit soll einen kurzen Überblick geben über Geschichte, Entwicklung und Inhalte der Wahlstatistik mit Schwerpunkt auf Deutschland. Dabei sollen nicht nur einzelne frühe wahlstatistische Analysen, sondern auch die aktuell relevante Repräsentative Wahlstatistik vorgestellt werden. Es soll dabei eine kurze Einführung in die historischen Umstände des Zeitraums der Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland vorangestellt werden, denn hier wird zu zeigen sein, daß die Geschichte der Wahlstatistik untrennbar mit der politischen Geschichte verknüpft ist, denn ohne Wahlen ist Wahlstatistik undenkbar. Zur Verdeutlichung der Entwicklungen, die die Wahlstatistik als wissenschaftliche Disziplin erfahren hat, werden kurz mehrere frühe wahlstatistische Analysen darzustellen sein. Engel (a.a.O.) zog 1865 die Wahlstatistik der preußischen Landtagswahlen von 1861 bis 1863 zu seiner grundsätzlichen Kritik am bestehenden Dreiklassenwahlrecht heran, Würzburger (a.a.O.) untersuchte 1907 die „Partei der Nichtwähler“, Klöcker (Mulert 1932) untersuchte 1912 den Zusammenhang zwischen Wählen der SPD und der Konfession des jeweiligen Wählers und Schauff (a.a.O.) stellte 1928 den Zusammenhang zwischen katholischer Bekenntnistreue und Wählen des Zentrums in den Mittelpunkt seiner Untersuchungen. Außerdem wird die Arbeit „Political Behaviour“ von Tingsten (a.a.O.) aus dem Jahre 1937 vorzustellen sein, in der u.a. deutsches wahlstatistisches Material ab 1919 zu einem umfassenden Vergleich wahlstatistischer Untersuchungen verarbeitet wurde. Schließlich sollen Methoden, Inhalte und Nutzen der Repräsentativen Wahlstatistik angesprochen werden, die ohne Zweifel als wahlstatistische Methode aktuell die höchste Relevanz besitzt, auch wenn sie seit mehreren Jahren nicht mehr bundesweit für Ergebnisse der Bundestagswahlen erarbeitet wird. Aus diesem Grunde wird in diesem Teil vor allem auf die Veröffentlichungen des Statistischen Bundesamtes aus Anlaß der Wahlen zum Europäischen Parlament 1999 zurückzugreifen sein (Statistisches Bundesamt 1999: a.a.O.).

1.2. Fragestellung

Fraglich ist nun, welchen Nutzen die Wahlstatistik für die Entwicklung der Wahlforschung hatte und noch hat und welchen Stellenwert sie innerhalb der Wahlforschung neben den vielen anderen Methoden hatte und vor allem noch hat, scheint sie doch spätestens ab 1949 von der Umfrageforschung und von anderen Verfahren zur Erhebung und Analyse von Individualdaten verdrängt worden zu sein (Diederich 1976; 2). Die vorliegende Arbeit soll eine Antwort auf diese Frage liefern.

2. Geschichte der Wahlstatistik

2.1. Geschichtlicher Kontext erster wahlstatistischer Erhebungen

Das Wort Wahlstatistik drückt es schon aus: Ohne Wahlen keine Wahlstatistik. So bedurfte es der Abhaltung von Wahlen zur Initiierung von wahlstatistischen Erhebungen in Deutschland. Untrennbar sind somit die Ereignisse der Jahre 1848/1849 mit dem Beginn der Geschichte der Wahlstatistik in Deutschland verbunden.

Demonstrationen für die Einführung des allgemeinen Wahlrechts in Frankreich im Februar 1848 führten relativ schnell zu Auseinandersetzungen zwischen Proletariat und Bourgeoisie, die als die sogenannte „Februarrevolution“ in die Geschichte eingingen. Diese Revolution ging im März 1848 auf Deutschland über, am 5. März 1848 versammelten sich die Führer der Opposition in Heidelberg und riefen dort das Vorparlament nach Frankfurt ein. Am 18. März 1848 kam es dann in Berlin zu einem Volksaufstand, der den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. dazu bewog, für den 4. April 1848 den Vereinigten Landtag einzuberufen und sich öffentlich zu dem Verfassungsgedanken und zum Aufgehen Preußens in Deutschland zu bekennen. Freilich nahm er davon schon im Juli 1848, als sich die Lage merklich beruhigt hatte, wieder Abstand. Aufgrund neuerlicher Unruhen aber dekretierte Friedrich Wilhelm IV. am 5. Dezember 1848 dem Staat Preußen durch königlichen Erlaß eine Verfassung, die eine konstitutionelle Monarchie mit einem Zwei-Kammer-Parlament und zunächst allgemeine Wahlen vorsah. Diese Verfassung wurde im Mai 1849 dahingehend geändert, daß anstelle des allgemeinen direkten Wahlrechts das Drei-Klassen-Wahlrecht eingeführt wurde (siehe hierzu Görtemaker 1994: 101 ff.). Am 17. Juli 1849 wurden die ersten Wahlen zum Preußischen Landtag abgehalten. Deren Ergebnisse wurden bereits differenziert erfaßt, somit kann hier der Beginn der Wahlstatistik in Deutschland gesehen werden. Auch in anderen Ländern Europas, neben Deutschland vor allem in Skandinavien, hatte die Entwicklung hin zur Parlamentisierung zur Folge, daß Statistiken über die Ergebnisse von Wahlen erstellt wurden. Folglich ist die Geschichte der Wahlstatistik eng mit der politischen Geschichte verknüpft.

2.2. Wahlstatistische Erhebungen bis 1914

Seit 1849 veröffentlichte das Königlich Preußische Statistische Bureau die Landeswahlergebnisse zur Urwahl zum preußischen Abgeordnetenhaus. Man kann von diesen ersten wahlstatistischen Veröffentlichungen aber nicht von konstanten und detaillierten Arbeiten sprechen, vielmehr charakterisierte eine gewisse Unregelmäßigkeit in Form, Inhalt und Erscheinung diese ersten Veröffentlichungen (Bock 1919: 40 f.). Dies gilt für den Zeitraum von 1849 bis 1860. Diese frühen Arbeiten in Preußen und anderen Ländern wurden getrieben von dem Engagement politisch interessierter Statistiker und von dem allgemeinen Interesse der - nun –wahlberechtigten Bevölkerung.

Die Unregelmäßigkeiten der ersten Jahre verschwanden zum größten Teil in den Veröffentlichungen der Zeit von 1861 bis 1863, der sogenannten „Konfliktzeit“. Mit dem Amtsantritt König Wilhelms I. von Preußen 1861, die mit der Zeit der Parteienbildungen einherging, gewannen die Wahlen zum preußischen Abgeordnetenhaus wieder an Brisanz, auch wegen der kritischen Haltung Bismarcks gegenüber dem Parlament (Görtemaker 1994: 223 ff.). Dies bedingte eine ergiebigere Bearbeitung der Wahlergebnisse, die statistischen Veröffentlichungen in dieser Zeit beinhalteten vielfältige Informationen über die einzelnen Wahlkreise in Preußen und ermöglichten es Ernst Engel 1865 eine erste wahlstatistische Analyse über diese Wahl anzustellen (Engel 1865: 41 ff.; siehe 2.4.1.). Aufgrund der Ergiebigkeit der wahlstatistischen Veröffentlichungen der Zeit von 1861 bis 1863, zum Teil bis 1866, wird hier von einer „Blütezeit der Wahlstatistik“ gesprochen (Diederich 1976: 17). Die Ergebnisse dieser Arbeiten aber hatten zur Folge, daß zwischen 1867 und 1888 keine größeren wahlstatistischen Veröffentlichungen gemacht wurden, obwohl die Daten erhoben wurden (Roth 1998: 8).

Parallel zu Preußen begann in Bayern Georg von Mayr aus privatisierendem Interesse heraus durch ausführliche Bearbeitung und Kommentierung der Ergebnisse der Landtagswahlen ab 1869, für das Land Bayern Wahlstatistik zu betreiben (Jenny 1928: 370 ff.). Mit Ausnahme der Wahlen von 1875 tat von Mayr dies bis 1905, seit 1869 als Vorstand des Königlich Bayerischen Statistischen Bureaus, und erlangte als Mitglied der Vorbereitenden Kommission zur Erstellung der Reichsstatistik ab 1871 Einfluß auch über Bayern hinaus (Miller 1968: 59).

Anders als in Preußen, wo in den Wahlstatistiken, in unregelmäßiger Weise und nur in tabellarischer Form, Angaben über die absoluten und die Prozentzahlen je Wahlbezirk, Wahlmann und Urwähler, die Durchschnittszahlen je Urwähler und Wahlmann, die absoluten und die Prozentzahlen für die Wahlklassen, die Steuersumme für die Wählergesamtheit und die Wähler der drei Klassen, die Durchschnittssteuersumme für die Wähler jeder Klasse, die Höchststeuersumme für die Wähler jeder Klasse und seit 1863 die Parteistellung der zu Wählenden für jede Provinz zusammengefaßt, mit absoluten und Prozentzahlen für die einzelnen „Parteien“, die Konservativen, die Liberalen, die Katholiken, die Polen und die Unbekannten, getrennt nach Wählerklassen (Engel 1865: 71 f.), zu finden waren, enthielt die bayerische Wahlstatistik unter von Mayr zusätzlich einen ausführlichen Textteil, der jedoch einzig eine Beschreibung, nicht aber eine Analyse des statistischen Materials darstellen sollte, denn Analysen auf Grundlage von Wahlstatistiken lehnte von Mayr gänzlich als „spekulative Privatstatistik“ (Diederich 1976: 20) ab.

Diese genauen Statistiken aus Preußen und Bayern, die besonders durch die Angaben über Steuerleistungen und Stimmverhalten der Wahlmänner dem existierenden Drei-Klassen-Wahlrecht Rechnung trugen, gingen ab 1871 in der Reichsstatistik auf, die seitdem für das gesamte Reichsgebiet erstellt wurde. Parallel dazu wurden aber auch weiterhin in den einzelnen Ländern getrennt wahlstatistische Arbeiten über die Landesergebnisse geführt, vor allem in den Ländern Preußen, Bayern, Baden, Hamburg, Sachsen und Württemberg (Arnold 1911: 744). Nach Gründung des Reiches und den ersten Reichstagswahlen 1871 bis 1881 wurden die Regierungen der einzelnen Bundesländer ersucht, die Ergebnisse der Reichstagswahlergebnisse für ihre jeweiligen Staatsgebiete statistisch zu erfassen und zusammenzustellen, wobei das in Preußen übliche Schema wahlstatistischer Arbeiten in Form und Inhalt als einheitliches Schema von den wahlstatistischen Institutionen der anderen Länder angewandt werden sollte, bis 1881 das Kaiserliche Statistische Amt in Berlin für die Zusammenstellung der Ergebnisse auf Reichsebene zuständig wurde (Roth 1998: 9), im Jahre 1891 veröffentlichte es die erste eigene Wahlstatistik anläßlich der Steuerreform vom 24.06.1891.

Auch die Reichsstatistik läßt in Form und Inhalt an Regelmäßigkeit zu wünschen übrig, die angegebenen Informationen wechselten häufiger. 1871 gab es Angaben über die Wahlberechtigten je Wahlkreis, aufgegliedert in vier Konfessionen, die Zahl der abgegebenen Stimmen, die Verteilung der Stimmen auf die Kandidaten, deren Namen, Berufe, Wohnorte und politische Richtung, ab 1874 kamen Unterscheidungen zwischen Wahlgewinner und –verlierer, zwischen gültigen und ungültigen Stimmen, zwischen erster und Nachwahl hinzu, außerdem wurden nur noch diejenigen Kandidaten genannt, die mehr als 26 Stimmen für sich gewinnen konnten, ab 1881 wurde dann nicht mehr nach Konfessionen unterschieden und getrennte Formulare für Erst- und Nachwahl eingeführt und 1887 entfallen nochmals zwei unwesentliche Spalten (siehe hierzu Diederich 1976: 12-14). 1898 wurde eine Differenzierung nach Ortsgrößenklassen eingefügt, die es erst ermöglichte, daß sozio-ökonomische Strukturen bei der Untersuchung der Daten Berücksichtigung finden konnten (Diederich 1976: 14 f.). Aufgrund des etatistischen Interesses der Reichsregierung kennzeichneten all diese Veröffentlichungen ein hoher Grad an Sachlichkeit, wohl um jede Art von Politisierung der Ergebnisse zu verhindern.

[...]

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Details

Titel
Wahlstatistik - Zur Geschichte der Wahlstatistik
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar Theorien, Methoden und Instrumente der Wahlforschung
Note
1,3
Autor
Jahr
2000
Seiten
12
Katalognummer
V11901
ISBN (eBook)
9783638179447
ISBN (Buch)
9783656008446
Dateigröße
364 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand.
Schlagworte
Wahlforschung Wahlstatistik
Arbeit zitieren
Thorsten Plath (Autor), 2000, Wahlstatistik - Zur Geschichte der Wahlstatistik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11901

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