Die Thematik der Adoption in Lessings "Nathan der Weise".


Hausarbeit, 2020

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Begriffsklärung: Adoption

3. Thematik der Adoption in Lessings Nathan
3.1. Vorgeschichten (Nathan, Recha und Tempelherr)
3.2. Adoptionen, Adoptionsverhältnisse und Erziehung
3.2.1. Adoption des Tempelherrn/Leu von Filneck durch Curd/Conrad von Stauffen
3.2.2. Adoption Rechas durch Nathan
3.2.2.1. Beziehung und Erziehung
3.2.2.2. Sicht der Religionen: Adoption eines Christenkindes durch einen Juden
3.3. Aufdeckung des „Geheimnisses“ und Folgen
3.3.1. Verwandtschaftsverhältnisse
3.3.2. Weitere Adoptionen
3.3.3. Folgen für den Adoptivvater Nathan
3.3.4. Vereinigung der Familie

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis
5.1. Primärtext
5.2. Sekundärtexte
5.3. Internetquellen

1. Einleitung

In Lessings letztem1 Drama Nathan der Weise behandelt der Autor die Thematik der Adoption ausführlicher, die bereits in früheren Stücken angeklungen ist.2 Neben dieser ist das dramatische Gedicht3 jedoch auch für die Thematik der Toleranz4 und die „berühmte Ringparabel […] [bekannt], die Lessing selbst als den ,eigentliche[n] Inhalt‘ und die die Rezeptionsgeschichte so fraglos als ‘Kern‘ und ‘Lehre‘ des gesamten Dramas angesehen hat“5.

Die Thematik der Adoption soll in folgender Arbeit im Zentrum stehen. Dabei wird nicht die im Werk Lessings vorgenommene Reihenfolge, sondern die eigentliche Chronologie der im Werk erzählten Ereignisse eingehalten. Bevor die eigentliche Untersuchung der verschiedenen Ausformungen von Adoption beginnt, wird kurz der Begriff Adoption, dessen Semantik und dessen Verständnis im Alltag angeführt. Im Anschluss dazu folgt umgehend die Arbeit mit dem literarischen Werk selbst und die darin unternommene Bearbeitung und Umsetzung der Thematik Adoption. Begonnen wird dabei mit den Vorgeschichten der in die Adoptionen verwickelten Personen. Anschließend werden die Adoptionen selbst näher beleuchtet, wie diese wahrgenommen und durchgeführt werden. Abschließend wird sich dem „Schlusstableau“6 zugewandt. Hier werden nun die zusätzlich auftretenden Adoptionen, die Folgen der bis dahin behandelten Adoptionen und die finale Vereinigung der involvierten Figuren besprochen.

Da einige Figuren des Werkes mehrere Namen tragen, wird versucht unnötige Wiederholungen zu vermeiden, indem die Namen bei der ersten Nennung einmalig alle genannt werden und sich in folgenden Nennungen auf einen Namen beschränkt wird. Die Auswahl des in der Arbeit weiterhin verwendeten Namens ist in der häufigsten Verwendung im Werk selbst begründet. So wird z. B. für Nathans Adoptivtochter der Name Recha verwendet, da dieser in Lessings Werk überwiegend verwendet wird und der zweite Name Blanda erst am Ende des Dramas kurz erwähnt wird. Im Falle eines möglichen Missverständnisses wird je nach Situation, ein anderer Name (als der im Rest der Arbeit verwendete Name) verwendet oder erneut mehrere gleichzeitig genannt (z. B. im Falle einer möglichen Verwechselung des Adoptivvaters Curd/Conrad von Stauffen dem Tempelherren oder dem Tempelherren, der ebenfalls den Namen Curd von Stauffen annimmt und dessen gebürtiger Name Leu von Filneck ist.)

2. Begriffsklärung: Adoption

Adoption, auch „das Adoptieren […], Adoptiertwerden“7, wird in Wörterbüchern meist unter dem Verb adoptieren, spezifisch jmdn. adoptieren, mit „als eigenes Kind annehmen“8 definiert. Die an einer Adoption beteiligten Personen werden meist durch Wortbildungen mit dem Affix adoptiv-, die im 18. Jahrhundert verbreitet wurden, bezeichnet (z. B. Adoptiveltern). Das Affix zeigt hierbei an, dass die Verbindung durch Adoption entstanden ist.9 Diese Verwandtschaftsbezeichnungen stehen im Gegenteil zu den leiblichen bzw. biologischen (Bluts-)Verwandtschaften.

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend betont, dass bei einer Adoption vor allem das „Wohl des Kindes“10 im Zentrum steht. Dies bedeutet vor allem, dass das Kind eine neue Familie bzw. neue Eltern bekommt, die sich um dieses kümmern und ihm die nötige Zuneigung geben können. Aus rechtlicher Sicht sind für eine Adoption die „Einwilligung beider leiblicher Elternteile“11, ab dem 14ten Lebensjahr des Kindes auch dessen eigene Einwilligung und die eines gesetzlichen Vertreters notwendig.12

„Ist die Adoption rechtskräftig, erlischt in der Regel das Verwandtschaftsverhältnis des Kindes zu seiner Herkunftsfamilie. Die Adoptiveltern sind künftig die rechtlichen Eltern und das adoptierte Kind erhält rechtlich die Stellung eines leiblichen Kindes. Es ist dann auch mit der gesamten Familie verwandt.“13

Demnach ist das Kind nach der Vollziehung der Adoption im Familiengericht rechtlich als leibliches Kind der Adoptiveltern anzusehen und damit trägt das Kind gegenüber der leiblichen Familie keine „Rechte und Pflichten“14 mehr. Diese werden auf die Adoptivfamilie verlagert.15

Des Weiteren wird zwischen verschiedenen Arten der Adoption unterschieden. Die Unterscheidung beruht vor allem auf dem Alter (minderjährig oder volljährig) und der Herkunft bzw. Abstammung (Fremd-, Verwandten- oder Stiefkindadoption) des Kindes.16

Schützendorf sieht in der Adoption die symbolische „Realisierung der Zielsetzung der Aufklärung“17, die Natur durch die Vernunft zu überwinden. Dem eben beschriebenen Prinzip entsprechend, formen „[d]ie Adoptierenden […] [durch die Adoption eines Kindes] ihre Realität nach ihrer Vorstellung, indem das adoptierte Kind imaginativ in die Position des leiblichen Kindes rückt.“18 Des Weiteren betont Schützendorf den Zusammenhang von Adoption und mündigem Denken und Handeln in Lessings literarischen Werken.19

3. Thematik der Adoption in Lessings Nathan

3.1. Vorgeschichten (Nathan, Recha und Tempelherr)

Im Verlauf von Lessings Nathan werden mehrere Erzählungen zur Vorgeschichte und Herkunft der verschiedenen Figuren dargelegt, die langsam aufdecken, welche Verhältnisse zwischen den verschiedenen Charakteren bestehen oder auch wie diese zu Stande gekommen sind.

Letzteres ist z. B. der Fall, als Nathan sein Familienschicksal in der siebten Szene des vierten Akts offenlegt: Nathans Familie (seine Frau, seine sieben Söhne und wahrscheinlich auch sein Bruder und dessen Familie, zu denen sie geflüchtet waren) wurde „wenige Tage“20 (NdW: 3038) vor der „Übergabe“ Rechas/Blandas durch den Reitknecht/Klosterbruder von Christen getötet bzw. verbrannt. Nach mehreren Tagen, in denen er vor und mit Gott getrauert und „gezürnt“ (NdW: 3049) hatte, erschien dann der Klosterbruder. Der Klosterbruder brachte Nathan „vor achtzehn Jahren/ Ein Töchterchen […] von wenig Wochen“ (NdW: 2971-2972) von seinem Herren Wolf von Filneck/Assad. Die Mutter des Mädchens, so der Klosterbruder, war kurz bevor er das Mädchen zu Nathan bringen sollte, verstorben. Vom Vater wird gesagt, dass er sich „Nach […] Gazza plötzlich werfen“ (NdW: 2979) bzw. in den Krieg ziehen musste.21 Dieser konnte sein Kind nicht mitnehmen und entschied seine Tochter Blanda von Filneck, später Recha, Nathan, einem alten Freund, zu schicken, der diese dann in Darun „angenommen“ (NdW: 2991) hat. (vgl. NdW: 2970-3066)

Durch den Dialog zwischen dem Klosterbruder und Nathan erfährt der/die Leser/in nicht nur die Vorgeschichte des Protagonisten, sondern auch Genaueres zur (geheimen) Adoption Rechas, die bereits in der zehnten Szene des dritten Akts durch Daja, Nathans Dienerin, aufgedeckt wurde (vgl. NdW: 2328-2357).

In Bezug auf die vorher beschriebene Erklärung zur Adoption kann aus dem Dialog zwischen Nathan und dem Klosterbruder gefolgert werden, dass eine implizite Einwilligung zu Rechas Adoption gegeben wurde: Durch den Tod ihrer Mutter ist nur noch eine Einwilligung des Vaters nötig, welche implizit dadurch erteilt wurde, dass er einen Reitknecht damit beauftragte, Nathan seine Tochter zu überbringen.

Hierzu bemerkt Schützendorf, dass die Entscheidung Assads, Recha Nathan und nicht seiner leiblichen Familie zu senden, möglicherweise bewusst getroffen wurde. Beide teilen sich einen Toleranzgedanken und eine vorurteilsfreie Weltsicht. Seine Entscheidung könnte somit auf dieser Gemeinsamkeit und in der Hoffnung auf eine Erziehung seiner Tochter, die derer ähnelt, die er selbst vorgenommen hätte, beruhen.22

Nathan nimmt das Kind, das der Reitknecht ihm bringt, an und akzeptiert damit die vom leiblichen Vater, seinem Freund, implizierte Bitte. Er

„übernimmt nicht nur die Verantwortung, sondern geht noch einen Schritt weiter und fasst den Entschluss, Vater-Stelle bei dem Mädchen […] einzunehmen. […] ,Auf Sieben/ Doch nun schon Eines wieder!‘ [NdW: 3065/3066] Mit diesen Worten überwindet Nathan symbolisch die natürlichen Vorgaben zur Familienzugehörigkeit und vollzieht eine ,vorbehaltslose[] Adoption‘ des verwaisten Mädchens, welches er Recha nennt.“23

Die Betonung liegt bei Schützendorf auf der Vernunft, die in der Entscheidung der Annahme liegt.24 Nathan selbst spricht im Dialog mit Daja davon, dass er Recha allein der Tugend verdankt. (vgl. NdW: 31-36)

Des Weiteren stellt die Adoption eine doppelte Rettung dar. Neben der Tatsache, dass Recha als hilfsbedürftiges „Würmchen“ (NdW: 2980)25 ohne leibliche Eltern zu Nathan gebracht wurde, das wahrscheinlich, ohne die Adoption durch diesen nicht lange überlebt hätte, stellt sie „für Nathan die Überwindung einer tödlichen Lebens- und Glaubenskrise dar.“26 So ist der Adoptionsakt Selbst- und Fremdrettung in einem.27

[...]


1 Vgl. HOFFMANN, Volker (2011): Tod der Familie und Toleranz Lessings Nathan der Weise (1779. 1783) und Goethes Iphigenie auf Tauris (1787) als Programmstücke der Goethezeit. In: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, Vol. 85(3). S. 367

2 Vgl. SCHÜTZENDORF, Nicole (2014): „Macht denn nur das Blut den Vater?“. Studien zum Motiv Adoption in ausgewählten Werken des 17.-19. Jahrhunderts. Bonn. S. 60

3 Vgl. Ebd. S. 60

4 Vgl. HOFFMANN, V. (2011): Tod der Familie und Toleranz Lessings Nathan der Weise (1779. 1783) und Goethes Iphigenie auf Tauris (1787) als Programmstücke der Goethezeit. S.367-368

5 MARQUARDT, Franka (2011): Blut und Brevier: Familiengeschichte und Frömmigkeit in Lessings: Nathan der Weise. In: Monatshefte, Vol. 103(4). S. 487

6 Ebd. S. 489

7 „Adoption“, Duden online, https://www.duden.de/rechtschreibung/Adoption˃, zuletzt geprüft am 17.02.2020

8 „adoptieren“, Duden online, ˂https://www.duden.de/rechtschreibung/adoptieren˃, zuletzt geprüft am 17.02.2020; „adoptieren“, das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, ˂https://www.dwds.de/wb/adoptieren˃, zuletzt geprüft am 17.02.2020

9 Vgl. „Adoption“, das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, ˂https://www.dwds.de/wb/Adoption˃, zuletzt geprüft am 17.02.2020

10 „Was ist eine Inlandsadoption?“, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: ˂https://familienportal.de/familienportal/lebenslagen/kinderwunsch-adoption/adoption˃, zuletzt geprüft am 17.02.2020

11 Ebd., zuletzt geprüft am 17.02.2020

12 Vgl. Ebd., zuletzt geprüft am 17.02.2020

13 Ebd., zuletzt geprüft am 17.02.2020

14 Ebd., zuletzt geprüft am 17.02.2020

15 Vgl. Ebd., zuletzt geprüft am 17.02.2020

16 Vgl. „Was ist eine Inlandsadoption?“, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, zuletzt geprüft am 17.02.2020

17 SCHÜTZENDORF, N. (2014): „Macht denn nur das Blut den Vater?“. S. 57

18 Ebd. S. 58

19 Vgl. Ebd. S. 57-58

20 LESSING, Gotthold Ephraim (2013): Nathan der Weise. Ein Dramatisches Gedicht, in fünf Aufzügen. Hrsg. von Kai Bremer und Valerie Hantzsche. Stuttgart. (Reclams Universal-Bibliothek Nr. 19142/ Studienausgabe)

- Zur Entlastung der Fußnoten werden die Zitate des oben genannten Primärtextes, in Klammern, der Abkürzung NdW und Versangaben, direkt im Text belegt.

21 Vgl. Rechas/ Blandas Vater verstarb später auch im Krieg. (vgl. NdW: 2986)

22 Vgl. SCHÜTZENDORF, N. (2014): „Macht denn nur das Blut den Vater?“. S. 86

23 Ebd. S. 97

24 Vgl. Ebd. 96-97

25 Vgl. Ebd. S. 97

26 NEUHAUS-KOCH, Ariane (1977): G. E. Lessing. Die Sozialstrukturen in seinen Dramen. Bonn. (Abhandlungen zur Kunst-, Musik- und Literaturwissenschaft, Band 245) S. 34

27 Vgl. HOFFMANN, V. (2011): Tod der Familie und Toleranz Lessings Nathan der Weise (1779. 1783) und Goethes Iphigenie auf Tauris (1787) als Programmstücke der Goethezeit. S. 372

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Thematik der Adoption in Lessings "Nathan der Weise".
Hochschule
Universität Trier
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
18
Katalognummer
V1190319
ISBN (Buch)
9783346626288
Sprache
Deutsch
Schlagworte
thematik, adoption, lessings, nathan, weise, lessing
Arbeit zitieren
Kim Henn (Autor:in), 2020, Die Thematik der Adoption in Lessings "Nathan der Weise"., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1190319

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