Bewährungsminne Hartmanns von der Aue. Minnesang: Frühe Minnelieder und Hohe Minne


Seminararbeit, 2022

21 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe


Inhalt

Bewährungsminne Hartmanns von der Aue – Erarbeitung eines neuen Konzepts

Soziale Aspekte der Bewährungsminne
Selbstinszenierung und gesellschaftliche Positionierung des sich bewährenden Sängers
Soziale Auswirkungen des Scheitern im Minnedienst

Inhaltliche Aufarbeitung der Bewährungsminne
Zeitliche Aspekte der Minnebewährung
Kreuzzug als Folie für die Minnebewährung

Wie bewährt sich der Sänger im Minnedienst?

Literaturverzeichnis

Bewährungsminne Hartmanns von der Aue – Erarbeitung eines neuen Konzepts

Der Ritter als Diener seiner Minnedame ist die wohl bekannteste Beziehungskonstellation des Minnesangs im zwölften Jahrhunderts. Dem Konzept der hohen minne folgend, stellt er sich in den Dienst einer frouwe, der er sich jedoch nie wirklich nähern kann, da sie sonst ihren Idealitätsanspruch verlieren würde. Dies hält die fiktiven Sänger jedoch nicht davon ab, von ihren Taten im Namen der Dame zu berichten. Durch diese Selbstinszenierung beweist das Lyrische Ich sich als würdiger Verehrer der Dame und angemessenes Mitglied des Hofes.

In der vorliegenden Arbeit wird diese spezifische Beziehungsdynamik von minnendem und frouwe als Bewährungsminne bezeichnet und als Konzept näher ausgearbeitet. Beispielhaft wird dies am Minnekonzept Hartmanns von der Aue getan, dessen Werke sich durch ihre vielseitigen Ansätze für eine solche Betrachtung anbieten. Dabei wird mit Blick auf den Umfang der Arbeit auf einen beschränkten Kreis von Themen einzugehen sein. Ausgewählt wurden für diese vorliegende Arbeit vier Aspekte.

Zunächst wird auf die Selbstinszenierung des Sängers in der höfischen Gesellschaft eingegangen. In diesem Punkt zeigen sich besonders stark die didaktischen Momente in Hartmanns Werk; zunächst wird also gefragt, wie eine Bewährung in der minne aussehen kann und muss. Diese Frage wird jedoch in unterschiedlicher Weise beantwortet, wie zu beweisen ist. In manchen Liedern inszeniert der Sänger sich als den einzigen am Hofe, der ‚richtig‘ minnt, während andere Lieder gerade vom Scheitern des Werbers sprechen, das den Zuhörern als Negativbeispiel dienen soll.

Eben dieses Scheitern des Minnedienstes ist im folgenden Abschnitt näher zu betrachten. Zu untersuchen ist hier, wie die gescheiterte Bewährung sich auf den minnenden auswirkt, dessen Identität unter anderem gesellschaftlich an den Frauendienst geknüpft ist. Es zeigt sich, dass in den untersuchten Liedern über die Tatsache des Scheiterns hinweggesehen und der Dienst fortgesetzt wird. Die Selbsterkenntnis um die Gründe des Scheiterns – mangelnde staete – gewähren dem gescheiterten Sänger sogar eine Autoritätsposition als Lehrinstanz gegenüber den Zuhörern.

Oft führt dieses Scheitern aber auch zu einer Verlagerung der Dienstbeziehung. Der Frauendienst wird dann zum Herrendienst oder zum gotes dienst. In Hartmanns Kreuzzugsliedern wäre dieser Zusammenhang näher zu untersuchen, was jedoch über den Rahmen der vorliegenden Arbeit hinausführen würde. Deshalb werden lediglich beispielhaft einige Textstellen untersucht, an denen Hartmann in Minneliedern Kreuzzugsbilder evoziert, um sein Minneverständnis zu verdeutlichen. Es zeigt sich der parallele Verlauf der verschiedenen Dienstverhältnisse.

Scheint es eine Unterscheidung zwischen der ewigen Bewährung vor Gott und der Bewährung vor der Dame im Leben geben zu müssen, so findet sich dieser Gegensatz in den Minneliedern Hartmanns gerade nicht. Es zeigt sich, dass die Identität des Sänger Ichs so an seine Bewährung vor der Dame gebunden ist, dass diese selbst dann wieder aufgenommen wird, wenn das untersuchte Lied gerade vom Scheitern des Minnedienstes handelt. Dieser ewige Dienst und damit die ewige Bewährung in der minne wird im abschließenden Teil der Arbeit untersucht.

Herauszufinden ist dann, wie eine Bewährung im Minnedienst bei Hartmann aussieht und ob diese generell möglich ist. Interessant sind dafür etwa die Betrachtungen Christa Ortmanns zu den Beziehungen von Minnedienst, Gottesdienst und Herrendienst. Ihre Erkenntnisse zu den Kreuzliedern werden auf die Minnelieder übertragen und erweitert. Hinzu kommen ebenfalls Untersuchungen von Carolin Struwe-Rohr und Julia Weitbrecht, welche âventiure, Wagnis und Exorbitanz in Hartmanns Heldenepik erläutern. Da es sich um bei der vorliegenden Arbeit um die konzeptuelle Erschließung einer neuen Idee handelt, dient das Heranziehen dieser angrenzenden Themen der Eingrenzung der eigenen Ideen. Ebenso wichtig erscheint die didaktische Funktion des minnesangs, weshalb weiterführende Thesen aus Henrike Lähnemanns und Sandra Lindens Was ist lehrhaftes Sprechen? herangezogen werden. Die Rolle des Sprechers als Lehrinstanz untersucht Manfred Günter Scholz in Inkompetente Instanzen, defizitäre Tugenden. Da die untersuchten Lieder Handlungsempfehlungen für den Zuhörer bieten, stellen Scholz‘ Thesen interessante Fragen an die Funktion der Erzählinstanz in der Minnebewährung.

Zitiert wird aus zwei Ausgaben mit relevanten Primärtexten Hartmanns von der Aue: Deutsche Lyrik des frühen und hohen Mittelalters von Ingrid Kasten (im Folgenden gekürzt mi DL) sowie Des Minnesangs Frühling von Hugo Moser (im Folgenden gekürzt mi MF). Einleitend ist die Beziehung des sich bewährenden minnenden zur Gesellschaft zu betrachten.

Soziale Aspekte der Bewährungsminne

Selbstinszenierung und gesellschaftliche Positionierung des sich bewährenden Sängers

Die Position des Subjekts in der Gesellschaft ist in der mittelalterlichen Literatur ein wichtiger Diskussionspunkt. So hält Carolin Struwe-Rohr beispielsweise für die âventiure in Hartmanns Heldenepik fest, dass der Ritter sich am arthurischen Zentrum der Gesellschaft orientiert, „lediglich im Mittel darf der Ritter sich kurzzeitig davon entfernen.“1 Auch außenstehende Elemente wie besiegte Gegner und Zeugen werden in die Hofgemeinschaft integriert und dienen als Beweis der Exzeptionalität des Ritters.

Eine ähnliche Position besetzt der sich seiner Dame gegenüber bewährende Sänger. „ Mich vienc diu minne und lie mich varn ûf mîne sicherheit. Nu hât si mir enboten bî ir liebe, daz ich var. Ez ist unwendic, ich muoz endelîchen dar. Wie kûme ich braeche mîne triuwe und mînen eit! 2 Das Ich muss sich aus der gesellschaftlichen Ordnung in die Fremde begeben, um sich innerhalb der höfischen Gesellschaft und gegenüber seiner Dame zu beweisen. Die Betonung des eit werden Minnebeziehung und Fahrt in einen rechtlichen Rahmen gesetzt; es handelt sich um Verpflichtungen, durch deren Einhaltung sich der Ritter bewährt. Verknüpft werden der persönliche Dienst für die Herrin mit dem gesellschaftlichen Anspruch.

Ähnlich Hartmanns epischen Helden sind seine Sängerfiguren zu einem gewissen Grad aus der höfischen Sphäre ausgeschlossen, bleiben aber immer auf diese bezogen.3 Sie stilisieren sich als anderen minnenden überlegen, wobei sie sich jedoch stets auf dieselben gesellschaftlichen Normen beziehen. So bleiben sie stets in die höfische Gemeinschaft eingebunden. Dies geschieht in den Minneliedern in der Unterscheidung zwischen dem eigenen Tun und minnen und dem der anderen minnesänger. Besonders markant ist die Dichotomie von Passivität und Aktivität, welche die These eröffnet, dass nur Handlung der Ausdruck ‚richtiger‘ minne ist. Hier zeigt sich, dass die Wissensvermittlung nicht nur über lehrhafte Monologe stattfindet, sondern explizit als Dialog gestaltet wird, „in dem sich eine Lehrinstanz mit anderen Positionen konfrontiert sieht.“4

Wichtig ist an dieser Stelle also vor allem die Vorbild- und Lehrfunktion des vorgestellten minnenden und seiner Bewährung. Dies deckt sich mit dem Anspruch auf Lehrhaftigkeit an die mittelalterliche Literaturproduktion. „Die Lehrhaftigkeit beschränkt sich nicht auf eine Wissens- und Normenvermittlung, vielmehr wird sie explizit thematisiert und reflektiert[…]. Die Literatur wird dabei nicht immer zum zielstrebigen und effektiven Vermittler allgemein anerkannter Ordnungsmuster, sondern denkt die Problematisierung von Lehre und lehrhafter Vermittlung häufig schon mit.“5 Dies geschieht oft in Form einer literarischen Vermittlerpersönlichkeit, welche ihre belehrende Absicht in Form eines auf der zwischenmenschlichen Beziehungsebene funktionierender Sprechakts ihre Lehren vermittelt.6 Dies geschieht meist indirekt durch die Ansprache jener, die etwas Falsches tun.7 So soll beispielsweise swes vröide an guoten wîben stât, […] in sprechen wol und wesen undertân […] als ez mit triuwen so. 8

Es die allgemeine Ansprache des Publikums als „wer“ dient der Etablierung einer gesellschaftlichen Allgemeingültigkeit der präsentierten Lehren. Indem er sich selbst die Kompetenz zuspricht, Forderungen an alle Hörer und minnenden zu stellen, positioniert der Sänger sich zugleich als verlässliche Instanz in Sachen der idealen Minnewerbung. In seiner Positionierung innerhalb des gesellschaftlichen Gefüges nimmt der sich bewährende Sänger folglich oft eine Lehrerposition ein. „Die auctoritas der lehrhaften Äußerung kann sich dabei ebenso aus allgemein akzeptiertem und primär mündlich tradiertem gnomischen Wissensgut wie aus der schriftlichen Sphäre lateinischer Gelehrsamkeit speisen, teils eher mit argumentativer Logik operieren, teils lediglich im Zitat auf unumstrittene Autoritäten verweisen.“9

[...]


1 Struwe-Rohr, Carolin: Âventiure und Kontingenz. Erzählen als Wagnis im ʻIwein’ Hartmanns von Aue. Stuttgart 2019. S. 10.

2 Kasten, Ingrid: Deutsche Lyrik des frühen und hohen Mittelalters. Frankfurt am Main 2017. Lied 98, Strophe 1. Im Weiteren abgekürzt mit „Kasten, 98, 1“.

3 Weitbrecht, Julia: Genealogie und Exorbitanz. Zeugung und (narrative) Erzeugung von Helden in heldenepischen Texten. In: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur. Bd. 141. S 281-309. Stuttgart 2012. S. 285.

4 Vgl. Lähnemann, Henrike; Linden, Sandra: Was ist lehrhaftes Sprechen? In: Dichtung und Didaxe: Lehrhaftes Sprechen in der deutschen Literatur des Mittelalters. Hrsg.: Lähnemann, Henrike; Linden, Sandra. Berlin 2009. S. 2-3.

5 Ebd. S. 1.

6 Vgl. Ebd. S. 2-3.

7 Bsp: Kasten, 89, 8, 6-10: Swervon der sîner strebet, der habe im daz.[…] Swer alsô minnen kann,der ist ein valscher man.

Kasten, 92, 3, 5-8: Dâ sî eht er vil staete an sînem reinen site, jâ erwirbet er ein staetez heil dâ mite, sô der vil gahelôsen gaehez heil zergât, daz er an der vil gâhelôsen gaehes funden hât.

8 Moser, Hugo: Des Minnesangs Frühling, Bd. 1, Texte: Unter Benutzung der Ausgaben von Karl Lachmann und Moritz Haupt, Friedrich Vogt und Carl von Kraus. 2007. Ab jetzt gekürzt mit: Moser, II, 1/1-5.

9 Lähnemann; Linden: Was ist lehrhaftes Sprechen? S. 2.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Bewährungsminne Hartmanns von der Aue. Minnesang: Frühe Minnelieder und Hohe Minne
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,7
Autor
Jahr
2022
Seiten
21
Katalognummer
V1190363
ISBN (eBook)
9783346625991
ISBN (Buch)
9783346626004
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Minnesang, Hartmann von der Aue, Minnelyrik, Minnelied, Kreuzlied
Arbeit zitieren
Carolin Will (Autor:in), 2022, Bewährungsminne Hartmanns von der Aue. Minnesang: Frühe Minnelieder und Hohe Minne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1190363

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