Der Blick auf das Kind

Die Pädagogik Franckes und Rousseaus im Vergleich


Seminararbeit, 2005

15 Seiten


Leseprobe

Inhaltesverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Sicht auf das Kind bei August Hermann Francke
2.1. Biografische Skizze
2.2. Der Pietismus
2.3. Anthropologie
2.4. Die Erziehung

3. Der Blick auf das Kind bei Jean-Jacques Rousseau
3.1. Biografische Skizze
3.2. Die Aufklärung
3.3. Anthropologie
3.4. Die Erziehung

4. Quintessenz

5. Literatur

1. Einleitung

Der erste Teil des Titels der Hausarbeit („Der Blick auf das Kind“) ist von Juliane Jacobi geliehen.[1] Thematisch soll sich die Hausarbeit auf diesen Aspekt der Pädagogik Franckes und Rousseaus konzentrieren, wobei die daraus abgeleiteten Erziehungskonzepte jeweils kurz dargestellt werden, weil die pädagogische Praxis rückwirkend auch die Theorie beleuchtet.[2]

Zur Formulierung der Kernfragen kann ein Zitat aus der Einleitung zu dem Buch „Das Kind in Pietismus und Aufklärung“ herangezogen werden:

Das Kindheitsverständnis wird in besonderer Weise von der in einer Zeit anerkannten Erziehungs- bzw. Bildungskonzepten repräsentiert. […] So muss beispielsweise, um der Frage nach dem Kindheitsbegriff im 17. Jahrhundert näher zu kommen, die von Johann Amos Comenius und später August Hermann Francke erhobene Forderung nach einer altersgerechten Erziehung und Schulbildung der Kinder auf ihre anthropologische Implikation hin untersucht werden, während im Blick auf die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts davon auszugehen ist, dass seit dem Erscheinen von Rousseaus Erziehungsroman „Émile“ der Begriff Entwicklung bestimmend wird.[3]

Im Hintergrund schwingt auch die Frage des Verhältnisses von Pietismus und Aufklärung mit: Führt Franckes Pädagogik zu Rousseau oder zu anderen folgenden Pädagogen oder ist sie nur ein pädagogischer Seitenweg, der ins Leere läuft? Peter Menck stellt fest:

In den Geschichten der Pädagogik kommt allemal ein Kapitel über den Pietismus vor, und hier wird allemal auf Francke eingegangen. Ich habe mich seit Beginn meiner Beschäftigung mit Francke des Eindrucks nicht erwehren können, dass die Autoren allemal nicht recht wussten, was sie mit ihm anfangen sollten.[4]

Dem Rechnung tragend, wird Francke ausführlicher behandelt als Rousseau. Beide werden jeweils mit einer kurzen biografischen Skizze vorgestellt und in ihren ideengeschichtlichen Hintergrund eingeordnet, bevor ein Überblick über den jeweiligen Blick auf das Kind folgt. Die unterschiedlichen anthropologischen Prämissen werden diesem Überblick jeweils vorangestellt. Die in der Einleitung angesprochenen Fragen und Themen werden in der Quintessenz noch einmal aufgegriffen, es folgen abschließend die Angaben zur verwendeten Literatur.

2. Die Sicht auf das Kind bei August Hermann Francke

2.1. Biografische Skizze

August Hermann Francke wurde am 22. März 1663 in Lübeck geboren. Sein Vater Johannes war dort als Jurist tätig, seine Mutter Anna war die Tochter des Syndikus und späteren Bürgermeisters David Gloxin. Francke wuchs in einer frommen Umgebung auf und wurde mit anderen Kindern fast nur von Privatlehrern unterrichtet, allein 1676/77 besuchte er zu Vorbereitung auf sein Theologiestudium das Gymnasium in Gotha. 1679 begann er in Erfurt sein Studium. Seinen Magistergrad erwarb er sechs Jahre später in Leipzig, wo er sich kurz darauf auch habilitierte. Über seinen geistlichen Zustand in dieser Zeit urteilte er:[5]

In Summa: ich war innerlich und äusserlich ein welt Mensch, und hatte im bösen nicht ab, sondern zugenommen. Das wissen hat sich wohl vermehrt, aber dadurch war ich immer mehr auffgeblehet.[6]

Bei einer Predigtvorbereitung zu Joh 20,31 stieg sein Zweifel, bis zu einem Gebet, bei dem er erfuhr: „wie man eine hand umwendet, so war all mein zweiffel hinweg, ich war versichert in meinem hertzen der Gnade Gottes in Christo Jesu.“[7] Seit seinem Durchbruch „vertrat er sein alternatives Modell von Theologie und christlicher Existenz, und erwartete dabei wie selbstverständlich den Konflikt.“[8] Diesen Konflikt erlebte er sowohl bei seinen akademischen und erbaulichen Veranstaltungen in Leipzig, als auch bei seinem gescheiterten Berufsbeginn in Erfurt, das er 1691 verlassen musste. In demselben Jahr übernahm er eine Professur in Halle für griechisch und orientalische Sprachen und die Pfarrei in der durch Armut geprägten Stadt Glaucha.

Dort lernte er seine Ehefrau, die adlige Anna Magdalena von Wurm kennen; aus ihrer Ehe ging ihre Tochter Sophie hervor.

Mit dem gespendeten Startkapital von vier Talern und sechzehn Groschen gründete er 1695 eine Armenschule – der Beginn der „Glauchaschen Anstalten“. Mit dem dazukommenden Waisenhaus und dem Pädagogium, „war damit in den Anstalten ein komplettes dreigliedriges Schulsystem für den Haus-, Lehr- und Regierstand."[9]

Am 8. Juli 1727 starb er in Halle.

2.2. Der Pietismus

Franckes pädagogisches Denken und Handeln wird nur vor dem Hintergrund des Pietismus verständlich. Der Pietismus sei, so Brecht, die bedeutendste Frömmigkeitsbewegung des Protestantismus nach der Reformation und als solche primär ein religiöses Phänomen. Die Bewegung

entstand um die Wende vom 16. zu 17. Jahrhundert aus der Kritik an den bestehenden kirchlichen und geistlichen Verhältnissen fast gleichzeitig in England, den Niederlanden und Deutschland, griff von da auf die Schweiz, Skandinavien, Osteuropa und die heutigen Vereinigten Staaten von Nordamerika über.[10]

Im Kontrast zur Orthodoxie wurde von den pietistischen Theologen die persönliche Glaubenserfahrung betont, wie anhand Franckes Bekehrung gezeigt werden konnte und „im Unterschied zum herrschenden Intellektualismus wurde die emotionale und willensmäßige Seite des Menschen akzentuiert.“[11] Als Hauptanliegen kann eine persönlich gelebte Frömmigkeit (lat. pietas) genannt werden.

Werner Loch nimmt die oben zitierte Beschreibung des Pietismus als „primär religiöses Phänomen“ auf, aber ergänzt, dass es zugleich ein genuin pädagogisches sei.[12]

In dem sich die Pietisten als „Kinder Gottes“ verstanden, konstituierten sie einen pädagogischen Bezug, durch den das Kind für den Erwachsenen und der Erwachsene für das Kind eine neue Bedeutung bekam.[13]

Vor dem Hintergrund der „Nacherziehung“ – in Anlehnung an Freud – der Erwachsenen, so Loch, sei die Erziehung der Kinder und Jugendlichen eine grundlegende Lebensaufgabe, die sowohl den Erziehenden, als auch den Zöglingen die Chance böt, zur Ehre Gottes zu leben.[14]

[...]


[1] Jacobi, Juliane: Der Blick auf das Kind. Zur Entstehung der Pädagogik in den Schulen des Hallschen Waisenhauses. In: Neumann, Josef N./ Sträter, Udo (Hg.): Das Kind in Pietismus und Aufklärung. Tübingen 2000, S. 47.

[2] So schreibt Jacobi im Hinblick auf Fran>

[3] Neumann, Josef N./ Sträter, Udo: Einleitung. In: Neumann, Josef N./ Sträter, Udo (Hg.): Das Kind in Pietismus und Aufklärung. Tübingen 2000, S. VII/VIII.

[4] Menck, Peter: Geschichte der Erziehung. Donauwörth 1993, S. 175.

[5] In Anlehnung an: Brecht, Martin: August Hermann Francke und der Hallische Pietismus. In: Brecht, Martin (Hg.): Der Pietismus vom siebzehnten bis zum frühen achtzehnten Jahrhundert. Göttingen 1993, S. 439–539.

[6] Matthias, Markus (Hg.): Lebensläufe August Hermann Franckes. Leipzig 1999, S. 21.

[7] Ebd. S. 29.

[8] Brecht, Martin: August Hermann Francke und der Hallische Pietismus. S. 446. Peter Menck urteilt: „Ich will zwar nicht sagen, dass all die Anstalten und Veranstaltungen, von denen sogleich zu berichten sein wird, auf dieses Erlebnis zurückgingen. Wohl aber wären sie ohne diese tragende, sinnstiftende Mitte kaum vorstellbar.“ Menck: Geschichte der Erziehung, S. 158.

[9] Ebd. S. 479.

[10] Brecht, Martin: Einleitung. In: Brecht, Martin (Hg.): Der Pietismus vom siebzehnten bis zum frühen achtzehnten Jahrhundert. Göttingen 1993, S. 1.

[11] Kurten, Petra: Umkehr zum lebendigen Gott. Die Bekehrungstheologie August Hermann Franckes als Beitrag zur Erneuerung des Glaubens. Paderborn 1985, S. 21.

[12] Loch, Werner: Pädagogik am Beispiel August Hermann Franckes. In: Lehmann, Hartmut (Hg.): Glaubenswelt und Lebenswelten. (Geschichte des Pietismus Bd. 4) Göttingen 2004, S. 264.

[13] Ebd. S. 265.

[14] Vgl. Ebd. S. 265.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der Blick auf das Kind
Untertitel
Die Pädagogik Franckes und Rousseaus im Vergleich
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Veranstaltung
Einführung in die Allgemeine Pädagogik
Autor
Jahr
2005
Seiten
15
Katalognummer
V119076
ISBN (eBook)
9783640225804
ISBN (Buch)
9783640227341
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Blick, Kind, Einführung, Allgemeine, Pädagogik
Arbeit zitieren
Philipp vom Stein (Autor), 2005, Der Blick auf das Kind, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119076

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Blick auf das Kind



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden