Rezension zu: Kastner, Jens, David Mayer (Hgg.), Weltwende 1968? Ein Jahr aus globalgeschichtlicher Perspektive (Globalgeschichte und Entwicklungspolitik, Bd. 7), Wien 2008


Rezension / Literaturbericht, 2008
7 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Bei „Weltwende 1968? Ein Jahr aus globalgeschichtlicher Perspektive“ handelt es sich um eine Aufsatzsammlung an der sich zwölf verschiedene Autorinnen und Autoren aus Politikwissenschaft und Geschichte beteiligten.

Die einzelnen Essays beschäftigen sich mit der 1968er-Bewegung im globalen Kontext und lassen sich grob in zwei verschiedene Kategorien einteilen. Zuerst sind die aspektorientierten Aufsätze zu nennen, die versuchen einen einzelnen Gesichtpunkt von 1968 aus globaler Perspektive zu betrachten.

Der Beitrag „1968: Das Rätsel der Gleichzeitigkeit“ von Marcel van der Linden bietet dazu einen guten Einstieg. Er versucht die Synchronität der Ereignisse um 1968 zu erklären. Von den fünf Zugängen, die für ihn zunächst plausibel erscheinen, führt er jedoch lediglich drei Ansätze weiter aus und verwirft die Ideen von einer independenten Parallelität der Ereignisse und einer Änderung des Zeitgeistes bereits im Vorfeld. Stattdessen zeigt er auf, wie die Veränderungen in der Weltwirtschaft in den 50er und 60er Jahren, die großen Umbrüche in verschiedenen Weltregionen – er nennt die Kubanische Revolution, die Chinesische Kulturrevolution, den Prager Frühling und die Tet-Offensive – und die Beziehungen der Bewegungen untereinander dazu beitrugen, 1968 zu einem globalen Umbruchszeitraum werden zu lassen.

Kristina Schulz geht bereits einen Schritt weiter und befasst sich in „Wende im Geschlechterverhältnis? Feminismus und Frauenbewegung“ mit der zweiten Frauenbewegung und deren Bezug zu 1968. Nachdem sie diese neue von der Frauenbewegung um 1900 abgegrenzt hat, zeigt sie die weltweit gemeinsamen ideologischen Ursprünge der Bewegung auf, die sie unter anderem im Radical Feminism, dem Werk Simone de Beauvoirs und der neuen Rezeption von Freuds Psychoanalyse durch Jacques Lacan sieht. Abschließend analysiert sie die Verquickung von Frauenbewegung und 1968, wobei sie klar darauf hinweist, dass 1968 für die Frauenbewegung eher als ein symbolisches Bezugsereignis gesehen werden müsse.

Zur Beleuchtung des beiderseitigen Einflusses zwischen der Bildenden Kunst und der 1968er-Bewegung kommt es in Jens Kastners Essay „Kunstproposition und Künstlerfaust. Bildende Kunst um 1968“. Hierzu stellt er hauptsächlich das Wirken der Situationistischen Internationalen, aber auch die Arbeit anderer Künstlergruppen und Künstler, dar und kritisiert, dass deren Schaffen oftmals nicht im ´68-Kontext gedeutet wird.

Dass auch die Kirche als „global player“ in 1968 involviert war, zeigt Martina Kaller-Dietrich in „Theologie der Befreiung: Medellín 1968“. Sie untersucht dazu die Bedeutung der Dependenztheorie im Kontext des Nord-Süd-Konflikts und setzt als Rahmen die Konferenz der lateinamerikanischen Bischöfe in Medellín 1968. Auf dieser Grundlage präsentiert sie die „Theologie der Befreiung“ als politische Neuinterpretation des christlichen Erlösungsgedanken und zeigt deren Folgen auf.

Der letzte Essay, der einen aspektorientierten Ansatz verfolgt ist „Genozid in Vietnam. 1968 als Schlüsselereignis in der Globalisierung des Holocaustdiskurses” von Berthold Molden. Hierin zeigt Molden, dass der Krieg in Vietnam eine zentrale Rolle für ein globales 1968 gespielt hat. Er setzt bei dem „Vietnam War Crimes Tribunal“, auch bekannt als Russel-Tribunal, dass 1966 zu tagen begann, an. Ziel der dort versammelten Intellektuellen verschiedener Länder war es, auf die Kriegsverbrechen der USA aufmerksam zu machen und diese zu verurteilen. Als Argumentation wurde der Bezug zum Holocaust des Zweiten Weltkriegs und zum Genozidbegriff gesucht. Das Russel-Tribunal, als ein „Beispiel mit schneller, starker und internationaler Öffentlichkeitswirkung“[1], fand auch starke Rezeption in post- oder spätkolonialen Länder und kann somit auch in den Dekolonisierungsdiskurs eingeordnet werden. Mit diesen multinationalen Referenzen führt Molden das globale Identifikationspotenzial der Völkermordthematik vor Augen und fragt sich sogar, ob die Vietnam-Holocaust-Analogie nicht sogar das Potential zu einer „universalen Referenz“[2] habe.

[...]


[1] Molden, Berthold, Genozid in Vietnam. 1968 als Schlüsselereignis in der Globalisierung des

Holocaustdiskurses, in: Kastner, Jens, David Mayer [Hgg.], Weltwende 1968? Ein Jahr aus

globalgeschichtlicher Perspektive, Wien 2008, S. 92.

[2] Ebd., S. 91.

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Rezension zu: Kastner, Jens, David Mayer (Hgg.), Weltwende 1968? Ein Jahr aus globalgeschichtlicher Perspektive (Globalgeschichte und Entwicklungspolitik, Bd. 7), Wien 2008
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Zwischen Moderne und Postmoderne: Die internationale 68-Bewegung
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
7
Katalognummer
V119083
ISBN (eBook)
9783640224845
Dateigröße
384 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rezension, Kastner, Jens, David, Mayer, Weltwende, Jahr, Perspektive, Entwicklungspolitik, Wien, Zwischen, Moderne, Postmoderne, 1968, 68er, Studentenbewegung, 68
Arbeit zitieren
Daniel Hitzing (Autor), 2008, Rezension zu: Kastner, Jens, David Mayer (Hgg.), Weltwende 1968? Ein Jahr aus globalgeschichtlicher Perspektive (Globalgeschichte und Entwicklungspolitik, Bd. 7), Wien 2008, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119083

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