Resension zu: „Weltwende 1968? Ein Jahr aus globalgeschichtlicher Perspektive"
Bei „Weltwende 1968? Ein Jahr aus globalgeschichtlicher Perspektive“ handelt es sich um eine Aufsatzsammlung an der sich zwölf verschiedene Autorinnen und Autoren aus Politikwissenschaft und Geschichte beteiligten.
Die einzelnen Essays beschäftigen sich mit der 1968er-Bewegung im globalen Kontext
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Aspektorientierte Aufsätze
2.1 1968: Das Rätsel der Gleichzeitigkeit
2.2 Wende im Geschlechterverhältnis? Feminismus und Frauenbewegung
2.3 Kunstproposition und Künstlerfaust. Bildende Kunst um 1968
2.4 Theologie der Befreiung: Medellín 1968
2.5 Genozid in Vietnam. 1968 als Schlüsselereignis in der Globalisierung des Holocaustdiskurses
3. Länderspezifische Charakteristiken
3.1 Die affirmative Revolte. 1968 in der Sozialistischen Föderation Jugoslawien (SFRJ)
3.2 Prag 1968
3.3 Mai 68 im Senegal. Fortsetzung des Unabhängigkeitsprozesses
3.4 Vor den bleiernen Jahren der Diktaturen. 1968 in und aus Lateinamerika
3.5 Die Bürgerrechtsbewegung in den USA
3.6 Das lange italienische 1968
3.7 Proletarischer und studentischer Protest unter Franco. 1968 in Spanien
4. Gesamtkonzeption und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Publikation verfolgt das Ziel, die 1968er-Bewegung aus einer dezidiert globalgeschichtlichen Perspektive zu betrachten und dabei veraltete Forschungsansätze, die 1968 primär auf Studentenunruhen und Generationenkonflikte reduzierten, zu überwinden. Die Arbeit fragt nach den transregionalen Verflechtungen sowie den sozialen, politischen und wirtschaftlichen Hintergründen, die 1968 zu einem globalen Umbruchszeitraum formten.
- Überwindung des Fokus auf westliche Metropolen und studentischen Protest.
- Analyse sozialer Bewegungen unter Einbeziehung von Arbeiterbewegungen und Gewerkschaften.
- Transnationale Vergleiche zwischen politischen Reformbewegungen und Dekolonisierungsprozessen.
- Kritische Historisierung des Jahres 1968 jenseits von Mythen und bloßer Erinnerungskultur.
- Untersuchung von globalen Identifikationspotenzialen (z.B. Holocaustdiskurs und Vietnamkrieg).
Auszug aus dem Buch
Genozid in Vietnam. 1968 als Schlüsselereignis in der Globalisierung des Holocaustdiskurses
Der letzte Essay, der einen aspektorientierten Ansatz verfolgt ist „Genozid in Vietnam. 1968 als Schlüsselereignis in der Globalisierung des Holocaustdiskurses” von Berthold Molden. Hierin zeigt Molden, dass der Krieg in Vietnam eine zentrale Rolle für ein globales 1968 gespielt hat. Er setzt bei dem „Vietnam War Crimes Tribunal“, auch bekannt als Russel-Tribunal, dass 1966 zu tagen begann, an. Ziel der dort versammelten Intellektuellen verschiedener Länder war es, auf die Kriegsverbrechen der USA aufmerksam zu machen und diese zu verurteilen.
Als Argumentation wurde der Bezug zum Holocaust des Zweiten Weltkriegs und zum Genozidbegriff gesucht. Das Russel-Tribunal, als ein „Beispiel mit schneller, starker und internationaler Öffentlichkeitswirkung“, fand auch starke Rezeption in post- oder spätkolonialen Länder und kann somit auch in den Dekolonisierungsdiskurs eingeordnet werden. Mit diesen multinationalen Referenzen führt Molden das globale Identifikationspotenzial der Völkermordthematik vor Augen und fragt sich sogar, ob die Vietnam-Holocaust-Analogie nicht sogar das Potential zu einer „universalen Referenz“ habe.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung steckt den globalgeschichtlichen Rahmen ab und definiert das Ziel, 1968 als komplexen, internationalen Umbruchszeitraum jenseits des Generationenkonflikts neu zu bewerten.
2. Aspektorientierte Aufsätze: Diese Beiträge beleuchten spezifische Querschnittsthemen wie Feminismus, Kunst, Befreiungstheologie und die Rolle des Holocaustdiskurses in globaler Perspektive.
3. Länderspezifische Charakteristiken: In diesem Teil werden Fallbeispiele aus verschiedenen Weltregionen wie Jugoslawien, Senegal, den USA, Lateinamerika, Italien und Spanien untersucht, um lokale Besonderheiten aufzuzeigen.
4. Gesamtkonzeption und Fazit: Der abschließende Teil würdigt die inhaltliche Stringenz des Bandes, weist jedoch auf das Fehlen expliziter Querbezüge zwischen den Einzelbeiträgen hin.
Schlüsselwörter
1968er-Bewegung, Globalgeschichte, Studentenbewegung, Arbeiterbewegung, Transnationalität, Dekolonisierung, Vietnamkrieg, Feminismus, Befreiungstheologie, Sozialbewegungsforschung, Historisierung, politische Reformen, Weltwirtschaft, Identifikationspotenzial, kritische Geschichtsschreibung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der rezensierten Publikation grundlegend?
Die Publikation ist eine Aufsatzsammlung, die das Jahr 1968 und die damit verbundenen sozialen Bewegungen aus einer globalen statt einer rein eurozentrischen Perspektive betrachtet.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf der Dekolonisierung, der Rolle von Arbeiter- und Frauenbewegungen, der Bedeutung medialer Kommunikation und der internationalen Verflechtung politischer Proteste.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Hauptziel ist es, das Forschungsmonopol des „Generationenkonflikts“ zu brechen und 1968 als ein historisch proportionierbares Ereignis in einem größeren Zeitrahmen von 1959 bis 1973 zu verankern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um einen globalgeschichtlichen Ansatz, der durch eine Mischung aus aspektorientierten Querschnittsanalysen und spezifischen Länderstudien strukturiert ist.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert zum einen globale Themen wie die Befreiungstheologie oder den Holocaustdiskurs und zum anderen konkrete nationale Entwicklungen in Ländern wie Senegal, Spanien oder den USA.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen globale Transformation, Transnationalität, Sozialbewegungsforschung und die kritische Historisierung von Protestbewegungen.
Wie bewertet der Rezensent den Ansatz der „Theologie der Befreiung“?
Die Autorin Martina Kaller-Dietrich wird dafür gelobt, die Kirche als globalen Akteur zu identifizieren und die Dependenztheorie im Kontext der Bischofskonferenz von Medellín präzise aufzuarbeiten.
Welches Fazit zieht der Rezensent zur methodischen Umsetzung?
Obwohl die Konzeption gelobt wird, bemängelt der Rezensent eine mangelnde Vernetzung der Beiträge untereinander, da die Aufsätze teilweise zu isoliert nebeneinander stehen.
- Quote paper
- Daniel Hitzing (Author), 2008, Rezension zu: Kastner, Jens, David Mayer (Hgg.), Weltwende 1968? Ein Jahr aus globalgeschichtlicher Perspektive (Globalgeschichte und Entwicklungspolitik, Bd. 7), Wien 2008, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119083