Nachentscheidungskonflikte: Kognitive Dissonanz und Attraktivität von Entscheidungsalternativen


Seminararbeit, 2008

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Theorie der kognitiven Dissonanz von Festinger (1957)
a. Grundkonzept der Theorie
- Definition von Dissonanz
- Dissonanzreduktion
b. Kognitive Dissonanz nach Entscheidungen
- Dissonanzerzeugende Entscheidungen
- Veränderung der Attraktivität von Entscheidungsalternativen

3. Empirische Untersuchungen über die Veränderung der Attraktivität von Ent– scheidungsalternativen nach Entscheidungen
a. Das Experiment von Jack Brehm (1956)
- Methode
- Ergebnisse und Diskussion
b. Das Experiment von Elaine Walster (1964)
c. Diskussion: Vergleich der Ergebnisse der dargelegten Studien mit anderen re– levanten Befunden

4. Fazit

1. Einleitung

Entscheidungen sind ein unabdingbarer Teil unseres Alltags. Soll ich an der Universität studieren? Wenn ja, dann an welcher? Welchen Studiengang soll ich auswählen? Soll ich für die Prüfung morgen lernen oder ins Kino gehen? Was brauche ich mehr - eine Digitalkamera oder einen Drucker? Selten befinden wir uns in Situationen, in denen eine Option zweifellos die einzige vernünftige Wahlmöglichkeit darstellt. Meistens gibt es verschiedene Alternativen, die ihre eigene Vorund Nachteile bzw. Nutzen und Kosten haben. Wenn wir aber eine Entscheidung treffen, akzeptieren wir die Nachteile der gewählten und geben die Vorteile der verworfenen Alternative auf. Dies kann negative Emotionen hervorrufen, da die nicht gewählte Option nicht mehr vorhanden ist aber immer noch attraktiv erscheint. Die negativen Emotionen, die wir in diesem Fall empfinden, können unter dem Begriff „kognitive Dissonanz“ subsumiert werden. Schon in 1957 hat Leon Festinger eine Theorie der kognitiven Dissonanz entwickelt und den Prozess zum Treffen von Entscheidungen untersucht. Festinger (1957, S. 1) geht davon aus, dass Personen nach Gleichgewicht und Harmonie in ihrem kognitiven System streben. Die Einstellungen, die Meinungen, die Präferenzen, das Verhalten usw. eines Individuums sollen zueinander passen und sich nicht widersprechen. „Ein Widerspruch zwischen verschiedenen Kognitionen hervorruft einen aversiven motivationalen Zustand“ (vgl. Bierhoff, 2006, S. 401), den die Person reduzieren möchte. Zu diesem Zweck wendet sie verschiedene Strategien an, wie etwa die Aufwertung der gewählten und die Abwertung der nicht gewählten Alternative nach einer Entscheidung.

Ziel dieser Arbeit ist es, eine der Folgen des Treffens von Entscheidungen anhand einer Darstellung theoretischer Annahmen und empirischer Untersuchungen zu beschreiben. Der Fokus wird also auf die Veränderung der Attraktivität von Entscheidungsalternativen gelegt. Andere Konsequenzen wie beispielsweise die Veränderung der Sicherheit über die Richtigkeit der Entscheidung werden nicht behandelt, da dies den Umfang dieser Arbeit sprengen würde. Als erstens im theoretischen Teil soll die Basiskonzeption der Theorie der kognitiven Dissonanz von Festinger (1957) zusammengefasst werden. Dabei wird versucht, die Grundbegriffe zu definieren. Danach soll auf den Ablauf des Prozesses der Dissonanzreduktion und auf die Probleme, die sich dabei ergeben, eingegangen werden. Schließlich wird spezieller der Zustand kognitiver Dissonanz nach Entscheidungen dargestellt. Im empirischen Teil der Arbeit werden zwei Studien über die Folgen von Entscheidungen vorgestellt und es wird ein Überblick über ihre Ergebnisse gegeben. Darauffolgend werden die Ergebnisse unter Berücksichtigung von weiteren relevanten Befunden diskutiert. Im Fazit soll eine Zusammenfassung der wesentlichen Punkte der Arbeit erfolgen.

2. Die Theorie der kognitiven Dissonanz von Festinger (1957)

a. Grundkonzept der Theorie

Die Theorie der kognitiven Dissonanz nimmt eine zentrale Stelle in der Sozialpsychologie ein. Dies lässt sich nicht nur daran erkennen, dass in den meisten wissenschaftlichen Büchern über Sozialpsychologie ein Kapitel dieser Theorie gewidmet ist (vgl. Bierhoff, 2006; Irle, 1978; Frey/ Irle, 1978; Frey/ Greif, 1987; Gollwitzer/ Schmitt, 2006; Herkner, 1991; Aronson/ Wilson/ Akert, 2004; u.a.). Dieter Frey (1978, S. 243) betont, dass schon mehr als 900 Veröffentlichungen dazu erschienen sind, und bezeichnet sie als die „einflussreichste“ aller kognitiven Konsistenztheorien. Dieser Erfolg mag daran liegen, dass sich die Theorie mit Sparsamkeit und einem breiten Anwendungsbereich charakterisiert (vgl. Festinger, 1957, S. 9).

Das Basiskonzept der Dissonanztheorie lässt sich einfach anhand eines Beispiels[1] erklären.

Wie schon in der Einleitung angedeutet wurde, versucht der Mensch Ausgewogenheit in seinem kognitiven System herzustellen und diese zu erhalten. Ein Raucher, der sich bewusst ist, dass das Rauchen seine Gesundheit gefährdet und trotzdem damit nicht aufhört, verhält sich (vermutlich) inadäquat und kann sich in einem Zustand psychologischem Unbehagen befinden. Er ist motiviert, ihn zu reduzieren bzw. zu beseitigen. Folglich bemüht er sich, seine Handlungen zu „rationalisieren“, zu rechtfertigen und in Einklang zu den externen Informationen und inneren Überzeugungen zu bringen. Aussagen wie „ich genieße das Rauchen“, es beruhigt mich“, „das Risiko, meine Gesundheit zu beschädigen ist nicht wirklich so groß“ usw. helfen ihm seine schlechte Gewohnheit gelassener hinzunehmen. In diesem Zusammenhang sind die zwei Annahmen der Theorie von Festinger (1957, S. 3) erstens die Reduktion der existierenden Dissonanz und zweitens die parallele Vermeidung von Informationen und Situationen, die die Dissonanz erhöhen können. Bevor es konkreter auf diese Prozesse eingegangen wird, sollen im Folgenden die zentralen Begriffe der Theorie definiert werden.

– Definition von Dissonanz

Kognitionen oder auch kognitive Elemente und die Beziehungen dazwischen sind die „Grundbegriffe“ der Theorie der kognitiven Dissonanz (vgl. Herkner, 1991, S. 33). Festinger benutzt das englische Wortcognition, darunter er „any knowledge, opinion, or belief about the environment, about oneself, or about one’s behavior“ versteht (vgl. Festinger, 1957, S. 3). Kognitionen können also nicht nur Wissensbestände („ich habe braune Augen“) einer Person, sondern auch Meinungen („meine Nachbarn sind sehr laut“), Einstellungen („ich bin gegen Gewalt im Fernsehen“) oder Glaubensweisen („ich glaube an die ewige Liebe“) sein. Festinger unterscheidet zwischen Elementen, die in einem irrelevanten oder in einem relevanten Verhältnis zueinander im kognitiven System einer Person existieren. Zwischen den zwei oben erwähnten Aussagen „ich habe braune Augen“ und „meine Nachbarn sind sehr laut“ gibt es vermutlich kein Zusammenhang. In dem Beispiel mit dem Raucher stehen aber die Aussagen „ich rauche viel“ und „Rauchen ist gesundheitsschädlich“ in einer bedeutsamen Beziehung zueinander. Die relevante Beziehung zwischen zwei kognitiven Elementen kann entweder konsonant oder dissonant sein, so Festinger (1957, S. 11). Eine konsonante Relation besteht dann, wenn sich die kognitiven Elemente nicht widersprechen und miteinander vereinbar sind. Die Relation ist dissonant, wenn ohne Berücksichtigung anderer Kognitionen aus der einen Kognition das Entgegengesetzte der anderen folgt[2] (vgl. Festinger, 1957, S.13). In diesem Sinne bedeutet der Begriff Dissonanz „the existence of nonfitting relations among cognitions“ (vgl. Festinger, 1957, S. 3). Die Dissonanz kann auf Basis logischer, kultureller oder erfahrungsmäßiger Unvereinbarkeiten beruhen. Somit kann sie sowohl mit individuellen als auch mit sozialen Praktiken verbunden sein.[3] In vielen Situationen wie z.B. bei Entscheidungen ist die Dissonanz oft unvermeidlich. Es ist allerdings kritisch zu beurteilen, dass es nur eine Dissonanz gibt. In Abhängigkeit davon, wie wichtig die jeweiligen kognitiven Elemente für eine Person sind kann auch die Stärke der Dissonanz variieren. Das Dilemma, ob ich mir beispielsweise ein schnelles oder ein ökonomisches Auto kaufen soll, würde vermutlich mehr Dissonanz erzeugen als das Dilemma, ob ich Äpfel oder Orangen im Supermarkt kaufe (dazu siehe 2 b.). Ein anderer Faktor, der die Höhe der Dissonanz bestimmt, ist der relative Anteil der dissonanten im Vergleich zu den konsonanten Kognitionen. Je mehr Tatsachen gegen das Rauchen sprechen und je weniger dafür, desto stärker wird sich das Dissonanzgefühl zeigen. Je stärker die Dissonanz empfunden wird, desto motivierter und bereiter wird das Individuum sein und bewusst oder unbewusst versuchen, sie zu reduzieren (vgl. Festinger, 1957, S. 18).

– Dissonanzreduktion

Verschiedene Strategien zur Dissonanzreduktion sind in der Literatur dokumentiert[4]. Festinger (1957, S. 18ff) unterscheidet drei Maßnahmen, die eine Person ergreifen kann: die Handlungsänderung, die Änderung der Umwelt und die Kognitionsänderung. Eine Handlungsänderung wäre am Beispiel des Rauchers das Rauchen aufzugeben. So wird das Verhalten an der Kognition angepasst. Allgemein bekannt ist aber, dass die Raucher-Entwöhnung oft schwierig ist und mit sich nicht nur psychologische, sondern auch körperliche Schmerzen mitbringen kann. D.h. diese Strategie kann in vielen Fällen neue Dissonanzen erzeugen. Weiterhin bietet sich die Möglichkeit an das Dissonanzgefühl durch eine Änderung der sozialen oder der materiellen Umwelt abzuschütteln. Das kann sich als kompliziert, ineffektiv und sogar unmöglich erweisen, da eine Person relativ selten „a sufficient degree of control over one’s environment“ (vgl. Festinger, 1957, S. 20) hat. Die vielleicht einfachste und meist verbreitete Strategie ist die Änderung bestehender und/ oder die Addition neuer kognitiven Elemente im kognitiven System, die die bereits konsonanten Relationen verstärken und somit das gesamte Ausmaß der Dissonanz vermindern. Es ist zu erwarten, dass eine Person eine Reihe von Gründen für das Rauchen anführt, wie es von dem Raucher-Beispiel oben klar wurde. Durch Aussagen wie „ich rauche eh nicht so viel, das Gesundheitsproblem geht mich also nicht an“ kann der Raucher die subjektive Wichtigkeit des Problems reduzieren. Die Versuche zur Dissonanzminderung können sich auch in dem Verhalten des Individuums niederschlagen: „a person might be expected to actively seek new information that would reduce the total dissonance and, at the same time, to avoid new information that might increase the existing dissonance“ (vgl. Festinger, 1957, S. 22). Diese gezielte und selektive Informationssuche[5] ist eine der vier primären Anwendungsbereiche der dissonanztheoretischen Forschung. Ferner hat Festinger zur Prüfung seiner Theorie die Rolle der sozialen Unterstützung („the role of social support“), die Effekte der erzwungenen Einwilligung („the effects of forced compliance“) und das individuelle Entscheidungsverhalten („the consequences of decisions“) untersucht. Ob und wie Entscheidungen kognitive Dissonanz evozieren können wird im Nächsten thematisiert.

b. Kognitive Dissonanz nach Entscheidungen

Dieter Frey (1978, S. 256) argumentiert, dass „nach nahezu allen Entscheidungen (…) kognitive Dissonanz entsteht“. Es ist also nicht die bloße Existenz von Entscheidungssituationen, die ein Dissonanzgefühl hervorrufen kann. In einer Entscheidungssituation befindet sich eine Person zwar in einem Konfliktzustand (sie ist hinund hergerissen zwischen mindestens zwei Wahlmöglichkeiten), den sie durch das Treffen einer Wahl löst (vgl. Festinger, 1957, S. 39f). Das sei aber kein Dissonanzzustand, da die Dissonanz erst nach der Entscheidung auftrete. Die Person muss „auf die positiven Aspekte der nicht gewählten Alternative verzichten und die negativen Aspekte der gewählten in Kauf nehmen“ (vgl. Frey/ Benning, 1987, S. 148). Diese zählen zu den Kognitionen, die auf eine andere Handlungsweise hindeuten und dissonant zu der Entscheidung sind. Alle Kognitionen, die mit der getroffenen Wahl vereinbar sind und dafür sprechen, dass die Entscheidung hätte gefällt werden sollen, sind konsonant.

[...]


[1] Hier wird das klassische Beispiel mit dem Raucher angeführt. Mehr darüber lässt sich in der Literatur nachlesen (vgl. Festinger, 1957, S. 2; Frey, 1978, S. 244; Frey/ Greif, 1987, S. 147; Aronson/ Wilson/ Akert, 2004, S. 188f).

[2] Dazu siehe das Beispiel mit dem Raucher auf S. 4.

[3] Festinger (1957, S. 14) führt mehrere Beispiele dazu an, wovon Dissonanz entstehen kann. Hier werden sie aus Platzgründen nicht näher betrachtet.

[4] Meistens wird lediglich die Änderung der Kognitionen berücksichtigt (vgl. z.B. Frey, 1978; Herkner, 1991).

[5] Genauer bei Festinger (1957, S. 123-176): „voluntary and involuntary exposure to information“.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Nachentscheidungskonflikte: Kognitive Dissonanz und Attraktivität von Entscheidungsalternativen
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Medien- und Kommunikationspsychologie
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
16
Katalognummer
V119089
ISBN (eBook)
9783640225866
ISBN (Buch)
9783640227396
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nachentscheidungskonflikte, Kognitive, Dissonanz, Attraktivität, Entscheidungsalternativen, Medien-, Kommunikationspsychologie
Arbeit zitieren
Antonia Mancheva (Autor), 2008, Nachentscheidungskonflikte: Kognitive Dissonanz und Attraktivität von Entscheidungsalternativen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119089

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