Zwischen Erwerbsbeteiligung und Erwerbslosigkeit. Eine theoretisch-empirische Studie im Rahmen der Habitustheorie Bourdieus


Bachelorarbeit, 2021

88 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Abstract

Abstract

1 Einleitung

2 Theoretischer Rahmen

2.1 Soziale Arbeit in der Arbeitsmarktintegration

3 Theoretischer Rahmen

3.1 Die verborgenen Mechanismen der Macht nach Bourdieu

3.2 Kapital

3.2.1 Ökonomisches Kapital

3.2.2 Kulturelles Kapital

3.2.3 Soziales Kapital

3.3 Habitus

3.4 Reproduktion

3.5 Habitustransformationen

4 Zwischenfazit

5 Empirischer Teil

6 Methodisches Vorgehen

6.1 Sampling

6.2 Leitfadeninterview

6.3 Auswertung – inhaltlich-strukturierende Qualitative Inhaltsanalyse

6.4 Gütekriterien

7 Ergebnisse

8 Deutung / Diskussion der Ergebnisse

9 Fazit

10 Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis


1         Einleitung

 

Das Ziel dieser Arbeit ergibt sich aus dem Titel. Es geht darum, die Ursachen und Gründe dafür heraus zu arbeiten, wie es a) zu der Erwerbslosigkeit der Menschen kam, die am Förderzentrum (nachfolgend mit FZ angegeben) teilnehmen, wie es b) dazu kam, dass Teilnehmende der Maßnahme in der Erwerbslosigkeit verblieben, oder c) wie es Teilnehmenden gelang, die Erwerbslosigkeit beenden zu können. Diese drei Punkte werden jeweils im Rahmen der Habitustheorie nach Bourdieu betrachtet und diskutiert.

 

Dabei sind folgende vertiefende Fragen für diese Arbeit wichtig: Was hindert erwerbslose Menschen an der Vermittlung in Arbeit? Warum ist es so schwer für erwerbslose Menschen aus sozial schwachen Milieus in eine höhere (berufliche) Position zu gelangen? Wie haben Teilnehmende des FZs die Sozialisation in ihrer Ursprungsfamilie erlebt und wie gehen sie damit in Bezug auf einen möglichen Bildungsaufstieg um? Welche Arten von Kapitalsorten in seinen verschiedenen Erscheinungsformen (Bourdieu 1992), die während der Sozialisation verfügbar sind, wirken sich positiv auf einen beruflichen Erfolg aus? Wie funktioniert der Habitus, der den Zusammenhang und die Beziehungen zwischen der objektiven Klassenlage und den Lebensstilen beschreibt – und der durch Konditionierungen, die mit einer bestimmten Klasse von Existenzbedingungen verbunden sind – erzeugt wird (vgl. Bourdieu 1987, S. 98)? Und wie reproduziert er ein Verbleiben im bisherigen Milieu? Welche gesellschaftlichen und strukturellen Mechanismen zeigen sich als hinderlich bei einer erfolgreichen Integration in Arbeit? Warum denken und verhalten sich Menschen, die in Armut oder prekären Milieus aufgewachsen sind, gänzlich anders als Menschen, die in gesicherteren Verhältnissen aufgewachsen sind? Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit eine Habitustransformation möglich wird und Verhaltens-, Denk- und Wahrnehmungsschemata zu den Anforderungen eines beruflichen Erfolgs passen? Und was kann die Soziale Arbeit tun, um Prozesse der gewünschten Habitustransformation zu unterstützen?

 

Folgende Thesen liegen der Arbeit zugrunde: Bildungsaufstieg (aus der Erwerbslosigkeit heraus) hängt immer noch von Herkunft ab. Es gibt einen uralten Zusammenhang zwischen dem Scheitern im Bildungs- und Arbeitssystem und der Herkunft aus benachteiligten und benachteiligenden Verhältnissen. Gesellschaftliche Mechanismen der Macht halten Menschen mit geringen Kapitalressourcen in niedrigen Positionen im sozialen Raum, auch weil es den Herrschenden nutzt. Habitus ist als einverleibte Sozialisation vor allem durch die Ursprungsfamilie zu verstehen. Erfahrungen von Distinktion werden über legitimen Geschmack durch höhere und mittlere Klassen an untere Klassen vermittelt. Nach Bourdieu basiert die Überlegenheit in modernen Gesellschaften nicht alleine auf ökonomischer, sondern vielmehr auf symbolischer Macht. Indem Bourdieu in seinem Werk »Die feinen Unterschiede« die legitime Kultur – und damit die Kultur der Herrschenden – einer umfassenden Kritik unterzieht, kritisiert er auch diese subtilen symbolischen Herrschaftsmethoden moderner Gesellschaften (vgl. Bourdieu 1982, S. 120).

 

Die Teilnehmenden wurden im Rahmen der qualitativen Forschungsarbeit als Expert*innen in eigener Sache wahrgenommen, da sie von ihren ganz persönlichen Sozialisationserfahrungen, schulischen und beruflichen Stationen und Herausforderungen zu berichten hatten. Es ging dabei um die Erforschung des Milieus der Befragten mitsamt der vorhandenen oder fehlenden Ressourcen (Kapitalsorten), und darum, herauszufinden, welche Faktoren aus Sicht der Sozialisations- bzw. Habitustheorie nach Bourdieu für einen Bildungsaufstieg hemmend oder förderlich sind. Während meiner Arbeit als Jobcoachin im FZ entwickelten sich die oben genannten Fragen und die Idee, die Situation der Teilnehmenden mit den Mitteln des Interview umfassend zu erforschen.

 

Während meiner Vermittlungsarbeit als Jobcoachin wurden regelmäßig »irrationale« Verhaltensweisen bei den Teilnehmenden beobachtet, so als würden sich diese in bestimmten beruflichen Feldern nicht wohlfühlen, obwohl vorab beteuert wurde, dass sie sich beispielsweise für ein Praktikum bereit fühlen und erfolgreich sein wollen. Teilnehmende verhielten sich dergestalt, als würden sie ihre vorab formulierten Absichten unbewusst selbst sabotieren. Um die Vertraulichkeit zu wahren, wurden die Namen der Teilnehmenden anonymisiert und die Geschlechter nach dem Zufallsprinzip vertauscht.

 

Zur Beantwortung der genannten Forschungsziele wurde die empirische Sozialforschung angewandt. Die dazu notwendige Befragung fand meist in Form von telefonischen Interviews statt, um den Klient*innen die Möglichkeit zu geben, sich frei zu äußern und Platz für selbst eingebrachte Themen zu haben. Die Anwendung eines Leitfadens gestaltete dabei den Gesprächsfluss und stellte zudem sicher, dass alle forschungsrelevanten Themen einbezogen und in der Folge auch miteinander verglichen werden konnten.

 

Damit ein Verständnis für die Thematik entwickelt werden kann, folgt zu Beginn der Arbeit ein theoretischer Überblick über den Bereich Arbeitsmarktintegration in der Sozialen Arbeit sowie die rechtliche Rahmung der Grundsicherung für Arbeitslose. Die historische Entwicklung vom Wohlfahrtsstaat zum »aktivierenden« Sozialstaat wird dargelegt und die strukturellen Veränderungen des Arbeitsmarktes, wie Flexibilisierung, Entgrenzung und Prekarisierung (Heisler; Gesterkamp 2015) werden diskutiert.

 

Kapitel 2 gibt einen Einblick in die drei Grundprinzipien der Sozialisationstheorie Bourdieus. Die Themen Kapital, sozialer Raum, symbolische Macht und Feld werden unter dem übergeordneten Begriff des Habitus vorgestellt und definiert, weiter werden Reproduktionsinstanzen wie die Familie und institutionelle Strukturen und damit einhergehende dysfunktionale Loyalitäten erörtert. Zuletzt werden Habitustransformationen definiert und die dabei stattfindenden Prozesse und deren Voraussetzungen beleuchtet. Die Beschreibung der theoretischen Grundlagen endet mit einem Zwischenfazit in Kapitel 3.

 

Ab Kapitel 4 folgt der empirische Teil der Arbeit, der das methodische Vorgehen darlegt.

 

In Kapitel 5 werden die Ergebnisse der Aussagen der Interviewpartner bezüglich ihrer Sozialisationserfahrungen diskutiert und zu der theoretischen Literatur ins Verhältnis gesetzt. Dabei werden z.B. die im Zuge der Bildungsexpansion wertloser werdenden Schulabschlüsse thematisiert, die eine Transformation von Bildungs- in Ökonomisches Kapital noch schwieriger machen. Es wird zudem herausgearbeitet, dass Kulturelles, Soziales und Psychisches Kapital in den Herkunftsfamilien von entscheidender Bedeutung sind. Hier werden auch Rat- und Arbeitsvorschläge thematisiert, wie sich die Soziale Arbeit in diesen Prozessen der Kapitaltransformation für die Interviewpartner förderlich einmischen kann.

2          Theoretischer Rahmen

 

2.1  Soziale Arbeit in der Arbeitsmarktintegration

 

Es würde an dieser Stelle zu weit führen sehr ausführlich auf die Sozialgesetzgebung vor 2005, und auf den damals initiierten Paradigmenwechsel zum »aktivierenden Sozialstaat« einzugehen. Es sollen jedoch zumindest die grundlegenden Rahmenbedingungen dargestellt werden, damit deutlich wird, in welchem rechtlichen und sozialen Kontext sich die in dieser Forschungsarbeit interviewten Personen befinden und mit welchen Gesetzen sie konfrontiert sind. Im Jahr 2005 wurde das Bundessozialhilfegesetzes (BSHG) sowie das Sozialgesetzbuch VI durch die Sozialgesetzbücher II und XII ersetzt, welche von nun an die Vergabe von ALGII und Sozialhilfe regeln (vgl. Lange 2010, S. 15). ALG II, volkstümlich als Hartz IV bezeichnet, wurde als Zweites Sozialgesetzbuch (SGB II) in die Sozialgesetzbücher eingefügt. Die Zuständigkeit für die Gewährung von Leistungen, für die vor 2005 Arbeitsämter (Arbeitslosenhilfe) und Sozialämter (Sozialhilfe) verantwortlich waren, wurde an die Agenturen für Arbeit und Jobcenter übergeben. Mit der Einführung der Grundsicherung für Arbeitsuchende im Jahr 2005 wurde die Arbeitslosenhilfe also abgeschafft. Seitdem sind in Deutschland wieder zwei Systeme für die soziale Absicherung bei Arbeitslosigkeit zuständig: Auf der einen Seite die Arbeitslosenversicherung, für die die Agenturen für Arbeit verantwortlich sind, und deren Aufgaben im SGB III (Arbeitsförderung) geregelt sind, und auf der anderen Seite die Grundsicherung für Arbeitsuchende, verantwortet durch die Jobcenter, welche die Aufgaben nach dem SGB II erfüllen (vgl. Bäcker et al. 2020, S. 455).

 

Das ausgearbeitete Gesetzespaket der Grundsicherung wurde nach dem Kommissionsleiter Peter Hartz benannt (vgl. Kuhnert 2017, S. 16). Der Sozialstaat folgte nun mehr der neoliberalen Idee und dem Konzept der aktivierenden Sozial- und Arbeitsmarktpolitik und sanktioniert Menschen in prekären Lebenslagen zunehmend oder droht Sanktionen an. Aktivität und Eigenverantwortlichkeit in Bezug auf Bewerbungsaktivitäten wird erwartet und die Mitwirkungspflicht muss nachgewiesen werden. Die Fürsorgepflicht des Staates wird um den Anspruch an die Eigenverantwortlichkeit erwerbsloser Menschen ergänzt. Programmatisch lautet diese neoliberale Idee des aktivierenden Sozialstaates, wie sie Gerhard Schröder 2002 formuliert hat:

 

,,Zu Reform und Erneuerung gehört auch, manche Ansprüche, Regelungen und Zuwendungen des deutschen Wohlfahrtsstaates zur Disposition zu stellen [...] Wir wollen eine neue Kultur der Selbstständigkeit und der geteilten Verantwortung, deshalb fördern wir die Stärkung der freiheitlichen und sozialen Bürgergesellschaft.“ (Schröder, 2002 zitiert nach Trube, 2003, S. 301).

 

Die Agenda 2010 wurde bereits ab 2003 umgesetzt und die Veränderungen waren sowohl im täglichen Leben, als auch in der Wirtschaft und vor allem auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar. Durch diese Arbeitsmarktreform wurde arbeitssuchenden Menschen und Arbeitnehmern mehr Flexibilität, Eigeninitiative und Selbstorganisation abverlangt (vgl. Hagelüken / Öchsner 2017, S. 1). Ebenso waren befristete Arbeitsverträge eine Folge dieser Reform. Im Jahre 2015 waren ca. 8% der Angestellten befristet angestellt und bei den Neueinstellungen wurden ca. 42% der Verträge ebenfalls befristet vergeben. Zudem wurde die Leiharbeit gefördert, wodurch es 2016 ca. eine Million Leiharbeiter gab. Ebenfalls gab es eine Lohnerhöhung für die geringfügig Beschäftigten (Minijob) von 325 Euro auf 400 Euro. Aktuell beträgt die Obergrenze immer noch 450 Euro (vgl. Hagelüken / Öchsner 2017, S. 2). Schauen wir uns im Folgenden anhand des FZs an, wie Arbeitsmarktintegration durch Soziale Arbeit unterstützt wird.

 

Arbeitsintegrationsmaßnahme Förderzentrum

 

Die Jugendarbeit ist ein klassisches Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit, die jedoch mehr und mehr von den komplexen Anforderungen bei Übergängen von Schule in Beruf betroffen ist und hier versucht, Anschlussperspektiven für junge Menschen herzustellen und Arbeitslosigkeit der Jugend zu begegnen. Demgegenüber ist das Feld Arbeitsmarktintegration für junge Erwachsene ein noch relativ junger Bereich der Sozialen Arbeit, der sich durch die erhöhten Anforderungen an die jungen Bewerber, sowie eine sich zuspitzende Situation auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt verändert hat (vgl. Krisch 2011, S. 507). Die Arbeitsmarktintegrationsmaßnahme FZ existiert seit 2012 und stellt eine niederschwellige Vermittlungsmaßnahme dar, die darauf abzielt, junge Menschen unter 25 Jahre in weitere Anschlussperspektiven, wie zum Beispiel eine Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme (BvB) oder sogar in eine reguläre Ausbildungsstelle zu vermitteln. Im Gegensatz zu einer BvB ist das FZ keine Qualifizierungsmaßnahme, weil hier keine Abschlüsse erlangt werden können.

 

Die Modernisierung der Agenturen für Arbeit (Umstrukturierung) und die Einführung des SGB II (vgl. Hagelüken/ Öchsner 2017, S. 1), bieten und garantieren Leistungen für die Unterstützung in die Arbeitsmarktintegration von erwerbslosen Menschen (vgl. § 3 SGB II). Aber aufgrund des enormen Arbeitsaufkommens für die Mitarbeiter*innen des Jobcenter bei der Umsetzung der Hartz IV-Reform, und um die eigene Existenz als Bildungsträger zu sichern, werden Bildungsträger zur Umsetzung von Arbeitsmarktintegrationsmaßnahmen vom Jobcenter beauftragt und finanzieren sich dadurch. Die wesentliche Basisarbeit, wie Heranführung an Ausbildung und Arbeitsmarkt, die Verringerung von Vermittlungshemmnissen wird von Jobcentern an Bildungsträger in Form von Maßnahmen - wie sie etwa das FZ darstellt - delegiert. Oder anders ausgedrückt: Der aktivierende Sozialstaat wird pädagogisiert. Für eine Zuweisung des Jobcenters an das FZ spricht außerdem, dass Teilnehmende nicht in der Arbeitslosigkeitsstatistik auftauchen. Relevant ist zudem, dass die Teilnahme an dieser Maßnahme nicht als freiwillig anzusehen ist, denn aufgrund von möglichen Sanktionierungen seitens des Jobcenters bei Verweigerung der Teilnahme, findet diese grundsätzlich im Zwangskontext statt. Die Teilnehmenden nehmen also teil, ob sie nun wollen oder nicht. Das Wort »Teilnehmende« drückt die passive, rezeptive Sichtweise auf jene aus, die dem FZ »zugewiesen« werden. Zur Reduktion von Leistungsempfangenden auf die passive Statistenrolle passt Bourdieus Aussage, die die Reproduktion der sozialen Ordnung benennt, die „Matrix aller Gemeinplätze“ und sich auf die reduzierten, abklassifizierten und -qualifizierten Masse der Beherrschten bezieht. So führt er dazu aus: „[…] jener kontingenten, amorphen Vielheit einzelner, die austauschbar, schwach und wehrlos, von lediglich statistischem Interesse und Bestand sind" (Bourdieu 2018, S. 731).

 

Das FZ in Dortmund verfügt über 200 Plätze für Jugendliche und junge Erwachsene unter 25 Jahren im Leistungsbezug von SGB II, die individuelle Unterstützung benötigen und an den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt herangeführt werden sollen. Die Förderung findet in enger Zusammenarbeit mit dem Jobcenter Dortmund statt und ist individuell auf die teilnehmende Person abgestimmt. Das Motto des FZs lautet: „Individuelle Förderung so kurz wie möglich, so lange wie nötig!“ (www.foerderzentrum-dortmund.de) Die Teilnahmedauer beträgt in der Regel maximal 12 Monate. Nach der Zuweisung durch das Jobcenter und einer explorativen Eingangsphase folgt die Handlungsphase, die durch projektorientiertes Arbeiten im Werkbereich (beispielsweise Wirtschaft und Verwaltung, Lagerlogistik oder Hauswirtschaft) und durch individuelle Förderung durch die sozialpädagogische Begleitung bestimmt wird. Am Ende des Prozesses soll aufgrund der Vermittlungsarbeit im Jobcoaching eine Eingliederung in Ausbildung, Arbeit oder in eine weitere Anschlussperspektive erfolgen, welche durch eine bis zu 6-monatige Nachbegleitung weiter stabilisiert wird (vgl. www.foerderzentrum-dortmund.de).

 

Im Folgenden werden die Zielsetzungen des FZs anhand der Leistungsbeschreibung dargelegt:

 

Gegenstand der Maßnahme nach § 16 Abs. 1 SGB II i.V.m. § 45 Abs. 1 S. 1 SGB III ist die Kombination aus Elementen zur

 

·         Heranführung an den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt (§ 45 Abs. 1 S. 1 Nr. 1 SGB III),

·         Feststellung, Verringerung oder Beseitigung von Vermittlungshemmnissen (§ 45 Abs. 1 S. 1 Nr. 2 SGB III) und

·         Stabilisierung einer Beschäftigungsaufnahme (§ 45 Abs. 1 S. 1 Nr. 5 SGB III).

 

Die Maßnahme kann alle Aktivitäten umfassen, mit denen ein Integrationsfortschritt unter Verringerung und Vermeidung der Hilfebedürftigkeit des Teilnehmers erreicht werden kann. Bei der Durchführung des Auftrages hat der Auftragnehmer insbesondere die Grundsätze der §§ 35 und 36 SGB III zu beachten.

 

Im Rahmen eines ganzheitlichen Ansatzes ist auf die Beseitigung spezifischer, individueller Integrationshemmnisse hinzuwirken. Die Handlungsansätze des Auftragnehmers müssen daher auf diesbezüglich typische Hemmnisse ausgerichtet sein. Den Teilnehmern ist ggf. die Möglichkeit zu geben, ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten hinsichtlich einer möglichen Berufswahl zu überprüfen und zu bewerten, sich im Spektrum geeigneter Berufe und Arbeitsfelder zu orientieren und eine berufliche Entscheidung zu treffen. Dabei sollen bedarfsgerecht auch sozialintegrative Ansätze zur individuellen Hemmnisbeseitigung zum Einsatz kommen. Für jugendliche Teilnehmer darf die Maßnahme die Zielrichtung und Intention von berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen nicht ersetzen. Diesem Personenkreis ist ein frühestmöglicher Übergang in eine berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme zu ermöglichen. Die Maßnahme beinhaltet folgende Phasen:

 

·         Eingangsphase

·         Handlungsphase

 

Diese werden durch eine sozialpädagogische Begleitung ergänzt.

 

Teilnehmer sind erwerbsfähige Leistungsberechtigte, die individueller Unterstützung bedürfen.

 

In der Maßnahme kommen zum Einsatz:

 

·         pädagogische Fachkräfte/Ausbilder,

·         sozialpädagogische Fachkräfte,

·         Jobcoaches und

·         gegebenenfalls Fachdozenten (aus: Leistungsbeschreibung FZ, S. 1-3)

 

Wie eingangs erwähnt, hat sich die Bedeutung von Erwerbstätigkeit mit ihren Anforderungen an Arbeitnehmende sehr verändert.

 

Strukturen und Entwicklungen der Erwerbstätigkeit

 

In 2018 lebten ca. 83 Mio. Menschen in Deutschland, von denen etwa 45 Mio. einer Erwerbstätigkeit nachgingen. Rund 2,3 Mio. Menschen waren erwerbslos. Erwerbstätige und Erwerbslose zusammen bilden im Sinne der amtlichen Statistik die Gesamtheit der Erwerbspersonen (vgl. Bäcker et al. 2020, S. 388).

 

Der Großteil der Erwerbstätigen ist abhängig beschäftigt. Insgesamt sind in 2018 knapp 75% aller Erwerbstätigen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Die Zahlen beziehen sich dabei auf Personen, nicht aber auf Beschäftigungsverhältnisse. Diese Unterscheidung ist bedeutsam, da es immer häufiger vorkommt, dass eine Person mehrere Beschäftigungsverhältnisse gleichzeitig ausübt. In 2018 üben etwa 3,3 Millionen Angestellte eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung und eine geringfügige Nebenbeschäftigung aus, oder kombinieren gar zwei Teilzeitbeschäftigungen miteinander (vgl. Bäcker et al. 2020, S. 390-391). Das Volumen der Arbeitszeit hat sich zwar insgesamt verringert, jedoch haben Teilzeitbeschäftigungen zugenommen. Das könnte bedeuten, dass Arbeitnehmer mehr Flexibilität und Kreativität aufbringen müssen, um zwei ggf. unterschiedliche Tätigkeiten in ihrer Lebenswelt aufeinander abzustimmen und zeitlich möglich zu machen. Es lässt vermuten, dass diese Flexibilisierung die Grenze zwischen Freizeit und Arbeit aufweicht, um den Anforderungen der Arbeitswelt gerecht zu werden.

 

Flexibilisierung, Entgrenzung und Prekarisierung

 

Flexibilisierung fordert auch Hartz für seine »Job-Revolution« ein, mit deren Hilfe neue Arbeitsplätze geschaffen werden sollen. Die Arbeit soll flexibler gestaltet werden, mithilfe von Digitalisierung soll von überall und jederzeit, auch von zu Hause, gearbeitet werden. Nach Hartz hat diese Entgrenzung der Arbeit den Vorteil, dass sich bei der Arbeit wie zu Hause gefühlt wird, und emotionale Freundschaftsbeziehungen zwischen den Arbeitenden wie in einer Familie entstehen und sich eine »Job-Familie« bildet. Auch sieht er es als Notwendigkeit an, 24 Stunden für die Arbeit in Bereitschaft zu sein, denn die Globalisierung würde diese zeitliche Flexibilität erfordern (vgl. Hartz 2001, S. 15). Heisler hinterfragt diese Notwendigkeit und formuliert, dass die Flexibilisierung auf dem Rücken der Arbeitnehmer ausgetragen wird, da Flexibilisierung und Entbürokratisierung oft mit der Auflösung von Arbeitnehmerrechten einhergeht (vgl. Heisler 2015, S. 73). Und Horstmeier argumentiert weiter, dass im Zuge des wirtschaftsliberalen Ansatzes gesetzliche Schutzbestimmungen für Arbeitnehmende, wie beispielsweise das Mutterschutzgesetz oder auch das Jugendschutzgesetz, sowie das Kündigungsschutzgesetz als Begrenzung des wirtschaftlichen Handelns bewertet, und als hauptsächlicher Hinderungsgrund für eine Modernisierung des Arbeitsmarktes gesehen werden. Die Flexibilisierung steht als höchstes Gut über allem und soll auch im internationalen Wettbewerb Gewinne und Wirtschaftswachstum sichern (vgl. Horstmeier 2009, S. 12-13). Gesterkamp kritisiert den Anspruch an räumliche und zeitliche Flexibilisierung der Arbeit und bezeichnet sie als „Entgrenzung der Arbeit“ (Gesterkamp 2015, S. 63), bei der die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit aufgelöst werden. Im Zeitalter der Digitalisierung bedeutet das eine ständige Zerfaserung der eigenen Aufmerksamkeit. Besonders perfide an der Entgrenzung ist, dass das Wissen um die Grundbedürfnisse Carearbeit und Freizeit mitsamt ihrer Bedeutung für die menschliche Existenz unter dem Vorwand der Humanisierung des Arbeitsplatzes für betriebswirtschaftliche Zwecke missbraucht wird (vgl. Heisler 2015, S. 72).

 

Das »Normalarbeitsverhältnis« als unbefristetes, basierend auf einem gelernten Ausbildungsberuf und auf Langfristigkeit sowie Aufstiegschancen ausgerichtetes Arbeitsverhältnis schwindet, und wird durch die zur Norm werdenden prekären Beschäftigungsformen verdrängt. Mit dieser »Prekarisierung« der Erwerbsarbeit sind Beschäftigungsformen gemeint, die keine Sicherheit für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bieten können. Zu prekär beschäftigten Menschen gehören projektbezogen eingestellte Mitarbeiter, Freelancer, Selbständige, über Zeitarbeit angestellte Menschen und auch Auszubildende, da die Übernahme häufig ungewiss ist (vgl. Heisler 2015, S. 72). Diese Unsicherheit führt nach Heisler zu einer „Entkopplung von Subjekt, Beruf und Arbeit“ (Heisler 2015, S. 72).

 

Gering Qualifizierte sind besonders von Arbeitslosigkeit betroffen

 

Das Risiko arbeitslos zu werden ist ungleich verteilt. Gering qualifizierte Menschen haben ein höheres Risiko erwerbslos zu werden und zu bleiben (s. Abb. 1). Für diese Gruppe erreicht die Arbeitslosenquote einen Wert von 19,1%. Im Kontrast dazu stehen Akademiker*innen, deren Arbeitsmarktposition soweit gesichert ist, dass es in dieser Gruppe lediglich eine Arbeitslosenquote von 2,3% gibt, was nahezu einer Vollbeschäftigung entspricht. Auch bei einer sich verschärfenden Lage auf dem Arbeitsmarkt sind Bewerber*innen mit Studienabschluss nur in geringem Ausmaß vom Beschäftigungsrückgang betroffen, während Menschen ohne Berufsabschluss der vollen Wucht des Arbeitslosigkeitsrisikos ausgesetzt sind (vgl. Abbildung1).

 

Seit etwa 1997 sind die Chancen auf Anstellung bezogen auf Qualifikation deutlich auseinander entwickelt (vgl. Abbildung 1). Die Umstrukturierung von Arbeitsplätzen, die komplexen Anforderungen des Arbeitsmarktes, zunehmende Digitalisierung, der Wegfall von Helferstellen im produzierenden Gewerbe und der Beschäftigungsrückgang von An- und Ungelernten im Zuge des wirtschaftlichen Strukturwandels haben wesentlich dazu beigetragen, dass sich Arbeitnehmer*innen mit mittleren und höheren Ausbildungsabschlüssen eher einen Arbeitsplatz sichern konnten als diejenigen ohne Qualifikation (vgl. Bäcker et al. S. 449).

 

Bei Hochschulabsolventen betrug die Arbeitslosenquote im Jahr 2019 dagegen nur 2%. Im Vergleich zu den anderen Gruppen, bleiben Akademiker*innen relativ unberührt vom Arbeitslosigkeitsrisiko, sogar ein Jahr nach der Wirtschaftskrise in 2008 stagnierte die Quote bis 2012 bei 2,5%.

 

 

Abb. 1. Quelle: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit: Aktuelle Daten und Indikatoren (11/2019).

 

Da es sich bei den jungen Menschen im FZ meist um gering qualifizierte Menschen handelt, die noch über keinen Berufsabschluss verfügen und selten einen Schulabschluss erlangt haben, der über der Fachhochschulreife liegt, sind diese besonders vom Risiko der Arbeitslosigkeit betroffen. Was es neben den strukturellen Besonderheiten des Arbeitsmarktes zudem aus Sicht von Bourdieu für »Mächte« gibt, die für ein Verbleiben in der Erwerbslosigkeit sorgen, wird im nächsten Kapitel behandelt.

3                                Theoretischer Rahmen

 

3.1  Die verborgenen Mechanismen der Macht nach Bourdieu

 

Bourdieus Hauptwerk Die feinen Unterschiede basiert auf der Theorie, dass kulturelle Vorlieben und der Geschmack durch komplexe sozioökonomische Prozesse entstehen. Mit den Mechanismen der Macht sind nach Bourdieu die theoretischen Konzepte, die hinter den Begriffen Feld, sozialer Raum, Habitus, Kapital stehen, eng verknüpft. Kapital, der soziale Raum und Habitus sind als drei Grundprinzipien zu sehen, welche die Relation und die Korrelation zwischen der zugewiesenen Position im Sozialraum und den Lebensstilen darstellen. Mit symbolischer Gewalt (violence symbolique) meint Bourdieu eine bagatellisierte und somit sozial anerkannte Gewalt, mittels derer die Sicht der Herrschenden der sozialen Welt gefestigt und legitimiert wird. Symbolische Gewalt ist jeder Handlung innewohnend, wenn auch nicht sichtbar, und durch die äußere Handlungsform in der Praxis abgestritten wird. Das geschieht jedoch nicht zwingend beabsichtigt in Form einer rationalen Spekulation auf ein bestimmtes Ergebnis. Die Gewalt kann erst durch eine Art Einverständnis der Beteiligten geschehen. Sie liegt dem Habitus der Akteure zugrunde: sei es in Dispositionen zur Machtausübung oder in Dispositionen zum Gehorchen (vgl. Bourdieu 2015, S. 17). Weiter äußert er sich über die Machtausübung unter dem Deckmantel von Willkür oder Gewalt:

 

 „Die symbolische Macht ist eine Macht, die in dem Maße existiert, wie es ihr gelingt, sich anerkennen zu lassen […] d.h. eine (ökonomische, politische kulturelle oder andere) Macht, die die Macht hat, sich ich ihrer Wahrheit als Macht, als Gewalt, als Willkür verkennen zu lassen“ (Bourdieu 2015, S. 82).

 

Für Möbius und Wetterer sind mit symbolischer Gewalt oder Macht Machtverhältnisse gemeint,

 

„die auf der symbolisch-sinnhaften Ebene des Selbstverständlichen und Alltäglichen operiert und zur Bejahung, Verinnerlichung und Verschleierung von gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen führt“ (Möbius / Wetterer 2011, S.1).

 

Das, was als selbstverständlich angenommen wird, kann nicht benannt, thematisiert und somit auch nicht hinterfragt oder gar verändert werden.

 

Bourdieu ist der Meinung, dass die Prinzipien der Macht der Sprache inhärent sind, was durch die Anordnung von Befehlen oder Anordnungen deutlich wird und Kommunikation somit ihren Beitrag zur Untermauerung von symbolischer Gewalt leistet. Er stellt jedoch die These auf, dass die Macht der Worte nur auf diejenigen wirken kann, die durch Primärerziehung darauf konditioniert wurden, den Worten zu glauben und ihnen zu gehorchen (vgl. Bourdieu 2015, S. 83). Hier verweist er auf die Ursprungsfamilie als Hort der Gehorsamkeitskonditionierung.

 

Um festzustellen, wie Herrschaft in modernen Gesellschaften neben der ökonomischen ebenfalls auf symbolischer Macht beruht, sollen in diesem Kapitel zuerst die Bedeutungen der Begriffe »Feld« und »Sozialer Raum« beschrieben werden. Habitus als zentraler Bestandteil dieser Arbeit wird in Kapitel 2.2. dargestellt. Anschließend wird mit der Betrachtung der Individuen und den Sozialstrukturen untersucht, wie genau soziale Ungleichheit funktioniert und damit Bildungsaufstieg aus sozial schwacher Herkunft unwahrscheinlich wird.

 

Feld

 

„Jedes dieser Felder hat seine Herrschenden und Beherrschten, seine Kämpfe um Erhalt oder Umsturz, seine Reproduktionsmechanismen usw.“ (Bourdieu 1996, S. 137).

 

Die Idee des sozialen Feldes hat Bourdieu in seinem Werk Die Regeln der Kunst anhand des literarischen Feldes und am Beispiel der Werke von Gustave Flaubert, angesiedelt im Frankreich des 19. Jahrhunderts, die sozialen Bedingungen, Chancen des Eigenlebens kultureller Felder untersucht und im ersten Teil dieses Werks drei Entwicklungsstufen dieses Feldes unterschieden (Bourdieu 1999). Bourdieu erforscht das Verhältnis der eigenen inneren, immanenten Logik und Dynamik eines Feldes (wie Literatur, Religion, Wissenschaft, etc.) sowie demgegenüber stehend die externe Begründung kultureller Werke. Er versteht diese externen und internen Konzepte nicht als Gegensätze, sondern verbindet beide Positionen, indem er kulturelle Produktionen als etwas Soziales versteht (vgl. Krais / Gebauer 2014, S. 54-55). Seine Theorie der sozialen Felder entspricht dem in der arbeitsteiligen organisierten Moderne häufig zu findenden Phänomen

 

„der relativen Autonomie oder, anders formuliert, der Eigenlogik abgegrenzter sozialer Sektoren“ (Krais / Gebauer 2014, S. 55).

 

Im Gegensatz zu Luhmann, in dessen Systemtheorie das Individuum keine Rolle spielt (vgl. Luhmann 1984), geht es in der Bourdieuschen Betrachtung gerade um das habituell angeeignete Agieren von handelnden Subjekten in den sozialen Feldern. Bourdieu nimmt eine Entsprechung zwischen Individuum und Gesellschaft, Macht und Ohnmacht, Feldern und Wahrnehmungs- und Denkstrukturen der Akteure an:

 

„Zwischen der Gesellschaftsstruktur und den mentalen Strukturen, zwischen den objektiven Aufteilungen der sozialen Welt – vor allem der Aufteilung zwischen den Herrschenden und den Beherrschten in den verschiedenen Feldern – und den Wahrnehmungs- und Aufteilungsprinzipien, die die Akteure auf sie anwenden, besteht eine Korrespondenz (Bourdieu / Wacquant 1996, S. 31).

 

Eine Analogie zum Fußballspiel verdeutlicht die Funktionsweise des Feldes. Die Identifizierung mit den Regeln des Spiels, die Anerkennung dessen Sinnhaftigkeit, das sportliche Talent entspricht dem Habitus. Ein geübter Fußballer weiß implizit, wie er sich auf dem Spielfeld zu bewegen hat, da er sich sein Können durch regelmäßiges Training angeeignet hat, ohne seine genaue Vorgehensweisen unbedingt erklären zu können. Er beherrscht das Spiel instinktiv. Und so wie ein guter Fußballspieler nicht unbedingt auch in anderen Feldern, wie Management oder auch anderen Sportarten gute Leistungen zeigen wird, so bildet sich der Habitus im Verhältnis zu bestimmten Feldern aus. Die dort erworbenen Fähigkeiten und Kapitalressourcen sind zwar durchaus übertragbar, aber in anderen Feldern nicht notwendig genauso passend und gewinnbringend. Die Felder sind bezogen auf die Habitus und die Funktionsweisen unabhängig voneinander, sie weisen allerdings einen eigenen immanenten Aufbau auf. Jedes Feld ist einer eigenen Logik unterworfen (vgl. Rehbein 2016, S. 101). Soziale Phänomene werden differenziert betrachtet und es gibt die Idee von vielen verschiedenen Feldern, die jeweils unterschiedlich und aufgrund eigener, untereinander inkompatibler Gesetze funktionieren (vgl. Bourdieu 1998, S. 149). Felder haben keinen gemeinsamen Ursprung in ökonomischen Feldern und entsprechen zwangsläufig nicht einem ökonomistischen Denken. Das Feld ist das Handlungsfeld, das »Spielfeld« innerhalb des sozialen Raums.

 

Sozialer Raum

 

Der soziale Raum ist auch das Spielfeld des Kapitals (vgl. Kapitel 2.1.). Bourdieus Bild der Gesellschaft ist weniger statisch und er will das Konzept der säuberlich voneinander getrennte »Klassen«, die als nebeneinander vorkommende gesellschaftliche Gruppen angenommen werden, durch das Bild des sozialen Raums erweitern, welches eher eine geografische Struktur aufweist (vgl. Bourdieu 2015, S. 35). Der abstrakte Begriff Gesellschaft wird von Bourdieu durch die Idee des Feldes und des sozialen Raumes weiter differenziert. Bourdieu und Wacquant reflektieren zum sozialen Raum:

 

[…] eine differenzierte Gesellschaft bildet keine einheitliche, durch Systemfunktionen, eine gemeinsame Kultur, ein Geflecht von Konflikten oder eine globale Autorität integrierte Totalität, sondern ein Ensemble von relativ autonomen Spiel-Räumen, die sich nicht unter eine einzige gesellschaftliche Logik […] Moderne oder Postmodern, subsumieren lassen (Bourdieu / Wacquant 1996, S. 37).

 

Soziale Strukturen und persönliche Positionen werden durch den dreidimensional (Kapitalvolumen, Kapitalstruktur, soziale Laufbahn) angenommenen sozialen Raum sichtbar gemacht und können somit besser erforscht werden. Die soziale Position ist von der Akkumulation von Sozialem, Ökonomischem und Kulturellem Kapital abhängig und bildet die vertikale Dimension; während die Kapitalstruktur in der Horizontalen dargestellt wird, welche vom Ökonomischen Kapital auf der rechten Seite bis zum Kulturellen Kapital auf der linken Seite reicht. Die dritte Dimension zeigt die zeitliche Entwicklung an sozialen Aufstiegs- oder Abstiegsprozessen.

 

Bourdieu nutzt die Metapher des geographischen Raums, um die begrenzende Funktion des sozialen Raums darzulegen. Er vergleicht den sozialen Aufstieg mit der Wanderung auf einen Berg, dessen Gipfel nur mit Mühe, Kraftaufwand und körperlichem Einsatz erreicht werden kann. Und ähnlich wie nach dieser sportlichen Herausforderung, wird anstelle eines angestrebten distinguierten Eindrucks ein abgekämpfter und möglicherweise verkrampfter Eindruck hinterlassen, durch den nur noch mehr Abgrenzung durch Distinktion von Gruppen aus höheren sozialen Schichten erfahren wird (vgl. Bourdieu 2015, S. 37). Die herrschende Klasse grenzt sich mithilfe von Distinktion von der Arbeiterklasse ab. Bourdieu definiert Distinktion als Gegensatz zu »populär« und konstatiert:

 

“Per Definition sind die unteren Klassen nicht distinguiert; sobald sie etwas ihr eigen nennen, verliert es auch schon diesen Charakter“ (Bourdieu 2015, S. 39).

 

Ein Feld, in dem besonders subtil symbolische Gewalt ausgeübt, und Menschen ganz legitim aussortiert werden, ist der Bereich Bildung.

 

Bezogen auf den Bildungsbereich bedeutet Distinktion, dass Kultur oder Bildung - die »legitime Kultur« nach Bourdieu (2015, S. 39) - der Arbeiterklasse abgesprochen wird. Für das was an den Hochschulen und Universitäten gelehrt wird, was in gebildeten Kreisen auf Veranstaltungen oder Meetings thematisiert wird, fehlt den unteren Klassen bereits die Sprache um sich zu beteiligen. Es fängt bei der Aussprache an und hört bei der Terminologie und der angemessenen Syntax auf. Werden die eigene Persönlichkeit, die Sicht der Dinge auf die Welt und die eigenen Vorlieben dann doch ausgedrückt, werden diese sofort abgewertet und für den Bildungsbereich als wertlos eingeordnet. Die herrschende Art der Kultur und Bildung ist gegen sie gerichtet (vgl. Bourdieu 2015, S. 40). Besonders die Bildungssysteme sind Orte der Reproduktion von Bildungsungleichheit:

 

[…] die Korrespondenz zwischen kognitiven und sozialen Strukturen, die in den vorkapitalistischen Gesellschaften zu beobachten ist, auch in den entwickelten Gesellschaften besteht, in denen diese Homologie vor allem über das Bildungssystem produziert wird“ (Bourdieu / Wacquant 1996, S. 31).

 

Bourdieu und Passeron legen dar, dass das Bildungssystem auf drei Illusionen beruht, welche gemeinsam die Illusion der Chancengleichheit erzeugen:

 

1. Schule und Universitäten bewerten nicht die objektiven Leistungen, sondern reproduzieren die sozialen Hierarchien der Gesellschaft; 2. Folglich ist die eigentliche, gut getarnte Funktion des Bildungswesens nicht die Produktion von Leistungs- und Kompetenzunterschieden, sondern die Legitimierung der Sozialordnung; 3. Das Selbstverständnis des Bildungssystems beruht auf der sozialen Anerkennung der pädagogischen Legitimität und auf der Annahme, Menschen würden vorrangig in ihm gebildet und ausgebildet (vgl. Bourdieu / Passeron 1971, S. 222-223).

 

Schneickert ergänzt hierzu, dass die positiven Eigenschaften, die mit Bildung assoziiert werden, auf einem bestimmten Klassenhabitus gründet, der wesentlich außerhalb des Bildungswesens, genauer, vorwiegend in der Familie erzeugt, jedoch primär im Bildungssystems anerkannt wird (vgl. Schneickert 2013, S. 1).

 

Weiter sieht Bourdieu ausgrenzende soziale Mechanismen gerade darum als so wirksam an, weil diese verborgen funktionieren und nennt als Beispiel den Mechanismus des Herausdrängens aus der Schule von Kindern aus ökonomisch und kulturell benachteiligten Familien. Auch beobachtet er die Paradoxie, dass vor allem die Opfer der sozialen Ungleichheit am stärksten an Begabungsideologie und der Idee von Anstrengung und Fleiß als einzig ausschlaggebende Einflüsse auf den Schulerfolg glauben (vgl. Bourdieu, 2015, S. 16).

 

Die folgende Abbildung soll den Zusammenhang zwischen der Primärbildung in der Familie und dem späteren Bildungserfolg im akademischen Bereich verdeutlichen.

 

Bildungstrichter : Grundschule – Studium – Promotion

 

Anzahl der Grundschulkinder von 100 Grundschulkindern, welche die nächste Bildungsstufe erreichen, sowie Übergangs- und Abgangsquoten in Prozent, nach Bildungshintergrund der Eltern.

 

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Abbildung 2: Bildungstrichter / Nicht-Akademiker-Kinder an Hochschulen.

 

Quelle: 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks; Briedis et al. 2014: Berufswunsch Wissenschaft; Kooperationsprojekt Absolventenstudien 2016, 2014: Nationaler Bildungsbericht 2016; Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2017; Statistisches Bundesamt (mehrere Jahre).

 

In der obigen Grafik werden akademische Entwicklungen von Nichtakademikerkindern mit Akademikerkindern für die jeweils genannten Jahre verglichen. Wie die Abbildung zeigt, sind Bildungsaufstiege eng mit der sozialen Herkunft und der Position im sozialen Raum verknüpft. Nur 21 von 100 Nicht-Akademikerkindern gehen an eine Hochschule, während von 100 Akademikerkindern durchschnittlich 74 ein Studium an einer Hochschule aufnehmen. Die Unterschiede vergrößern sich, je höher der Bildungsgang ist, denn lediglich acht von 100 Kindern ohne akademischen Hintergrund erwerben den Master, und nur eines davon promoviert später. Ausschließlich individuelle Defizite anzunehmen wird diesen Phänomenen nicht gerecht, aber paradoxerweise glauben die Familien, die kulturell unterprivilegiert und von sozialer Ungleichheit betroffen sind, an Fleiß und Begabung als einzig wirksame Einflüsse für den Schulerfolg (vgl. Bourdieu 2015, S. 16). Dieser Mechanismus der Macht funktioniert deswegen besonders gut, weil er unterbewusst agiert und die Betroffenen in einer Art vorauseilendem Gehorsam verinnerlicht haben, was von ihnen gesellschaftlich erwartet wird. Besonders perfide ist, dass die gesellschaftlichen Strukturen als natürliche Entwicklung angenommen werden, und gerade nicht als Produkt der bestehenden Machtverhältnisse wahrgenommen werden können. Anders ausgedrückt:

 

„Die sozial bedingten Klassifikationsschemata, nach denen wir die Gesellschaft aktiv konstruieren, stellen die Strukturen, aus denen sie hervorgegangen sind, tendenziell als natürliche und notwendige Gegebenheiten dar statt als historisch kontingente Produkte der bestehenden Machtverhältnisse zwischen den sozialen Gruppen (Klassen, Ethnien oder Geschlechtern)“ (Bourdieu / Wacquant 1996, S. 33).

 

El-Mafaalani erforschte den Bildungsaufstieg von Menschen aus sozial schwachen Milieus und interviewte Personen, denen ein Bildungsaufstieg gelungen ist. Er stellt einen Bezug zwischen der objektiv nachvollziehbaren positiven beruflichen Entwicklung und der Arbeit an sich selbst in Form von hinterfragen und anpassen der eigenen Denk- und Handlungsmuster sowie die Veränderung der Selbstbezugnahme sowie die Sicht auf die Welt (Habitustransformation) her (vgl. El-Mafaalani 2012). Auf das Phänomen der Habitustransformation wird in Kapitel 2.2.3. ausführlich eingegangen. Die Daten sprechen für ein Bildungssystem, welches auf Herrschaft und Führung basierende Strukturen, sowie »Leistungsstärke« institutionell und gesellschaftlich anerkennen und somit der meritokratischen Idee entsprechen. Weniger hängt die soziale Position im Raum mit individuellen Defiziten zusammen (vgl. El-Mafaalani 2012, S. 313). Ungerechtigkeit wird demnach durch die gesellschaftlichen Strukturen hergestellt. Das entspricht ebenfalls der Sichtweise Bourdieus, der die Auffassung vertritt,

 

„daß die Korrespondenz wischen den sozialen und mentalen Strukturen politische Funktionen erfüllt. Die symbolischen Systeme sind nicht einfach Erkenntnisinstrumente; sie sind auch Herrschaftsinstrumente“ (Bourdieu / Wacquant 1996, S. 32-33).

 

Das Konzept des Habitus ist bei Bourdieu von wesentlicher Bedeutung, da es das Verbindungsstück zwischen den objektiven Strukturen und dem sozialen Geschehen ist. In dieser Arbeit steht die Theorie des Habitusbegriffs im Mittelpunkt. Sie stellt die theoretische Rahmung dar und wird daher in einem eigenen Kapitel (vgl. Kapitel 2.2.) behandelt. Aber zunächst wird im nächsten Kapitel auf die verschiedenen Kapitalsorten eingegangen, von denen, wie oben dargestellt, die Positionierung im sozialen Raum abhängt.

 

3.2  Kapital

 

In Anbetracht der bestehenden sozialen Ungleichheiten in den Gesellschaften geht Bourdieus Theorie von dem Phänomen der Ausübung und Entstehung von Macht durch subtiler gewordene, verborgene Mechanismen aus, welche soziale Ungleichheiten reproduzieren und verfestigen. Um ungleiche Machtverhältnisse innerhalb eines sozialen Systems zu erklären, definiert Bourdieu den Kapitalbegriff neu und verweist zunächst auf das Konzept der Kapitalakkumulation. Der aus dem Bereich Wirtschaft stammende Begriff des Kapitals wird von ihm um gesellschaftliche Strukturen, inklusive der dort verankerten Machtstrukturen erweitert und in einen anderen Kontext gesetzt. Denn die komplexen gesellschaftlichen Prozesse können nicht ausschließlich mechanistisch und nach kausalen Prinzipien erklärt, oder anhand von Aneinanderreihung von zufällig hergestellten Gleichgewichtszuständen erklärt werden und die Rollen der Akteure im Sozialgefüge sind sehr unterschiedlich und von ihrem Zugriff auf unterschiedliche Kapitalressourcen abhängig. Kapital ist nach Bourdieu mehr als nur Zahlungsmittel und Güter, die mühelos in Geld konvergiert werden können, vielmehr zählen alle Bereiche der Gesellschaft dazu, in denen soziale Interaktionen stattfinden. Diese Mechanismen der gesellschaftlichen Ordnung vollziehen sich ohne Bewusstsein: Je nach Position der Akteure im Sozialraum sind diese ungleich mit Kapitalsorten ausgestattet. Das Prinzip der Akkumulation von Kapital, welches für Marx entscheidende Bedeutung hatte, ist auch für Bourdieu weiterhin wesentlicher Bezugspunkt und gilt ihm als maßgeblicher Strukturgeber des sozialen Raums (vgl. El-Mafaalani 2012, S. 69). Kapital ist hier weiter zu verstehen, als er in den Wirtschaftswissenschaften genutzt wird. Der Kapitalbegriff, wie Marx ihn prägte, wird von Bourdieu auf alle Tauschakte angewendet und somit allen Kapitalsorten in seinen unterschiedlichen drei Erscheinungsformen gerecht (vgl. Bourdieu 1992, S.217f). Bourdieu versteht Kapital als akkumulierte Arbeit, die entweder verinnerlicht (inkorporiert) oder in Form von Gütern manifestiert wurde. Dieses Kapital ist eine Ressource, die den objektiven und subjektiven Strukturen innewohnt und stellt gleichzeitig ein grundlegendes Prinzip der inneren Funktionsweisen der sozialen Welt dar. Die Ansammlung von inkorporiertem oder verdinglichtem Kapital erfordert Zeit und erfolgt in einem Prozess der Transformation. Bourdieu unterstellt dem Kapital eine enthaltende »Überlebenstendenz«, da es Profite produzieren, sich selbst reproduzieren oder sich vergrößern kann (vgl. Bourdieu 1992, S. 217).

 

„Auf das Kapital ist es zurückzuführen, daß die Wechselspiele des gesellschaftlichen Lebens, insbesondere des Wirtschaftslebens, nicht wie einfache Glücksspiele verlaufen, in denen jederzeit eine Überraschung möglich ist: [...]“ (Bourdieu 1992, S.217).

 

Bourdieu erkennt in der Ansammlung der verschiedenen Kapitalarten und ihrer o.g. »Wechselspiele« der Transformation den Mechanismus, der eine privilegierte Stellung in der Gesellschaft dauerhaft absichern kann und diese auch an nachfolgende Generationen weiterzugeben und durch eine solche transgenerationale Weitergabe soziale Ungleichheit zu reproduzieren in der Lage ist.

 

Es handelt sich eben nicht nur um einen glücklichen Zufall »erfolgreich« zu sein und es reicht eben nicht aus, Ziele und Absichten zu formulieren und Handlungen daraus zu entwickeln, sondern die vorhandenen Kapitalsorten beeinflussen den sozialen Status einer Person innerhalb einer Gesellschaft schon vor solchen Zielsetzungen permanent. Gesellschaftliche Bedingungen sind für Bourdieu aus einer geschichtlichen Entwicklung heraus entstanden und entsprechen demnach einer Anhäufung von historischen Ereignissen. Er merkt hierzu an:

 

„Die gesellschaftliche Welt ist akkumulierte Geschichte“ (Bourdieu 1992, S. 217).

 

Sämtliche Erfahrungen und Güter werden transformiert, wobei der Faktor Zeit für die Aneignung oder Akkumulation eine wesentliche Rolle spielt. Das Kapital ist dauerhaften und ausdifferenzierenden Veränderungsprozessen ausgesetzt. Durch Bedingungen, die z.B. auf dem Engagement der Akteure oder der Weitergabe von Kapital an die nächste Generation basieren, ist die jeweilige Art des Kapitals und dessen Akkumulation individuell unterschiedlich und vor allem ungleich verteilt (vgl. Bourdieu 1992, S.217).

 

Die einzelne Person steht jedoch nicht im Fokus der Sozialforschung von Bourdieu. Er beobachtet und stellt die Relationen von Individuen mit ihrem sozialen Raum und den damit einhergehenden Beziehungsmustern zu anderen Personen und Dingen dar. Die Art und Weise und Qualität der Relationen findet nicht offensichtlich statt, sondern oft subtil und verdeckt statt, und gewinnen gerade durch diese Verschleierung an Macht, begünstigen sich gegenseitig und potenzieren sich. Die Idee, dass zwischen der Position, die eine Person im sozialen Raum einnimmt und den damit einhergehenden Zugriff auf Kapitalsorten sowie dem Lebensstil ein Zusammenhang besteht, stehen im Fokus der Forschung von Bourdieu. Wie bereits oben erwähnt, ist Kapital nicht auf Geld und Werte, die schnell in Geld konvertiert werden können, reduziert, sondern umfasst ebenfalls soziale und kulturelle Ressourcen, die durch sozioökonomische Prozesse beeinflusst werden. Des Weiteren verwendet er den Begriff des Symbolischen Kapitals, welches das Potenzial der drei anderen Kapitalsorten beschreibt und keine eigene Kapitalsorte darstellt, sondern übergeordnet zu betrachten ist:

 

„Jede Art von Kapital (ökonomisches, kulturelles, soziales) tendiert (in unterschiedlichem Grade) dazu, als symbolisches Kaptal zu funktionieren (so dass man vielleicht genauer von symbolischen Effekten des Kapitals sprechen sollte), wenn es explizite oder praktische Anerkennung erlangt: die Anerkennung als Habitus, dessen Strukturen den Strukturen des sozialen Raums entsprechen, in dem er sich hervorbrachte. Mit anderen Worte: das symbolische Kapital […] ist nicht eine besondere Art von Kapital, sondern das, was aus jeder Art von Kapital wird, das als Kapital […], also als legitim anerkannt wird“ (Bourdieu 2001, S. 311).

 

Nachfolgend werden die Kapitalressourcen definiert und ihre Relationen zueinander dargestellt.

 

3.2.1        Ökonomisches Kapital

 

Das »klassische« Ökonomische Kapital erfasst materielles Eigentum, neben Geld, Aktien, Immobilien, Produktionsmittel, Schmuck, Gold. Es ist „unmittelbar und direkt in Geld konvertierbar und eignet sich besonders zur Institutionalisierung in der Form des Eigentumsrechts“ (Bourdieu 1992, S. 218). Ökonomisches Kapital ist angesammeltes Kapital, das nicht direkt konsumiert wird. Es ist wie keine andere Kapitalsorte sehr eng mit Erwerbsarbeit und der beruflichen Position verbunden, muss aber nicht zwangsläufig aus eigener Erwerbstätigkeit stammen, sondern kann schon von Generation zu Generation vererbt worden sein. Menschen, in deren Familien das Geld seit Generationen zu Hause ist, erben in der Regel nicht nur ein Vermögen, sondern auch gleich auf natürliche Art und Weise das Bewusstsein, damit gewinnbringend umzugehen. Sie haben sich durch Sozialisationsprozesse in der begüterten Ursprungsfamilie das Wissen darüber erworben, wie man es einsetzt, verwaltet und vermehrt. Geld bedeutet nicht nur Wunscherfüllung. Kapital beeinflusst den sozialen Status eines Individuums in der Gesellschaft am offensichtlichsten. Die Ressource des Ökonomischen Kapitals ist aber auch ein Gradmesser für Leistung, Prestige und finanziellen Erfolg und sichert eine gewisse Unabhängigkeit. Wer mehr davon hat, hat nicht nur den besseren Status, sondern es eröffnet zudem größere Chancen und Möglichkeiten. Während bei Empfängern von Sozialleistungen das Geld vorwiegend in den alltäglichen Konsum fließt und extreme Sparsamkeit wichtig ist (Kurzfristigkeit), investieren Wohlhabende bevorzugt in Zeit, Bildung, Ruhe, Gesundheit und Kapitalvermehrung (Langfristigkeit). Auf der Seite der genannten Leistungsempfänger entwickelt sich durch Mangelverwaltung ein Fokus auf die kurzfristig notwendigen Dinge im Leben, ein weiterer Horizont ist kaum denkbar. Ihr Handeln ist eher auf das aktuelle Überleben, nicht auf die Zukunft gerichtet. Für die Wohlhabenden ergibt sich eher das Gefühl von Sicherheit entwickeln, da der Lebensstandard gesichert ist und es Raum für Reflexion, planendes Bewusstsein und Möglichkeiten gibt. Geld kann in beliebige Projekte investiert werden und dabei auch der Selbstverwirklichung dienen. Diese Planungen und Projekte sind eher langfristig und perspektivisch angelegt und werden aus dem Selbstverständnis der Fülle und Chancen heraus umgesetzt. Die Ressource des akkumulierenden Ökonomischen Kapitals entspricht hier dem althergebrachten Marxschen Begriff (vgl. Bourdieu 1992, S. S.218 f). Diese Kapitalform ist bei Bourdieu das wesentliche Strukturprinzip des sozialen Raums. Dabei spielt in der heutigen Gesellschaft Nachhaltigkeit eine entscheidende Rolle, die durch Verwendung der anderen Kapitalien, insbesondere des Kulturellen Kapitals weiter angehoben werden kann. Denn ein schnell erworbenes, hohes Ökonomisches Kapital, wie ein Lottogewinn kann ohne vorhandenes Wissen im Umgang mit anderem Kapital (Kulturelles Kapital) schnell ausgegeben sein und ist allein kein Garant (mehr), um in gesellschaftlich höhere Positionen zu gelangen, vielmehr sind die beiden immateriellen Ressourcen - Kulturelles und Soziales Kapital - welche in der heutigen Gesellschaft machtvoller und subtiler wirken, den sozialen Raum strukturieren und letztendlich über die gesellschaftliche Position bestimmen, vonnöten (vgl. El-Mafaalani 2012, S. 69).

 

3.2.2        Kulturelles Kapital

 

„Auch kulturelle Güter unterliegen einer Ökonomie, doch verfügt diese über ihre eigene Logik“ (Bourdieu 1982, S. 17).

 

Neben dem Ökonomischen Kapital, stellt diese Kapitalsorte (Bildungskapital) eine machtvolle Ressource dar. Bourdieu differenziert das Kulturelle Kapital und unterscheidet drei Vorkommensweisen dieses Bildungskapitals: inkorporiert, objektiviert und institutionell. Seit Beginn der 80er Jahre wurde häufig ein Widerspruch zwischen sozio-ökonomischen (Klassen und Schichten) und sozio-kulturellen Modellen sozialer Ungleichheit (Milieus und Lebensstile) konstruiert (siehe z.B. bei Beck 1983, 1986). Eine Theorie, die zur Erklärung sozialer Ungleichheit herangezogen wird, ist das Bourdieus Konzept des Kulturellen Kapitals. So spricht er von unbewusst eingesetztem Verhalten, das alle Lebensbereiche berührt. Das strategische Verhalten, um bestimmte berufliche Ziele zu erreichen (beispielsweise die Erlangung eines bestimmten Bildungsabschlusses, der für bestimmte Positionen vorausgesetzt wird), entspringt sozialen Ressourcen und kann ebenso wie Ökonomisches Kapital, zur Generierung von »Erfolg« investiert und transformiert werden (vgl. Georg 2004, S. 2019-220).

 

Kulturelles Kapital wird während der Primärsozialisation im familiären Umfeld und in Bildungseinrichtungen erworben. Das Kulturelle Kapital erklärt nach Bourdieu die Ungleichheit der Schulleistungen bezogen auf das Vorhandensein des Kulturellen Kapitals und widerspricht der Annahme des schulischen Erfolgs aufgrund »natürlicher Fähigkeiten« (Bourdieu 2015, S. 53).

 

Es wird die verschleierte und gesellschaftlich relevanteste Erziehungsarbeit, die „Transmission kulturellen Kapitals in der Familie“ (Bourdieu 2015, S. 54) übersehen, welche mit der Investition in Zeit und Kulturellen Kapital während des Erziehungsprozesses für einen schulischen und später beruflichen Erfolg sorgt. Schulischer Erfolg infolge von schulisch angemessenem Verhalten hängt zum einen vom zuvor eingebrachten Kulturellen Kapital durch die Familie ab, und zum anderen vom ererbten Sozialen Kapital. Die Idee des Humankapitals reduziert Erziehungsaufgaben auf die Rentabilität für die Gesamtgesellschaft und übersieht in ihrer funktionalistischen Sichtweise die Beiträge des Schul- und Erziehungssystems zur Stabilisierung und des Erhalts der sozialen Ungleichheit durch Sanktionierung der Vererbung von Kulturellem Kapital (vgl. Bourdieu 2015, S. 54-55).

 

Deutlich wird das durch die elterliche Fürsorge-, Erziehungs-, und Beziehungsfähigkeit, mit denen Kindern begegnet wird um kulturelle Ressourcen weiterzugeben um bestimmte schulische Ziele später erreichen zu können. Die Qualität der Beziehung und Aufmerksamkeit spielen eine wesentliche Rolle. Der Zusammenhang von schulischem Erfolg und sozialer Herkunft innerhalb des Bildungssystems lässt sich damit begreifen. Diese Ungleichheit lässt sich mit der Hypothese des Kulturellen Kapitals erklären und der schulische Erfolg oder Misserfolg auf die Wirkung »natürlicher« Fähigkeiten dementieren (vgl. Bourdieu 2015, S. 53).

 

Bourdieu differenziert das Kulturelle Kapital und stellt es in drei unterschiedlichen Zuständen dar:

 

a) Inkorporiertes Kapital

 

Das inkorporierte Kapital ist grundsätzlich körpergebunden und es meint Bildung, die z.B. durch Aneignungsprozesse wie Unterricht oder Lernzeit verinnerlicht wird. Diese Verinnerlichung des Kulturellen ist die zeitintensivste Form der kulturellen Kapitalformen und findet zuvörderst innerhalb der Ursprungsfamilie statt. Es kann nur persönlich vermittelt und kann nicht von anderen Personen weitergegeben werden, oder mit Bourdieu gesprochen, ist das „[…] Delegationsprinzip […] hier ausgeschlossen“ (1992, S. 219). Es muss persönlich Zeit und Aufwand in Bildungsprozesse investiert werden, die auch mit Disziplin und dem Wissen um mittel- und langfristigen Erfolg einhergehen. Die Akteure bilden sich selbst durch die Aneignung von Bildung, sie bringen ihre gesamte Persönlichkeit in diesen Lernprozess ein und mit der Zeit verändert sich die Persönlichkeit und das inkorporierte Kapital wird zum Bestandteil des Habitus. „Haben ist Sein geworden“ (Bourdieu 2015, S. 56). Die Akkumulation von Kulturellem Kapital seit frühester Kindheit an ist die Voraussetzung für mühelose Aneignungsprozesse, für Fertigkeiten und nützliche Fähigkeiten, die nur in Familien mit hohem Kulturellen Kapital stattfinden können, so dass der gesamte Sozialisationsprozess gleichbedeutend mit der Zeit von kultureller Akkumulation ist. Voraussetzung für die Aneignung von Kulturellem Kapital sind die Ressourcen von Muße, Zeit und Möglichkeiten, also eine gewisse zeitliche Autonomie, die befreit ist von wirtschaftlichen Zwängen (Bourdieu 1992, S.221 und S. 222).

 

Eine intrinsische Motivation zur Aneignung dieser Ressource muss vorhanden sein, denn es handelt sich um »verkörpertes« Kapital, das ausschließlich individuell verinnerlicht werden kann und zum Bestandteil der Persönlichkeit, zum Habitus wird. Das eigene, individuelle Engagement bildet die Grundlage für die Inkorporierung Kulturellen Kapitals. Es handelt sich um einen Internalisierungsprozess, der zwar von außen unterstützt werden kann, aber der selbstständig vollzogen werden muss. Das verinnerlichte Kulturkapital drückt sich beispielsweise in den gelebten Werten, intellektuellen Interessen und Geschmacksvorlieben aus. Es zeigt sich in der Art und Weise des Verreisens, der Lektüre von Büchern oder der Achtsamkeit und Fürsorge gegenüber dem eigenen Körper. Auch die Nichtbenutzung eines Handys (es ist leistbar, nicht für andere verfügbar zu sein) oder das Engagement, sich mithilfe von Bildung zu qualifizieren sind alltagskulturelle Fertigkeiten, die zu einer gehobenen Lebensführung gehören und nicht einfach imitiert werden können. Mehr als die anderen Kapitalformen schafft die Anwesenheit oder das Fehlen von Kulturellem Kapital distinktiv eine Grenze zwischen den sozialen Milieus, die nicht offensichtlich ist:

 

“[...] die Übertragung von Kulturellem Kapital [ist] zweifellos die am besten verschleierte Form erblicher Übertragung von Kapital [...]. Deshalb gewinnt sie in dem System der Reproduktionsstrategien um so mehr an Gewicht, je mehr die direkten und sichtbaren Formen der Übertragung sozial missbilligt und kontrolliert werden” (Bourdieu 1992, S.221).

 

Die Verschleierung wird demnach durch implizite, unbewusste Internalisierung von Bildungskapital, die innerhalb der Ursprungsfamilie stattfindet, begünstigt und wirkt nur umso mächtiger, je mehr die direkten und sichtbaren Formen der Übertragung gesellschaftlich geächtet und sanktioniert werden. Das Kulturelle Kapital bildet eine förderliche Grundlage für die Aneignung der weiteren Kapitalsorten: Mit der stetigen Verinnerlichung, also dem Training von emotionalen, kognitiven und psychischen Aneignungsprozessen des Kulturellen können auch andere Kapitalsorten schneller und besser gewonnen werden (vgl. Bourdieu 1992, S. 221).

 

Vor dem Hintergrund der Forschungsfrage, die sich mit den Hemmnissen (und den Ressourcen) bezogen auf schulische und berufliche Entwicklung beschäftigt und die eine Antwort darauf finden möchte, wie Soziale Arbeit beim Gelingen von Aufstiegsprozessen professionell unterstützen kann, ist folgende Aussage Bourdieus zu den Kollateralschäden, die in der Primärsozialisation stattfinden können, bedeutsam und antwortgebend:

 

„Auch die Primärerziehung in der Familie muß in Rechnung gestellt werden, und zwar je nach dem Abstand zu den Erfordernissen des schulischen Marktes entweder als positiver Wert, als gewonnene Zeit und Vorsprung, oder als negativer Faktor, als doppelt verlorene Zeit, weil zur Korrektur der negativen Folgen nochmals Zeit eingesetzt werden muß“ (Bourdieu 1992, S. 219).

 

El-Mafaalani weist darauf hin, dass in der jetzigen gesellschaftlichen Situation Bourdieus inkorporiertes Kulturelles Kapital ebenfalls die Aneignung verschiedener Kompetenzen, wie kognitive, soziale, emotionale und methodische Fähigkeiten bedeuten würde (vgl. El-Mafaalani 2012, S. 70).

 

b) Objektiviertes Kapital

 

Objektiviertes Kulturelles Kapital ist in physischen Gegenständen gebunden und ist, ähnlich wie Ökonomisches Kapital, materiell übertragbar. Es meint einen in Kulturgütern objektivierten Zustand (vgl. Bourdieu 1992, S.222).

 

Die Fähigkeit des Subjekts ist entscheidend für die Erschließung dieser Art von Kulturkapital, denn der Genuss eines Kunstwerkes oder etwa der angemessene Gebrauch eines Notebooks ist durch den bloßen Besitz noch nicht gegeben. Hier bedarf es der oben erläuterten Inkorporierung, also der Verfügungsmacht über kulturelle Fähigkeiten, wie die Einordnung eines Kunstwerkes in eine Kunstepoche oder fundierte Fertigkeiten im Umgang mit bestimmten technischen Hilfsmitteln. Einen Unterschied machen alltagskulturelle Fertigkeiten, die einem höheren Lebensstil entsprechen und die nicht kurzfristig imitiert werden können, wie z.B. gute Kenntnisse im Segeln und Skifahren kaum ohne häufige Sommer- und Winterurlaube in der Kindheit erreicht werden können. Der bloße Kauf eines Segelbootes (Ökonomisches Kapital) würde an dieser Stelle nicht zum Erfolg führen. Dieser sichere Umgang mit den Gegenständen, die das objektivierte Kapital darstellen, kann nur über ein bestimmtes Maß an bereits gelebter, längerer Beschäftigung mit dem entsprechenden Bewusstsein und den dazugehörigen Fertigkeiten geschehen. Kinder aus gehobenen Schichten fangen meist im Kita-Alter mit einer klassischen Musikausbildung an. Wer in frühester Kindheit ein Musikinstrument gelernt hat oder auf einem Pferd voltigiert ist, kann diese Fertigkeiten und auch das dadurch in sich selbst gewonnene Vertrauen später auf andere Felder übertragen. Objektiviertes Kulturkapital sind folglich spezielle Sportgeräte, Bücher, Musikinstrumente, aber auch z.B. Streamingdienste, also kulturell hochwertige Gegenstände, die zwar käuflich zu erwerben sind, für deren angemessene Anwendung jedoch Zeit und Engagement benötigt wird, und wozu bestenfalls ein Lebensstil gehört, der schon länger gelebt wird, um sich diese anzueignen und sich in bestimmten Feldern sicher bewegen zu können (vgl. Bourdieu 1992, S.222). Eng mit dem Lebensstil verknüpft ist die Vorstellung von Geschmack oder Ästhetik. Bourdieu erforschte in einer Studie in den 60er Jahren anhand von 2000 Teilnehmenden, was Menschen fotografierten. Er untersuchte die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Motive je nach Klassenzugehörigkeit und fand heraus, dass nicht die individuellen Vorlieben, sondern der Sozialstatus den Geschmack bestimmt (vgl. Bourdieu et al. 1981). So wird die Neigung zur Beschäftigung mit der Fotografie, die unabhängig von Milieu und persönlicher Lage gedacht werden könnte, durch Bourdieus Beobachtungen und Interviews als gesellschaftlichen Bedingungen unterlegen, exploriert:

 

„[…] bildeten das schmale Portemonnaie, die Angst, zu versagen oder sich lächerlich zu machen, und der Wunsch, Schwierigkeiten zu vermeiden, die hauptsächlichen Schranken für eine Beschäftigung mit der Photographie“ (Bourdieu et al. 1981, S. 27).

 

c) Institutionalisiertes Kapital

 

„Titel schaffen einen Unterschied zwischen dem kulturellen Kapital des Autodidakten, das ständig unter Beweiszwang steht, und dem kulturellen Kapital, das durch Titel schulisch sanktioniert und rechtlich garantiert ist, die (formell) unabhängig von der Person ihres Trägers gelten“ (Bourdieu 1992, S.222).

 

Bildungstitel legitimieren also unabhängig von den tatsächlich vorhandenen Kompetenzen. Akademische und schulische Titel werden von Bourdieu als institutionalisiertes Kulturelles Kapital erfasst und zeigen eine Unterscheidungs- und Abgrenzungsmöglichkeit zwischen Laien und Titelträgern auf. Selbst bei objektiv feststellbar gleichem Wissensstand und Können sieht sich der Autodidakt ständig dem oben genannten Beweiszwang gegenüber, während die titeltragende Person – ist sie erst einmal in Besitz des dauerhaft bestehenden Hoheitszeichens – sich nicht oder kaum noch begründen muss und somit einen erheblichen, auch in ökonomischer Sicht beträchtlichen Vorteil aus diesem Umstand erwirbt. Titel gelten unabhängig von der konkreten Person als Garant für einen bestimmten Grad an Leistung und Qualität und machen einen Unterschied. Durch die Tatsache des gesellschaftlich anerkannten akademischen oder schulischen Titels wird einer Professorin der Geschichtswissenschaften oder einem Meister des Garten- und Landschaftsbaus ein bestimmtes Maß an Kompetenz und Können unterstellt, unabhängig davon, ob dieser Mensch diese auch wirklich (noch) besitzt oder nicht. Vergleiche zwischen Personen in Bezug auf ihre kulturell beigemessenen Kompetenzen werden durch die Vergabe von Bildungstiteln möglich. Schulische oder akademische Titel stellen eine institutionelle Anerkennung für das verfügbare Kulturkapital dar. Das besessene Kulturkapital wird institutionalisiert anerkannt (vgl. Bourdieu 1992, S.223).

 

Bourdieu hat der Tatsache der Wirkung des Titels ein eigenes Kapitel (Die Wirkung des Titels) in seinem Werk »Die feinen Unterschiede« gewidmet, in dem er sich explizit mit diesem gesellschaftlichen Phänomen auseinandersetzt. Hier schildert er auch den besonderen Fall des geerbten Titels, um den es sich bei Adelstiteln handelt. Ohne die harte Arbeit des akademischen oder schulischen Bildungstitels, kann eine innehabende Person eines Adelstitels auf alle Vorteile zurückgreifen und von allen ökonomischen Gewinnen profitieren. Zwar wird eine gewisse Haltung und ein bestimmtes Benehmen abhängig von der innehabenden Position erwartet, was angesichts der Mühen, die es kostet einen akademischen Abschluss zu erlangen, der ein ähnliches Ansehen genießt allerdings verhältnismäßig leicht zu bewerkstelligen sein wird (vgl. Bourdieu 1982). Das Kulturelle Kapital ist die wichtigste Ressource von allen. In der heutigen Gesellschaft genießt gesellschaftliches Ansehen aber nur, wer beides besitzt: Ökonomisches und Kulturelles Kapital. Denn wer kultiviert ist, demonstriert Geschmack, und braucht dafür nicht einmal sonderlich viel Geld, um zu zeigen, dass er oder sie dazugehört. Mehr als jede andere Kapitalform zieht diese eine Grenze zwischen den sozialen Milieus, die durch das Vorhandensein oder Fehlen von kulturellem Kapital definiert wird und, wie am Erwerb von institutionalisiertem Kapital gesehen werden kann, nicht schnell und mühelos überschritten bzw. geändert werden kann.

 

3.2.3        Soziales Kapital

 

„Für die Reproduktion von Sozialkapital ist eine unaufhörliche Beziehungsarbeit in Form von ständigen Austauschakten erforderlich, durch die sich die gegenseitige Anerkennung immer wieder neu bestätigt“ (Bourdieu 1992, S.226).

 

Die Akkumulation von Sozialem Kapital ist mit Anstrengungen und dem Einsatz der gesamten Persönlichkeit verbunden, denn es erfordert eine ständige Aufnahme und Pflege sozialer Begegnungen. Im Gegenzug wird die potentielle Ressource einer ganzen Gruppe für sich selbst in Anspruch genommen: „[…] es handelt sich dabei um Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen“ (Bourdieu 1992, S. 224).

 

Zu dieser Netzwerkarbeit gehören mehr oder weniger institutionalisierte Beziehungen, wie Familienzugehörigkeit, kollegiale Unterstützung oder solidarische Hilfen von Freunden, Bekannten oder Vereinsmitgliedern.

 

Dieses Kapital bedarf der kontinuierlichen Beziehungsarbeit in Form von gegenseitiger Anerkennung. Soziales Kapital wird demnach als sehr persönliche Ressource, die in „selektiven bzw. exklusiven gemeinschaftlichen Kontexten“ (El-Mafaalani 2012, S. 71) stattfindet, angesehen. Er wertet sie als gleichbleibende Kraft, die zusammen mit dem Ökonomischen und Kulturellen Kapital zur Reproduktion von Ungleichheit durch Exklusion Anderer führt. Soziale Beziehungen, vulgo »Vitamin B«, können entscheidend dabei helfen, begehrte berufliche Positionen zu erhalten und somit Soziales Kapital in Ökonomisches Kapital zu transformieren. Die Art des Sozialen Kapitals und seine Qualität und Höhe sind auf die Zugehörigkeit zu dem jeweiligen Netzwerk bezogen. Bourdieu zählt zum Sozialen Kapital Manieren (Benehmen, Artikulation, Stimmmodulation usw.), da sie – ohne weiter erwähnt werden zu müssen – auf eine besondere Form der Sozialisationserfahrung schließen lassen und somit die Zugehörigkeit zu einem bestimmten sozialen Milieu erkennen lassen (vgl. Bourdieu 1992 Fußnote 9 S.225).

 

Die soziale Ressource, welche einer Person zur Verfügung steht, wird in seiner Ausprägung und Reichweite ebenso von den Fähigkeiten, Fertigkeiten sowie Zugriff auf Ökonomisches Kapital jeder einzelnen Person einer solchen Gruppe bedingt. Das erklärt, dass privilegierte Gruppen (z.B. Vorstandsmitglieder) eine größere Lobby als unterprivilegierte Gruppen (z.B. Empfänger von Sozialleistungen) haben. Die Wirkung von Beziehungen lässt sich daran erkennen, dass verschiedene Akteure mit gleich hoch ausgestatteten Kulturellen und Ökonomischen Kapital ohne offensichtlich erkennbaren Grund sehr unterschiedlich erfolgreich sind als Akteure einer Vergleichsgruppe. Hier macht das Sozialkapital einen deutlichen Unterschied. Bourdieu macht das Soziale Kapital an dem Vermögen fest, die Ressourcen einer mehr oder weniger institutionalisierten und ressourcenkräftigen Gruppe (Familie, Club, Clique) dazu zu bringen, sich für die eigene Person zu engagieren (vgl. Bourdieu 1992, S. 224 Fußnote 7). Selbst wenn die Pflege der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe nicht als Anstrengung empfunden wird, können diese positiven Ergebnisse entstehen. Einzig die Beziehungsarbeit, die zur Optimierung der Kapitalsituation geleistet werden muss, stellt hier eine aktiv stattfindende Bemühung dar, die durch emotionale Intelligenz, Kommunikationsfähigkeit, Empathie und das Vermögen sich in den Anderen hineinzuversetzen, besser gelingt. Die Einschätzung, ab wann sich eine Investition in Soziales Kapital lohnt, geschieht oftmals nicht bewusst. Langfristig betrachtet lohnt sich eine solche Investition immer. In der aktuellen, von Reizen überfluteten, digitalisierten Welt stellt es einen hohen Wert dar, Aufmerksamkeit zu schenken, ressourcenorientierte, inspirierende Gespräche zu führen, zuzuhören und persönliche Bedürfnissen erkennen zu können. Dabei ist die Resonanz der sozialen Wirkungen nicht zwingend garantiert und eine Mobilisierung der sozialen Gruppe mag auch scheitern oder nicht wie erhofft ausfallen. Beziehungen werden nicht ausschließlich aufgrund von erhoffter möglicher Vorteile geführt, sondern auch weil es ein natürliches soziales Bedürfnis des Menschen ist, konstruktive Beziehungen zu führen und sich darin zu spiegeln. Eine symmetrische Beziehung wird oft unbewusst angestrebt. Es muss nicht zwangsläufig eine absichtsvolle Investition in eine soziale Ressource geschehen, mit der Intention eine symmetrische, vorteilsbringende Beziehung zu erreichen.

 

Daher hängt es ebenfalls von den Kompetenzen der Person selbst ab, wie anziehend sie für bestimmte andere Leute ist. Die Person ist als Freund oder Freundin interessant, der oder die einerseits ein großes Kulturelles, wie auch Ökonomisches Kapital aufweisen kann und andererseits selbst über vielfältige soziale Ressourcen verfügt, welche wiederum weitere Möglichkeiten für lohnende Beziehungen für andere darstellen (vgl. Bourdieu 1992, S.224f).

 

Dieses über Jahre aufgebaute soziale Kapital findet sich vor allem im Feld (siehe Kapitel 2.3. Feld) der beruflichen Orientierung, bei der Suche nach einer Ausbildungsstelle, interessanten Studiengänge oder eines gut dotierten Arbeitsplatzes mit abwechslungsreichen Tätigkeiten wieder. Das Soziale Kapital entscheidet darüber, mit welcher Kompetenz man sich sicher und mühelos in dem Feld der Arbeitswelt bewegt; welche Teilhabe am Netz sozialer Beziehungen erlangt werden und welche Art von Ressourcen daraus erwachsen, wie beispielsweise Unterstützung (auch mental und emotional) erhalten, Vertrauen gewinnen, Informationen bekommen und einen natürlichen Zugang zu Vorgesetzten und Entscheidern zu gewinnen.

 

3.3   Habitus

 

 

Abbildung 3: Sozialer Raum, soziale Praxis und Habitus. Grafik aus „BildungsaufsteigerInnen aus benachteiligten Milieus. Habitustransformation und soziale Mobilität bei Einheimischen und Türkeistämmigen“ (Aladin El-Mafaalani, 2012) Abb. 3, S. 68

 

Definition Habitus:

 

Wie kann es sein, dass trotz ständiger historischer Veränderungen soziale Strukturen sehr träge oder gar nicht verändert werden? Wie ist es möglich, dass Menschen zwar die Strukturen und ihr eigenes Verhalten verändern könnten, sie aber immer wieder in alte Verhaltensmuster zurück fallen? Die Antwort auf diese Fragen könnte der Habitus liefern. Wie in obiger Abbildung zu erkennen ist, erklärt Bourdieu ihn im Sozialen Sinn als „System dauerhafter und übertragbarer Dispositionen“, welche als „Erzeugungs- und Ordnungsgrundlage für Praktiken und Vorstellungen“ dienen (Bourdieu 1978, S. 98). Und als mögliche Erklärung für das unbewusste Wirken des Habitus, wird ihm unterstellt nach dem Prinzip der „Spontanität ohne Wissen und Bewußtsein“ (Bourdieu 1978, S. 105) zu funktionieren und fügt noch hinzu:

 

„Als einverleibte, zur Natur gewordene und damit als solche vergessene Geschichte ist der Habitus wirkende Präsenz der gesamten Vergangenheit, die ihn erzeugt hat“ (Bourdieu 1978, S. 105).

 

Kern des Habitusbegriffs ist die Tendenz, auf immer wieder ähnliche Art und Weise zu handeln und ist somit mit der Funktion einer psychosomatischen Erinnerung zu vergleichen. In ihm sind frühere Handlungsweisen gespeichert, die in ähnlichen Situationen abgerufen werden. Das heißt, der Habitus ist eine Neigung, so zu handeln, wie man es, meist in der Ursprungsfamilie, gelernt hat. Beim Lernen orientiert sich der Mensch nicht an Modellen, sondern an Handlungen anderer Menschen (vgl. Bourdieu 1979, S.189). Allerdings umfasst der Habitusbegriff mehr als ausschließlich das Handeln und bezieht Wahrnehmung, Denken, Handeln und Urteilen das Unbewusste, die Psyche und den durch Sozialisationsprozessen geprägten Körper mit ein (vgl. Rehbein 2016, S. 87).

 

Fröhlich weist darauf hin, dass die Begriffe Habitus (lat.) und Hexis (griech.) das gleiche in einer anderen Sprache bedeuten, Bourdieu beide Begriffe jedoch sehr unterschiedlich benutzt. Mit Habitus sind bei Bourdieu neben der sprachlichen Ausdrucksweise eher verinnerlichte, tieferliegende Strukturen gemeint; Hexis benutzt er dagegen, wenn äußerlich wahrnehmbare körperliche Vorgänge, wie Mimik, Motorik, Körperhaltung, die Art und Weise zu Laufen, also die Einverleibung beschrieben wird (vgl. Fröhlich 1999, S. 100).

 

Am deutlichsten wird Bourdieus Sichtweise auf den Habitus in folgenden Zitaten:

 

„Der Habitus ist Erzeugungsprinzip objektiv klassifizierbarer Formen von Praxis und Klassifikationssystem dieser Formen. In der Beziehung dieser beiden Habitus definierenden Leistungen: der Hervorbringung klassifizierbarer Praxisformen und Werke zum einen, der Unterscheidung und Bewertung der Formen und Produkte (Geschmack) zum anderen, konstituiert sich die repräsentierte soziale Welt, mit anderen Worten der Raum der Lebensstile“ (Bourdieu 1982, S. 277-278).

 

„Der Habitus ist nicht nur strukturierende, die Praxis wie deren Wahrnehmung organisierende Struktur, sondern auch strukturierte Struktur: das Prinzip der Teilung in logische Klassen, das der Wahrnehmung der sozialen Welt zugrunde liegt, ist seinerseits Produkt der Verinnerlichung der Teilung in soziale Klassen“ (Bourdieu 1982, S. 279).

 

Mit dem Habitus als inkorporierter Notwendigkeit, verwandelt in eine allgemeine und transponierbare, sinnvolle Praxis und sinnstiftende Wahrnehmung hervorbringende Disposition […] (Bourdieu 1982, S. 278).

 

Stangl kommentiert Habitus nach Bourdieu treffenderweise:

 

„Habitus meint bei ihm vor allem die klassenspezifisch erworbene, unbewusste aber genaue Angepasstheit der Dispositionen, Verhaltensmuster und Einstellungen einer Person an das jeweilige soziale Umfeld. Bourdieu entwickelt seinen Habitus-Begriff vor dem Hintergrund einer Kapitalismus-kritischen Gesellschaftsanalyse der Persistenz sozialer Klassen und stellt die Frage, warum die soziale Ordnung so natürlich gegeben scheint und inwiefern die Individuen an dieser scheinbaren Natürlichkeit beteiligt sind bzw. welche Handlungsspielräume sie besitzen“ (Stangl, 2020).

 

Konzept des Habitus:

 

Das Konzept des Habitus ist eng verwoben mit den Vorstellungen vom sozialen Raum, dem sozialen Feld, Kulturellem Kapital und symbolischer Gewalt und kann nur vor diesem Hintergrund verstanden werden. Die soziale Realität sieht Bourdieu als doppelt vorhanden an, einmal in den Dingen und in den Köpfen der Menschen, in den sozialen Feldern und im Habitus, innerhalb und außerhalb der Individuen (vgl. Bourdieu / Wacquant 1996, S. 161). Bourdieu führt diese Doppelbedeutung in seinem Werk »Reflexive« Anthropologie weiter aus und benennt Habitus als:

 

„Die menschliche Existenz, der Habitus als das Körper gewordene Soziale, ist jene Sache der Welt, für die es eine Welt gibt [...] Le monde me comprend, mais je le comprends – also etwa: Ich bin in der Welt enthalten, aber die Welt ist auch in mir enthalten“ (Bourdieu / Wacquant 1996, S. 161).

 

Die Frage ist, nach welchen Prinzipien des Konstruierens beim Habitus vorgegangen wird (vgl. Bremer 2005, S. 57). Die Praxis wird von den Akteuren schöpferisch und kreativ konstruiert.

 

Dölling versteht Habitus als zentralen Begriff in Bourdieus Soziologie der Praxis, welche die wissenschaftliche Gegenüberstellung von Individuum und Gesellschaft überwinden soll und erkennt in der Soziologie Bourdieus den Versuch, die im sozialwissenschaftlichen Denken fest verankerten Begriffe von »Makro« und »Mikro«, »Struktur« und »Handeln« begrifflich eine neue Bedeutung zu geben und diese Begriffe aufzubrechen (vgl. Dölling 2002, S. 1105).

 

Mit dem Konzept des Habitus wird versucht den Dualismus zwischen strukturalistischer Sozialtheorie und individualistischer Verhaltenstheorie aufzulösen. Es hinterfragt zum einen den Menschen als gesellschaftliches Produkt und zum anderen den existenzialistischen Ansatz Sartres, der von dem Bewusstsein der eigenen Existenz und der damit einhergehenden Verurteilung zur Freiheit ausgeht. Sartre sieht darin die Notwendigkeit zum eigenen Denken und Handeln begründet (vgl. Sartre 1993).

 

Weiter definiert Bourdieu den Habitus als ein

 

„sozial konstituiertes System von strukturierten und strukturierenden Dispositionen, das durch Praxis erworben wird und konstant auf praktische Funktionen ausgerichtet ist“ (Bourdieu / Wacquant 1996, S. 154).

 

Bourdieu will den Begriff des Habitus vor allem als eine Art von Haltung verstehen, eine besondere Sichtweise, die Praxis in ihrer spezifischen und vor allem im zeitlichen Kontext zu konstruieren und zu verstehen (vgl. Bourdieu / Wacquant 1996, S. 153). Als Habitus bezeichnet Bourdieu ein erzeugendes System, eine durch Sozialisationsprozesse angeeignete Vorgehensweise, die jene vorhersehbaren Verhaltensweisen erzeugt, die man auch gesellschaftlich anerkanntes Verhalten nennen kann (vgl. Krais / Gebauer 2014, S. 6).

 

Bourdieu hebt das durch den Habitus vorhersehbare Verhalten hervor, indem er äußert: “Wer den Habitus einer Person kennt, der spürt oder weiß intuitiv, welches Verhalten dieser Person verwehrt ist“ (Bourdieu 2015, S. 33). Der Habitus wird von ihm also als ein limitierendes System angesehen, welches im Denken der betreffenden Person Grenzen setzt. Beispielsweise sind für einen Menschen mit kleinbürgerlichen Habitus manche Sachverhalte einfach undenkbar, also unmöglich, weil bereits das Denken auf Art und Weise der herrschenden Klasse nicht erwünscht ist. Im nächsten Kapitel Reproduktion wird näher erläutert, wie vermittelte Kognitionen und Werte an bestimmte Denk- und Wahrnehmungsstrukturen binden können. Innerhalb der vom Habitus gesteckten Grenzen jedoch zeigt sich die Person erfinderisch und ihre genauen Reaktionen sind keinesfalls im Voraus bekannt (vgl. Bourdieu 2015, S. 33).

 

Da es sich beim Habitus um verkörperte Sozialisation, um das „Körper gewordene Soziale“ (Bourdieu / Wacquant 1996, S. 161) handelt, soll das Konzept der Sozialisation hier kurz dargelegt werden. Sozialisation bezeichnet keine einheitliche Idee, vielmehr gibt es zahlreiche unterschiedliche Sozialisationstheorien sowie ein vielschichtiges Forschungsfeld (vgl. Grundmann 2006, S. 30). Die Beschäftigung mit der Frage, wie Menschen sich in ihrer Persönlichkeit entwickeln und welchen Einfluss darauf die Umwelt hat, ist so alt wie die Geschichte der Geistes- und Sozialwissenschaften. Obwohl es zahlreiche Sozialisationskonzepte gibt, untersuchen alle sozialisationstheoretischen Ansätze, wie der einzelne Mensch in die Gesamtheit der Menschen integriert wird und wie Gesellschaften für die jeweilige Persönlichkeitsentwicklung wirksam werden. Dabei berührt Sozialisation zwei unterschiedliche Ebenen: Die Ebene der Vergesellschaftung und die Ebene der Individualisierung. Sozialisationserfahrungen haben Auswirkungen auf die individuelle Persönlichkeitsentwicklung und Sozialisationsprozesse sind gleichzeitig am Prozess der Kollektivbildung beteiligt (vgl. Grundmann, S. 199). Der Französische Soziologe Émile Durkheim gilt als Begründer des Konzepts der Sozialisation. Er ging davon aus, dass Erziehung nicht nur die einzelne (junge) Person innerhalb einer Familie betrifft, sondern in ihrer Funktion wichtige und umfassende Relevanz für die gesamte Gesellschaft darstellt. Laut Durkheim wird der Mensch erst durch Sozialisation zum »vernünftigen« Menschen gemacht und sie sichert die gesellschaftliche Existenz einer Industriegesellschaft. Der Zusammenhalt der Gesellschaft, mehr noch, die gesamte Existenz von modernen Industriegesellschaften beruht auf der Notwendigkeit von Sozialisation. Nach Meinung Durkheims wird der asoziale, triebhafte und egoistische Einzelne erst durch die Konfrontation mit gesellschaftlichen Normen gesellschaftsfähig (vgl. Durkheim 1984). Dass das Individuum den Sozialisationsprozessen nicht hilflos ausgeliefert ist, sondern dank der eigenen Persönlichkeitsstruktur Sozialisationsprozessen begegnen und auf sie Einfluss nehmen kann, wird bei Durkheim nicht angenommen. Eher wird Sozialisation als ein notwendiges Zwangsmittel betrachtet um den Mensch gesellschaftskonform passend zur Industrienation zu formen. Mead hingegen formuliert treffend, dass Kommunikation ein wesentlicher Faktor für die Entwicklung des Menschen als soziales Wesen darstellt. Ein »generalisierter Anderer« (Eltern, Lehrer) spielt eine entscheidende Rolle bei der Sozialisation, weil sich die Persönlichkeitsstruktur und die Art der Selbstbezugnahme eines Menschen fortwährend in Konfrontation und Aushandlungsprozessen mit den Erwartungen und Ansichten Anderer entwickelt (vgl. Mead 1991). Parsons ergänzt, dass erfolgreiches Rollenhandeln in der Gesellschaft erst durch Sozialisation möglich gemacht wird (Parsons 1979).

Ende der Leseprobe aus 88 Seiten

Details

Titel
Zwischen Erwerbsbeteiligung und Erwerbslosigkeit. Eine theoretisch-empirische Studie im Rahmen der Habitustheorie Bourdieus
Hochschule
Fachhochschule Dortmund
Note
1,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
88
Katalognummer
V1191463
ISBN (eBook)
9783346640055
ISBN (eBook)
9783346640055
ISBN (eBook)
9783346640055
ISBN (Buch)
9783346640062
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Frage, wo die Hemmnisse bei der Integration in Ausbildung, Erwerbstätigkeit und auch der schulischen Entwicklung bei Leistungsempfangenden liegen, wird in dieser Arbeit vor dem Hintergrund der Habitustheorie Bourdieus untersucht. Eine wesentliche Rolle spielt hierbei, wie die von ihm benannte Weitergabe der Kapitalsorten während der Primärsozialisation in der Ursprungsfamilie und der Familiengeschichte beruflichen Erfolg prägen und leiten, und wie dann weiterhin trotz eventuell widriger Kontextbedingungen und sozialer Benachteiligung ein Bildungsaufstieg dennoch möglich werden kann.
Schlagworte
Bourdieu Erwerbslosigkeit Habitus Habitustheorie Arbeitslosigkeit Klassismus, Habitustransformation empirische Forschung, Kapital nach Bourdieu Kapitalsorten inhaltlich-strukturierende Qualitative Inhaltsanalyse, Distinktion
Arbeit zitieren
Birgit Stamm (Autor:in), 2021, Zwischen Erwerbsbeteiligung und Erwerbslosigkeit. Eine theoretisch-empirische Studie im Rahmen der Habitustheorie Bourdieus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1191463

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