Dystopien als Thema im Ethikunterricht der 9. Klasse. Begriffsklärung und Unterrichtsentwurf anhand von "Die Tribute von Panem – The Hunger Games"


Unterrichtsentwurf, 2014

36 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definitionen
2.1 Utopie
2.1.1 Subjektive Theorien von Ethikstudenten – Das Gegenwartsverständnis
2.1.2 Klassisch – philosophische Definitionen
2.2 Dystopie
2.2.1 Subjektive Theorien von Ethikstudenten – Das Gegenwartsverständnis
2.2.2 Klassisch – philosophische Definitionen
2.2.3 Geschichtlicher Hintergrund

3 Die Tribute von Panem – The Hunger Games
3.1 Einführung in „Die Tribute von Panem – The Hunger Games“
3.2 Die Merkmale einer dystopischen Welt am exemplarischen Beispiel

4 Praktische Umsetzung

5 Fazit

6 Anhang: Unterrichtsmaterialien zum Unterrichtsentwurf
6.1 Ein tabellarischer Unterrichtsentwurf
6.2 Geschlossene Fragen zum Unterrichtseinstieg
6.3 Tafelbild
6.4 Text

7 Literaturverzeichnis

Anmerkung der Redaktion: Aus urheberrechtlichen Gründen wurden einige Abbildungen aus dieser Arbeit entfernt. Diese können jedoch anhand der Quellen problemlos recherchiert werden.

1. Einleitung:

In meiner vorliegenden Hausarbeit im Rahmen des Seminars „Gedachte Welten: Sozialutopien im Ethikunterricht“ möchte ich mich intensiv mit dem Thema „Dystopien“ beschäftigen, um ein Grundverständnis des Begriffs „Dystopie“, sowie anhand des exemplarischen Beispiels einen tieferen Einblick in das Thema zu bekommen. Dabei möchte ich folgenden Fragen nachgehen:

- Wie definieren die klassischen Philosophen die Begriffe „Utopie“ und „Dystopie“?
- Worin unterscheiden sich Dystopien von Utopien?
- Welche Motive liegen einer dystopischen Gesellschaft zugrunde?
- Wie kann das Thema „Dystopien“ in der Schulpraxis lebendig gestaltet werden?

Im ersten Teil meiner Hausarbeit werde ich den unterschiedlichsten Definitionen der Begriffe „Utopie“ und „Dystopie“ nachgehen.

Anhand einer Umfrage auf dem Campus der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe werde ich aufzeigen, wie schwierig es ist, eine einheitliche Definition zu diesem Thema zu finden.

Im Anschluss daran werde ich am exemplarischen Beispiel von Suzanne Collins „Die Tribute von Panem – The Hunger Games“ darlegen, wie das Thema „Dystopien“ in die Schulpraxis transferiert werden kann. Hierfür habe ich mich bewusst entschieden, da sowohl der Film als auch das Buch „Die Tribute von Panem – The Hunger Games“ noch heute besonders bei Jugendlichen weltweit sehr erfolgreich sind und somit aus der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler (= SuS) stammen. Die dazugehörige praktische Umsetzung meines Unterrichts bildet den vierten Teil meiner Hausarbeit. Der tabellarische Unterrichtsentwurf sowie die zugehörigen Unterrichtsmaterialien befinden sich im Anhang.

Den Abschluss meiner Hausarbeit bildet ein persönliches Fazit.

Im Folgenden möchte ich mich zunächst den Definitionen der „Utopien“ und „Dystopien“ widmen.

2. Definitionen

In diesem Kapitel möchte ich mich den Definitionen einer „Utopie“ (siehe Punkt 2.1) und „Dystopie“ (siehe Punkt 2.2) zuwenden. Da es keine einheitliche Definition einer „Utopie“ und „Dystopie“ gibt, habe ich eine Umfrage bei Ethikstudenten an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe durchgeführt und sie zu ihrem individuellen Verständnis der beiden Begriffe „Utopie“ und „Dystopie“ befragt (siehe Punkt 2.1.1 und Punkt 2.2.1). Durch den Besuch des Seminars „Gedachte Welten: Sozialutopien im Ethikunterricht“ wurde uns Studenten die Definitionsvielfalt vermittelt, die mit diesem Thema einhergeht, weshalb meine genannte Umfrage diese Definitionsvariation unterstreichen soll.

Im Anschluss möchte ich mich den klassisch – philosophischen Definitionen widmen.

2.1 Utopie

Zum Einstieg in das Thema „Dystopien“ möchte ich mich zuerst dem Gegenbegriff, „Utopien“, zuwenden und diesen von den „Dystopien“ abgrenzen, um den Einstieg in das Thema „Dystopien“ zu erleichtern.

Der Begriff Utopie leitet sich allgemein von den griechischen Worten ou (= nicht) und tópos (= „Ort, Stelle, Land“ 1 ) ab. Kombiniert bedeutet Utopie Nichtland, Nicht-Ort oder Nirgendwo. Eine Utopie ist eine futuristische, soziale und politische Vision, die eine ideale Ordnung sowie eine fortschrittliche humanistische Gemeinschaft impliziert.2

2.1.1 Subjektive Theorien von Ethikstudenten – Das Gegenwartsverständnis

Die folgende Umfrage habe ich am 21.05.14 auf dem Campus der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe durchgeführt. Drei der fünf befragten Studenten besuchen in diesem Semester das Seminar „Gedachte Welten: Sozialutopien im Ethikunterricht“. Bei den beiden anderen Studenten handelt es sich ebenso um Ethikstudenten, die das erwähnte Seminar jedoch nicht besuchen. In der Umfrage geht es um eine subjektive Definition der Begriffe „Utopie“ und „Dystopie“ durch die Ethikstudenten.

Im Folgenden sind die Definitionen der Ethikstudenten aufgelistet.

Ethikstudent 1:

Eine Utopie ist eine Vorstellung einer perfekten Realität, in der alles auf Frieden und Harmonie basiert für Menschen, Tiere und Pflanzen.

Ethikstudent 2:

Eine Utopie ist eine angestrebte Zukunftsvorstellung, in der aktuelle Missstände nicht mehr existieren und alle Menschen friedlich, glücklich und naturverbunden miteinander leben können.

Ethikstudent 3:

Eine Utopie ist eine unrealistische optimistisch positive, individuelle Zukunftsvorstellung.

Ethikstudent 4:

Eine Utopie ist eine positive Zukunftsvision.

Ethikstudent 5:

Ich kenne den Begriff nicht und kann mir darunter nichts vorstellen.

Meine persönliche Vorstellung des Begriffes „Utopie“ lautet:

Eine Utopie ist ein Nicht-Ort, eine angestrebte Zukunftsvorstellung, die allerdings nicht erreicht werden kann. Der Mensch möchte sich durch den Fortschritt jedoch möglichst an seine individuelle Utopie annähern. Eine Utopie impliziert ein Weltbild, in dem Friede, Gerechtigkeit und Glück gewährleistet sind, während es keine Missstände mehr gibt.

Bei den Ethikstudenten 1 – 3 handelt es sich um die Kommilitonen, die in diesem Semester am Seminar „Gedachte Welten: Sozialutopien im Ethikunterricht“ teilnehmen. Die Studenten 4 – 5 nehmen nicht am Seminar teil.

Besonders auffällig ist die differenzierte Genauigkeit der Definitionen durch die Studenten. Besonders der Student 2 wird in seiner Definition bei seinem positiven Zukunftsbild explizit, indem er dieses durch ein friedliches, glückliches und naturverbundenes Leben beschreibt. Im Gegensatz dazu bleibt der Ethikstudent 4 in seiner Definition sehr allgemein, da er wohl über weniger Vorwissen als die Studenten 1 – 3 verfügt. Interessant ist auch die Tatsache, dass der Student 5 den Begriff „Utopie“ nicht kennt. Meine persönliche Definition einer „Utopie“ fiel im Gegensatz zu den befragten Kommilitonen am ausführlichsten aus, da ich mich nicht nur im Seminar „Gedachte Welten: Sozialutopien im Ethikunterricht“, sondern auch im Rahmen dieser Hausarbeit ausführlich mit dem Thema beschäftige.

Nachdem ich verschiedene Definitionen einer „Utopie“ von Studenten der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe dargelegt habe, möchte ich mich nun einigen Definitionen bekannter Philosophen zuwenden.

2.1.2 Klassisch – philosophische Definitionen

Der Begriff „Utopie“ dient einerseits als „Leitbegriff in progressiven Staatsentwürfen“, 3 d.h. nach einer Weltvorstellung „oder einer Zeit, in der eine neue gesellschaftliche, religiöse, oder technische Ordnung herrscht“,4 andererseits wird ein Alptraum-szenario jener Ordnung gefürchtet. Der Begriff „Utopia“ beschreibt sowohl literarische Werke der Neuzeit, als auch „imaginäre Orte ihrer Verwirklichung.“ 5 Der Begriff „Utopie“ erhielt seine Definition von Thomas Morus´ literarischen Werk „Utopia“, welches seither als Dreh- und Angelpunkt des Utopie-Begriffes dient.6

Thomas Morus´ (* 07.02.1478 – † 06.07.1535)7 „Utopia“ dient nicht allein als Begriffsdefinition von Utopien. Hierfür gibt es eine ausdifferenzierte Definitionsvielfalt, die im Folgenden veranschaulicht wird. Thomas Morus sieht in der Utopia „ein staatstheoretisches Werk, da es sich […] mit den Staatsorganen und –[Staats]-Gesetzen der Gesellschaft des Staatswesens Utopia befasst.“ 8 Diese fiktive Gesellschaft war anders als die bisherigen Staatsformen aufgebaut. Das fiktive Konzept einer Staatsform ist unter anthroposoziologischer und physischer Sicht heute womöglich realisierbar, wobei er eine Begründung für seine Annahme auslässt. „Für den Autor und seine Zeit mußte eine Umsetzung der Staatskonzeption in ihrem Lebensumfeld in naher oder mittlerer Zukunft jedoch unerreichbar erscheinen.“ 9

Auffällig ist die Doppeldeutigkeit von Thomas Morus´ „Utopia“, da das erste Phonem des Wortes in der Aussprache zwei Möglichkeiten bietet: „Ou-Topos“ bedeutet „nirgendwo“, während „Eu-Topos“ einen „guten Ort“ beschreibt. Dies muss Thomas Morus „bewußt gewesen sein, […] um beide Begriffe seiner fiktiven Staatskonzeption zuzuordnen.“ 10 Eine Utopie ist einerseits eine Staatstheorie einer fiktiven Gesellschaftsform, die theoretisch realisierbar ist und wahrscheinlich besser als alle Bisherigen ist.11

In der Zeit der Senatsaristokratie von Gaius und Tiberius Gracchus erfolgten durch Privatisierungsprozesse „Entwicklungen der römischen Gesellschaft“,12 d.h. es fand eine Umstrukturierung vom ager publicus zum ager privatus statt. Die Reichen plündern die öffentlichen Güter „und das fruchtbare Ackerland sammelte sich bei den Großgrundbesitzern.“ 13 Die Gracchen verfolgten ein Utopie-Verständnis, das von der Idee der „Wiederherstellung der Eigentums- und Besitzverhältnisse den alten Tugenden der Römischen Republik“ 14 gekennzeichnet war.

Ca. 2000 Jahre nach der gracchischen Agrarrevolution erschien der Text „Utopia“ von dem Humanisten Thomas Morus. Der Utopie-Sympathiesant gab Thomas Morus folgendes auf den Weg: Wenn die Menschen alle Werte am Geldmaßstab und dem Privatbesitz messen, kann keine glückliche und gerechte Politik existieren.15

Auch Ernst Bloch (* 08.07.1885 – † 04.08.1977)16 beschäftigte sich mit der Suche nach einer Definition des Begriffes „Utopie“, wobei er die Begriffe „Utopie“ und „Revolution“ miteinander in Beziehung setzte. Er ging der Frage nach, ob die Utopie-Vorstellung mit einer gescheiterten Revolution in Verbindung steht. Er führte seine Gedanken dazu an einem Beispiel aus: Ein Bauernheer, das in der Schlacht geschlagen wurde, zog nach Hause, in der Hoffnung, ihre Enkel „fechten´s besser aus.“ 17 Die eigentliche Gegenutopie wird hier in dem endgültigen Tod gesehen. Daraufhin folgt ein Vergleich Aristoteles´ Apologie, der – laut Platon – „den Richtern, die ihn zu Unrecht verurteilt haben, ein Bild entgegen [schleudert] von der Versammlung der gerechten Toten, mit denen er Gespräche führen könne.“ 18 Die Richter, die Aristoteles verurteilten, sollten „in dieser Versammlung der Gerechten […] keine Gesprächspartner finden.“ 19 Ernst Bloch wünschte sich Lenin und Paulus als Gesprächspartner, da durch sie eine Verbindung von „Utopie“ und „Revolution“ stattfände. Eine tiefgehende Begründung für seine Aussage liefert Ernst Bloch nicht.

Laut Theodor W. Adorno (* 11.09.1903 - † 06.08.1969)20 können nur negative Utopien existieren, während eine Utopie das beschreibt, was fehlt. Zudem sei der melancholische Aspekt der Verwirklichung, „eine Melancholie der Erfüllung, […] ein wesentliches Moment der Utopie“, 21 da die Melancholie als ein negativer Gemütszustand wie z.B. Bedrücktheit oder Trauer beschrieben wird.22 Theodor W. Adorno wandte sich 1964 in einem Rundfunkgespräch an seinen Freund und intellektuellen Konkurrenten Ernst Bloch: „Dass die Menschen vereidigt sind auf die Welt, wie sie ist, und dieses abgesperrte Bewusstsein der Möglichkeit gegenüber, das hat […] einen Grund, von dem ich denken würde, dass er gerade mit der Nähe der Utopie, mit der du zu tun hast, sehr zusammenhängt.“ 23 Er glaubt, dass die Menschen – egal, ob bewusst der unbewusst – wissen, dass es möglich wäre anders zu sein. Theodor W. Adorno erkennt darin ein „überschreitendes Denken“ der Menschen, Bloch dagegen sieht „dieses Entwurfsdenken der Utopien mit Bildern und konkreten Inhalten angefüllt.“ 24 Ernst Bloch weiß, dass der Utopie-Begriff etwas Unerfüllbares ist, was Theodor W. Adorno „die melancholische Seite der Erfüllung nennt.“ 25

Auch der Schriftteller Oscar Wilde (* 16.10.1854 – † 30.11.1900)26 beschäftigte sich mit dem Utopie-Begriff. Er sah im Fortschritt „die Verwirklichung von Utopien.“ 27 Oscar Wilde benutzt bei dem Wort „Utopien“ bewusst die Pluralform, da hier verschiedene Bereiche wie z.B. Umwelt oder Technik betrachtet werden.

Immanuel Kant (* 22.04.1724 – † 12.02.1804)28 sieht dagegen in der Historie einen Entwicklungsprozess zum Weltbürgertum, eine Endutopie. Dies widerspricht jedoch dem ewigen Fortschrittsgedanken von Oscar Wilde, da mit dem Weltbürgertum eine Grenze des Weltbürgertums erreicht würde.

Der deutsche Philosoph Julian Nida-Rümelin (* 28. November 1954)29 beschäftigt sich darüber hinaus mit den politischen Aspekten der Utopie, worin er ein Schlachtfeld erkennt. Er glaubt, dass die Politiker ihr individuelles Themengebiet für das Wichtigste empfinden und politisch alle etwas anderes wollen. Diesen politischen Ansatz empfindet Julia Nida-Rümelin für falsch, da die Politik nur noch kurzfristige Konzepte liefert. Allerdings kann diese vom Fortschrittsgedanken getragene Utopie-Vorstellung ohne langfristiges Konzept nicht gewährleistet werden.30

2.2 Dystopie

Nach einer genaueren Betrachtung verschiedener Definitionen einer „Utopie“ möchte ich mich nun dem Gegenbegriff, „Dystopie“, zuwenden und diesen näher beleuchten. Dabei gehe ich analog dem Punkt 2.1 vor, d.h. Darlegung einer Umfrage unter Kommilitonen mit anschließendem Fokus auf die klassisch-philosophischen Definitionen.

Die Dystopie wird vom englischen Begriff „Dystopia“ abgeleitet und beschreibt eine „fiktionale, in der Zukunft spielende Erzählung o. Ä. mit negativem Ausgang.“ 31

2.2.1 Subjektive Theorien von Ethikstudenten – Das Gegenwartsverständnis

Im Folgenden möchte ich wie bei Punkt 2.1.1 vorgehen. Die Ergebnisse der Begriffsdefinitionen einer „Dystopie“ von Ethikstudenten werden nun aufgelistet.

Ethikstudent 1:

Eine Dystopie ist eine Scheinwelt, in der alles erdenklich Schlechte passiert.

Ethikstudent 2:

Eine Dystopie ist eine sehr negative Zukunftsvision, in der alles Menschliche, Friedliche, Natürliche und vor allem Emotionale gestorben ist und Wirtschaft und Technik uns dominieren.

Ethikstudent 3:

Eine Dystopie ist eine negative katastrophale Vorstellung der Zukunft.

Ethikstudent 4:

Eine Dystopie ist eine negative Zukunftsvision.

Ethikstudent 5:

Ich kenne den Begriff nur aus dem Film „Dystopia“, deshalb glaube ich, dass es um etwas Negatives geht. Im Umkehrschluss müsste eine „Utopie“ etwas Positives implizieren.

Meine persönliche Vorstellung des Begriffes „Dystopie“ lautet:

Eine Dystopie ist eine negative Zukunftsvorstellung, die alles Schlechte impliziert. Sämtliche positiven Aspekte liegen in einer Dystopie nicht mehr vor.

Auch bei den Definitionen einer „Dystopie“ durch die Studenten ist die Definition des Studenten 2 auffällig, da dieser gegenüber den anderen Definitionen am vielseitigsten ist. Er beschreibt eine negative Zukunftsvision, die alle menschlichen, friedlichen, natürlichen und emotionalen Aspekte ausschließt und in einer Dominanz aus Wirtschaft und Technik den menschlichen Untergang sieht. Die Definitionen der Studenten 1, 3 und 4 fallen alle sehr ähnlich aus. Verwunderlich ist hier die knappe Definition der Studenten 1 und 3, die durch das Seminar mehr Vorwissen haben als der Student 4. Der Student 5 kannte den Begriff „Dystopie“ nicht, vermutet aufgrund des Films „Dystopia“, dass der Begriff etwas Negatives beinhalten muss. Daraus schloss der Student 5, dass eine Utopie entsprechend etwas Positives impliziert. Obwohl er weder die Begriffe „Utopie“ noch „Dystopie“ kannte, konnte er durch eine Erfahrung – das Schauen des Filmes „Dystopia“ – etwas mit dem Begriff verbinden und konnte eine Verknüpfung zum Gegenbegriff „Utopie“ herstellen.

2.2.2 Klassisch – philosophische Definitionen

Dystopien zeigen den Gegensatz zu dem eutopischen Gedankengut und haben ihre Anfänge vermutlich im 19. und 20. Jahrhundert. Diese Jahreszahlen sind jedoch strittig, es bereits 1607 ein Werk von „Joseph Halls „Unsitten der Zeit“ [gab, worin] […] die „Unsitten der Zeit“ als negatives Alternativbild zur historischen Wirklichkeit“ 32 gesehen wurde. Die Wende von utopischen zu dystopischen Gedanken vollzog sich in Zeiten der beiden Weltkriege sowie während der zunehmenden wissenschaftlichen Technisierung.33 „Eutopien und Dystopien teilen sich […] als Unterarten die gemeinsamen Merkmale der Utopie – und anhand dieser können Sie nicht nur als Utopien identifiziert, sondern auch [als] […] Dystopie bzw. Eutopie typologisiert – werden.“34

Der englische Philosoph John Stuart Mill (* 20.05.1806 - † 08.05.1873)35 hat den Begriff „Dystopie“ zuerst gebraucht und darunter nicht nur den Gegenpol zu „Thomas Morus´ Utopia [verstanden] , sondern vielmehr einen Ort […], an dem es im weitesten Sinne schlecht um die Dinge bestellt ist.“ 36 37 Bereits im Jahre 1868 führte er den Terminus „dystopians“38 ein. George Huntemann dagegen führte den Begriff „Mätopie“39 ein, was so viel wie „Schreckensbild“ bedeutet. Henner Löffler leitete den „Terminus „kritische Utopie“ [ein] , oder von Friedrich Heer [kam] die Bezeichnung „Gegenutopie““. 40 41 Die Dystopie wird als „Unterart der Utopie“ 42 gesehen, da Schlechtes wie z.B. Angst und Übel nur aufgrund eines „positiven Zukunftsglaubens entstehen kann.“ 43 Eine Dystopie zeichnet sich durch ein realitätsnahes, negativ erstelltes Zukunftsbild aus.

Stephan Meyer (* 10.06.1929 - † 13.02.2014)44 kritisiert, dass innerhalb einer bestimmten Ordnung die wahre Glücksfindung des Menschen nicht gewährleistet ist. Zudem verliert der Mensch durch den Entindividualisierungsprozess in einer Dystopie das Recht auf Privateigentum und unterliegt der totalen Kontrolle. Im Totalitarismus liegt die Verfügungsgewalt über den Menschen bei einem politischen Regime. Dieses Regime übt Macht aus, um seine Ziele zu erreichen, wobei es in aller Härte vorgeht und vor „existenzbedrohenden [Lebensumständen] des autonomen Individuums“ 45 nicht zurückschreckt. Stephan Meyer sieht u.a. Manipulationen, Isolation, Überwachung, Folter und Unterdrückung durch den totalitären Staat als elementare Merkmale einer Dystopie.

[...]


1 http://www.bpb.de/wissen/B9GRGP Letzter Zugriff am 24.05.14

2 Vgl. http://www.bpb.de/wissen/B9GRGP Letzter Zugriff am 01.06.14

3 Arnswald, Ulrich, Schütt, Hans-Peter, Thomas Morus´ Utopia – Und das Genre der Utopie in der politischen Philosophie, KIT Scientific Publishing, 2010, S. 5

4 Arnswald, Ulrich, Schütt, Hans-Peter, Thomas Morus´ Utopia – Und das Genre der Utopie in der politischen Philosophie, KIT Scientific Publishing, 2010, S. 5

5 Arnswald, Ulrich, Schütt, Hans-Peter, Thomas Morus´ Utopia – Und das Genre der Utopie in der politischen Philosophie, KIT Scientific Publishing, 2010, S. 5

6 Vgl. Arnswald, Ulrich, Schütt, Hans-Peter, Thomas Morus´ Utopia – Und das Genre der Utopie in der politischen Philosophie, KIT Scientific Publishing, 2010, S. 5

7 Vgl. http://www.morus-thomas.de/ Letzter Zugriff am 08.06.14

8 Arnswald, Ulrich, Schütt, Hans-Peter, Thomas Morus´ Utopia – Und das Genre der Utopie in der politischen Philosophie, KIT Scientific Publishing, 2010, S. 108. Hervorhebung im Original

9 Arnswald, Ulrich, Schütt, Hans-Peter, Thomas Morus´ Utopia – Und das Genre der Utopie in der politischen Philosophie, KIT Scientific Publishing, 2010, S. 108

10 Arnswald, Ulrich, Schütt, Hans-Peter, Thomas Morus´ Utopia – Und das Genre der Utopie in der politischen Philosophie, KIT Scientific Publishing, 2010, S. 109

11 Vgl. Arnswald, Ulrich, Schütt, Hans-Peter, Thomas Morus´ Utopia – Und das Genre der Utopie in der politischen Philosophie, KIT Scientific Publishing, 2010, S. 109-110

12 Negt, Oskar, Nur noch Utopien sind realistisch – Politische Interventionen, Seidl Verlag, 2012, S. 19

13 Negt, Oskar, Nur noch Utopien sind realistisch – Politische Interventionen, Seidl Verlag, 2012, S. 19

14 Negt, Oskar, Nur noch Utopien sind realistisch – Politische Interventionen, Seidl Verlag, 2012, S. 19

15 Vgl. Negt, Oskar, Nur noch Utopien sind realistisch – Politische Interventionen, Seidl Verlag, 2012,S. 19-21

16 Vgl. http://www.uni-tuebingen.de/uni/sef/bloch.htm Letzter Zugriff am 02.06.14

17 Negt, Oskar, Nur noch Utopien sind realistisch – Politische Interventionen, Seidl Verlag, 2012, S. 32

18 Negt, Oskar, Nur noch Utopien sind realistisch – Politische Interventionen, Seidl Verlag, 2012, S. 32. Hervorhebung im Original

19 Negt, Oskar, Nur noch Utopien sind realistisch – Politische Interventionen, Seidl Verlag, 2012, S. 32

20 Vgl. http://www.hdg.de/lemo/html/biografien/AdornoTheodorW/ Letzter Zugriff am 26.06.14

21 Negt, Oskar, Nur noch Utopien sind realistisch – Politische Interventionen, Seidl Verlag, 2012, S. 32

22 Vgl. http://www.duden.de/rechtschreibung/Melancholie Letzter Zugriff am 02.06.14

23 Negt, Oskar, Nur noch Utopien sind realistisch – Politische Interventionen, Seidl Verlag, 2012, S. 32

24 Negt, Oskar, Nur noch Utopien sind realistisch – Politische Interventionen, Seidl Verlag, 2012, S. 32

25 Negt, Oskar, Nur noch Utopien sind realistisch – Politische Interventionen, Seidl Verlag, 2012, S. 33

26 Vgl. http://www.dieterwunderlich.de/Oscar_Wilde.htm Letzter Zugriff am 08.06.14

27 Nida-Rümelin, Julian, Kufeld, Klaus, Die Gegenwart der Utopie – Zeitkritik und Denkwende, Verlag Karl Alber, 2011, S. 26

28 Vgl. http://www.dieterwunderlich.de/Immanuel_Kant.htm Letzter Zugriff am 08.06.14

29 Vgl. http://www.julian.nida-ruemelin.de/uber-jnr/ Letzter Zugriff am 08.06.14

30 Vgl. Nida-Rümelin, Julian, Kufeld, Klaus, Die Gegenwart der Utopie – Zeitkritik und Denkwende, Verlag Karl Alber, 2011, S. 28-29

31 http://www.duden.de/rechtschreibung/Dystopie Letzter Zugriff am 08.06.14

32 Kirchner, Kerstin, Totalitäre Gesellschaften in der Literarischen Anti-Utopie http://www.mythos- magazin.de/ideologieforschung/kk_anti-utopie.pdf, S. 9. Hervorhebung im Original Letzter Zugriff am 15.06.14

33 Vgl. Schulte-Herbrüggen, Hubertus - Von Der Strukturanalyse Zur Strukturtypologie, 1960, S. 200

34 http://dystopischeliteratur.org/dystopienseiten/definitionen-des-begriffs-dystopie/ Letzter Zugriff am 15.06.14. Hervorhebung im Original

35 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/John_Stuart_Mill Letzter Zugriff am 26.06.14

36 http://de.wikipedia.org/wiki/Dystopie Letzter Zugriff am 15.06.14. Hervorhebung im Original

37 Vgl. http://dystopischeliteratur.org/dystopienseiten/etymologie-des-begriffes-dystopie/ Letzter Zugriff am 15.06.14

38 Vgl. Meyer, Stephan, Die anti—utopische Tradition. Eine ideen- und problemgeschichtliche Darstellung, Peter Lang, Frankfurt am Main, 2001, S. 25

39 Vgl. Meyer, Stephan, Die anti—utopische Tradition. Eine ideen- und problemgeschichtliche Darstellung, Peter Lang, Frankfurt am Main, 2001, S. 19

40 Meyer, Stephan, Die anti—utopische Tradition. Eine ideen- und problemgeschichtliche Darstellung, Peter Lang, Frankfurt am Main, 2001, S. 21. Hervorhebungen im Original

41 Vgl. Kirchner, Kerstin, Totalitäre Gesellschaften in der Literarischen Anti-Utopie http://www.mythos- magazin.de/ideologieforschung/kk_anti-utopie.pdf, S. 9 Letzter Zugriff am 15.06.14

42 Meyer, Stephan, Die anti—utopische Tradition. Eine ideen- und problemgeschichtliche Darstellung, Peter Lang, Frankfurt am Main, 2001, S. 35-36

43 Kirchner, Kerstin, Totalitäre Gesellschaften in der Literarischen Anti-Utopie http://www.mythos- magazin.de/ideologieforschung/kk_anti-utopie.pdf, S. 9 Letzter Zugriff am 15.06.14

44 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Huntemann Letzter Zugriff am 26.06.14

45 Kirchner, Kerstin, Totalitäre Gesellschaften in der Literarischen Anti-Utopie http://www.mythos- magazin.de/ideologieforschung/kk_anti-utopie.pdf, S. 11 Letzter Zugriff am 15.06.14 Hervorhebung im Original

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Dystopien als Thema im Ethikunterricht der 9. Klasse. Begriffsklärung und Unterrichtsentwurf anhand von "Die Tribute von Panem – The Hunger Games"
Hochschule
Pädagogische Hochschule Karlsruhe
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
36
Katalognummer
V1191836
ISBN (Buch)
9783346625304
Sprache
Deutsch
Schlagworte
dystopien, thema, ethikunterricht, klasse, begriffsklärung, unterrichtsentwurf, tribute, panem, hunger, games
Arbeit zitieren
Dominik Speck (Autor:in), 2014, Dystopien als Thema im Ethikunterricht der 9. Klasse. Begriffsklärung und Unterrichtsentwurf anhand von "Die Tribute von Panem – The Hunger Games", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1191836

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