John Rawls´ Theorie der Gerechtigkeit: Dargestellt und erläutert anhand Stefan Heyms Roman „Schwarzenberg“


Seminararbeit, 2007

21 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Vorstellung John Rawls´ Theorie der Gerechtigkeit

3. Der Urzustand
3.1. Formale Bedingungen der Gerechtigkeit
3.2. Kenntnisse der Akteure im Urzustand
3.3.Vernünftigkeit und Motivation der Menschen im Urzustand

4. Der Urzustand in Heyms Roman Schwarzenberg

5.Schluss

Literaturliste

1. Einleitung

Der Grundbegriff einer humanen Gesellschaft ist Gerechtigkeit. Eine Gesellschaft, welche auf der Kooperation ihrer Mitglieder zu wechselseitigem Vorteil beruht, bedarf einer von allen anerkannten und als gerecht empfundenen Organisationsstruktur, da sonst im Gegensatz zur Kooperation sich der Kampf aller gegen alle, der bellum omnium contra omnes, durchsetzen würde. Es geht darum, Gerechtigkeit in dem Sinne zu schaffen, dass die Lasten der gemeinsamen Arbeit für den einzelnen gleichmäßig verteilt sind.[1] „Wenn im folgenden von Gerechtigkeit gesprochen wird, ist immer die distributive gemeint.“[2] Rawls geht davon aus, dass rationale Menschen im sogenannten Urzustand, gerechte Grundsätze für ihr Zusammenleben formulieren, weil sie gleichsam naiv handeln. Dieser Zustand, der später noch genauer erläutert wird, ist laut Rawls bestimmt durch den „Schleier des Nichtwissens“. Rawls stellt die These auf, dass die distributive Gerechtigkeit wesentlich zu zwei Verteilungsprinzipien führt. Zum einen, dass jedes Mitglied der Gesellschaft gerechter Maßen gleichen Zugriff auf Grundfreiheiten haben muss. Zum anderen, dass die wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheiten so zu gestalten sind, dass sie jedermanns Vorteil dienen und jedem der Weg offen steht, ein Amt in denjenigen Institutionen zu bekleiden, welche die distributive Gerechtigkeit durchsetzten. Dem ersten Freiheitsprinzip kommt absolute Priorität zu.

Rawls geht davon aus, dass Grundsätze, die von rationalen Akteuren im Urzustand beschlossen werden, welcher vom oben schon erwähnten „Schleier des Nichtwissens“ der Akteure geprägt ist, gerecht seien. Diese Beschlüsse, die in einem verbindlichen Vertrag münden, sind auch schon von den frühen neuzeitlichen Philosophen wie Hobbes oder Locke ähnlich formuliert worden. Rawls erweitert jedoch diesen Kontraktualismus entscheidend, indem die Untersuchung von Gerechtigkeit nicht auf der Ebene von Personen oder Handlungen verweilt, sondern Rawls die sich im Urzustand vollziehende Vernunft untersucht.

In dem Roman „Schwarzenberg“ von Stefan Heym wird eine historische Situation unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg beschrieben, die dem theoretischen Begriff des Urzustands, wie Rawls ihn beschreibt, ähnlich ist. Die im Roman beschriebene Unvoreingenommenheit der Akteure lässt die Vermutung zu, dass es sich hier um eine Situation handelt, die so beschaffen ist, dass sie Gerechtigkeit als das Ergebnis einer rationalen Einigung unter fairen Bedingungen ermöglicht.[3] Die intuitive Vermutung meinerseits, dass der Plot des Romans, welcher ein wahre, historisch verbürgte Situation schildert, sich innerhalb eines Urzustandes gemäß Rawls abspielt, gründet auf der im Roman beschriebenen historischen Gegebenheit der unmittelbaren Zeit nach dem zweiten Weltkrieg. Es wird ein Zustand beschrieben, der massiv von der Unwissenheit der in ihm handelnden Akteure geprägt ist, und zwar in der Weise, dass sich die Menschen des gesellschaftlichen Werts ihrer persönlichen Eigenschaften nicht bewusst sind. Das einzige Mittel Grundsätze zu etablieren ist daher die reine Ratio. Die Akteure befinden sich in einem Zustand, in dem die alten Machtstrukturen zerbrochen, die alten Ordnungen sowie Wertvorstellungen untergegangen sind und sich die Chance offenbart, in diesem Vakuum nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus in einer für Akteure nicht überschaubaren Zeitspanne eine neue Gesellschaft zu konstruieren. Bei diesem Versuch spielt der Begriff der Verteilungsgerechtigkeit eine entscheidende Rolle.

Im Folgenden will ich so vorgehen: Zunächst werde ich Rawls Theorie der Gerechtigkeit kurz vorstellen. Anschließend werde ich mich mit der theoretischen Konstruktion des Urzustandes befassen und dessen Merkmale herausarbeiten. Dann werde ich versuchen diese Merkmale auf den in Heyms Roman beschriebenen Nachkriegszustand anzuwenden und mich der Frage widmen, ob, falls ein Urzustand im Rawlsschen Sinne vorliegt, die Ordnung, welche die Akteure etablieren wollen, gemäß den Kriterien von Rawls gerecht ist.

2. Vorstellung John Rawls´ Theorie der Gerechtigkeit

In seinem monumentalen Werk stellt sich der amerikanische Philosoph John Rawls die Frage, wie Gerechtigkeit theoretisch fundiert sein kann. Rawls untersucht den Begriff Gerechtigkeit für ein großes Kollektiv an Individuen. Für eine große Gruppe bedeutet Gerechtigkeit interne Verteilungsgerechtigkeit. Eine Gruppe ist ein Zusammenschluss von Menschen, die ein gemeinsames Ziel verfolgen. In einer Gesellschaft, also solch einem Zusammenschluss von Menschen, ist es das Ziel ihrer Mitglieder, möglichst Güter zu produzieren, deren Kosten in gemeinsamer Produktion niedriger ausfallen, als wenn sie von einem Einzelnen allein produziert werden müssen. Der Zusammenschluss von Menschen determiniert also die Produktion eines Mehrwertes. So ein „Unternehmen zur Förderung des gemeinsamen Vorteils“, wie Rawls es bezeichnet, ist jedoch von Konflikten geprägt.[4] Gerechtigkeit muss daher bewirken, dass der vom Kollektiv produzierte Mehrwert, der aus der gesellschaftlichen Zusammenarbeit entsteht, richtig, also gerecht, verteilt wird. Rawls wendet sich in seinem Theoriekonzept von einer utilitaristischen Gesellschaftskonzeption ab. Für ihn ist es nicht gerecht, wenn die Menge eines Gutes – also beispielweise gesellschaftlicher Wohlstand – lediglich maximiert wird. Eine Situation, in welcher der kollektive Nutzen einer Gruppe maximiert, jedoch auch nur ein einzelnes Mitglied benachteiligt wird, ist für Rawls nicht gerecht. Die Maximierung eines Gutes bewirkt noch nicht seine gerechte Verteilung. Gerechtigkeit stellt aber für Rawls in erster Linie ein Verteilungsproblem dar.

Neben der „richtigen Verteilung der Früchte und Lasten der gesellschaftlichen Zusammenarbeit“, ist auch die Zuweisung von Rechten und Pflichten in den grundlegenden gesellschaftlichen Institutionen Ziel einer Gerechtigkeitstheorie.[5] Die elementaren gesellschaftlichen Institutionen fasst Rawls unter dem Begriff der „Grundstruktur der Gesellschaft“ zusammen. Die gerechte Zuweisung von Ämtern und Pflichten in dieser Grundstruktur stellt das zweite Verteilungsproblem dar, das es zu lösen gilt. Mit dem Terminus soziale Gerechtigkeit drückt Rawls aus, dass es sein Ziel ist, den Gegenstand seiner Gerechtigkeitskonzeption auf die Grundstruktur der Gesellschaft zu beschränken und nicht Gerechtigkeit im Einzelfall zu betrachten.

Eine Gruppe zur Förderung der gemeinsamen Zielvorstellungen, so wie sie eine Gesellschaft mit Millionen von Mitgliedern darstellt, ist nach Rawls dann wohlgeordnet, wenn ein Konsens darüber herrscht, was gerecht ist. Jedoch ist eine „gewisse Übereinstimmung der Gerechtigkeitsvorstellung nicht die einzige Voraussetzung für eine funktionsfähige menschliche Gesellschaft“.[6] Es stellt sich das Problem, die Vorhaben der einzelnen Menschen so aufeinander abzustimmen, dass kein Mitglied der Gruppe nachhaltig enttäuscht ist, da dies natürlich Konfliktpotential birgt. Ferner muss die Gesellschaft in dem Sinne ihrer Funktionsfähigkeit gewahrt bleiben, sodass sie stets auf kollektiver Ebene Ziele erreichen kann. Die Zusammenarbeit muss so organisiert sein, dass stabilisierende Mechanismen etabliert werden, die das gesellschaftliche Zusammenleben stützen.[7] Die Festlegung von Gerechtigkeitsvorstellungen, die in diesem Sinne eine Gesellschaft institutionell und bei der Verteilung des erwirtschafteten Mehrwerts praktisch ordnen, hängt also mit dem Problem der „Koordination Effizienz und der Stabilität“ zusammen.[8]

Rawls Gerechtigkeitstheorie beschreibt das Konzept einer sozialen Gerechtigkeit, also ein Grundelement einer menschlichen Gemeinschaft. Diese Grundstruktur einer Gesellschaft beschreibt ihre wichtigsten Institutionen sowie ihre wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse. Diese Institutionen beeinflussen nach Rawls die Lebenschancen der Gesellschaftsmitglieder in dem Maße, dass sie die Ausgangsposition, sprich die Stellung der Individuen, die völlig frei von eigenen Verdiensten ist, determiniert. Sind die Institutionen in dem Sinne gerecht, dass sie gleiche Ausgangspositionen für jedes Gesellschaftsmitglied ermöglichen, scheint ein Teil der Gerechtigkeit erfüllt.

Rawls will einen Gerechtigkeitsbegriff für die Grundstruktur der Gesellschaft formulieren und sich nicht mit der Frage beschäftigen, ob ein Handeln im Einzelfall gerecht oder ungerecht sei; er erweitert so den Alltagsbegriff der Gerechtigkeit.[9] Man kann Rawls eine hierarchische Ordnung seiner Gerechtigkeitsvorstellung unterstellen, da er davon ausgeht, dass die theoretische Konzeption einer gerechten Grundstruktur der Gesellschaft auch die Bewertung der Gerechtigkeit im Einzelfall ermögliche. Eine Einschränkung nimmt Rawls vor, indem er die Gesellschaft, für welche die theoretische Konzeption der Gerechtigkeit gelten soll, als ein abgeschlossenes System versteht, das keine Verbindung zu den in der Umwelt liegenden Gesellschaftssystemen verfolgt. Der Autor selbst bezeichnet die Theorie über die gerechte Grundstruktur einer Gesellschaft als den Schlüssel für vielfältige andere Gerechtigkeitsprobleme, da eine Vorstellung über das zu untersuchendes System, wie es Rawls beschreibt, hinreichend sei, um Gerechtigkeit in anderen Fällen auch bewerten zu können.[10]

Rawls Theorie beansprucht nicht ein Netz aus Hypothesen für gerechtes „Handeln“ zu erstellen, so wie es Aristoteles als Entsagung auf „pleonexia“, den Verzicht auf das An-sich-Reißen, also die Abwesenheit von Habsucht, beschreibt.

Rawls verallgemeinert die vornehmlich auf Handlung gemünzte Gerechtigkeitsvorstellung des antiken Philosophen. Er geht davon aus, dass gerechte Handlungen immer das Ergebnis einer gesellschaftlichen Grundstruktur seien, die festlegt, welche Ansprüche eines Individuums gerecht sind.[11] Rawls „Theory of Justice“ steht daher nicht im Gegensatz zur Tradition einer Philosophie über Gerechtigkeit, vielmehr erhebt sie den Anspruch, allgemeiner und ursprünglicher in der ihr gesetzten Thematik zu sein, nämlich den Ursprung des Verzichts auf pleonexia zu erkunden. Die Abwesenheit von Habsucht ist konstitutives Merkmal des Urzustands; die egoistischen Ziele sind durch die Etablierung der Grundsätze in gerechte Bahnen gelenkt.

Rawls stellt sich die Einführung von für die Gesellschaft gerechten Prinzipien als eine Situation vor, die von der Gleichheit der Akteure geprägt ist. Diese Betrachtungsweise der Gerechtigkeitsgrundsätze nennt Rawls „Gerechtigkeit als Fairness“.[12] Fairness ist hier die Eigenschaft, welche die Situation der Gleichheit der Akteure in der Entscheidungssituation für Gerechtigkeitsgrundsätze bezeichnet. Diese Prinzipien sind verbindlich und gelten ab ihrer Einsetzung dauerhaft. Den Zustand, in dem gleiche Menschen sich für Gerechtigkeitsgrundsätze entscheiden, nennt Rawls „Urzustand“. Nach Rawls muss dieser Urzustand dadurch gekennzeichnet sein , dass in der Situation der Entscheidungsfindung sich die beteiligten Akteure weder über ihre gesellschaftliche noch über ihre persönlichen Eigenschaften im Klaren sind. Vor diesem „Schleier des Nichtwissens“, der den Urzustand charakterisiert, kommt es nach John Rawls zu Grundsätzen, die eine Bevorteilung einzelner Akteure ausschließen, da diese sich ja wegen ihres Nichtwissens über ihre Eigenschaften und ihre Stellung in der Gesellschaft keine persönlichen Vorteile verschaffen können.

[...]


[1] Vgl. Höffe, Otfried (1977), Über John Rawls Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt/M., Suhrkamp, S.13.

[2] Ibid., S. 13.

[3] Vgl. Kerstin, Wofgang (1996): Die politische Philosophie der Gesellschaftsvertrages, Darmstadt. S. 268.

[4] Rawls, John (1979): Eine Theorie der Gerechtigkeit. Frankfurt/M., Suhrkamp, S.20.

[5] Ibid., S. 21.

[6] Ibid., S.22.

[7] Vgl. Ibid., S. 24.

[8] Ibid., S. 24.

[9] Vgl. Ibid., S. 26.

[10] Vgl. Ibid., S. 24.

[11] Vgl. Ibid., S. 27.

[12] Vgl. Ibid., S. 28.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
John Rawls´ Theorie der Gerechtigkeit: Dargestellt und erläutert anhand Stefan Heyms Roman „Schwarzenberg“
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Moderne Politische Theorie
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
21
Katalognummer
V119200
ISBN (eBook)
9783640231850
ISBN (Buch)
9783640232017
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
John, Rawls´, Theorie, Gerechtigkeit, Dargestellt, Stefan, Heyms, Roman, Moderne, Politische
Arbeit zitieren
Tilman Graf (Autor), 2007, John Rawls´ Theorie der Gerechtigkeit: Dargestellt und erläutert anhand Stefan Heyms Roman „Schwarzenberg“ , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119200

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