Nachrichtennutzung auf Instagram. Qualität und Glaubwürdigkeit von Nachrichten auf Social Media


Masterarbeit, 2021

124 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Soziale Medien und Mediennutzung im Wandel
2.1 Definition, Abgrenzung und Klassifizierung von Social Media
2.2 Soziale Medien und Nachrichtenjournalismus
2.3 Aktuelle Trends und Herausforderungen im Online-Journalismus
2.3.1 Fake News
2.3.2 Social Bots und Deep Fakes
2.3.3 Filterblasen
2.3.4 News Snacking

3 Instagram
3.1 Potenziale und Schwächen
3.2 Strategien von Informationsangeboten auf Instagram
3.3 Nachrichtenangebote auf Instagram
3.3.1 Instagram Auftritt von ZDFheute
3.3.2 Instagram Auftritt von Tagesschau

4 Zielgruppe der Millennials

5 Glaubwürdigkeit
5.1 Begriff Glaubwürdigkeit
5.2 Glaubwürdigkeit verschiedener Mediengattungen
5.3 Glaubwürdigkeit verschiedener Nachrichtenmarken

6 Journalistische Qualität
6.1 Überblick journalistischer Qualitätskriterien
6.2 Anwendbarkeit von Qualitätskriterien auf Social Media
6.3 Qualität aus Nutzerperspektive

7 Zwischenfazit und Spezifizierung der Forschungsfragen

8 Methodik und Vorgehensweise
8.1 Operationalisierung des Qualitätskataloges
8.2 Teilstudie I: Lautes Denken / Qualitatives Experiment
8.3 Teilstudie II: Qualitative Leitfadeninterviews
8.4 Durchführung

9 Auswertung der Ergebnisse und Interpretation
9.1 Qualitätsanforderungen an Instagram aus Nutzersicht
9.2 Qualitätsbeurteilung von ZDFheute und Tagesschau auf Instagram
9.3 Glaubwürdigkeit von ZDFheute und Tagesschau auf Instagram
9.4 Einfluss des Logos
9.5 Weitere Erkenntnisse

10 Fazit
10.1 Zusammenfassung der Erkenntnisse
10.2 Reflexion der Forschung
10.3 Schluss

Literaturverzeichnis

Anhang A

Anhang B

Abstract

Immer mehr junge Menschen stoßen beiläufig auf Plattformen wie Instagram auf ihr tägliches Newssortiment. Durch die mobile Nutzung kommen sie zwar öfter pro Tag, dafür umso kürzer und oberflächlicher in Berührung mit Nachrichten. Beobachter befürchten, dass diese Nutzungsart die Wissenskluft langfristig fördern und die Markenloyalität beeinträchtigen könnte.

Indes locken die Anwesenheit der werberelevanten jungen Millennials und die hohen potentiellen Reichweiten viele Nachrichtenanbieter auf Instagram. Kritiker bezweifeln allerdings, dass qualitativ hochwertiger und glaubwürdiger Journalismus auf Instagram funktionieren kann eingedenk niedriger Glaubwürdigkeitswerte der Plattform, formatspezifischer Zwänge (z.B. Prägnanz) und der kurzen Aufmerksamkeitsökonomie der Nutzer. Zurecht stellt sich also die Frage, ob Qualitätsjournalismus auf Instagram eine Legitimität beanspruchen kann.

Daher nimmt diese Arbeit zum Anlass, aus Sicht der relevanten Nutzergruppe der Millennials die Qualität und Glaubwürdigkeit von Nachrichteninhalten auf Instagram anhand der reichweitenstarken Qualitätsmedien Tagesschau und ZDFheute in den Blick zu nehmen.

Als Forschungsmethodik dient ein zweiteiliger Versuchsaufbau mit 16 Probanden. Geleitet an der Forschungsstrategie des qualitativen Experiments findet zunächst eine Nutzeranalyse in abgewandelter Form des Lauten Denkens statt, um das Qualitätsverständnis der User direkt am Material zu untersuchen. Daraufhin unterstützen qualitative Leitfadeninterviews bei der Frage, welche Anforderungen User an glaubwürdige Inhalte auf Instagram stellen.

Die Befunde zeigen, dass Millennials zunächst an eher klassische Qualitätskriterien Maß anlegen: Den Informationswert an vorderster Stelle, gefolgt von Sachgerechtigkeit und Objektivität. Es wird aber auch deutlich, dass ihnen, um erst auf ein Angebot aufmerksam zu werden, insbesondere die (emotionale) Ausdruckskraft der Bilder im Feed, prägnante Texte, eine schnelle Orientierung und griffige Headlines von Bedeutung sind. In den Stories wird viel Wert auf Authentizität und multimediale Vermittlung gelegt, welche bei minderer Qualität als störend empfunden wird. Es zeigt sich, dass User einen hohen Anspruch an die optische/technische Qualität, Affektivität und Prägnanz legen, was in großen Teilen vermutlich der Ausspielplattform Instagram zuzuschreiben ist. Währenddessen schaffen es Tagesschau und ZDFheute laut den Befragten, für sie glaubwürdige Inhalte auszusenden. Wichtig ist ihnen dabei v.a. eine Quellentransparenz, Informativität, Neutralität und logische Erklärbarkeit. Eine fehlende Markentreue konnte ihnen nicht bescheinigt werden.

Insgesamt kommt Nachrichtenanbietern auf Instagram in der heutigen Zeit eine große Verantwortung zu: Vor dem Hintergrund, dass junge Nutzer sich vermehrt auf Instagram aufhalten und erwarten, dort mit den wichtigsten Nachrichten in Berührung zu kommen, müssen sie es in diesen meist kurzen Kontaktpunkten schaffen, die demokratische Meinungsbildung und das kritische Denken einer Nachwuchsgeneration zu fördern. Dabei müssen Nachrichtenanbieter eine Gratwanderung zwischen Prägnanz, Vielfalt und Vollständigkeit vollführen und zeitgleich jungen Menschen den Mehrwert von Journalismus bewusst machen.

Schlüsselbegriffe:

Instagram | Nachrichtenangebote | Qualität | Glaubwürdigkeit

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Jährliche Zuwächse im Bereich Social Media/ Internet in Deutschland

Abbildung 2: Genannte Bestandteile des Web 2.0

Abbildung 3: Sub-Kategorien von Social Media

Abbildung 4: Eckdaten Instagram

Abbildung 5: Potentiale und Risiken auf Instagram (in Anlehnung an die SWOT-Analyse)

Abbildung 6: ZDFheute auf Instagram (Stand 07/21)

Abbildung 7: Engagement Rate ausgewählter Nachrichtenanbieter auf Instagram (Stand 07/21)

Abbildung 8: Tagesschau auf Instagram (Stand 07/21)

Abbildung 9: Als seriös wahrgenommene Nachrichtenmarken

Abbildung 10: Qualitätsdreieck der Mediennutzung

Abbildung 11: Forschungsübersicht

Abbildung 12: Aufbau und Punkteverteilungsprinzip Qualitätskriterienkatalog

Abbildung 13: Gewichtung Qualitätskriterienkatalog

Abbildung 14: Tagesschau Feed-Post vom 17.05.2021

Abbildung 15: Tagesschau Feed-Post vom 17.05.2021

Abbildung 16: Vergleich optisches Erscheinungsbild der Feed-Posts ZDFheute/ Tagesschau

Abbildung 17: Zusammenfassende Übersicht der Qualitätsanalyse

Abkürzungsverzeichnis

ARD Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland

Bpb Bundeszentrale für politische Bildung

BR Bayerischer Rundfunk

FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung

IG Instagram

MUG Microsoft Usability Guidelines öffentl.-rechtl. öffentlich-rechtlich ÖRR öffentlich-rechtlicher Rundfunk

SNS Social Network Sites

WDR Westdeutscher Rundfunk

ZDF Zweites Deutsches Fernsehen

1 Einleitung

Zahlreiche Stimmen aus Wissenschaft und journalistischer Praxis sprechen heutzutage von einer Medienkrise. Sie hat viele Gesichter, aber oftmals nur einen „Sündenbock” (Bassu 2013: 61): das Internet. Die Diagnosen führen dabei hauptsächlich zu einer tiefgreifenden „ökonomischen Krise des professionellen Journalismus” (Neuberger 2018: 11), einer Identitäts- und einer Qualitätskrise. Im Kern veräußern sich diese in schwindenden Werbeeinnahmen im Netz, verschwimmenden Grenzen mit dem Amateurjournalismus, einer Boulevardisierung publizistischer Inhalte und einem durch den Kosten- und Zeitdruck verursachten Qualitätsschwund – der allerdings bisweilen (noch) nicht ausreichend erwiesen ist (vgl. ebd. 36-39, Köhler 2020: 14). Jene Entwicklungen machen den heutigen Journalismus so verwundbar wie noch nie, wie es scheint (vgl. Hanitzsch/Seethaler/Wyss 2019: 2).

Auf der anderen Seite hört man aber auch Stimmen, die nicht dem Internet die alleinige Schuld für die Krise der (Print-)Medien zuschreiben wollen. So resultiert diese nach ihren Angaben aus der Entfremdung zum Leser1 und vor allem den jüngeren Lesern, aus deren Alltag Medienhäuser sich abgewandt hätten (Weischenberg 2018: 4): „Die Journalisten sind die alten geblieben. Unsere Leser nicht” (ebd.), so die Einsicht.

Zu viel käme aus der „Welt der Institutionen, Pressestellen und Amtsträger” (ebd.) und zu wenig aus der relevanten Lebenswelt der jungen Zielgruppe. Alte, verkrustete Strukturen und Denkmuster müssten aufgebrochen werden und neue (digitale) Ansätze geschaffen werden, so die Forderung (vgl. Heidmeier 2019). Jene Zeit ist vorbeigezogen, in der die Familie um 20 Uhr zusammen die Tagesschau verfolgte, stattdessen sind wir heutzutage frei von „ausgewählte[n] Zeiten, Orte[n] [...] und Zugangswege[n]” (Kümpel 2020: 11). Medien(nachrichten)nutzung findet heute – vor allem bei der jüngeren Zielgruppe – zum großen Teil auf dem Smartphone und von unterwegs statt, zwischen Instagram, WhatsApp und Candy Crush (vgl. ebd.). Für die Nachrichtenrezeption spielen dabei die sozialen Medien eine immer größer werdende Rolle (vgl. Schweiger 2017: 83). Die meisten Nachrichtenanbieter haben den Handlungsbedarf erkannt und ihr Distributionsportfolio um eigene Kanäle auf den gefragten sozialen Netzwerken erweitert, denn schließlich müssen „Medienunternehmen [...] lernen, Leser dort abzuholen, wo sie sind: Sie werden nicht kommen, man muss zu ihnen gehen” (Weise/Leyrer 2016). Gleichzeitig nährt sich die Befürchtung, dass die heutige High-Choice-Medienlandschaft zu defizitären Nachrichtengewohnheiten bei jungen Menschen führen könnte (vgl. Kümpel 2020: 12). Nicht unwesentlich ist hier die eher beiläufige Abfischung von informativen Inhalten auf Social Media als regelrechten Beifang im großen Informationsfluss – eine ‚emergente’ Mediennutzung, wie es die Forschung beschreibt (Schwaiger/Schneider/Vogler 2020: 142). Nicht weit hergeholt ist dahingehend die Befürchtung, dass junge Mediennutzer ihre Markenloyalität aufgeben würden (vgl. ebd.). Der Versuch, die begehrte werberelevante Zielgruppe der „Digital Natives” mit attraktiven Angeboten einzufangen, wird indes zur Mammutaufgabe der traditionellen Nachrichtenhäuser (vgl. Kümpel 2019: 2).

Vor dem Hintergrund, dass viele Medienunternehmen – im Speziellen auch die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten – in heutiger Zeit unter einem Vertrauensverlust leiden, wird dieser Aspekt umso dringlicher (vgl. Schweiger 2017: 71). Jener Abwärtsstrudel ist besonders seit der Flüchtlingsdebatte 2015 zu verzeichnen, in der rechtspopulistische Kräfte an die Öffentlichkeit dringen und das Meinungsbild in Deutschland nachhaltig veränderten – und seither die Legitimität des öffentlich-rechtlichen Rundfunks unermüdlich infrage stellen (vgl. Bedford-Strohm/Filipovic 2020: 56f.). Es mehren sich Vorwürfe mangelnder Objektivität, die mit „Lücken-” und „Lügenpresse” beschrieben werden und die Glaubwürdigkeit journalistischer Akteure zum Teilen in Mitleidenschaft gezogen haben (vgl. Hanitzsch/Seethaler/Wyss 2019: 2). Trotz des „Reichweitenspektrum des öffentlich-rechtlichen Programms“ (ebd.: 56) bleibt zudem die Sorge nach einem Generationenabbruch (vgl. Humborg/Nguyen 2018: 15). Dabei ist es die Pflicht der Öffentlich-Rechtlichen, der „Segmentierung der Öffentlichkeit entgegenzuwirken” (Lilienthal 2013: 24). Ob ihnen das in Zukunft gelingt, bleibt abzuwarten.

Durchschlagende Erfolge wie die Instagram-Dokuserie ‚Ich bin Sophie Scholl‘ von BR und SWR hingegen zeigen, dass historische Aufklärung durchaus auch auf Plattformen wie Instagram funktionieren kann – und dass diese als „Verbreitungskanäle für Informationen ihre Berechtigung” (Stauffacher 2021) haben. Wie keine andere Plattform schafft es Instagram, nicht nur packende Geschichten zu erzählen, sondern eine besondere Nähe zu den Zuschauern zu schaffen (vgl. ebd.). Das Erfolgsrezept dieser Zeit scheint ergo die Kraft der Bilder zu sein: „Die Aufmerksamkeitsökonomie ist heute primär visuell, und Instagram bleibt ein Synonym für den visuellen Zeitgeist” (Leaver/Highfield/Abidin 2020, zitiert nach Fuchs 2021: 270). Dass Instagram gemeinsam mit seinen Nutzern aber auch erwachsener und politischer geworden ist und noch vielmehr als oberflächliche Latte-Art und Avocado-Toast-Fotos kann, zeigt das dortige Aufkeimen digitaler politischer Proteste wie bspw. #blackouttuesday oder #climatestrike (vgl. Meyer zu Eppendorf 2020: 14). So kamen die Ergebnisse einer Studie der Deutschen Telekom zu dem Schluss, „dass [für 83 Prozent der 16-26-jährigen Befragten] die Rolle der sozialen Medien wichtig sei, um sich gegen Ungerechtigkeit zu wehren” (ebd.): Die junge Generation nutzt Instagram also, um dort auch Gehör zu finden.

Dies fehlt allerdings zum Teil an anderer Stelle: Denn die Schwierigkeit, auf der gegenüberliegenden Seite die Gunst und kurze Aufmerksamkeit der Nutzer nachhaltig einzufangen, führt indessen zu zahlreichen journalistischen Qualitätsdebatten: So wird der Inhalt oftmals am vermuteten Massengeschmack ausgerichtet – die Folge daraus zeigt sich oft in Form einer Boulevardisierung von Inhalten und Themen (vgl. Voigt 2016: 16).

Nur selten werden dabei die Nutzer und ihre Anforderungen (aus wissenschaftlicher Sicht) selbst in den Blick genommen (vgl. Mehlis 2014: 254, Voigt 2016: 19) – obwohl journalistische Angebote auf deren Nachfrage beruhen. In der Vergangenheit sprach man ihnen oftmals die Kompetenz eines reflektierten Qualitätsverständnisses ab, so dass sich v.a. erst Schweiger/Urban (2014) und Voigt (2016) umfassender dieser Thematik annahmen (vgl. Geuß 2018: 97). Auch zum Thema journalistische Nachrichtenangebote auf Instagram ist die wissenschaftliche Literatur noch sehr rar gesät (vgl. Bettendorf 2020: 11, Kümpel/Rieger 2020: 17), was angesichts der seit Jahren steigenden Bedeutung der Plattform, insbesondere für junge Menschen, mehr als hinfällig ist. Empirische Untersuchungen beschäftigten sich in der Vergangenheit bspw. mit dem ambivalenten Verhältnis des professionellen Journalismus und den sozialen Medien im Allgemeinen, was zu anfangs oftmals aus der Angst einer Verdrängung entsprang (vgl. Neuberger 2017: 105, Lilienthal 2013: 23). Neben einigen Baukästen à la „How-To-Instagram“-Anleitungen für Redakteure (vgl. Möckel 2019, Bettendorf 2020) findet sich augenscheinlich nur eine Studie, die sich tiefgehender mit journalistischen Inhalten auf Instagram befasst hat: Schützeneder/Graßl/Klinghardt (2020a) beschäftigten sich in Ihrem wissenschaftlichen Aufsatz mit dem Instagram-Auftritt von Lokalzeitungen. Eine andere Untersuchung der Konrad Adenauer Stiftung ging der Frage nach, inwieweit persönliche Instagramprofile politische Informationen vermitteln und damit die Meinungsbildung fördern. Auch hier wird abermals betont, dass „es an (Langzeit-)Studien zu den Effekten der Informations- und Nachrichtennutzung auf Instagram“ (Kümpel/Rieger 2020: 31) fehlt.

Diese Forschungsarbeit nimmt daher zum Anlass, sich den noch bestehenden Forschungslücken im Falle von Journalismus auf Instagram und der Beurteilung aus Usersicht anzunähern. Gerade vor den derzeit volatilen Verhältnissen ist es interessant zu erforschen, wie sich klassische Leitmedien – allen voran die Tagesschau und ZDFheute (vgl. Blöbaum 2011: 51f., Jandura/Brosius 2011: 196) – als „Leuchttürme öffentlicher Kommunikation” (Blum 2011: 7) auf aktuell relevanten Plattformen wie Instagram bewegen. Erfüllen sie für die junge Zielgruppe der Digital Natives und Millennials noch eine Leitfunktion? Können sie ihr verstaubtes Image abschütteln und die junge Zielgruppe mit ihren digitalen Angeboten und qualitativem und glaubwürdigen Content (noch) überzeugen (vgl. Everding 2019)? Schaffen sie die Überwindung der immer noch an Instagram haftenden Vorurteile einer Selbstinszenierungsplattform (Meyer zu Eppendorf 2020: 14) und die Loslösung von ihrer gering bescheinigten Glaubwürdigkeit (vgl. Kapitel 5.2)? Diesen Fragen sollen in dieser Arbeit Rechnung getragen werden und sie führen abschließend in folgende forschungsleitende Fragen:

FF 1: Welche Qualitätsmaßstäbe legen Nutzer an Nachrichtenangebote auf Instagram an?

FF 2: Inwiefern halten Nutzer den Social-Media-Auftritt traditioneller Medienhäuser auf Instagram für glaubwürdig?

In einem ersten Schritt wird dabei ein Grundriss und (Grund-)Verständnis des Phänomens soziale Medien (vgl. Kapitel 2.1) gezogen. Aufbauend darauf findet in Kapitel 2.2 ein Abriss über das aktuelle Beziehungsgeflecht von sozialen Medien und Nachrichtenjournalismus statt, worunter auch aktuelle Herausforderungen (vgl. Kapitel 2.3) wie z.B. Fake News (vgl. Kapitel 2.3.1) oder News Snacking (vgl. Kapitel 2.3.2) nicht außer Acht gelassen werden. Der darauffolgende Themenkomplex befasst sich mit der Plattform Instagram und offenbart, welche Potenziale und Schwächen (vgl. Kapitel 3.1), Strategien von Nachrichtenanbietern (vgl. Kapitel 3.2) und -angebote (vgl. Kapitel 3.3) sich auf dem sozialen Netzwerk verbergen. In Kapitel 4 wird daraufhin ein Blick auf die relevante Zielgruppe der Millennials geworfen und ein Einblick in ihre Lebenswelt und Mediennutzung gewährt. Kapitel 5 und 6 bilden daraufhin das theoretische Fundament der untersuchten Merkmale Glaubwürdigkeit (vgl. Kapitel 5) und Qualität (vgl. Kapitel 6).

Dieser umfassende theoretische Einblick schließt mit einer kurzen Zusammenfassung und Zuspitzung der Forschungsfragen (vgl. Kapitel 7).

Darauf folgt, mit der Methodik und Vorgehensweise, die Basis für den empirischen Teil der Arbeit (vgl. Kapitel 8). Zugrunde liegt hier eine qualitative Vorgehensweise, die als strategischen Rahmen das qualitative Experiment vorgibt und sich an einer abgewandelten Form des Lauten Denkens orientiert (Schwerpunkt Qualität), bevor anschließende qualitative Leitfadeninterviews (Schwerpunkt Glaubwürdigkeit) die Erhebung abrunden. Kapitel 9 bildet mit der Analyse und Interpretation das Herzstück der empirischen Untersuchung und präsentiert die Ergebnisse der Studie. Das Fazit bildet einen Rahmen um die Arbeit, es reflektiert die gewonnenen Erkenntnisse und gibt einen Ausblick auf aufbauende Forschungsperspektiven.

2 Soziale Medien und Mediennutzung im Wandel

Postings, Tweets, Hashtags, Likes und Co.: diese Begriffe sind in der heutigen Zeit zum Standard-Vokabular insbesondere von jungen Mediennutzern geworden. Sie beschreiben jeweils unterschiedliche Funktionen im großen Social-Media-ABC.

Allerdings verwenden diese Mediensprache inzwischen nicht nur die mit dem Internet groß gewordenen Digital Natives (vgl. Huber/Rauch 2013: 15), sondern ebenso die mittlerweile über 66 Millionen Social-Media-Nutzer in Deutschland (vgl. Kemp 2021) zumal auch die Corona-Pandemie nochmals einen großen Beitrag zum Social-Media-Wachstum geleistet hat (vgl. Kroker 2021a) . Das Potential, das immer noch in den sozialen Medien schlummert, lässt sich unter anderem an dem stetig steigenden Wachstum ablesen: Denn während die Internet-Durchdringung in Deutschland nahezu gesättigt ist (+1,3% von 2020 auf 2021, auf 94% gesamt) (vgl. Kemp 2021: 17f.), legen die Social Media Userzahlen größtenteils weiterhin zu (+ 13,2% von 2020 auf 2021, auf 78,8% gesamt) (vgl. ebd.). Eine Ausnahme hiervon bildet nur die Zeitspanne von 2018 bis 2019, in der kein Nutzerwachstum im Social-Media-Bereich verzeichnet wurde (vgl. Abb. 1)2 3:

Abbildung 1: Jährliche Zuwächse im Bereich Social Media/ Internet in Deutschland

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Kemp 2016-2021

Parallel zu den Nutzerzahlen wächst auch die Online-Mediennutzung von Jahr zu Jahr weiter an: So stieg die tägliche Nutzungsdauer zuletzt von 4 Stunden 52 Minuten (2020) auf 5 Stunden 26 Minuten (2021) (vgl. ebd.: 22, Kemp 2020: 22).

Auch die ARD/ZDF-Massenkommunikationserhebung liefert ähnliche Ergebnisse für 2020 (vgl. Kupferschmitt/Müller 2020: 392). Demnach liegt der Videokonsum auf dem ersten Platz, dahinter Audio, dann Text (vgl. ebd.). Obwohl die Mediennutzung also stetig steigt, scheinen sich die Nutzer gleichzeitig weniger Zeit für einzelne Beiträge zu nehmen. Dementsprechend kürzer fallen immer mehr Info-Contents aus (vgl. Simons 2011: 178). Überdies wird Bewegtbild immer wichtiger: „Die sozialen Netzwerke entwickeln sich immer stärker zu Videoplattformen” (Meier 2018: 161). Allein von 2019 auf 2020 legte die tägliche Nutzungsdauer von Videos im Internet in allen Bereichen zu, während die Nutzungsdauer für das Lesen von Online-Artikeln auf ein Sechstel abnahm (vgl. Beisch/Schäfer 2020: 468). Die zunehmende mobile Nutzung verstärkt zusätzlich den Trend, Nachrichten online und vermehrt auf sozialen Medien wahrzunehmen (vgl. Köhler 2020: 14).

Unter der Last dieser Zahlen wird ersichtlich, dass wir uns inmitten eines großen Medienwandels befinden. Viele sprechen in Anbetracht der endlosen Möglichkeiten im Netz von einer ‚Demokratisierung von Wissen’, da Informationen viel leichter empfänglich sind und der „Zugang zu Wissen so niederschwellig [...] wie nie zuvor” (Lamberty 2020) ist. Die Digitalisierung, technische Innovationen, soziale Medien und andere Intermediäre4 haben dabei einen massiven Einfluss auf „die Arbeitsbedingungen, Rollenverständnisse und Praktiken sowie auf die technischen, rechtlichen, normativen und kulturellen Rahmenbedingungen des Journalismus” (Fähnrich/Hein 2019) ausgeübt. Dabei charakterisiert sich dieser Medienwandel vor allem dadurch, dass sich die Kommunikationsmöglichkeiten erheblich vervielfältigt haben: Nun stehen Individuen wie Organisationen unterschiedlichste Möglichkeiten offen, um mit Ihren Nachrichten viel mehr Menschen zu erreichen (vgl. Donges 2019: 7). Nach Luhmanns (vgl. 1984, 1997) Kommunikationstheorie geht die Erweiterung von Kommunikationsprozessen auch immer mit der Notwendigkeit einher, Komplexität zu reduzieren, um die Prozesse auch verarbeiten zu können (Scholl/Loosen 2019: 17). Demnach führt ein Überfluss an Informationen nicht zwangsläufig dazu, dass wir davon auch alles aufnehmen, „so wie ein Mehr an Texten nicht dazu führt, dass wir mehr lesen” (Donges 2019: 7). Diese Komplexitätsreduktion übernehmen bspw. Algorithmen, persönliche Netzwerke oder Empfehlungen – denn angelehnt an Lazarsfelds (vgl. 1944) Auffassung interessiert uns insbesondere das, „was unsere ‚Freunde’ und Meinungsführer gut finden oder was aktuell viele Menschen” (Donges 2019: 14) bewegt.

Der Bedeutungsverlust der traditionellen Vermittler und ihrer früheren Monopolstellung zieht steigende Ressourceneinsätze aus personeller, monetärer und temporärer Sicht nach sich, den Organisationen und Individuen leisten müssen, um ihre Sichtbarkeit im großen weiten Netz zu erhöhen (vgl. ebd.: 7f., Müller-Brehm/Otto/Puntschuh 2020:10). Dabei hat der Journalismus in den Jahren der Digitalisierung vor allen Dingen seine Vormachtstellung als Gatekeeper und „Agendasetter” eingebüßt – und damit der Entscheidung, welche Themen Zutritt zur öffentlichen Debatte erhalten und welche nicht (vgl. ebd.: 12) –, eine der wohl schmerzlichsten Veränderungen für die traditionellen Medien, da nun jeder zu einem „Produser” (Fähnrich/ Hein 2019) und Konkurrenten werden kann: „Rechercheplattformen wie Correctiv oder WikiLeaks bieten auch anonymen Whistleblowern eine breite Öffentlichkeit, Social Media wird von vielen Journalisten, aber auch von Interessensvertretern und Bürgern als Publikationsorgan genutzt” (Kaiser/Schwertner 2020: 12).

Auf diesen tiefgreifenden Umbrüchen liegt schon seit etwa 20 Jahren ein wissenschaftliches Augenmerk (vgl. Fähnrich/Hein 2019), wobei „seit einigen Jahren [...] die ‚sozialen Medien’ in das Zentrum [gerückt sind]” (Schmidt/Taddicken 2017: 4). Trotz des regen wissenschaftlichen Interesses an diesem Thema existiert noch keine allgemeingültige Definition (vgl. Decker 2019: 45ff.), weswegen die Begrifflichkeit „soziale Medien” im nächsten Kapitel zunächst umrissen und eingegrenzt werden soll.

2.1 Definition, Abgrenzung und Klassifizierung von Social Media

Viele „Spitznamen” kursieren mittlerweile um das „neue” Web: von dem geläufigen Web 2.0, über das Hypernet, Mitmach-Web oder gar das lebendige Web (vgl. Tapscott/Williams 2007: 19). Dabei schwingen bei diesem Wort – zumindest in älterer Literatur – „oft positiv[e], wenn nicht gar euphorische” (Schmidt 2011: 14) Konnotationen mit, waren die Hoffnungen doch hoch, „die Zusammenarbeit zwischen Menschen oder die Distribution von Inhalten zu verbessern” (ebd.).

Obgleich die Begrifflichkeit des Web 2.0 mittlerweile trivial erscheint und im Sprachgebrauch verankert ist, existiert einerseits keine konkrete Grenzziehung zum traditionellen Internet (Web 1.0) (vgl. Alfert 2015: 28) – andererseits wird sie oft mit Ausdrücken wie Social Media oder Social Web vermengt und gleichgesetzt (vgl. Jessen 2011). Aus diesem Grund soll zunächst eine klare Abgrenzung der Begrifflichkeiten stattfinden.

Die Geburt des Web 2.0 (respektive des Terminus’) geht auf das Jahr 2004 zurück, in dem der amerikanische Verleger Tim O’Reilly die Bezeichnung in einer Konferenz zum Thema Internet-Entwicklung prägte (vgl. Schmidt 2011: 13). Seinen öffentlichen Durchbruch erlangte der Begriff erst ein Jahr später, mit der Veröffentlichung eines Essays zu diesem Thema (vgl. ebd.). Die Erweiterung zum Web 2.0 grenzte sich von seinem Vorgängermodell vor allem durch eine Weiterentwicklung zu interaktiven Nutzungsmöglichkeiten ab. Als Vorbild galten Amazon und Ebay, die die Nutzer erstmals dazu ermächtigten, Rezensionen und Bewertungen abzugeben (vgl. Alfert 2015: 29). Nun wurde also das bis dato salonfähige massenmediale one-to-many-Kommunikationsprinzip von einer neuen Autonomie des Publikums erfasst (vgl. Welker/Kloß 2014: 40), das plötzlich ganz unkompliziert ihre Meinung an eine große Zuhörerschaft streuen konnte, oder auch nur one-to-one kommunizieren konnte (vgl. ebd.). Das Web 2.0 ebnete ergo auch technologisch den Weg für das heutige Verständnis von Social Media (vgl. Decker 2019: 46), obgleich es mehr als eine Weiterentwicklung der bestehenden Funktionen als eine Neuerfindung des Internets gesehen werden muss (vgl. Alfert 2015: 29).

Eng verknüpft mit dem Web 2.0 ist das Social Web, das als Teilbereich dessen mit einem starken Fokus auf den sozialen Aspekt (Informationsaustausch, Beziehungsaufbau und -pflege, Kommunikation, Kollaboration) betrachtet werden kann (vgl. Ebersbach/Glaser/Heigl 2011: 32-36), wohingegen das Web 2.0 vielmehr die technischen Komponenten (u.a. Software-Entwicklung, -bereitstellung, Sammlung/ Speicherung von Daten, Plattform-/ Geräteautarkie) anspricht (vgl. Alfert 2015: 29-32).5

Gleichwohl werden Social Media und Social Network im Sprachgebrauch wie auch in der Literatur nicht hinreichend voneinander abgegrenzt, zumal eine präzise Begriffstrennung angesichts der rasanten technologischen Entwicklung und der ineinander verschmelzenden Bereiche schwerfällt. Nichtsdestotrotz sollen diese Begriffe auf die Waagschale gelegt werden, um einer wissenschaftlichen Vorgehensweise Rechnung zu tragen.

Soziale Medien sind ein Baustein des Social Webs und umfassen Kommunikationskanäle und -plattformen, die eine Bühne für Privatpersonen und immer häufiger Unternehmen bieten. Dort ist es möglich, sein Netzwerk zu erweitern und aufzubauen, Inhalte zu publizieren sowie interaktiv über die Plattform zu debattieren. Anders als in der prähistorischen Medienzeit, die hauptsächlich aus einem persönlichem Eins-zu-Eins-Austausch oder einer für die Massenmedien typischen Eins-zu-n-Kommunikation bestand, eröffnet Social Media für Mediennutzer neue Welten: Sie werden dazu befähigt, nicht mehr nur Informationen zu empfangen, sondern ebenso, welche an einen großen Kreis auszusenden. Daraus entstehen bspw. Kollektivprojekte wie Wikipedia (vgl. Gabriel/Röhrs 2017: 15), an dem mehrere tausend Autoren Lexika-Inhalte kollaborativ und in mehreren Sprachen erarbeiten oder auch Blogs, auf denen einzelne Personen ihre Erfahrungen, Empfehlungen oder ihre Meinung offenbaren (vgl. ebd). Bei aller Erhöhung des Individuums müssen Medienanbieter gleichzeitig mit ihrer neuen Stellung als ein „Teilnehmer unter Vielen” (Decker 2019: 115) zurechtkommen. Im Vordergrund steht die Veröffentlichung von nutzergenerierten Inhalten, dem sog. user generated content (=UGC). (vgl. Stollfuss 2020) Damit ist die Veröffentlichung von neuen Inhalten durch die User gemeint, die Informationen separat oder in Kombination aus Text, Bildern, Grafiken, Audio und/oder Video (vgl. BvDW: 3) – sprich multimedial – erstellen können (eine umfangreiche Definitionssammlung findet sich in Anhang A IV).

Das Social Network (zu deutsch: soziales Netzwerk, auch Netzwerkplattform (vgl. Schmidt 2018: 12), kurz SNS) hingegen versteht sich als Sub-Kategorie oder Ausprägung der sozialen Medien, in welchem es mehr darum geht, „andere Teilnehmer [zu] kontaktieren, sich mit ihnen [zu] verbinden oder aus[zu]tauschen” (BvDW o.J.: 3). Hierzu ist die Anmeldung „mit einem Profil notwendig, das mit verschiedensten Informationsinhalten und -formen gestaltet werden kann” (ebd.). Hauptgedanke hinter den sozialen Netzwerken sei demnach vor allem die Vernetzung, Beziehungsknüpfung und Kontaktpflege von Nutzern untereinander (vgl. Alfert 2015: 41).

Das Beispiel Facebook allerdings zeigt, wie vage eine Abgrenzung nur fallweise gelingt:

„Auf Facebook bleibst du mit Menschen in Verbindung und teilst Fotos, Videos und vieles mehr mit ihnen” (Facebook 2021a).

Um nun noch etwas mehr Substanz in diese verworrenen Termini zu bringen, soll folgende Darstellung helfen, den Social-Media-Kosmos in heruntergebrochener Komplexität (und nach eigenem Verständnis) zu begreifen (vgl. Abb. 2):

Abbildung 2: Genannte Bestandteile des Web 2.0

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung

Nach diesem Einblick in die Grundzüge des Begriffs Social Media (und damit verwandter Begriffe) soll nun noch geklärt werden, welche Gattungen – neben den sozialen Netzwerken – zu diesem Oberbegriff hinzugezählt werden können. Dabei stößt man unweigerlich auf die Schwierigkeit, diese Arten trennscharf abzugrenzen, da – wie vorher am Beispiel Facebook schon kurz aufgezeigt wurde – Grenzen oftmals fließend sind. Zum anderen sorgt die Innovationsgeschwindigkeit der sozialen Medien dafür, dass ständig neue Hybride oder Nischen entstehen (vgl. Schmidt/Taddiken 2017: 9).

Die folgende Abbildung soll aus diesen Gründen einer überblickartigen, aus der Literatur zusammengefassten Systematisierung gerecht werden und weniger dem Anspruch, allgemeingültig zu sein. Die autonomen Systematisierungsversuche mehrerer Autoren führten ferner auch zu etwas abweichenden Begrifflichkeiten – im Großen und Ganzen basieren sie allerdings auf einem gemeinsamen Verständnis (vgl. Abb. 3):

Abbildung 3: Sub-Kategorien von Social Media

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Schmidt 2018: 11-15, Schmidt/Taddiken 2017: 10-13, Kreutzer 2018: 31-134, Müller 2019: 216

2.2 Soziale Medien und Nachrichtenjournalismus

Überfliegt man aktuelle Berichte über die Beziehung zwischen sozialen Medien und klassischem Nachrichtenjournalismus, würde man den (Beziehungs-)Status wohl am ehesten als „Es ist kompliziert” betiteln. Insbesondere, wenn es um Geldfragen geht, ist eine Schlichtung schwer. Das zeigte sich erst zuletzt an dem Tauziehen zwischen australischen Verlegern und Facebook, in dem es darum ging, Werbeerlöse in Zukunft zu teilen, die auf der Plattform durch journalistische Inhalte erwirtschaftet werden. Nach einem längeren „Kräftemessen” liegt nun eine Einigung mit Facebook vor (vgl. Barkhausen 2021) – die auch für Deutschland vorsieht, zahlreiche Nachrichteninhalte, die auf Facebook News ab Mai erscheinen, zu vergüten. Auch der Tech-Gigant Google zog nach und will in Zukunft für journalistische Inhalte bezahlen (vgl. Pladson 2021). Was für viele zunächst als die Lösung aller Probleme erscheint, ist für andere „ein Pakt mit dem Teufel” (ebd.): Mit dem Deal würden noch tiefergehende Abhängigkeiten entstehen, so die Vermutungen.

Die im 20. Jahrhundert weitgehend erkämpfte Unabhängigkeit großer Medienunternehmen werde in die Hände von einigen wenigen Informationsintermediären gelegt, wodurch vor allem die Unsicherheit genährt werde, die „redaktionelle Eigenständigkeit und Identität zu verlieren” (Müller-Brehm 2018: 5). Dabei stehen viele journalistische Medien bereits mit dem Rücken zur Wand: „Im Anzeigengeschäft haben Online-Plattformen journalistischen Medien längst den Rang abgelaufen [...] Finanzierungsmodelle etwa in Form von Zahlschranken können die Finanzierungslücken bislang kaum schließen” (Fähnrich/Hein 2019). Indes veränderte sich der Informationsjournalismus auch durch den 2015 eingeführten Newsaggregator ‚Facebook Instant Articles’ und der Gründung der ‚Digital News Initiative’ der Tech-Giganten Facebook und Google (vgl. Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft 2019: 147). Es ist schwer, die bereits in den Köpfen verankerte „Gratismentalität” – also dem Verständnis, journalistische Inhalte im Internet müssen (kosten-)frei verfügbar sein – abzuschütteln (vgl. Neuberger 2020: 130). Hinzu kommt die hohe Verbreitung von Adblockern, die auch die Finanzierung über Online-Werbung erheblich erschwert (vgl. Donges 2019: 9).

Im Auge der Kritik steht auch oft die Algorithmische Personalisierung, die dafür Sorge trägt, dass „Nutzer von sozialen Online-Netzwerken [...] längst nicht ungefiltert alle Posts [sehen], die ihre Kontakte teilen”, manche Beiträge also untergeordnet oder auch gar nicht präsentiert werden. Wie diese Algorithmen genau funktionieren, bleibt indes oft in Schweigen der Plattformbetreiber gehüllt (vgl. Müller 2019: 31)7. Durch diese hochpersonalisierten News Streams entstehen Konzepte wie die der Filterblasen (vgl. Kapitel 2.3.3). Außerdem werden Nachrichten „in der Regel dekontextualisiert präsentiert” (ebd.: 38). Das heißt, dass aktuelle Nachrichten inmitten von Katzenvideos und Promibildern auftauchen, ohne jegliche (Vor-)Sortierung. Dies birgt gleichzeitig immer die Gefahr einer Missinterpretation, da die Einordnung in einen Entstehungskontext fehlt (vgl. Schweiger 2017: 84). Sie werden zudem oftmals als Nachrichten-Häppchen serviert, als leichten und schnellen „News Snack” (vgl. Kapitel 2.3.4). Dies führt dazu, dass die Informationen meist eher heuristisch aufgenommen werden, sprich in einer eher beiläufigen Form (vgl. ebd. 42). Allerdings muss das nicht zwingend heißen, dass Social Media User weniger in Kontakt mit relevanten Nachrichten kommen – ganz im Gegenteil: Nach Flemmings & Marcinkowskis (vgl. 2016: 208-210) Untersuchung zu inzidentiellem Kontakt mit politischen Nachrichten während der Bundeswahl zeigte sich, dass Internetnutzer v.a. auf sozialen Netzwerken zufällig in Kontakt mit Nachrichten aus dem Wahlkampf-Spektrum kamen und sie sich so ganz nebenbei zu diesem Thema weiterbildeten (vgl. dazu auch Müller-Brehm/Otto/Puntschuh 2020: 12). Demnach erwarten insbesondere eher bildungsfernere junge Menschen, „automatisch” in ihrem Feed über alles Wichtige informiert zu werden (vgl. Müller 2019: 41, vgl. Kapitel 4). Was diesen Trend noch begünstigt, ist, dass qualitativ hochwertige Nachrichten vom Algorithmus gegenüber anderen Beitragsarten bevorzugt werden, wie bspw. clickbaiting content (vgl. ebd.: 31). Die Schnelllebigkeit des Internets und die wachsende Zahl an Publizisten sorgt aber auch dafür, dass journalistische Produktionsabläufe verdichtet werden und sich ein generell wachsender Zeitdruck ergibt (vgl. Müller-Brehm/Otto/Puntschuh 2020: 10). Andersherum sind auch stetiger Innovationsgeist und Flexibilität in der Dynamik der digitalen Welt gefragt, nachdem der heutige Journalist seine damalige Monopolstellung als Gatekeeper einbüßen musste und mit anderen Teilnehmern um Sichtbarkeit ringen muss (vgl. Neuberger 2017: 102). Dies schlägt sich in vielerlei Hinsicht in der täglichen journalistischen Arbeit nieder: Demnach reorganisieren Nachrichtenredaktionen und -organisationen „Redaktionsstrukturen und -prozesse, entwickeln neue Ansprache- und Anwendungsformen, verändern Workflows und Arbeitsroutinen, experimentieren mit neuen Verbreitungsformen und Angebotsstrukturen und setzen zunehmend auf künstliche Intelligenz, Daten und Algorithmen in allen Bereichen der Nachrichtenproduktion” (Köhler 2020: 15). Durch die hohe Marktmacht von Google und Facebook (und deren Ablegern) sehen sich viele Nachrichtenanbieter gezwungen, auf diesen Trend aufzuspringen und speziell für diese Plattformen journalistische Inhalte aufzubereiten. Darunter fällt bspw. eine SEO-optimierte Schreibweise, das Experimentieren mit neuen Darstellungsformen, die Auswertung von Nutzerdaten und die direkte Kooperation mit Google und Facebook (z.B. über Facebook Instant Articles) (vgl. Kramp/Weichert o.J.). Wie Neuberger (2020: 128) schließt, verwandle sich der Journalismus mehr von einem „periodischen zu einem kontinuierlichen Prozess, der keinen Redaktionsschluss als Zäsur und keinen fertigen Artikel als Endprodukt mehr kennt”.

Auf der anderen Seite eröffnet Social Media – insbesondere die sozialen Netzwerke – nicht nur zusätzliche Ausspielkanäle, sondern erreicht vor allem auch neue Zielgruppen. Dies betrifft im Speziellen besagte „junge Menschen, die seltener direkt auf die entsprechende Nachrichtenwebsite zurückgreifen oder gar ein Printprodukt erwerben” (Müller 2019: 30). Treffen die Botschaften das Interesse der User, kann sich z.B. durch das Teilen und Weiterleiten von Beiträgen die Reichweite schlagartig erhöhen, so dass SNS neben Google zu den ergiebigsten Traffic-Lieferanten für Nachrichtenwebsites geworden sind (vgl. ebd.).

Andererseits können SNS selbst zur Recherche genutzt werden, indem man durch Beobachtung neue Trends aufspürt, Personen öffentlichen Interesses folgt oder sich Akteure selbst proaktiv über die sozialen Medien an Journalisten wenden (vgl. Stollfuss 2020). Ebenso schaffen soziale Medien mehr Transparenz, „die sich unter anderem in der gegenseitigen Beobachtung von Journalisten, Lesern und Quellen, aber auch in der beschleunigten Reaktion aufeinander zeigen kann” (ebd.). Als Beispiel der gegenseitigen Beobachtung lassen sich sog. „Watchblogs” wie bildblog.de nennen, ein von Journalisten geführtes Kollektiv zur Aufdeckung von Berichterstattungsmängeln (vgl. BILDblog.de 2011).

Soziale Medien bestimmen also schon längst den öffentlichen Meinungsbildungsprozess mit und verändern dabei stetig die Mediennutzung auf der einen und journalistische Praktiken auf der anderen Seite. Dabei bieten sie Chancen aber auch Herausforderungen, mit denen Journalisten umzugehen lernen müssen.

2.3 Aktuelle Trends und Herausforderungen im Online-Journalismus

Die bereits skizzierten Entwicklungen malen ein recht düsteres Bild zur Zukunft des Journalismus, wobei in diesem Diskurs oftmals nur die Farben schwarz oder weiß – im Sinne von „Untergangsbeschwörungen [vs.] Unsterblichkeitsutopien” (Humborg/Nguyen 2018: 3) – benutzt werden. Das eher schlechte Meinungsklima aus Praxis und Wissenschaft rührt laut Neuberger (vgl. 2020: 128f.) aus drei (bereits erwähnten) unterschiedlichen, aber interdependenten Krisen: der ökonomischen Krise, der Identitätskrise und der Qualitätskrise.

Entgegenhalten lassen sich auch positive Begleiterscheinungen, wie die beträchtliche Qualitätssteigerung der handwerklichen Potenziale, sei es „durch die multimedialen Möglichkeiten journalistischer Darstellungs- und Erzählweisen (Storytelling), die automatisierte Aufbereitung und Visualisierung großer Datenmengen (Datajournalism), den Einbezug der partizipativen Leistungen seines Publikums (Audience Engagement) sowie die Aktualität des Nachrichtenflusses insgesamt” (Kramp/Weichert o.J.).

In einem weiteren Kontext greifen Kramp und Weichert (im Folgenden vgl. 2018a: 7f.) fünf grundlegende Entwicklungen auf, die für sie die modifizierte Nachrichtenproduktion abbilden:

1) Konnektivität: Dank des technischen Fortschritts können Journalisten nun orts- und zeitunabhängig an universalen Projekten arbeiten und journalistische Inhalte mit weitreichenden Datenmengen verknüpfen, wie am Beispiel der Panama Papers.
2) Omnipräsenz: Nachrichten sind nahezu immer und überall abrufbar; der Trend geht dabei hin zum mobilen Publizieren in Echtzeit, das mit dem Smartphone eine inzwischen technisch einwandfreie Berichterstattung ermöglicht und gleichzeitig das Maß an „das Rezeptionserleben, aber auch die Erwartungshaltung gegenüber der Leistungsfähigkeit der omnipräsenten Nachrichtenvermittlung” (ebd.: 8) eng anlegt.
3) Differenzierung: In der digitalen Informations- und Kommunikationstechnologie erweitern sich Medienangebote und kommunikative Praktiken fortlaufend in verschiedene Richtungen (z.B. Chat-Apps, Social Networking, Suchmaschinen-Alerts), was auch eng mit der
4) Beschleunigung von Innovationszyklen verbunden ist. Aufgrund des stetigen und immer dynamischeren Wandels von Technologien, Medienangeboten und Nutzungsgewohnheiten sind Nachrichtenanbieter dazu angehalten, flexibel zu arbeiten und Strategien wie die des organisationalen Lernens voranzutreiben, um variabel und kreativ auf Veränderungen zu reagieren.
5) Datafizierung: Angesichts der Tatsache, dass wir im Netz überall unsere digitalen Spuren hinterlassen, werden daraus wichtige Schlüsse zur Ermittlung individueller Nutzerpräferenzen und sozialer Dynamiken gezogen.

Die Person im Netz wird allerdings gleichzeitig zum gläsernen Menschen: Wir geben unsere Interessen und Hobbies preis, laden persönliche Bilder hoch und verbreiten unsere private Meinung an eine Vielzahl von Menschen. Anders als früher präsentieren wir uns nicht als Fremde, sondern als Individuen, machen uns dadurch aber auch angreifbarer, was dazu führt, dass Konflikte auf Social Media schneller moralisierend und persönlich werden. Umso wichtiger ist es, dass Diskussionen auf Social Media gut moderiert und überwacht werden – denn die Verantwortung kommt den Betreibern der Seite selbst zu (vgl. Donges 2019: 10f., 13). Zur Zielscheibe werden auch immer häufiger Journalisten selbst, der medienkritische Frust kommt in Hasskommentaren oder verbalen Angriffen zum Vorschein. So genannte „Trolle” haben es sich inzwischen zur Aufgabe gesetzt, Diskussionen zu sabotieren und andere Gesprächsteilnehmer zu provozieren, oftmals auf persönlicher Ebene und ohne fundamentale Argumentationsgrundlage. Die Gefahr besteht, dass durch dieses manipulierte toxische Klima sich andere „nicht mehr trauen, ihre Meinung offen zu äußern” (Müller-Brehm/Otto/Puntschuh 2020: 12) – dieses Phänomen ist zwar schon länger unter dem Begriff „Schweigespirale” (Noelle-Neumann 1980) bekannt, multipliziert sich allerdings durch die sozialen Medien. In ihrer täglichen Arbeit stoßen Journalisten auf viele weitere Entwicklungen und Herausforderungen im Netz, von denen einige, die besonders im Zusammenhang mit Social Media stehen, im Folgenden kurz angerissen werden sollen:

2.3.1 Fake News

Fake News haben im 21. Jahrhundert erstmals ein personifiziertes Gesicht bekommen: Und zwar das von Donald John Trump, den 45. Präsidenten der USA (vgl. Sängerlaub 2020: 99). Seine Anschuldigungen reichten von verdrehten Corona-Verleumdungen über Wahlbetrugs-Vorwürfe bis hin zur Abstrafung kritischer, etablierter Medienhäuser als „Fake News” (vgl. ebd., Schmid 2020). Seit seiner Amtszeit häufen sich Debatten über Einfluss, Wirkung und Gefahren von Fake News (vgl. Sängerlaub 2020: 99). Besonders in der rechtspopulistischen Szene werden Fake News verbreitet, um Misstrauen gegen die Medien und Politik zu säen (vgl. ebd.: 104). „Sie äußern sich in Lücken-, Lügenpresse-” (Köhler 2020: 14) und Falschnachricht-Vorwürfen. Allein von 2017 bis 2019 ist die Häufigkeit von Desinformationskampagnen um 150% gestiegen (vgl. Müller-Brehm/Otto/Puntschuh 2020: 13). Wie eine neue Studie der University of Michigan ergab, ist allein Google dafür verantwortlich, dass rund 48% aller Fake-News-Seiten auf ihrem Portal einen Platz finden (vgl. Brien 2021). Dabei ist aber vor allem auch auf sozialen Netzwerken eine erhöhte Wachsamkeit und grundlegende Medienkompetenz gefragt: Informationen erscheinen hier – ähnlich dem Falle Google – ohne eine vorherige journalistische Prüfung, Einordnung und Interpretation (vgl. Sängerlaub 2020: 104).

Aber was zählt nun alles als Desinformation (= Fake News)?

Wichtig ist vor allem die vorsätzliche Täuschung, die den Begriff zu anderen verwandten Begrifflichkeiten abgrenzt. In der Satire bspw. fehlt dieser Aspekt, es handelt sich hierbei lediglich um eine überspitzte Darstellung mit dem Zweck der Gesellschaftskritik. Gleichermaßen verhält es sich mit der journalistischen Falschmeldung, genannt „Ente”: Die manipulative Intention fehlt hier – die Falschinformation entsteht vielmehr durch journalistische Fehler – und wird meist von einer nachträglichen Richtigstellung begleitet. Das ebenfalls verwandte Clickbaiting lebt durch seine Effekthascherei – und birgt dabei schnell die Gefahr, von der Realität abweichende Vorstellungen hervorzurufen – aber auch hier gilt, dass die Methode nicht primär der vorsätzlichen Irreführung, sondern eher dem Aufmerksamkeiterregens gilt (vgl. ebd.: 102).

Um diesem Fake-News-Trend entgegenzuwirken, ist zunächst die Vermittlung von Nachrichtenkompetenz die Kernaufgabe. Andere Überlegungen plädieren für nicht-kommerzielle, öffentlich(-rechtlich)e Lösungen (vgl. ebd.: 111), bspw. eine gemeinsame, europaweite öffentlich-rechtliche Mediathek (vgl. Lorenz-Meyer 2020: 34).

Schlussendlich sind etablierte Medienhäuser dazu angehalten, innovative (Nachrichten-)Angebote (auch für die jüngere Zielgruppe) zu konzipieren und die zahlreichen digitalen Möglichkeiten für sich zu nutzen, statt Meldungen 1:1 ins Netz zu kopieren. Und somit langfristig, nachhaltig und ehrlich durch Qualität und Glaubwürdigkeit zu überzeugen und Falschnachrichten und Medienskepsis zu verringern (vgl. ebd.).

2.3.2 Social Bots und Deep Fakes

So faszinierend digitale Technologien sein können, so besorgniserregend mögen sie auf der anderen Hand sein. So sprechen Experten beim Thema Desinformation oft von zwei Phänomenen, die wissenschaftlich bislang eher selten ins Licht gerückt worden sind: Das sind zum einen Deep Fakes – komplex manipulierte Videos, die mit Hilfe von künstlicher Intelligenz „gezüchtet” und weiterentwickelt werden (vgl. im Folgenden Gensing 2019). Es handelt sich dabei um meist ausgetauschte Gesichter in Fotos oder Videos, die oftmals darauf abzielen, Prominente falsche Worte in den Mund zu legen oder sie in pornografischen Inhalten darzustellen. Je mehr Bildmaterial von einer Person vorliegt, umso authentischer wirkt das „Remake”. Obgleich es bisher wenige nachrichtliche oder politische Deep Fakes gibt, ist die Sorge vor solchen Manipulationen angesichts der rasanten Entwicklung groß.

Das andere Phänomen betrifft sogenannte „Social Bots”. Diese eine reale Person vortäuschende Roboter bewegen sich hauptsächlich auf sozialen Netzwerken und werden durch Programme gesteuert (vgl. Gensing 2020). Die Intention hinter solchen Bots ist es, möglichst authentisch als echte Nutzerprofile aufzutreten und Themenagenden zu lenken und schließlich entweder bestehende Themen zu stören oder neue Trend-Themen zu simulieren. So gibt es Bots, die bspw. Feeds einer Person mit Gegenaussagen zum bestehenden Thema überfluten und so eine Mehrheitsmeinung suggerieren (Stichwort: Schweigespirale) oder unangebrachte, extreme oder beleidigende Aussagen posten, um vom eigentlichen Kern der Diskussion abzulenken (vgl. bpb 2017).

Gleichwohl ist die Relevanz von Social Bots umstritten. Während die einen von einer Gefahr für die Demokratie sprechen, stufen andere den Einfluss als sehr gering ein (vgl. ebd.). Eine Studie fand allerdings heraus, dass schon zwei bis vier Prozent Social Bots in einer Diskussion dazu fähig sind, Diskussionsteilnehmer verstummen zu lassen (vgl. Tagesschau.de 2020). Bots sind also wohl dazu fähig, eine Stimmungslage zu verzerren. Sie bedrohen bis dato allerdings (noch) nicht die Demokratie, da sie derzeit noch als solche identifiziert werden können und noch keine ausgereifte Intelligenz besitzen: Sie können „weder selbst Themen setzen noch halbwegs sinnvoll auf Fragen antworten” (Müller-Brehm/Otto/Puntschuh 2020: 14). Weitaus gefährlicher schätzen Experten echte Fake-Accounts und anonyme Netzwerke ein, „die koordiniert agieren, um bestimmte Themen zu setzen, Diskussionen zu kapern und politische Gegner zu diskreditieren” (Tagesschau.de 2020), wie es bei der US-Wahl 2016 oder dem Bundeswahlkampf 2017 der Fall war.

2.3.3 Filterblasen

In den letzten Jahren hat der Begriff der „Filterblase” an Fahrtwind aufgenommen, sowohl in der Wissenschaft, in den Medien selbst als auch in der Politik (vgl. Müller-Brehm/Otto/Puntschuh 2020: 12). Der Gründervater dieses Wortes, Eli Pariser, beschreibt „Filter Bubbles” als „your own personal, unique universe of information that you live in online. And what’s in your filter bubble depends on who you are, and it depends on what you do. But the thing is that you don’t decide what gets in. And more importantly, you don’t actually see what gets edited out” (Pariser 2011).

Das heißt, dass Algorithmen so stark nach unseren individuellen Interessen filtern würden, dass wir nur die Auswahl an Informationen erhielten, die am ehesten mit unserer Meinung übereinstimmen, sprich sie bestätigen (vgl. Müller-Brehm/Otto/Puntschuh 2020: 12). Dies trägt einerseits zu einem bequemeren Nachrichtenkonsum bei, da in der Fülle von Informationen nicht mehr vorselektiert werden muss (ergo eine Komplexitätsreduktion stattfindet) – andererseits behindert es eine differenzierte Wahrnehmung und Einordnung, da gegensätzliche Perspektiven nahezu fehlen (vgl. ebd.)– eine Polarisierung droht (vgl. Dernbach 2019: 65, Haim 2020). Das als aktuelles Problem verkaufte Phänomen ist allerdings kein gänzlich neues: Schon die Arbeiten Festingers hinsichtlich der kognitiven Dissonanz (1957) weisen darauf hin, dass sich Menschen vermehrt a) den Medien zuwenden, die ihre schon vorhandenen Ansichten untermauern (selective exposure), b) diesen konsonanten Nachrichten auch mehr Aufmerksamkeit widmen (selective attention) und c) sich später besser an ebendiese Inhalte erinnern (selective retention) (vgl. Festinger 1957, zitiert nach Donges 2019: 11) .

Diverse Studien zu dem Thema schwächen die Wirkmacht der Filterblasen ab und deuten darauf hin, dass der Effekt auf die Meinungsbildung (zumindest zum jetzigen Zeitpunkt) weitaus geringer ausfällt als befürchtet (vgl. Humborg/Nguyen 2018: 26, Donges 2019: 11). Das hängt bspw. mit dem Umstand zusammen, dass die meisten Menschen sich nicht nur auf ein Medium konzentrieren, sondern eine ausgewogene Anzahl an verschiedenen Medienarten konsumieren (vgl. Hölig/Hasebrink 2020: 24). Indes begünstigt weniger der Algorithmus die Herausbildung von Filterbubbles, sondern vielmehr das eigene selektive Informationsverhalten und ein homogenes Netzwerk, dass ähnliche Interessen verfolgt (Müller 2019: 32f.). Diverse Studien konnten die Angst vor Filterblasen nicht nur abschwächen, sondern zeigten teils auch positive Randerkenntnisse: „Menschen, die die untersuchten Intermediäre nutzen, kommen mit einer größeren Anzahl von Nachrichten in Berührung als solche, die diese Anwendungen nicht nutzen” (Müller-Brehm/Otto/Puntschuh: 12). Zu einer ähnlichen Conclusio kam auch eine Forschungsgruppe um Michael Scharkow (vgl. et al. 2020), die herausstellen konnte, dass Intermediäre oft erst Ausgangspunkt dafür sind, um auf Nachrichtenwebsites zu gelangen – Intermediäre wie Facebook sind ergo einer weiterführenden, tiefgehenden Nachrichtennutzung zuträglich. Allerdings bleibt offen, ob dies auch mit einer größeren Vielfalt an Informationen einhergeht.

Die Filterblasen-Hypothese bleibt also umstritten, wohingegen die Annahme Zuspruch findet, wonach „die Öffentlichkeit zunehmend in kleinere Teilöffentlichkeiten zerfällt” (ebd.) – eine gemeinsame Informationsgrundlage tritt damit – durch die starke Personalisierung – mehr und mehr in den Hintergrund (vgl. ebd).

2.3.4 News Snacking

Heutzutage wird der Konsum von digitalen Nachrichten oftmals und gern mit dem Verzehr von Fast Food verglichen: Schnell, nicht sehr nahrhaft und nicht lang anhaltend (vgl. Rauch 2018: 36). Besonders die Konsumation per Smartphone beeinflusst dabei die Art der Nutzung, indem Nachrichten zwar öfter am Tag aber zugleich deutlich kürzer aufgefasst werden – eine Art Nachrichtenhäppchen-Konsum, aus dem der recht sinnbildliche Begriff des „News Snacking” entstand (vgl. Gleich 2020: 33f.). Mit dieser neuen Nutzungsart geht auch oftmals eine „News find me”-Haltung einher, die davon ausgeht, dass die sozialen Medien dafür sorgen, dass wichtige Nachrichten früher oder später automatisch zu einem Nutzer zu gelangen. Diese News-find-me-Einstellung fand sich in Studien sichtbar ausgeprägter bei „Jüngeren, Frauen, Personen mit geringerem Einkommen” (ebd.: 35) und Personen, die hauptsächlich SNS für Nachrichten nutzen. Die Paradoxie zeigt sich zuweilen darin, dass die Wissenskluft durch diese Strategie verstärkt wird: Denn die Personalisierung auf sozialen Medien sorgt dafür, dass diejenigen mit Nachrichten versorgt werden, „die sich ohnehin schon für tagesaktuelle (politische) Themen interessieren” (Kümpel 2020: 14) und ein (pro)aktives Kommunikationsverhalten aufweisen, während minder interessierte Nutzer mehr in Ausnahmefällen auf Nachrichten stoßen „und sich angesichts der Gleichgültigkeit und der Konkurrenz durch Unterhaltungsangebote” (ebd.) nur peripher damit beschäftigen. Trotzdem haben minderinteressierte Nachrichtennutzer dank aktueller Studien eine weitere Chance bekommen, mehr in Kontakt mit Nachrichten zu kommen: Demnach fördern Empfehlungen von Freunden den Umgang mit Nachrichten und erhöhen die intrinsische Motivation der Desinteressierteren, sich mit diesen Inhalten intensiver auseinanderzusetzen (vgl. ebd.: 15).

Eng mit dem „News Snacking” verknüpft ist der Begriff „Junk Food News”, der nicht nur die Konsumart unterstreicht, sondern vielmehr den unterhaltenden, prätentiösen Charakter vieler Nachrichten (vgl. Nieland 2018: 124). „Sie sind emotionalisiert und werden meist ohne hohen intellektuellen, kritischen oder kulturellen Anspruch vorgetragen” (ebd.), außerdem sind sie meist nicht ausreichend recherchiert (vgl. ebd.).

Um die kurze (Aufmerksamkeits-)Gunst der Nutzer einzufangen, werden größtenteils Nachrichten-Teaser eingesetzt, die zwar „a little bit of knowledge” (Anspach/Jennings/Arceneaux 2019: 1) vermitteln, eine substanzielle Wissensvermittlung allerdings eine tiefere Einsatzbereitschaft abverlangt. Parallel schürt die alleinige Konzentration auf Nachrichten-Teaser die Gefahr einer Wissensillusion und kann im Bereich SNS „die Annahme fördern, dass diese einen guten Ersatz für andere Nachrichtenangebote darstellen” (Kümpel 2020: 15). Problematisch wird eine oberflächliche Nutzung auch dann, wenn wir (falsche) Schlagzeilen mehrfach lesen und gemäß dem „Truth-Effekt” dann dazu tendieren, solche Nachrichten eher für wahr zu halten (vgl. Haberer 2019: 95).

Die Ausführungen erinnern ein wenig an das bekannte Elaboration-Likelihood Modell (ELM), dass nach einer zentralen und einer peripheren Route unterscheidet (Schraud 2015: 18). Die zentrale Route beschreibt eine intensive Auseinandersetzung mit einer Botschaft, da Motivation und reflektive Fähigkeiten hoch sind. In der peripheren Route fehlen hingegen diese Merkmale, so dass sie stark der beiläufigen und oberflächlichen Auffassungsart des News Snacking ähnelt (vgl. ebd.).

Müller (vgl. 2019: 39f.) geht außerdem davon aus, dass Inhalte eher wahrgenommen und rezipiert werden, wenn positive Qualitätsmerkmale mit einer Medienmarke verknüpft werden – und dass dann sogar ein Imagetransfer der etablierten Medienmarke auf Social Media stattfinden kann. Interessant ist allerdings auch, dass junge Erwachsene zwar regelmäßig Nachrichten nutzen, allerdings gleichzeitig im Vergleich zu ihren älteren Mitbürgern das geringste Interesse an solchen haben (vgl. Kümpel 2020: 13).

Woran liegt das? Interessieren sich junge Menschen einfach weniger für nachrichtliche Inhalte oder gibt es nicht genügend ansprechende Angebote für sie?

Die Erfahrung zeigt, dass junge Menschen seit jeher weniger Interesse an nachrichtlichen und politischen Inhalten zeigen – gerade deswegen ist es elementar, ihnen attraktive Angebote anzubieten, um „nachhaltig defizitäre Nachrichtengewohnheiten” zu vermeiden (Kümpel 2020: 12).

Insgesamt bilden die genannten (disruptiven) Entwicklungen nur einen Bruchteil der aktuellen Verschiebungen des Journalismus in der heutigen Zeit ab. Sie zeigen aber eindrücklich, dass wir uns inmitten eines fundamentalen Wandels befinden. „Die vormals zentrale, selektive, einseitige und lineare Kommunikation [...] hat sich in der Netzwerköffentlichkeit zu einer dezentralen, pluralen, hybriden, partizipativen und interaktiven Kommunikation gewandelt” (Hein/Fähnrich 2019).

Im Zuge dieser (fr)agilen Zeit ist die Objektivität, Aktualität, Glaubwürdigkeit und Faktentreue des professionellen Journalismus für das Funktionieren einer Demokratie umso wichtiger, da sie die Bürger nicht nur mit vertrauensvollen Nachrichten versorgen, sondern ihnen im „schier endlosen Meer aus Informationen und Desinformation” (Köhler 2020: 15f.) Halt und Orientierung bieten.

Indes obliegt es den Medienhäusern, mit dem Puls der Zeit zu gehen und sich von traditionellen, festgefahrenen Modellen abzuwenden.

3 Instagram

Instagram feierte im Jahre 2020 sein zehnjähriges Jubiläum (vgl. Stern.de 2020) und befindet sich heute auf dem Höhepunkt seines Erfolgs: Schon 2018 überschritt der Zuckerberg-Gigant die Eine-Milliarde-Nutzer-Schwelle und gesellte sich damals zu seinen größeren Geschwistern Facebook und WhatsApp (vgl. Kroker 2021b). Heute blickt die Plattform nicht nur auf eine erfolgreiche Bilanz zurück – sie verzeichnet immer noch wachsende Nutzerzahlen (vgl. ARD/ZDF Onlinestudie 2020), die größte Nutzungssteigerung unter den Social-Media-Angeboten (vgl. Klein 2020) und die höchste Engagement Rate (Interaktionsrate) unter den SNS (vgl. Kroker 2021b) - zusätzlich hat sie 2020 unter den sozialen Netzwerken auch erstmals Facebook in der täglichen Nutzung den Rang abgelaufen (vgl. ARD/ZDF Onlinestudie 2020). Seinerzeit war „Instagram [...] das am schnellsten wachsende soziale Netzwerk mit einer Zunahme von 5% pro Quartal – deutlich vor Facebook (3,14%) und Snapchat (2,13%)”8 (Osman 2021). Es lässt sich also vermuten, dass ihr Einfluss angesichts dieser Entwicklungen weiterhin wächst. Auch in der Altersstruktur herrscht derzeit viel Bewegung: Obgleich die Plattform seine Marktmacht insgesamt um sechs Prozentpunkte weiter ausbauen konnte, interessieren sich die jüngsten Nutzer erstmals weniger für „Insta”: trotzdem halten sich die 16- bis 19-Jährigen auf einem hohen Niveau von 80% aktiven Usern. Oberhand gewinnt stattdessen die 20 bis 29 Jahre alte Zielgruppe, die mit 82% eine sehr hohe (Insta-)Affinität aufweist (vgl. Sommer 2021).

Abbildung 4: Eckdaten Instagram

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Agentur Gerhard 2021, Kroker 2021b, Mohsin 20209

Blickt man zudem auf die aktuellen Ergebnisse der Reuters Digital News Studie, wird auch die Tragweite von Instagram im Zusammenhang mit Online-Nachrichtenangeboten bewusst: Demnach nutzen 25% der 18- bis 24-Jährigen die Plattform regelmäßig als Nachrichtenquelle, das sind fünf Prozentpunkte mehr als noch 2020 (vgl. Hölig/Hasebrink/Behre 2021: 6). Im Gesamtvergleich hat Facebook noch die Nase vorn, auch wenn abermals rückläufig (ebd.: 50). Kein einziges professionell-journalistisches Medium erreicht annähernd so hohe Reichweiten wie die Social-Media-Plattformen. Es liegt auf der Hand, dass soziale Medien mittlerweile eine nicht außer Acht zu lassende Relevanz in der öffentlichen Meinungsbildung erlangt haben (vgl. Lilienthal 2013: 21).

Durch die veränderten Nutzungsgewohnheiten zeichnet sich immer mehr ein neues Verständnis von Nachrichten ab, zumindest für die jüngere Bevölkerung. Wo früher bedeutungsschwere Worte gewichtiger Menschen galten, rücken heute „vor allem bildstarke Emotionen” (Schwarze/Scherber 2020: 38) in den Vordergrund. „Imposant[e] oder [als] ästhetisch empfundene Beitragsfotos” (Faßmann/Moss 2016: 27) sind das Herzstück der Plattform und wesentliches Unterscheidungsmerkmal zu anderen sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter. „Gleichzeitig resultiert daraus auch ein höherer Anspruch an die Qualität der hochgeladenen Bilder” (ebd.), wohingegen der Text nur eine zweitrangige Rolle einnimmt. Laut der Studie von Faßmann/Moss (ebd.) ist ebenjene Form der visuellen Aufbereitung Grund dafür, dass Instagram (‚IG’) als der „am emotionalsten empfundene Social-Media-Kanal” gilt und gleichzeitig zu einer der beliebtesten Apps der Deutschen zählt (vgl. Finger 2021: 2).

Dabei verändert sich – in Bildsprache gesprochen – „die Welt im Quadrat” (Bruns 2015) immer mehr zu einer „Welt im Hochformat”: die einst bildzentrierte Plattform verändert sich spätestens seit den Insta Stories verstärkt in Richtung Bewegtbild – und möchte damit etwa YouTube (mit IGTV) oder TikTok (mit Reels) Konkurrenz machen (vgl. Klein 2020).

Manche Kanäle scheinen indes die Wirkungsmechanismen bereits verinnerlicht zu haben, so dass sich immer mehr neue Formen etablieren, wie zum Beispiel Texttafeln oder grafisch aufbereitete Texte von diversen Nachrichtenanbietern (vgl. Schwarze/Scherber 2020: 39). Zusammenfassend lässt sich mit den Worten Bill Gates’ (1996, zitiert nach Bailey 2010) sagen: Auch auf Instagram gilt die Devise „Content is King” – zumindest was starke, unterhaltsame oder emotionale (Bewegt-)bilder betrifft.

3.1 Potenziale und Schwächen

Auch Unternehmen haben das Potential der Video- und Fotosharing-App längst erkannt: „Sie sehen in Instagram ein neues und interessantes ‚Marketing Tool’ [...], das vor allem bei einer jungen Zielgruppe gewinnen könnte. Die Stärken werden vor allem im kreativen Content Marketing – primär dem Storytelling – gesehen” (Faßmann/Moss 2016: 27). Plattes Marketing funktioniert auf Instagram nicht: Die User erwarten inspirierende, emotional aufgeladene Botschaften, die bspw. für den Ausdruck eines Lebensgefühls stehen (vgl. Schwarze/Scherber 2020: 39, Winkler 2017). Nach Medienwissenschaftlerin Martina Schuegraf postuliert sei Authentizität nicht das Gegenstück zu Inszenierung (vgl zu Eppendorf 2020: 14). Für sie kann Instagram auch ein Ort sein, an dem sich Nutzer „vielmehr inspirieren statt beeinflussen lassen” (ebd.) – elementar sei vor allem die empfundene Glaubwürdigkeit von Beiträgen. Durch die persönlicheren, „indirekteren” Beiträge werden Inhalte als weniger werblich als auf anderen Plattformen empfunden, „wodurch eine höhere Identifikation mit dem Beitrag und [...] der Marke stattfinden kann” (Faßmann/Moss 2016: 28).

Dies soll im Idealfall zu mehr Sichtbarkeit, Transparenz und einer nachhaltigen Kundenbindung führen, was sich die meisten (Medien-)unternehmen auch auf die Fahne ihrer Instagram-Strategie geschrieben haben – denn große Gewinne wirft die App derzeit (noch) nicht ab (vgl. Bettendorf 2020: 8). Auch Winkler sieht in Instagram das größte Plus in der „suggerierte[n] Nähe, die kein anderes Netzwerk in dieser Art zu bieten hat” (Winkler 2017).

Dabei sorgt die kostenlose Kontoführung und die einfache Benutzeroberfläche für niedrige Einstiegsbarrieren (vgl. Decker 2019: 117). Mit ständig neuen Funktionen haben Content Creators zusätzlich die Chance, multimedial ansprechende Inhalte zu liefern, zum Beispiel mit der In-App-Videoproduktion und Schnitt-App Reels (vgl. Bettendorf 2020: 8f.). Ein weiteres hilfreiches journalistisches Format sind Live Videos (vgl. Neuberger/vom Hofe/Nuernbergk 2014: 20): Moderatoren können so mit mehreren Interviewpartnern oder Korrespondenten in Echtzeit Informationen austauschen, während die User zeitgleich Fragen stellen können (vgl. Bettendorf 2020: 47f., 117f.): Dieses Mittel trägt zu mehr Transparenz, Nähe und Authentizität bei, zeigt außerdem, wie Redakteure arbeiten und schafft einen direkten Dialog zwischen Zuschauern und Journalisten.

Auf der anderen Seite muss mit ständig neuen Features Schritt gehalten werden, um die anspruchsvolle Community zu bedienen und sie auch nicht zu verlieren. Was jene aber noch auszeichnet, ist ihr ‚Customer Response’ (Büsching 2015: 140) – ihr stetiges Feedback auf Beiträge (sei es durch Kommentare, Reaktionen, Likes oder Direct Messages), ihre Funktion als Markenbotschafter (durch UGC), durch ihre Verbesserungsvorschläge, -wünsche und Kritik oder durch die Möglichkeit von direkten Befragungen der Community, die zu dauerhaften Lern- und Verbesserungsprozessen führen (‚User-generated-Innovation’ (ebd.: 141)). Durch ihren ‚Social Trust’ (ebd.: 139) knüpft sich ein enges Band mit und in der Community, die sich untereinander austauschen, relevante Inhalte teilen oder Empfehlungen geben (vgl. ebd.).

Auf der anderen Seite unterwirft sich jeder Nutzer einem Großkonzern mit immenser Macht, dem zur Zeit „vier der fünf beliebtesten und meistgenutzten Apps” (Fuchs 2021: 277) gehören. Wenn die Tools kostenlos zur Verfügung gestellt werden, liegt die Annahme nahe, dass die Nutzerdaten zum Geschäft gehören. Zu Recht stellt sich daher anschließend die Frage nach den Datenschutzrichtlinien: Wenig überraschend ist WhatsApp dazu „berechtigt, Benutzerdaten mit anderen Facebook-Diensten zu teilen” (ebd.: 229) und vice versa, um personalisierte Werbung auszusenden (vgl. ebd.).

Eine weitere große Schwachstelle, über die sich viele (Medien-)unternehmen auslassen, ist die fehlende Funktion von Hyperlinks in Beitragstexten (vgl. Bruns 2015) – wohl mit der Intention, die Nutzer möglichst lang auf der Plattform zu halten.

Hinzu kommt das Abhängigkeitsverhältnis, dass sich bspw. in einer algorithmus-freundlichen SEO oder clickbaiting veräußert, was auf der anderen Seite der Qualität abträglich sein könnte (Neuberger 2018: 34f., 39).

Wir sehen, die Foto- und Video-App Instagram beinhaltet einige Stärken und Schwächen, von denen die wichtigsten in Abb. 5 zusammengefasst sind.

Abbildung 5: Potentiale und Risiken auf Instagram (in Anlehnung an die SWOT-Analyse)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Graßl/Schützeneder/Klinghardt 2020a: 25, Büsching 2015: 139-141, Decker 2019: 117

Jüngst deckte eine Studie auf, was psychologisch gesehen auf Nutzerseite die „Faszination Instagram” für Jugendliche ausmacht: Es ist für sie ein Rückzugsort und ein Ort der Sicherheit, eine „schöne heile Welt” (Gründel 2019) fernab von alltäglichen physischen, familiären oder gesellschaftlichen Problemen. Dies begründet auch, wieso sich Jugendliche eher seichteren Themen wie Sport und Lifestyle mehr als Themen aus Politik oder Wirtschaft widmen (vgl. ebd., Kümpel/Rieger 2020: 17). Diese Beobachtung unterstreicht auch die Reuters Studie, die als Beweggrund zur Nutzung von „Insta-Nachrichten” von 18- bis 24-Jährigen zu 23% den „kurzweilige[n] und unterhaltsame[n] [...] Zeitvertreib” (Hölig/Hasebrink/Behre 2021: 6) nennt. Trotzdem müssen – und das ist der Kritikpunkt diverser Artikel und Forschungen (vgl. Schützeneder/Graßl/Klinghardt 2020b: 36, Hasebrink/Hölig/Wunderlich 2021: 73, Grupe/Böhm 2018: 426) – journalistische Medien, wenn sie Erfolg auf Instagram haben und sich gegen konkurrierende Wettbewerber wie Promis, Politker etc. durchsetzen möchten, ihre „teils stiefmütterliche Behandlung” (ebd.: 47) ablegen und statt schöner Natur-Fotos über ihren Tellerrand hinausblicken und den schwer greifbaren Usern auch Inhalte mit Mehrwert bieten, schnell auf aktuelle Trends reagieren und bewusst auf Themenwellen aufspringen, um Diskussionen zur eigenen Meinungsbildung zu fördern (Schwarze/Scherber 2020: 41). Denn der mittlerweile größte Gegner ist die kurze Aufmerksamkeitsspanne bei immer größer werdenden Informationsmengen. Bilder müssen Bände sprechen, Videos in den ersten drei Sekunden aufrütteln und Headlines die Neugierde entfachen (vgl. Grupe/Böhm 2018: 426). „Beim Wettlauf um die Aufmerksamkeit bleibt die Qualität der Inhalte oft zurück” (ebd.). Diesem Trend muss entgegengewirkt werden. Oder wie Fuchs (2021: 130) es formuliert: „Es ist einfacher, mit Bildern zu unterhalten als kritisches Denken zu fördern”. Journalistische Inhalte auf Instagram haben die Aufgabe, beides zu vereinen und das Nachrichteninteresse junger Medien mit gutem Journalismus zu befriedigen und bestenfalls zu steigern (vgl. Hasebrink/Hölig/Wunderlich: 343). Wie gut Medienunternehmen diese Aufgabe bewerkstelligen und wie ihre Strategie dabei aussieht, darum geht es in den nächsten Kapiteln.

3.2 Strategien von Informationsangeboten auf Instagram

Sei es aus Zugzwang oder Überzeugung – es gibt mittlerweile kaum ein journalistisches Medienhaus, das nicht auf den Trend „Instagram“ aufgesprungen ist (vgl. Jule 2021, Kümpel/Rieger 2020: 11, Urbe 2019). Unterdessen besteht überwiegend ein Konsens unter Chefredakteuren und Verlagsmanagern darüber, dass IG eine ernstzunehmende Plattform ist, vor allem, wenn man die jüngere Zielgruppe noch erreichen will (vgl. Schützeneder/Graßl/Klinghardt 2021b: 18, Jule 2021, Klein 2020). „Denn der Tag beginnt für junge Menschen oft mit dem Griff nach dem Smartphone und nicht nach der Tageszeitung” (Winkler 2017).

Die wenigsten Medienhäuser erhoffen sich auf sozialen Netzwerken das große Geld. Was sie hier hinführt, ist vor allen Dingen Loyalität und Sichtbarkeit. Aber auch ein modernes, frisches Image (vgl. Schützeneder/Graßl/Klinghardt 2020b: 22). Im digitalen Zeitalter muss eine Zeitung mittlerweile mehr bieten als nur das geschriebene Wort, die „Nutzer wollen [...] Persönlichkeit und das Gefühl, dass sich ihre Zeitung mit ihnen entwickelt” (Winkler 2017). Je höher die persönliche Identifikation, desto eher findet eine weitergehende Recherche in andere Inhalte des Senders statt, wo dann auf der eigenen Seite Erlöse erwirtschaftet werden können, so die Vermutung (vgl. ebd., Lang 2020, Schützeneder/Graßl/Klinghardt 2020a: 36f.). Laut Thore Barfuss, Leiter der Social-Media-Redaktion von „Welt“, können mit Instagram als Absprungplattform bis zu 30% Sales generiert werden (vgl. Lang 2020).

Allerdings scheint es, als ob jenseits der größten Nachrichtenanbieter noch bei vielen journalistischen Accounts keine ausgereiften Social-Media-Strategien vorliegen, zumindest was die Plattform Instagram angeht (vgl. Schützeneder/Graßl/Klinghardt 2020b: 18). Für viele Medienanbieter liegt der Schwerpunkt immer noch auf Facebook, obwohl Views und Nutzerzahlen immer weiter zurückgehen (vgl. Schwegler 2020). In ihrer breit aufgestellten Studie zeigen Schützeneder/Graßl/Klinghardt im Hinblick auf Lokalzeitungen, dass Instagram zwar als ein Muss gesehen wird, eine intensivere Befassung damit aber fehlt (vgl. Schützeneder/Graßl/Klinghardt 2020a: 46f.): Auf Kommentare wird nur selten reagiert und ein Großteil der Posts entfällt auf schöne Bilder der Region statt auf kontroverse Themen, die mehr Diskussion erzeugen würden – Instagram wird bei Lokalzeitungen derzeit also mehr als Beiwerk denn als journalistisches Angebot verstanden, so die Conclusio (vgl. ebd.: 47). Einen anderen breiten Einblick in die Strategien von Lokalnachrichten liefert Andreas Rickmann (vgl. im Folgenden 2021), der 76 lokale Medien mithilfe eines Analysetools quantitativ verglichen hat und drei Best-Case-Beispiele in seinem Beitrag vorstellt. Die Learnings daraus: Wenige regionale Nachrichtenaccounts nutzen Instagram für Bewegtbilder – dabei ist v.a. das Tool Reels ein einfaches Mittel, um ressourcenarm und unkompliziert Videos zu erstellen und Reichweite aufzubauen, da es zusätzlich (noch) von Instagram gepusht wird. Auch Fotoalben können ein erfolgreiches Werkzeug sein: Um eine kreative, leserfreundliche Geschichte in mehreren Bildern zu erzählen, aber auch um die Verweildauer zu erhöhen.

Auf Einzelposts hingegen setzt bspw. verstärkt die Tagesschau: Wie aus einem Interview mit André Steins, dem Leiter der Social-Media-Redaktion, hervorgeht, geht es der Tagesschau vorrangig darum, alle wichtigen Themen des Tages abzubilden, aber auch mal über den Tellerrand hinaus zu blicken – unabhängig davon, welche Themenkomplexe von der Community besonders gut angenommen werden (vgl. Bettendorf 2020: 115). Der Hintergrund hierfür ist, dass der Redaktion durchaus bewusst ist, dass junge Menschen davon ausgehen, dass sie wichtige Nachrichten automatisch erreichen. Daher soll ein Potpourri der relevantesten Themen ausgesendet werden (vgl. ebd.). Die Kunst liegt darin, komplexe Nachrichten auf eine Schlagzeile herunterzubrechen, ohne Missverständnisse hervorzurufen (vgl. ebd.: 115f.). Denn es wird davon ausgegangen, dass nur wenige Nutzer den ausführlichen Begleittext lesen10. Prägnanz ist auf Instagram ein wichtiger Grundsatz, den die Tagesschau auch mit seinen kurzen Headline-Fotos zu erfüllen versucht (vgl. Singer 2021a). Jule-Moderatorin Carina Schmihing sieht andererseits eine große Schwachstelle von vielen Nachrichtenangeboten in der Distanz zum Berichterstattungsobjekt (vgl. Jule 2021): Redakteure wollen sich oft hinter ihren Geschichten verstecken, dabei ist Instagram ein Ort, wo man von Menschen angesprochen werden und Gesichter sehen möchte. Außerdem empfiehlt sie, Content auf kanalspezifische Besonderheiten und die Zielgruppe zuzuschneiden – dabei geht es nicht um das Thema, sondern darum, die Inhalte für die Zielgruppe interessant zu machen und ihnen den Mehrwert dieser bewusst zu machen (vgl. ebd.): „Die Nutzer*innen bekommen durch den roten Faden und Ihr professionelles Erzählen einer Geschichte einen Mehrwert, den sie von Influencer*innen auf der Plattform nicht bekommen”, schreibt auch Selina Bettendorf (2020: 45).

Weitere Empfehlungen aus ihrem Ratgeberbuch sind u.a.:

- kurze und prägnante Stories (max. 8 Slides/ zwei Minuten)
- Multimediales Storytelling
- Neue/komplexe (vgl. ebd.: 115) Informationen mit Grafiken oder Videos erklären
- Erste Slide muss überzeugen: überraschende, starke Bilder/ emotionale Videos
- junge, ‚lässige’ Moderatoren zwischen 25-40 Jahren
- Standortfunktion nutzen (v.a. Lokalzeitungen)
- Interaktionsfunktionen nutzen (vgl. 45f.)

Um es in den Worten Joseph Pulitzers (o.J. zitiert nach Liesem/Kränicke 2011: 43) nochmal auf den Punkt zu bringen: „Was immer du schreibst, schreibe kurz, und sie werden es lesen. Schreibe klar, und sie werden es verstehen. Schreibe bildhaft, und sie werden es im Gedächtnis behalten”.

3.3 Nachrichtenangebote auf Instagram

Es gibt einige deutschsprachige Medien, die immer wieder als Paradebeispiele für eine erfolgreiche ‚Instablierung’ (sprich: Instagram-Etablierung) herangezogen werden: Allen voran die Tagesschau, den größten Nachrichten-Player auf Instagram im deutschsprachigen Raum (Stand 09/21: 3,3 Mio. Abonnenten), aber auch das ZDF (ZDFheute, 1 Mio.), der „Spiegel” (spiegelmagazin, knapp über 880K), „funk” (880K) oder „zeit” (knapp 800K). Hier stellt sich allerdings die berechtigte Frage, ob Erfolg anhand der Abonnentenzahlen einem (Medienunternehmen) auch recht gibt. Nein, meint Carina Schmihing des ‚Julecast’. Viele Medienhäuser würden die Macht ihrer Marke unterschätzen und einen viel besseren Ruf in der Zielgruppe haben, als sie vermuten. Das sei der Grund, warum ihnen auch viele folgen würden (vgl. Jule 2021). Auf der anderen Seite stehen aber auch originär für die Plattform konzipierte IG-only Formate wie die „News WG” (BR, über 130K) oder „Mädelsabende” (WDR, über 210K) für Leuchtturmprojekte auf Instagram, die beide bereits ausgezeichnet wurden (vgl. BR.de 2020). Was macht sie so besonders?

Das Erfolgsrezept lautet: Junger Journalismus für eine junge Zielgruppe. Gerade das Beispiel News-WG zeigt, dass sich sehr wohl zielgruppenspezifische Inhalte für Instagram aufbereiten lassen und Nachrichten und Politik nicht langweilig vorgetragen werden müssen. Die Idee der „News WG” entstand von einer Gruppe junger Volontärinnen, die die Aufgabe erhielten, ein Format für die noch wenig erreichte Zielgruppe des BR zu kreieren. Heute ist es ein Format, dass die Hintergründe aktueller relevanter Themen aufschlüsselt und für die Zielgruppe einfach und verständlich vermittelt, direkt aus „ihrer” WG im Herzen Münchens. Hinter den authentischen und vermeintlich spontanen Videos steckt allerdings viel Arbeit, die den Abläufen einer klassischen Redaktion ähnelt und sich nur in ihrer Umsetzung unterscheidet (vgl. Marx 2020: 29f.). Das Team rund um die News WG beweist dabei allen Vorurteilen gegenüber, dass die Plattform Instagram auch auf eine unterhaltsame Art und Weise hochwertigen Nachrichtencontent vermitteln kann:

„Das ist ja immer der Trugschluss, dass Instagram so oberflächlich ist. Unsere Storys sind ja nicht 15 Sekunden lang, sondern die sind teilweise sogar richtig lang, [...] und die Leute bleiben aber trotzdem dran. Und das machen wir mit den Mitteln, allen, die Instagram bietet und mit dem Storytelling, dass wir als Journalisten im Volontariat gelernt haben“ (Tran 2019).

Eine andere Erfolgs-”Story” ist die Insta-Dokureihe @ichbinsophiescholl, der die Widerstandskämpferin Sophie Scholl zum Leben erweckt und ihre tragische Geschichte in Echtzeit und realitätsnah zehn Monate lang bis zu ihrer Verhaftung erzählt (vgl. Jakob 2021, Stauffacher 2021). Die moderne und persönliche Ausgestaltung gesellschaftlich-relevanter Themen scheint die User zu überzeugen und zum Debattieren und Mitfiebern anzuregen (vgl. ebd.).

Exkurs: Nachrichtenangebote des ZDF und der ARD in der Kritik

So erfolgreich einige Accounts der öffentl.-rechtl. Anstalten betrieben werden, so anfällig sind sie auch für Kritik. Die kommt vor allem seitens der Privatsender und Verlage, die auch an den Reichweiten der Plattform teilhaben möchten und zudem einen Finanzierungsdruck verspüren (vgl. Zimmerer 2021). Scharfe Kritik kommt bspw. von der Ressortleiterin Community & Social der WELT, die eine ungerechte Behandlung insbesondere in der gebührenfinanzierten Wettbewerbsverzerrung der ARD und des ZDF sieht: Beide Anstalten betreiben zusammen mit Arte und Funk mehr als 200 Accounts mit „einer potenziellen Reichweite von knapp 21 Millionen Nutzern” (ebd.) – würde man hingegen die „Bild”, „FAZ”, „Zeit”, „SZ”, „Welt” und den „Spiegel” zusammenfassen, käme man lediglich auf 3,7 Millionen User. Dabei ist das ZDF mit seinen Accounts sparsam wie effizient, nur 14 Kanäle betreut der Mainzer Sender durch sinnvolles Zusammenfassen von themenähnlichen Formaten. Auf das Konto der ARD hingegen können laut der Autorin 150 aktive Instagram-Accounts verbucht werden. Dies bedeutet laut Zimmerer nicht nur, dass privat-nachrichtliche Sender mit mehr Konkurrenz um die Aufmerksamkeit der User (und eine algorithmische Sichtbarkeit) buhlen müssen, sondern dass vielerlei auch Doppelt- und Dreifacharbeit in den jeweiligen Social-Media-Teams durch Themen- und Schwerpunktüberschneidungen stattfindet (vgl. ebd).

Es ist kein Novum, dass der ÖRR unter Beschuss steht. In den letzten Jahren wurden kritische Stimmen allerdings immer lauter, getrieben durch Stimmen von rechts, aber ebenso von Zuschauern und Verlegern. „​​Viel (und zum Teil kontrovers) wird über die Qualität der Berichterstattung öffentlich-rechtlicher Programme diskutiert” (Karidi 2018, vgl. ZDF.de 2021). Bei aller Kritik kommen dem ÖRR allerdings demokratiebewahrende Aufgaben zu: wie die Kritik- und Kontrollfunktion oder die Aufklärung über gesellschaftlich und politisch wichtige Themen zur Stärkung einer Meinungs- und Willensbildung. Dabei unterliegen die Rundfunkanstalten festgelegten Programmgrundsätzen, die „Objektivität, Unparteilichkeit, Meinungsvielfalt und Ausgewogenheit” (Karidi 2018) neben der Einhaltung journalistischer Standards gewährleisten sollen. Das Aufkommen des Internets hat indes dazu geführt, dass der Konkurrenzdruck unter privaten Anbietern mittlerweile so hoch ist, „dass auch Qualitätsmedien heute weniger nach Kriterien arbeiten, die sich aus normativen, demokratietheoretischen Funktionen der Massenmedien ableiten lassen, sondern einer kommerziellen Logik folgen” (ebd.). Es braucht ergo eine unabhängige Institution, die sich qualitativen Content ohne Finanzierungsdruck noch leisten kann. Zeitgleich wird kritisiert, dass der ÖRR einigen Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung hat (vgl. ebd., ZDF.de 2021). Otfried Jarren (2019: 81) thematisiert in seiner Auseinandersetzung der öffentlichen Medien mit den Intermediären ebenfalls den Punkt, dass es zwar eine Vielfalt des Angebots benötigt, allerdings nicht in der heutigen Anbietervielzahl: „Statt immer weiterer Angebote auf diversen Kanälen, wäre eine Steigerung der Qualität weniger Angebote anzustreben”. Um Rundfunkbeiträge zu rechtfertigen, benötigen die Rundfunkanstalten schlussendlich ein Mindestmaß an Anerkennung und Akzeptanz (vgl. ebd.: 83, ZDF.de 2021).

Ob diese Grundvoraussetzung noch gegeben ist, soll sich im späteren Verlauf herausstellen. Es gilt zu erforschen, ob die öffentlich-rechtlichen Angebote ihre Legitimation in der heutigen Zeit erhalten können und den hohen Ansprüchen gerecht werden: „Mit ihren Programmen sollen die Anstalten allgemeine Standards für Qualität setzen und anderen Anbietern ein Vorbild sein. Beim Experimentieren mit neuen Medien sollen sie hochwertige Vermittlungsformate entwickeln, die ihrem Auftrag gerecht werden” (Neuberger 2020: 143).

3.3.1 Instagram Auftritt von ZDFheute

Abbildung 6: ZDFheute auf Instagram (Stand 07/21)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten Quelle: Instagram.com 2021a

Postingfrequenz: Ø12 Posts/ Tag (Quelle in Folgendem: Crowdtangle.com)

Engagement (25/07/20 - 25/07/21): 1,33%

Account-Wachstum (25/07/20 - 25/07/21): +54,14%

Mischung im Feed: ca. 43% Fotos, 39% Alben, 14% IGTV, 4% Videos

Erst vor knapp über einem Jahr erhielt der Online-Auftritt des ZDF ein neues Gesicht. Dabei wurde die ehemalige heute.de-Website mitsamt App und Social-Media-Kanälen zu dem gemeinsamen Namen ZDFheute glattgezogen (vgl. Huwendiek 2020). „Neue Formate, mehr Hintergrundinfos und Livestreams” (Deutsche Presse Agentur 2020) sowie ein eigenes Faktencheck-Team („ZDFheuteCheck”) gegen kursierende Falschmeldungen gehören zum neuen Repertoire – alles mobil noch passgenauer ausgerichtet auf das Smartphone. Hauptaugenmerk liegt neben einer plattformgerechten Ausspielung auf der Zielgruppe der jungen Menschen in sozialen Netzwerken (vgl. Hartung 2020). Historisch gesehen heißt der Instagram-Kanal selbst schon seit seiner Geburtsstunde am 12. Juni 2014 „ZDFheute” (vgl. Melzer 2014). Beliefert werden die Kanäle damals wie heute insbesondere mit Content aus relevanten TV-Sendungen (z.B. „heute journal”, „TerraX”, „Maybrit Illner”, „Markus Lanz”), die anschließend in formatspezifische Formen gegossen werden. Zusätzlich werden sie mit journalistischen Noten wie Faktenchecks und Analysen aus dem Datenjournalismus ‚verfeinert’. Entlang seiner Tradition als Fernsehsender „ist auf den ersten Blick erkennbar, das bewegte Bild dominiert” (Hartung 2020), reduziert auf Social-Media-taugliche ein bis zwei Minuten (die allerdings dieselbe Länge wie ein kurzer TV-Nachrichtenbeitrag haben). Das Credo: Überblick und Intensität – u.a. mit weiterführenden Informationen auf bspw. YouTube. Chefredakteurin Schausten ist „davon überzeugt, dass die ZDFheute (sic!) in der Corona-Krise gerade auch mit ihren Faktenchecks und Erklärungen der wissenschaftlichen Arbeit zu einer Versachlichung der Social-Media-Debatten mit beigetragen hat” (ebd.) – das Erkenntnisinteresse ist die gesteckte Zielvorgabe des ZDF. Sie schließt daraus: „Deswegen basieren die Beiträge auf Fakten, auf Wissen und Wissen-Wollen” (ebd.). Alexandra Hawlin, Chefin vom Dienst von ZDFheute, hat neben der Vermittlung von Nachrichten noch ein anderes Anliegen: „Über die Chancen, aber auch Risiken sozialer Medien aufzuklären, darin sehe ich auch in der Zukunft meine Aufgabe. Die sozialen Medien bieten tolle Möglichkeiten – man muss aber ihre Logik verstehen” (Dolomiten 2021: 5).

[...]


1 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde in dieser Arbeit die Sprachform des generischen Maskulinums gewählt und auf geschlechtsspezifische Formulierungen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen und ausdrücklich für alle Geschlechtsidentitäten. Ebenso wurde in der Analyse – hier aus Gründen der Anonymisierung – lediglich die männliche Form genutzt.

2 Zurückzuführen ist dieser Umstand womöglich auf wiederholte Negativ-Schlagzeilen rund um den Datenschutz auf Facebook in diesem Jahr (vgl. Moghaddam 2019), dessen Höhepunkt er mit der Aufdeckung des Cambridge Analytica Datenmissbrauchskandals erlangte (vgl. z.B. Brühl/Hauck/Hurtz 2018).

3 Hinweis zur „Digital Report” Studie: Die Quellen der Drittanbieter werden zwar unter jeder Folie angeführt, allerdings gelingt die exakte und präzise Zuordnung nicht immer zu hundert Prozent. Des Weiteren ist aufzuführen, dass die Studien womöglich aus einem werblichen Kontext entstanden und somit mit Bedacht zu interpretieren sind.

4 Unter dem recht schwammigen Begriff „Intermediär” versteht man Dienstleister wie u.a. Suchmaschinen, SNS und News-Aggregatoren, die ihre Plattformen für meist fremd erstellten Content zur Verfügung stellen (vgl. Neuberger 2018: 33).

5 aus Gründen der Nachvollziehbarkeit wird die Definition des Begriffs „Social Software”, der sehr vereinzelt in der Literatur Gebrauch findet und dort recht uneinheitlich definiert wird, aus dieser Arbeit zurückgestellt.

6 Instant-Messaging-Dienste sind in dieser Grafik bewusst heller unterlegt, da sich Autoren teils unschlüssig sind, ob sie angesichts ihrer fehlenden Öffentlichkeit zu den sozialen Medien zählen (vgl. z.B. Decker 2019: 118f.). Foren, die in einigen wenigen Systematisierungen Gebrauch finden (z.B. Schmidt/Taddiken 2017: 10), wurden zwecks mangelnder Repräsentativität ausgelassen.

7 Das Problem an Algorithmen sind laut Lorenz-Meyer nicht nur die undurchsichtige Transparenz der Automatisierung, sondern vielmehr die Geschäftsinteressen der Betreiber, die dahinterstehen: Die Nutzer „sollen möglichst lange auf der Plattform gehalten werden, so dass ihnen möglichst viel personalisierte Werbung zugespielt werden kann” (ebd. 2020: 28). Dadurch sind sie nicht unbedingt Kunden der Plattform „als vielmehr selbst die Ware, die verkauft wird” (ebd.) – ganz nach der Binsenweisheit „Wenn es umsonst ist, bist du das Produkt”. Verdeutlicht wird das z.B. anhand von YouTube, in dem die persönlichen Empfehlungen auf der Landing Page stark emotionalisiert und radikalisiert werden (vgl. ebd), um die User möglichst lange auf der Plattform zu halten.

8 Viele denken an dieser Stelle vermutlich an die chinesische App TikTok. Diese wurde in der zitierten Untersuchung nicht berücksichtigt. Mittlerweile verzeichnet die App hohe Wachstumszahlen, wobei berücksichtigt werden muss, dass ein Großteil der User aus dem Raum China ist, in welchem Apps wie Facebook oder Instagram gesperrt sind (vgl. Wurzel 2019, Firsching 2020).

9 Da sich die Zahlen von Studie zu Studie unterscheiden können, sind diese Zahlen mit Vorsicht zu genießen. Es wurden Angaben übernommen, die sich auf mehreren Webseiten fanden.

10 Grupe/Böhm hinterfragen sogar, ob „Content in Textform eine aussterbende Spezies” (ebd. 2018: 432) ist, beobachtet man die Entwicklung hin zur intensiven Nutzung von Podcasts, YouTube oder Netflix (vgl. ebd.)

Ende der Leseprobe aus 124 Seiten

Details

Titel
Nachrichtennutzung auf Instagram. Qualität und Glaubwürdigkeit von Nachrichten auf Social Media
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
124
Katalognummer
V1192600
ISBN (Buch)
9783346624772
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Mit Academic Plus bietet GRIN ein eigenes Imprint für herausragende Abschlussarbeiten aus verschiedenen Fachbereichen. Alle Titel werden von der GRIN-Redaktion geprüft und ausgewählt. Unsere Autor:innen greifen in ihren Publikationen aktuelle Themen und Fragestellungen auf, die im Mittelpunkt gesellschaftlicher Diskussionen stehen. Sie liefern fundierte Informationen, präzise Analysen und konkrete Lösungsvorschläge für Wissenschaft und Forschung.
Schlagworte
Social Media, Instagram, Nachrichten, News, Millenials, Qualität, Glaubwürdigkeit, Fake News, Berichterstattung, Authentizität, Soziale Medien, Tagesschau, ZDF, ZDFheute, Nachrichtenangebote, Qualitätskriterien
Arbeit zitieren
Julia Bartosik (Autor:in), 2021, Nachrichtennutzung auf Instagram. Qualität und Glaubwürdigkeit von Nachrichten auf Social Media, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1192600

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