„Es ist nicht zu fassen. Zwei wildfremde Mädchen und eine solche Ähnlichkeit!“1 Dieser Satz stammt aus der Feder von Erich Kästner, der besonders für seine Kinderbücher bekannt geworden ist und das noch bis in die heutige Zeit andauert. „Emil und die Detektive“, „Pünktchen und Anton“, „Das fliegenden Klassenzimmer“ sind aus keinem Kinderzimmer mehr wegzudenken und die zahlreichen Neuauflagen der Bücher und die dazugehörigen
Verfilmungen sprechen für den andauernden Erfolg.
Doch das „Doppelte Lottchen“ von 1949 hat einen besonderen Stellenwert in dieser
außergewöhnlichen Kinderbuchreihe Kästners. Neben dem delikaten Thema der Scheidung, was eine heftige Diskussion im Deutschland der Nachkriegszeit auslöste, brachte die Verfilmung 1950 den durchschlagenden Erfolg. Allein bis zum Jahre 2007 wurde das Buch neun Mal verfilmt, mehr oder minder eng an die textliche Vorlage angelehnt. Aber was macht diesen ungebrochenen Bann aus, ein Thema zu verfilmen, in dem sich zwei Menschen, die
sich bis dahin unbekannt waren, begegnen und bemerken, dass ihrer beider Leben eng miteinander verknüpft sind und die dieses nicht weiter hinnehmen wollen? Ist es die Möglichkeit aus dem eigenen Alltag auszubrechen und in einen anderen zu schauen, ohne durch äußerliche Unterschiede aufzufallen, die gewohnte Rolle und Umgebung zu verlassen und das Abenteuer zu wagen oder die Tatsache, eine „Ungerechtigkeit“ wie die Trennung der Eltern ungeschehen zu machen? Doch wie schafft es dann das Buch als auch der Film dem Leser/Zuschauer deutlich zu machen, dass er es entweder mit Lotte oder Luise zu tun hat, aber
den Eltern dieser Unterschied nicht bewusst ist und erst durch eine Fotografie der beiden Mädchen aufgedeckt wird?
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Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Die Buchvorlage
2. Die Verfilmung
3. Die „Theory of Mind“
4. Die Vertauschungsszenen
4.1. Im Kinderheim: der erste Tausch
4.2. Das Treffen mit den Eltern
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert den Rollentausch der Zwillingsschwestern in Erich Kästners „Das doppelte Lottchen“ sowie dessen Verfilmung von 1950. Ziel ist es, unter Anwendung der „Theory of Mind“ zu untersuchen, wie Leser und Zuschauer die Täuschung wahrnehmen, während das Umfeld der Kinder den Schwindel zunächst nicht erkennt.
- Vergleichende Analyse von literarischer Vorlage und filmischer Umsetzung.
- Anwendung psychologischer Theorien auf fiktionale Handlungen.
- Rolle der Erzählperspektive und filmischer Techniken bei der Wissensvermittlung.
- Untersuchung von Kindheitsentwicklung und elterlicher Wahrnehmung.
- Bedeutung der „Theory of Mind“ für das Verständnis von Täuschungsmanövern.
Auszug aus dem Buch
4.1. Im Kinderheim: der erste Tausch
Im Buch wird der erste Tausch beim Essen dargestellt. Beide Mädchen haben sich wie Lotte angezogen und verwirren dadurch erst die anderen Kinder und anschließend auch die Erzieherinnen. Alle Beteiligten, bis auf die beiden Mädchen, sind sich in dieser Situation nicht bewusst, in welchem Maß sie reagieren sollen. Sie nehmen, das was sie sehen, als gegeben hin. „Da öffnet sich die Tür und Lotte erscheint. Sie setzt sich, ohne zu zaudern, auf Luises Schemel. Du, warnt Monika, Das ist Luises Platz! Denk an dein Schienbein!“(BDDL, S.29) Monika ist nicht bewusst, dass es tatsächlich Luise sein könnte, die vor ihr sitzt und nur eine andere Frisur hat. Laut ihrer „Theory of Mind“ muss es Lotte sein, denn warum sollte sich Luise als Lotte darstellen? In ihrem Leben ist ihr diese Erfahrung noch nicht untergekommen, sie kann sich nicht vorstellen, warum Luise einen Grund haben könnte sich als Lotte darzustellen, da sie das Mädchen doch nicht mag und somit reagiert sie typisch indem sie auf den Trick hereinfällt.
Als nun Trude, ein Mädchen, das Luise kennt, da sie Klassenkameradinnen sind, aufgefordert wird, die beiden Mädchen zu unterscheiden gelingt ihr dies nur, indem sie eine typische Eigenschaft Luises benutzt. „Sie zieht die ihr näher stehende Lotte tüchtig am Zopf – und im nächsten Augenblick klatscht eine Ohrfeige! Sich die Backe haltend, ruft Trude begeistert: „Das war Luise!“ (BDDL, S. 31) Trude versucht sich die Handlung von Luise erklärbar zu machen, und durch ihre Erfahrung als ihre Freundin weiß sie, wie sich Luise im Alltag gegenüber dem Haare ziehen verhält.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Einführung in das Werk von Erich Kästner und die Zielsetzung der vergleichenden Analyse von Buch und Film mittels der „Theory of Mind“.
1. Die Buchvorlage: Analyse der erzählerischen Mittel, der Charakterisierung der Zwillinge und der Bedeutung der Scheidungsthematik im Roman.
2. Die Verfilmung: Untersuchung der filmischen Adaption, der Rolle des Erzählers und der Umsetzung der Handlung für das Kinopublikum der 50er Jahre.
3. Die „Theory of Mind“: Erläuterung der psychologischen Grundlagen zur Zuschreibung mentaler Zustände und deren Relevanz für das Verhalten der Kinder.
4. Die Vertauschungsszenen: Detaillierte Untersuchung der zentralen Täuschungsmomente sowohl im Heim als auch im Treffen mit den jeweiligen Eltern.
5. Zusammenfassung: Synthese der Ergebnisse über die Darstellung der Täuschung und den Vergleich der medialen Vermittlung.
Schlüsselwörter
Erich Kästner, Das doppelte Lottchen, Literaturverfilmung, Theory of Mind, Rollentausch, Kinderbuch, Erzähltheorie, Nachkriegsliteratur, Psychologie, Identität, Täuschung, Romanvorlage, Medienvergleich, Film, Zwillinge.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie der Rollentausch von Zwillingen in Erich Kästners „Das doppelte Lottchen“ im Buch und in der Verfilmung von 1950 dargestellt wird.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind literarische Adaption, kindliche Entwicklungspsychologie, die Rolle der Erzählperspektive und das Konzept der „Theory of Mind“.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu veranschaulichen, wie die Täuschung der Eltern durch die Mädchen filmisch und literarisch inszeniert wird und warum das Umfeld diese nicht sofort durchschaut.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es werden literaturwissenschaftliche Analysetechniken sowie filmtheoretische Analyseinstrumente mit psychologischen Konzepten der „Theory of Mind“ kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Buchvorlage, der filmischen Inszenierung, der psychologischen Grundlagen und der detaillierten Betrachtung der Vertauschungsszenen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Rollentausch, Theorie of Mind, Erich Kästner, Literaturverfilmung und Erzählperspektive.
Warum bemerken die Eltern den Tausch zunächst nicht?
Laut der „Theory of Mind“ gehen die Eltern aufgrund ihrer eigenen Wünsche und Erwartungen von einem falschen Grundzustand aus, was ihre Wahrnehmung der Zwillinge einschränkt.
Welche Rolle spielt die Kamera im Film bei der Täuschung?
Die Kamera fungiert als Beobachter und nimmt teilweise die subjektive Perspektive der Kinder ein, wodurch das Wissen des Zuschauers gezielt gesteuert wird, um Spannung zu erzeugen.
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- Mandy Stein (Author), 2007, "Das Doppelte Lottchen" von Erich Kästner, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119270