Zunächst werden die Grundideen des lebensweltorientierten Ansatzes vorgestellt, um dann einen Blick auf die neuen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu werfen, unter denen Soziale Arbeit nun organisiert wird. Dabei wird auch kritisch die Wirkung ökonomischer Vorgaben auf die Soziale Arbeit betrachtet. Anschließend folgt das Thema der Vereinbarkeit der Lebensweltorientierung und der Ökonomisierung und es werden Strategien zur Umsetzung der Lebensweltorientierung (LWO) vorgestellt, die auch ökonomische Gesichtspunkte mit einbeziehen. Ein abschließendes, kurzes Fazit rundet diese Arbeit ab.
Das Konzept der Lebensweltorientierung ist heute fester Bestandteil der praktischen und theoretischen Diskurse der Sozialen Arbeit und dient in vielen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit als Orientierung zur Entwicklung eigener Konzepte und Leitbilder. Auch bei meinem Arbeitgeber bildet die LWO die theoretische Grundlage der pädagogischen Arbeit, die sich in Konzeption und Leitbild widerspiegeln. Wenn ich auf meine Arbeit mit unbegleiteten, minderjährigen geflüchteten Jugendlichen in einer stationären Wohngruppe blicke, kann ich viele Merkmale der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit entdecken. An meinem Arbeitsplatz ist es selbstverständlich, dass im „Bewohnerforum“ mit allen Jugendlichen und den Mitarbeiter*innen über wichtige Entscheidungen diskutiert und über sie demokratisch abgestimmt werden. Die Idee der LWO wird hier in einem demokratischen und partizipatorischen Prozess angewandt. Jedoch stelle ich in meiner beruflichen Praxis fest, dass es Einschränkungen gibt, die verhindern oder erschweren, dass das Konzept der LWO umgesetzt werden kann. Neben dem Anspruch professionellen Arbeitens, der Umsetzung der LWO, wächst auch zunehmend der Anspruch ökonomische Gesichtspunkte zu berücksichtigen. Dabei stelle ich fest, dass es mitunter schwierig ist, diesen Ansprüchen parallel gerecht zu werden. Hans Thiersch, der Begründer des Konzepts der LWO, spricht in diesem Zusammenhang von einem gegenwärtigen erstarkenden Primat der Ökonomie in der Sozialen Arbeit und einer daraus resultierenden neoliberalen Gestaltung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Vorstellung der Lebensweltorientierung
2.1 Entstehung
2.2 Mensch- und Gesellschaftsbild
2.3 Struktur- und Handlungsmaximen
3. Ökonomisierung
3.1 Gesellschaftlicher Wandel
3.2 Die Neue Steuerung
4. Neuausrichtung der Sozialen Arbeit
4.1 Kontraktmanagement
4.2 Effektivität und Effizienz
4.3 Kundenorientierung
5. Lebensweltorientierung und Ökonomisierung
5.1 Vereinbarkeit von Lebensweltorientierung und Ökonomisierung
5.2 Strategien zur Umsetzung der LWO unter Einbezug der ökonomischer Gesichtspunkte
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen dem Konzept der Lebensweltorientierung (LWO) und den wachsenden Anforderungen an eine Ökonomisierung der Sozialen Arbeit. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, welche Möglichkeiten zur Umsetzung der LWO bestehen, die gleichzeitig notwendige ökonomische Gesichtspunkte berücksichtigen, ohne den sozialpädagogischen Kernauftrag zu gefährden.
- Grundlagen und Entstehung der Lebensweltorientierung
- Einfluss von gesellschaftlichem Wandel und Ökonomisierung auf die Soziale Arbeit
- Kritische Analyse betriebswirtschaftlicher Instrumente wie Kontraktmanagement und Effizienz
- Vereinbarkeit von pädagogischen Idealen und systemischer Rationalität
- Strategien zur fachlich fundierten Optimierung sozialer Dienstleistungen
Auszug aus dem Buch
5.1 Vereinbarkeit von Lebensweltorientierung und Ökonomisierung
Der deutsche Erziehungswissenschaftler Thomas Rauschenbach, der bei Hans Thiersch 1981 promovierte, sieht die Ursachen der fortschreitenden Ökonomisierung u.a. in dem Dilemma einer unbewältigten sozialpädagogischen Expansionsgeschichte. Der deutlich gewachsene Aufgabenbereich der Sozialen Arbeit verursacht wachsende Steuerungsprobleme. „Es wächst der Bedarf an Koordination, Planung, Überprüfung und Formalisierung, es wächst das Problem der Bürokratisierung“ (Rauschenbach, 1999: 229). Daraus ergibt sich für die Soziale Arbeit eine „Transformationserfordernis“ (ebd.), die Umstellungen bisheriger Strategien erfordert. Gleichzeitig fehlen in sozialpädagogischen Konzepten, wie dem der Lebensweltorientierung, grundbegrifflich-kategoriale Optionen, für die in der Praxis benötigten und geforderten neuen Prozesse (vgl. ebd.).
Rauschenbach schreibt dazu, dass das Konzept der Lebensweltorientierung eine „Pseudokonkretheit“ (Rauschenbach, 1999: 228) aufweise. Er meint damit die Unschärfe des Begriffs der Lebensweltorientierung, bzw. der Begriffe des „Alltags“ bzw. der „Lebenswelt“ (vgl. Rauschenbach, 1999: 226). Durch diese theoretisch-konzeptionelle Unschärfe ist in dem Konzept der Lebensweltorientierung „alles enthalten und zugleich nicht enthalten“ (Rauschenbach, 1999: 228). Dies, so Rauschenbach, sei sowohl Chance als auch Schwachstelle, fördere aber auf jeden Fall eigenständige Lesarten und Überlegungen gegenüber der Sozialen Arbeit (vgl. Rauschenbach, 1999: 228f), um diese „Sprachlosigkeit“ und das Fehlen von theoretisch-erklärenden Kategorien, z.B. durch ökonomische Begriffe, zu ersetzen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die theoretische Relevanz der Lebensweltorientierung und Darstellung des Konflikts mit ökonomischen Rahmenbedingungen in der Praxis.
2. Vorstellung der Lebensweltorientierung: Erläuterung der Ursprünge, des Menschenbildes sowie der zentralen Struktur- und Handlungsmaximen des Konzepts.
3. Ökonomisierung: Analyse des gesellschaftlichen Wandels und der Einführung marktwirtschaftlicher Steuerungselemente in den Sozialbereich.
4. Neuausrichtung der Sozialen Arbeit: Untersuchung der Auswirkungen betriebswirtschaftlicher Instrumente wie Kontraktmanagement und Effizienz auf die fachliche Praxis.
5. Lebensweltorientierung und Ökonomisierung: Diskussion der Spannungen zwischen System und Lebenswelt sowie konkrete Strategien zur Optimierung der Arbeit.
6. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Vereinbarkeit von LWO und Ökonomie unter Einbezug aktueller rechtlicher Entwicklungen.
Schlüsselwörter
Lebensweltorientierung, Soziale Arbeit, Ökonomisierung, Neue Steuerung, Effizienz, Effektivität, Kontraktmanagement, Sozialmanagement, Aktivierungspolitik, Hilfe zur Selbsthilfe, Teilhabe, Rationalisierung, Sozialpädagogik, Partizipation, Strukturmaxime.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie das fachliche Konzept der Lebensweltorientierung unter dem zunehmenden Druck einer ökonomisch ausgerichteten Sozialpolitik Bestand haben kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die theoretischen Grundlagen der Lebensweltorientierung, die Auswirkungen der "Neuen Steuerung" auf soziale Dienstleistungen und die Möglichkeiten der fachlichen Optimierung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Wege aufzuzeigen, wie sozialpädagogisches Handeln mit betriebswirtschaftlichen Anforderungen in Einklang gebracht werden kann, ohne den Klienten zu vernachlässigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Literaturanalyse, um fachliche Konzepte mit ökonomischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte zu verknüpfen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit dem gesellschaftlichen Wandel, dem Einfluss des New Public Management und den Rationalisierungsstrategien von Thomas Rauschenbach.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Lebensweltorientierung, Ökonomisierung, Soziale Arbeit, Effizienz, Partizipation und der aktivierende Sozialstaat.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Klienten in der Ökonomisierung?
Der Autor hinterfragt kritisch die Übertragung von Kundenbegriffen auf die Soziale Arbeit, da Klienten oft nicht die Souveränität eines klassischen Marktkunden besitzen.
Welchen Stellenwert nimmt die Prävention in diesem Zusammenhang ein?
Prävention wird als grundlegende Strategie hervorgehoben, um durch rechtzeitiges Handeln hohe Folgekosten stationärer Maßnahmen zu vermeiden.
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- Anonym (Author), 2020, Lebensweltorientierung zwischen Theorie und Praxis, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1192809