Das Thema der sozialräumlichen Segregation und den damit verbundenen Ausgrenzungsprozessen steht seit gut zwei Jahrzehnten wieder im Fokus stadtsoziologischer Untersuchungen. Mit dem Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft und den damit einher gehenden ökonomischen und sozialen Veränderungen haben Armut und Ausgrenzung eine neue Dynamik und Qualität erreicht (vgl. Häußermann 2000: o. S.; Siebert/ Dorsch 2001: 121). Seit Anfang der 1980er Jahre ist in den meisten westlichen Industrienationen eine kontinuierliche Zunahme der von Armut betroffenen Menschen zu verzeichnen: Breite Bevölkerungsschichten sind derzeit von sozialer Exklusion betroffen oder zumindest bedroht . Durch die nachlassende Kraft der drei Integrationsmodi (Arbeitsmarkt, Staat und soziale Netze), bilden sich neue sozialräumliche Strukturen heraus, die Quartiere der Armut und Ausgrenzung entstehen lassen. In diesen Quartieren konzentrieren sich die von Armut, Dauerarbeitslosigkeit und sozialer Diskriminierung betroffenen Bevölkerungsgruppen. Dort bildet sich dann möglicherweise ein Milieu heraus, das aus dem Ort der Benachteiligten einen benachteiligenden Ort macht (Häußermann 2000: o.S.). Es handelt sich also nicht lediglich um die Zunahme von Armut und sozialer Deprivation, sondern um die Herausbildung neuer Ungleichheitsstrukturen, die mit Begriffen wie „Spaltung der Stadt“ oder „Ausgrenzung“ benannt werden. In den Städten gibt es eine wachsende Armutsbevölkerung, was sich an der zunehmenden Zahl von Sozialhilfeempfängern und Langzeitarbeitslosen erkennen lässt (Häußermann 2000: o.S.).
In der stadtsoziologischen und stadtteilpolitischen Diskussion führten diese Entwicklungen zu der weit verbreiteten These, dass die räumliche Konzentration deprivierter Haushalte einen negativen, sich selbst verstärkenden Effekt nach sich zieht (vgl. Häußermann/ Siebel 2004: 160ff): Arme Wohnviertel machen ihre Bewohner ärmer. Der Wohnort als solcher avanciert somit zu einer eigenständigen Komponente der sozialräumlichen Benachteiligung (Häußermann 2003:147); und soziale Ungleichheit wird damit nicht nur verfestigt, sondern zugleich verschärft.
Inhaltsverzeichnis
1 Das stadtpolitische Interesse an Nachbarschaftseffekten
2 Soziale Segregation: Die homogene Nachbarschaft als Problem?
3 Die Entstehung benachteiligender Quartiere: Das Problemviertel
4 Die benachteiligende Wirkung benachteiligter Räume
5 Sozialräumliche Betrachtungsweisen: Defizit oder Ressource?
5.1 Das Quartier als Ort defizitärer Ausstattung
5.2 Das Quartier als Ressource
6 Wissenschaftliche Studien zu Nachbarschaftseffekten
6.1 These der Konzentrationseffekten
6.1.1 Farwick, Andreas (2001): Segregierte Armut in der Stadt. Ursachen und Folgen der räumlichen Konzentration von Sozialhilfeempfängern
6.1.2 Oberwittler, Dietrich (2004): Stadtstruktur, Freundeskreise und Delinquenz: Eine Mehrebenenanalyse zu sozialökologischen Kontexteffekten auf schwere Jugenddelinquenz
6.1.3 Friedrichs, Jürgen/ Blasius, Jörg (2000): Leben in benachteiligten Wohngebieten
6.2 These der Quartierstypeneffekten
6.2.1 Keim, Rainer/ Neef, Rolf (2007): Wir sind keine Sozialen
6.2.2 Vogel/Kronauer (2001): Was sind Quartierseffekte, was Lageeffekte?
7 Zusammenfassung der Studienergebnisse für eine sozial integrative Stadtentwicklung
7.1 Die Perspektive impliziert den Effekt
7.2 Der Effekt impliziert die stadtteilpolitische Interventionsmaßnahme?
8 Fazit und Diskussion um das stadtpolitische Leitbild der „sozialen Mischung“
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die wissenschaftliche Debatte um sogenannte „Nachbarschaftseffekte“ und analysiert, ob räumlich konzentrierte Armut zwangsläufig zu Exklusionsprozessen führt oder ob Quartiere auch als Ressourcen für ihre Bewohner dienen können, um das stadtpolitische Leitbild der sozialen Mischung kritisch zu hinterfragen.
- Sozialräumliche Segregation und Entstehung von Armutsquartieren
- Die Defizitperspektive vs. die Ressourcenperspektive auf benachteiligte Räume
- Empirische Analyse von Konzentrations- und Quartierstypeneffekten
- Soziale Netzwerke und Alltagsbewältigung in Problemvierteln
- Kritische Diskussion des Leitbildes der sozialen Mischung in der Stadtpolitik
Auszug aus dem Buch
3. Die Entstehung benachteiligender Quartiere: Das Problemviertel
Historisch betrachtet hat es in allen Städten schon immer segregierte und arme bzw. benachteiligte Quartiere gegeben (Friedrichs/Blasius 2000: 26). Denn es gehört zur Struktur von Großstädten, dass sich in ihnen an verschiedenen Orten Subkulturen bilden, in denen verschiedene Lebensstile und auch verschiedene Verhaltensnormen ein bestimmtes Milieu bilden (Häußermann 2000). Solange jedoch der Arbeitsmarkt für eine grundlegende Integration sorgte, wurden daraus keine Problemgebiete (Häußermann/ Kronauer 2005: 7).
Dies hat sich jedoch durch den Mitte der 1970er Jahre einsetzenden ökonomischen Strukturwandel geändert: Die drei Integrationsmodi Markt, Staat und soziale Netze haben sich als Folge des Wandels von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft entscheidend verändert (vgl. Dorsch/Siebert 2001: 121, Häußermann/Kronauer 2005: 508ff).
Im wirtschaftlichen Bereich sind durch Umstrukturierungen auf Grund von Deindustrialisierungs- und Tertiäisierungsprozessen viele Arbeitsplätze im industriellen Sektor vernichtet worden. Weil diese nur in sehr wenigen Fällen durch einen Beschäftigungsanstieg im Dienstleistungssektor aufgefangen werden konnten, wurde die Arbeitskraft eines großen Teils der Bevölkerung dauerhaft „überflüssig“ oder reichte nun nicht mehr aus um damit den Lebensunterhalt zu sichern (Keim/ Neef 2000: 250, Häuermann/ Siebel 2004: 160ff). Vor allem in altindustriell geprägten Stadtregionen wurde in den darauf folgenden Jahren Arbeitslosigkeit zum vorherrschenden Strukturmerkmal. In der Folge nimmt die Kaufkraft ab während die sozialen Probleme der Bewohner und Konflikte im Stadtquartier zunehmen. In diesen Gegenden kann man von einem kollektiven Fahrstuhleffekt nach unten sprechen der- übertrieben formuliert- einstige Arbeiterviertel in Arbeitslosenviertel überführte.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Das stadtpolitische Interesse an Nachbarschaftseffekten: Einführung in die Problematik sozialräumlicher Segregation und der These, dass Armut in Wohnvierteln soziale Benachteiligung verschärft.
2 Soziale Segregation: Die homogene Nachbarschaft als Problem?: Erläuterung der Entstehungsprozesse sozialer Segregation und der ambivalenten Bewertung homogener Wohnquartiere.
3 Die Entstehung benachteiligender Quartiere: Das Problemviertel: Skizze des Strukturwandels von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft als Ursache für die Entstehung moderner Armutsquartiere.
4 Die benachteiligende Wirkung benachteiligter Räume: Untersuchung der Mechanismen, durch die benachteiligte Räume negative materielle, soziale und symbolische Auswirkungen auf Bewohner entfalten.
5 Sozialräumliche Betrachtungsweisen: Defizit oder Ressource?: Gegenüberstellung der vorherrschenden Defizitperspektive und der neueren Ressourcenperspektive auf benachteiligte Stadtteile.
6 Wissenschaftliche Studien zu Nachbarschaftseffekten: Systematische Referierung und Differenzierung der fünf relevanten empirischen Studien im deutschsprachigen Raum hinsichtlich ihrer Thesen.
7 Zusammenfassung der Studienergebnisse für eine sozial integrative Stadtentwicklung: Synthese der Forschungsergebnisse zur Bewertung der stadtteilpolitischen Relevanz und der Grenzen von Interventionsmaßnahmen.
8 Fazit und Diskussion um das stadtpolitische Leitbild der „sozialen Mischung“: Kritische Reflexion der Notwendigkeit einer differenzierten Betrachtung von Armutsgebieten jenseits einfacher politischer Leitbilder.
Schlüsselwörter
Nachbarschaftseffekte, soziale Segregation, Armut, Quartier, Exklusionsprozesse, Stadtentwicklung, soziale Mischung, Problemviertel, Ressourcenperspektive, Defizitperspektive, Stadtsoziologie, Benachteiligung, Integration, soziale Ungleichheit, Segregationsgrad
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die wissenschaftliche Diskussion um negative „Nachbarschaftseffekte“, also die Annahme, dass das Wohnen in einem von Armut geprägten Quartier die individuelle soziale Lage der Bewohner zusätzlich verschlechtert.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die soziale Segregation in Städten, die Entstehung von Armutsvierteln, die Auswirkungen von räumlicher Konzentration benachteiligter Bevölkerungsgruppen und die stadtpolitische Debatte um das Leitbild der „sozialen Mischung“.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die These, dass „arme Wohnviertel ihre Bewohner ärmer machen“, wissenschaftlich zu prüfen und zu hinterfragen, ob die räumliche Konzentration von Armut zwangsläufig soziale Exklusion bedeutet.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine Literaturanalyse, bei der die fünf wesentlichen empirischen Studien aus dem deutschsprachigen Raum zu Nachbarschaftseffekten identifiziert, referiert und hinsichtlich ihrer zugrunde liegenden Thesen und Ansätze (Defizit- vs. Ressourcenperspektive) ausgewertet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Verortung (Segregation, Entstehung benachteiligter Räume), die methodische Differenzierung der Sichtweisen (Defizit vs. Ressource) sowie die detaillierte Vorstellung und Einordnung empirischer Studien zu Konzentrations- und Quartierstypeneffekten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Nachbarschaftseffekte, soziale Segregation, Quartier, Exklusionsprozesse, soziale Mischung und die Unterscheidung zwischen Defizit- und Ressourcenperspektive.
Wie bewerten die untersuchten Studien die Rolle des Quartiers für die Bewohner?
Die Studien kommen zu ambivalenten Ergebnissen: Während einige den verstärkenden negativen Effekt der Armutskonzentration betonen, zeigen andere Studien, dass Quartiere unter bestimmten Bedingungen Ressourcen für die Alltagsbewältigung bieten können, insbesondere für spezifische Bewohnergruppen.
Ist das stadtpolitische Leitbild der „sozialen Mischung“ nach den Ergebnissen der Autorin obsolet?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass das Leitbild der „sozialen Mischung“ als pauschales Rezept nicht durch alle Studienergebnisse bestätigt wird und fordert stattdessen eine differenzierte Betrachtung der Armutsgebiete und ihrer Bewohner, um passgenaue Unterstützung statt bloßer Verdrängung zu fördern.
Welche Rolle spielt die „Ressourcenperspektive“ in dieser Arbeit?
Die Ressourcenperspektive dient als wichtiger Gegenentwurf zur einseitigen Defizitsicht; sie hebt hervor, dass Bewohner benachteiligter Viertel soziale Netzwerke und Unterstützungsstrukturen entwickeln können, die ihre Lebenssituation trotz struktureller Probleme stabilisieren.
- Quote paper
- Vanessa Evers (Author), 2008, Nachbarschaftseffekte - Räumlich konzentrierte Armut und ihre Folgen für Exklusionsprozesse , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119298