Hitler und Goethe. Ein Schulaufsatz von Kurt Tucholsky


Hausarbeit, 2008

21 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

1. Einleitung

Wenn ich einmal wirklich an der Macht bin, dann wird die Vernichtung der Juden meine erste und wichtigste Aufgabe sein. Sobald ich die Macht dazu habe, werde ich zum Beispiel in München auf dem Marienplatz Galgen neben Galgen aufstellen lassen. Dann werden die Juden gehängt, einer wie der andere, und sie bleiben hängen, bis sie stinken. So lange bleiben sie hängen, wie es nach den Gesetzen der Hygiene möglich ist, sobald man sie abgeknüpft hat, kommen die nächsten dran, und das geschieht so lange, bis der letzte Jude in München ausgetilgt ist. Genauso wird in anderen Städten verfahren, bis Deutschland vom letzten Juden gereinigt ist.1

Adolf Hitler, unter dem ab 1941 der grausame Völkermord an den Juden vollzogen wurde, äußerte sich über seine ideologischen Ziele bereits schon 1932. Ob es dem deutschen Volk anhand früherer Aussagen Hitlers bereits klar gewesen sein muss, auf was seine Politik hinsteuerte, ist fraglich. Selbst Johann Wolfgang von Goethe schrieb in seinem Werk Faust: „ Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätte.“2

Es erscheint im Jahre 2008 ebenso fragwürdig, ob man eine der herausragendsten Persönlichkeiten der deutschen Literatur mit dem diktatorischen Nationalsozialisten Adolf Hitler auch nur ansatzweise vergleichen kann.

Der Journalist und Schriftsteller Kurt Tucholsky tat genau dies, indem er am 17. Mai 1932 einen Text mit dem Titel „ Hitler und Goethe“3 „ein Schulaufsatz“( Z.2) in der Zeitschrift „Weltbühne“, veröffentlichte.4 Wie es der Titel verlauten lässt, gleicht das Geschriebene einem Schulaufsatz, dessen Thema es ist, den „mausetoten Goethe“ (Z.9) mit dem „mauselebendigen Hitler“ (Z.10) zu vergleichen. Um jedoch zu verstehen, warum der Autor zwei Persönlichkeiten gegenüber stellt, die unterschiedlicher nicht sein können, muss man das Jahr 1932 historisch näher betrachten.

Auf der einen Seite war dieses Jahr kulturell geprägt, denn man ehrte den bekannten deutschen Dichter und Denker Johann Wolfgang von Goethe anlässlich seines 100. Todestages. Überall in Deutschland wurden berühmte Werke wie Faust oder Egmont aufgeführt, Zeitungen zitierten Goethe und man schrieb Festreden über ihn. Thomas Mann äußerte sich in einer dieser Reden beispielsweise wie folgt: „ Ein Befreier war er durch die Erregung des Gefühls und durch die analytische Erweiterung des Wissens vom Menschen.“5 Natürlich gab es auch Deutsche, die die Begeisterung für Goethe keineswegs teilten, dazu gehörte auch Tucholsky. Der Autor äußerte sich in seinem Gedicht „Goethe- Jahr 1932“, dass am 22.09.1931 in der Zeitschrift Weltbühne veröffentlicht wurde, wie folgt:

Nächstes Jahr, da werden wir was erleben!

So im März, April und Mai:

Goethe hundert Jahre tot! Das wird was geben!

Wär es schon vorbei -!6

Auf der anderen Seite diskutierten die Deutschen im Jahr 1932 nicht nur über Dichter und Denker, sondern viel mehr über den politischen Umschwung, der sich langsam im Land abzeichnete. Nach der Weltwirtschaftskrise im Oktober 1929 gab es Anfang des Jahres 1930 über drei Millionen Arbeitslose in Deutschland und die Zahl stieg rasant an.7 Es war nun die Partei der NSDAP mit Adolf Hitler, die der Bevölkerung Arbeit und Verbesserung in Deutschland versprach. Es sollte 1932 nur noch 12 Monate dauern, bis die Nationalsozialisten an die Macht kamen.

Kurt Tucholsky verfolgte mit großem Interesse die politischen Geschehnisse in Deutschland, ebenso wie die Kulturellen. Es ist naheliegend, dass ihn diese Ereignisse prägten und veranlassten, einen Vergleich zwischen Hitler und Goethe zu ziehen. Um jedoch die Absicht des Autors zu verstehen, die dieser mit seinem Text zu vermitteln versuchte, muss man das Geschriebene auf Inhalt, Ausdruck, Sprache und Absichten des Autors näher analysieren.

Diese Hausarbeit soll Aufschluss darüber geben, was Kurt Tucholsky mit seinem Vergleich beabsichtigte, wie er Personen gegenüber stellte, wie er Sprache, Ausdruck und Inhalt in seinem Aufsatz behandelt, warum er überhaupt seinen Text als Schulaufsatz veröffentlichte und mit welcher Präzision es ihm gelang politische Entwicklungen bereits im Jahr 1932 zu erkennen.

2. Analyse von Aufbau, Sprache und Inhalt des Schulaufsatzes „Hitler und Goethe“(Z.1)

Liest man den Text von Kurt Tucholsky das erste Mal, so stellt man sich sofort folgende Fragen:

- Ist dies ein klassischer Schulaufsatz im Hinblick auf Sprache, Inhalt und Form?
- Gibt es nicht große, gravierende inhaltliche Fehler?
- Ist die Note sehr gut gerechtfertigt?
- Welche Aussage will der Autor mit seinem Text treffen?

Denkt man an die eigene Schulzeit und somit an eigene Deutschaufsätze zurück, so gab es Grundregeln bezüglich Aufbau, Sprache und Inhalt. So sollte ein guter Schulaufsatz aus drei erkennbaren Gliederungspunkten bestehen: Einleitung, Hauptteil, Schluss. Außerdem war es wichtig, Umgangssprache und merkwürdige Redewendungen zu vermeiden. Als letztes wurde von Deutschlehrern immer wieder gepredigt, man solle sich keiner Fakten bedienen, bei denen man sich völlig unsicher ist.

2.1 Aufbau des Textes

Kurt Tucholsky, der seinen Aufsatz unter dem Pseudonym Kasper Hauser schrieb, missachtete diese Regeln im großen Stil.

Der Autor setzt als Überschrift seines Textes zwar den Titel „Hitler und Goethe“ (Z.1), ergänzt diesen jedoch mit dem Untertitel „Ein Schulaufsatz“ (Z.2). Sieht man es von Seiten des Lesers, so wird diesem suggeriert, was dieser Text darstellen soll. Auf der anderen Seite jedoch würde kein Schüler für seinen Aufsatz einen derartigen Untertitel wählen, sondern versuchen, eine Überschrift zu finden, die das Thema des Textes kurz und prägnant wieder gibt. Es muss sich also die Frage gestellt werden, ob Tucholsky dem Leser nicht zutraute, den folgenden Text als Schulaufsatz zu identifizieren und somit den für einen Schulaufsatz ungewöhnlichen Untertitel „Ein Schulaufsatz“ (Z.2) wählte. Möglicherweise tat er es deshalb, weil er genau wusste, dass er Form, Stil, Sprache und Aufbau eines klassischen Zeitungstextes verletzen würde und suchte somit vielleicht nach einer Alternative, einen Text zu formulieren, um bei einer Veröffentlichung in der Zeitschrift „Weltbühne“ das Interesse der Leser zu wecken. Schon die Gliederung des Geschriebenen weist einige Merkwürdigkeiten auf, so teilt der Autor zum Beispiel seinen Text in acht verschiedene Kapitel, die alle mit einzelnen Überschriften versehen worden. Diese Überschriften nennt er: „Einleitung, Begründung, Gegensatz, Gleichnis, Beispiel, Beleg und Schluss“ (Z. 3,11,24,35,50,57,74,84). Kaspar Hauser alias Kurt Tucholsky bildete verschiedene Abschnitte, die im Gesamtzusammenhang gesehen zwar eine Verbindung aufweisen, jedoch einzeln betrachtet völlig eigenständig sind, ohne jeglichen Verweis oder Überleitung zum nächsten Kapitel.

Der Aufsatz „Hitler und Goethe“ (Z.1) beginnt mit der ersten Kapitelüberschrift „Einleitung“ (Z.11). In dieser wird erklärt, dass im kommenden Text ein Vergleich mit Hitler und Goethe vollzogen wird, da diese Personen, laut Ansicht des Autors, „Helden“ (Z.5) der deutschen Geschichte waren und „[...] seine Geschicke gelenkt haben [...]“ (Z.4-6). In den nächsten beiden Abschnitten werden die beiden Personen, Hitler und Goethe, näher dargestellt. Es folgt daraufhin eine wirre, völlig faktenentstellende und fadenscheinige Begründung, warum Hitler für den Textautor der größte Deutsche ist. Außerdem hat der Leser das Gefühl, dass Sätze willkürlich aneinander gereiht werden, ohne jeglichen Bezug auf das Geschriebene vorher zu nehmen- ein weiterer Grund, der zur absoluten Verwirrung führt. Beispiele hierfür sollen folgende Textzitate liefern:

Das was nicht jüdisch ist, ist schaffendes Eigentum und wird nicht abgeschaffen. Die Partei Goethes war viel kleiner wie die Partei Hitlers. ( Z. 21-22) oder

Hitler zerfällt in 3 Teile: in einen legalen, in einen wirklichen und in Goebbels, welcher bei ihm die Stelle u.a. des Mundes vertritt. Goethe hat niemals sein Leben aufs Spiel gesetzt; Hitler aber hat dasselbe auf dasselbe gesetzt. ( Z.29-32)

In den kommenden Textabschnitten „Gegensatz“ (Z.35), „Gleichnis“ (Z.50) und „Beispiel“ (Z.56) versucht der Autor, dem Leser Parallelen und Kontroversen zwischen Hitler und Goethe aufzuzeigen, um am Ende nochmals zu verdeutlichen, dass Hitler die bedeutendere Persönlichkeit beider ist.

[...]


1 Joseph Hell: Aufzeichnungen, hrsg. v. Institut für Zeitgeschichte, München 1955, S.143

2 Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Der Tragödie Erster Teil, hrsg. v. Philipp Reclam Verlag, Stuttgart 2002, S.61

3 Kurt Tucholsky: Hitler und Goethe. In: Kurt Tucholsky. Gesammelte Werke 1929- 1932, hrsg. v. Mary Gerold- Tucholsky und Fritz J. Raddatz, 10. Bd., Reinbek b. Hamburg 1932

Anmerkung: Zitate aus der Primärliteratur werden künftig mit Zeilenangaben im Text zitiert.

4 Kurt Tucholsky: Hitler und Goethe. In: Kurt Tucholsky. Gesammelte Werke 1929- 1932, hrsg. v. Mary Gerold- Tucholsky und Fritz J. Raddatz, 3.Bd., Reinbek b. Hamburg, o.J., S.1222

5 www.uni-essen.de/einladung/Vorlesung/dramatik/goethe.htm ; Zugriff am 20.02.2008

6 Kurt Tucholsky: Goethe- Jahr 1932. In: Gesammelte Werke, hrsg. v. Mary Gerold- Tucholsky und Fritz J. Raddatz, Reinbek bei Hamburg 1973, S.945, erste Strophe

7 Der Spiegel (Hrsg.): Vor 75 Jahren. Der Anfang vom Untergang, Nr.3, Hamburg, Ausgabe vom 14.01.2008, S.35

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Hitler und Goethe. Ein Schulaufsatz von Kurt Tucholsky
Hochschule
Universität Stuttgart  (Literaturwissenschaften)
Veranstaltung
Einführung in die Literaturwissenschaften
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
21
Katalognummer
V1193199
ISBN (Buch)
9783346638649
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kurt Tucholsky, Hitler, Goethe, Zeitschrift Weltbühne, Nationalsozialismus
Arbeit zitieren
Sue Lorenz (Autor:in), 2008, Hitler und Goethe. Ein Schulaufsatz von Kurt Tucholsky, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1193199

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