Chemische Kampfstoffe: Geschichte, Entwicklung und Einsatz


Seminararbeit, 2008

56 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition

3. Geschichte der Einsätze und der Entwicklung von chemischen Kampfstoffen und chemischen Kampfmitteln…
3.1 … in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg
3.2 … während des ersten Weltkrieges
3.3 …zwischen den Weltkriegen
3.4 …während des zweiten Weltkrieges
3.5 … nach dem zweiten Weltkrieg

4. Grundbegriffe und Eigenschaften von chemischen Kampfstoffen
4.1 Physikalische und chemische Eigenschaften von chemischen Kampfstoffen
4.2 Toxikologische Eigenschaften von chemischen Kampfstoffen

5. Formen und Wirkung von chemischen Kampfstoffen

6. Nervenkampfstoffe
6.1 Eigenschaften und Struktur
6.2 Wirkung und Symptome

7. Hautkampfstoffe
7.1 Loste
7.1.1. Eigenschaft und Struktur
7.1.2. Wirkung und Symptome
7.2 Arsenhaltige Hautkampfstoffe
7.2.1. Eigenschaften und Struktur
7.2.2. Wirkung und Symptome
7.3 Nesselstoffe
7.3.1. Eigenschaften und Struktur
7.3.2. Wirkung und Symptome

8. Blutkampfstoffe
8.1 Zellgifte
8.1.1. Eigenschaften und Struktur
8.1.2. Wirkung und Symptome
8.2 Blutgifte

9. Lungenkampfstoffe
9.1 Eigenschaften und Struktur
9.2 Wirkung und Symptome

10. Reizkampfstoffe
10.1 Augenreizstoffe
10.2 Nasen- und Rachenreizstoffe

11. Psychokampfstoffe

12. C-Waffen und Terrorismus

13. Gegenwart und Zukunft der chemischen Waffen

14. Internationale Abkommen gegen den Einsatz von C-Waffen

15. Zusammenfassung

1. Einleitung

In der heutigen Zeit ist der Einsatz von chemischen Kampfstoffen verpönt und wird geächtet. Trotzdem kann der Einsatz dieser nicht ausgeschlossen werden, wie aus der Geschichte der letzten Jahre ersichtlich ist. In vielen Ländern gibt es große Mengen an Restbeständen und Altlasten, die jederzeit einsatzbereit sind.

Der Verfasser hat dieses Thema gewählt um die Aktualität dieses Themas aufzuzeigen und auf die noch bestehende Bedrohung des Einsatzes dieser Kampfstoffe aufmerksam zu machen.

Der Verfasser hat sich für die Bearbeitung des Themas folgende forschungsleitende Fragen gestellt:

„Wie stellen sich die Geschichte der Entwicklung und des Einsatzes chemischer Waffen und die rechtlichen Grundlagen dar?“

„Was sind die Eigenschaften und Wirkung chemischer Kampfstoffe und wie sind diese Zusammengesetzt?“

Um diese Fragen zu beantworten wird zunächst auf die Geschichte der chemischen Kampfstoffe und deren Entwicklung eingegangen. In weiterer folge beschreibt die Arbeit die chemischen und physikalischen Eigenschaften der wichtigsten Vertreter in den verschiedenen Kampfstoffgruppen, sowie deren Wirkung auf die kontaminierten Personen. Anschließend werden die rechtlichen Grundlagen für ein Verbot des Einsatzes chemischer Kampfstoffe und das potentielle Gefahrenbild aufgezeigt.

2. Definition

„Chemische Kampfstoffe

Chemische Kampfstoffe sind chemische Substanzen für den militärischen

Einsatz mit folgenden Zielen:

- den Gegner zu töten, zu schädigen oder zeitweilig gefechtsunfähig

zu machen,

- das Leben im Hinterland zu stören,
- den Nachschub zu verzögern oder zu unterbrücken,
- die Kampfmoral zu brechen,
- Panik, Angst und Schrecken unter der Zivilbevölkerung auszulösen.

Definition gem. HMV

- sind feste, flüssige oder gasförmige Chemikalien, die derart giftige (toxische) Eigenschaften besitzen, dass sie bei der Freisetzung aus eigens dazu entworfenen Geräten oder aus dazu entworfener Munition, den Tod oder sonstige Körperschäden herbeiführen.[1]

3. Geschichte der Einsätze und der Entwicklung von chemischen Kampfstoffen und chemischen Kampfmitteln…

In den folgenden Unterkapiteln werden die geschichtliche Entwicklung und die Einsätze von chemischen Waffen und Kampfmitteln beschrieben. Bei der Durchsicht von einschlägiger Literatur zu diesem Thema stößt man vieler Orts auf die Formulierung „vermutlicher Einsatz von…“ oder „unerklärbares Sterben von Menschen….“ da oft keine Beweise für den Einsatz von C-Waffen mehr gefunden wurden oder gar nicht untersucht wurde. Es ist daher davon auszugehen das es weltweit zu weitaus mehr als nur den öffentlich gekannten Anwendungen von chemischen Kampfstoffen gekommen ist.

3.1 … in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg

Die Anfänge der Kriegsführung mit Hilfe chemischer Kampfstoffe und Kampfmittel liegt Jahrtausende zurück. Es ist mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass schon lange vor den ersten bekannten Aufzeichnungen tierische und pflanzliche Gifte an Waffen (Pfeile, Messer usw.) bei der Jagd, aber auch beim Kampf eingesetzt worden sind. Ein Pfeilgift namens CURARE zählt wohl zu den bekanntesten Giften aus jener Zeit.[2]

In alten chinesischen Schriften über das Militärwesen findet man Hinweise auf die Verwendung von Giften, reizendem Rauch und Brandmitteln. Besonders zur Erstürmung von Festungen, also im stationären Kriegseinsatz, fanden diese Kampfstoffe vorerst ihre Anwendung. Feuer und die absichtlich erhöhte Rauchentwicklung durch Beimischung von Harzen, tierischen Fetten oder Pech dienten zur Verschleierung der eigenen Bewegung der Truppen, aber auch der Beeinträchtigung der verteidigenden Kräfte. Größere Erfolge im Einsatz dieser Kampfmittel blieben jedoch aufgrund der ungenügenden technischen Einsatzmitteln oder der Wirksamkeit der Stoffe meist aus.[3]

Aus der Zeit 600 v. Chr. sind Berichte überliefert, welche über die Einnahme einer Stadt durch Vergiftung der Trinkwasserversorgung durch den Saft der NIESWURZ erzählen. Dieses Gift soll zu einer Durchfallerkrankung geführt haben, welche die Bewachung beeinträchtigte und so die Eroberung der Stadt ermöglichte.

Im Pelloponesischen Krieg (431-404 v. Chr.) setzten die Spartaner Schwefelrauchkörper ein, die durch das so entstehende Schwefeldioxid als Reizmittel dienten. Ebenso wurden um die Festung PLATÄA zu erobern, giftige Gase verwendet, die entstehen, wenn man mit Schwefel und Pech getränktes Holz anzündet.

In den Schriften des Autors SEXTUS JULIUS AFRICANUS beschreibt dieser die Möglichkeit der Anwendung von Giften, Flämm- und Brandmitteln zu kriegerischen Zwecken. Auch schildert er die nötigen Arbeitsschritte zur Vergiftung von Brunnen und Lebensmitteln.[4]

Die detailierte Beschreibung des bereits seit dem 6. Jhdt. vor Chr. bekannten „Griechischen Feuertopfes“ ist ebenso angeführt. Dieses Gemisch aus Schwefel, Salpeter, kredonischem Pyrit (Antimonsulfid), Sykomorensaft, flüssigem Asphalt und ungelöschtem Kalk soll schon durch das Einwirken einfacher Sonnenstrahlen zur Entzündung gebracht werden können.[5]

360 v. Chr. empfiehlt ein Kriegsherr namens AINAIAS die Benutzung von Töpfen mit Schwefel, Harz, Pech, Werg und Holzspänen für den Kriegseinsatz.[6]

187 v. Chr. werden römische Truppen durch beißenden Qualm von sengenden Federn aus den unterirdischen Gängen der Stadt AMBRACIA (Griechenland) vertrieben.

Während der Sung Dynastie in China (960 – 1279) wird giftiger Arsenrauch in Kriegen eingesetzt.

Der byzantinische Feldherr BELISAR vergiftet die Wasserzisterne der Stadt AUXINIUM genauso wie im Jahre 1135 Kaiser BARBAROSSA die der Stadt TORTONA und bezwingt damit die Verteidiger.

Ein altes Kriegsbuch von Hassan ALRAMMAH, das zwischen 1275 und 1295 geschrieben wurde, könnte man wahrscheinlich als erste Vorschrift für den Einsatz von „psychotoxischen“ Kampfstoffen bezeichnen. In ihm findet man die Beschreibung der Anwendung von giftigen und einschläfernden Dämpfen, die durch die Verbrennung von arsen- und opiumhältigen Stoffen entstehen.

Der Arzt FIORAVANTI erzeugt um 1400 durch Destillation einer Mischung aus Terpentin, Menschenkot, Schwefel und Blut ein Öl, dessen Gestank kein Mensch aushalten kann.[7]

1452-1519 empfiehlt auch Leonardo da Vinci die Nutzung von arsenhaltigem Rauch zur Belagerung von Festungen.[8]

Etwa 1570 schlug der österreichische Ritter Veit Wulff von Senftenberg vor, arsenhaltigen Rauch durch Hunyadi bei der Verteidigung von Belgrad gegen die Türken zu verwenden. Die sogenannten Arsenikrauchkugeln sollten ins feindliche Lager geschleudert und so die Lagerbesatzung vergiftet werden.

1601 wird in einer Chronik die Anwendung von „stinkendem Rauch“ beschrieben, der von den Mongolen in der Schlacht bei LIEGNITZ (1241) eingesetzt worden sein soll.

Um 1654 wurde vom Mailänder Alchimisten DATILLO der Vorschlag unterbreitet, einen pulverartigen Stoff zu verwenden, der bei seiner Verbrennung einen dichten Rauch und unerträglichen Gestank verbreitete. Ebenso mischte er ein Öl aus tierischen Stoffen und Chemikalien, dessen Gestank die Betroffenen kampfunfähig gemacht haben soll.

Eine Stielhandgranate gefüllt mit Arsen, Antimon und Schwefel wird in einem Buch über Artillerie 1660 erwähnt. Diese sogenannte „FEWER-BALLEN“ entwickelten beim Abbrand einen giftigen Rauch und sie wurden bis ins 17. Jhdt. mehrfach in Kriegen eingesetzt.[9]

KASIMIR SIMIENOWICZ schreibt in seinem 1676 gedruckten Buch „ARTIS MAGNAE ARTILLERIAE“ über die Verwendung von Giften in der damaligen Kriegsführung „ Im Kriege stirbt man jetzt nicht nur auf eine, sondern auf eine dreifache Art: durch Eisen oder Blei, durch Gift und Feuer“[10]. Weiters beschreibt er die Herstellung von Giftkugeln gefüllt mit „Mercurial – Wasser“ (ein damals unter Alchemisten verwendetes Lösemittel, das angeblich alle Materie auflösen konnte) und giftigen Säften.

Ein Geschoss mit zwei Kammern gefüllt mit Salpetersäure und Terpentinöl konstruierte ein Arzt, Chemiker und Technologe namens GLAUBER. Es sollte zum Ausräuchern von Gegnern benutzt werden, da es augenreizende Gase entwickelt.

Ende des 18. Jhdt. setzte Frankreich zur steigernden Wirkung seiner Artilleriegeschosse Chemikalien ein. Im Zuge dessen wurde erstmals Phosphor als brandauslösender Stoff bei der Kaperung von Schiffen verwendet. Die Truppen belagerter Städte sollen mit „Stinkbomben“, die aus Heißluftballons abgeworfen wurden, bombardiert worden sein.

Mit Blausäure getränkte Pinsel sollten auf Vorschlag eines Berliner Apothekers 1813 auf Bajonette befestigt werden. Dies wurde jedoch aufgrund der schlechten Handhabbarkeit vom damaligen General Bülow abgelehnt.

1830 wurde schließlich eine Gas- und Brandgranate erfunden, die bei ihrer Explosion einen hustenreizenden Rauch entwickelte.

1844 töteten französische Truppen in Marokko eine Gruppe Aufständischer in einem Höhlenlabyrinth, indem vor den Eingängen Faschinen (Reisig- und Strauchbündel) entzündet wurden, deren Rauchgase tödlich wirkten.

1845 lässt der französische Oberst PELISSIER gegen aufständische Kabylen in der Höhle von Nemchia Rauch aus grünem Reisig einsetzen (1095 von 1150 sterben).[11]

1854 werden vom englischen Chemiker STENHOUSE (Entdecker des Chlorpikrins ein Lungenkampfstoff) Granaten mit Ammoniakfüllung (Tränenreizstoff) vorgeschlagen. Diese sollen für einen kurzen und schnellen Krieg sorgen, da diese Stoffe in hoher Konzentration das Herz und das Nervensystem schädigen. Erstmals spricht STENHOUSE auch von der Verwendung von Schutzmasken zum Gasschutz. Im gleichen Jahr geht im englischen Kriegsministerium der Vorschlag ein, Bomben mit giftigem Kakodyloxid (Arsenoxidverbindung) zu füllen. Nach der Detonation sollte sich das Gift entzünden oder zu tödlichen Schäden bei Menschen durch Vergiftung führen. Diese Anregungen werden jedoch vom Ministerium abgelehnt.

Französische Befehlshaber verhinderten dank ihrem Kommando über die Expeditionstruppen, dass der englische Lord DUNDONALD 1855 im Krimkrieg das Fort MALAKOW durch Abbrennen einer Mischung aus Schwefel, Teer und Kohle einnehmen konnte.

1863 meldete der New Yorker Ingenieur J. W. DOUGHTY ein Patent auf mit Chlor gefüllte Granaten an. Diese sollten im amerikanischen Bürgerkrieg eingesetzt werden. Ob oder wo es zu einer Erprobung oder Einsatz gekommen ist, wurde nicht überliefert.

1870 -1871 schlug ein deutscher Apotheker im französich – deutschen Krieg den Einsatz von Kampfstoffgranaten gefüllt mit VERATRIN (Insektizid gegen Kopfläuse) vor. Dieser Reizstoff hätte die Gegner nicht getötet, sondern durch Auftreten eines 30-minütigen Niesreizes kampfunfähig gemacht.[12]

1871/72 wurden in den USA Patente angemeldet, die die Sicherung von Warenlagern und Tresoren mit Giftstoffen beinhalteten.

Die deutsche Armee untersuchte in ihren artillerietechnischen Laboren Erfindungen von chemischen Kampfmitteln, die im Festungskrieg eingesetzt werden konnten. 1897 wurde dann ein Patent auf ein Geschoss eingereicht, welches bei der Explosion giftige Gase freisetzte.[13]

3.2 … während des ersten Weltkrieges

Der rasche Aufschwung der chemischen Industrie, besonders die großtechnischen Produktionsverfahren der Farbindustrie erwiesen sich als geeignete Produktionsstätte für die Masse an militärisch bedeutsamen Mengen an Giftstoffen. Dies ist mitunter ein Grund für die erschreckend schnelle Entwicklung und den Einsatz chemischer Kampfstoffe im ersten Weltkrieg.

Obwohl viele Staaten sich in der Haager Landkriegsordnung dem Verbot der Verwendung von Geschossen mit dem Zweck erstickende und giftige Gase zu verbreiten unterwarfen, ging der erste Weltkrieg als erster und bis jetzt größter militärischer Einsatz mit C-Kampfstoffen hervor.

Zuerst setzten die Franzosen im August 1914 Gas-Gewehrgranaten gefüllt mit Augenreizstoff (Bromessigester)ein. Die geringe Menge von nur 19 Kubikzentimetern reichte jedoch nicht aus, um eine wirksame Konzentration am Gefechtsfeld zu erreichen.[14]

Am 27. Oktober 1914 folgte dann ein deutscher Artilleriefeuerüberfall mit 3000 10,5 cm Schrapnellen. Diese Geschosse waren neben der Brisanzladung mit Dianisidinsalz (eine Art von Niespulver) gefüllt. Auch hier zeichnete sich kein nennenswerter Erfolg ab.

Im November 1914 kam es unter dem Decknamen „Tonite“ zur Erstanwendung des augenreizenden Chloracetons durch Frankreich.[15]

All diese ersten Versuche zu Anfang des ersten Weltkrieges blieben erfolglos, da zumeist die Konzentration oder die meteorologischen Verhältnisse nicht entsprachen. Als im Winter 1914/1915 dann die Westfront zum Stellungskrieg erstarrte, empfahl der deutsche Chemiker Prof. Dr. Fritz HABER die Anwendung von Chlor aus Druckgasflaschen, um Festungen zu „brechen“ und dem Gegner in den Stellungen zu vernichten. Unter Leitung dieses Nobelpreisträgers (1918 für Chemie-Technische Stickstoffgewinnung – HABER/BOSCH Verfahren) wurde von einer Gruppe von Wissenschaftlern die „wissenschaftlichen“ Vorbereitungen des Blasangriffes betrieben. Sogar dem deutschen Kaiser selbst wurde ein Versuchsabblasen vorgeführt. Dabei dienten Schafe als Versuchsobjekte.[16]

Der erste Feldversuch mit Chlorgas fand dann im Jänner 1915 an der Ostfront statt. Aus metergroßen Gasflaschen wurde Chlor auf die russischen Stellungen abgeblasen, mit dem Resultat von zahlreichen Toten und Verletzten.

Im Januar 1915 wurde Xylylbromid (taktische Kampfmischung gegen Augen, Nasen und Rachen) eingesetzt, als deutsche Truppen bei Bolimow und Łódź 15-cm-12-T-Granaten verschossen. Im kaiserlichen Deutschland wurde es als T-Stoff bezeichnet (in Großbritannien als Elder-Gas) und als chemischer Kampfstoff betrachtet und auch verwendet. Die Wirkung war auf Grund der herrschenden Temperaturen gering, da nicht genügend Xylylbromid verdampfen konnte. Bei einem Einsatz an der Westfront im März 1915 in der der Nähe von Nieuport (Westflandern) war der Erfolg auf Grund höherer Temperaturen größer.

Ebenfalls im März 1915 begann der Einbau von Chlorgasflaschen an der Westfront und man wartete nur noch auf günstige Wetterverhältnisse, besonders auf günstigen Wind.

22. April 1915 – „Der schwarze Tag von YPERN“.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung „The Illustrated London News; Hanslian, 1937“

Unter dieser Bezeichnung ging der erste feldmäßige Blasangriff der Deutschen auf die französischen und englischen Soldaten in die Geschichte ein. Auf die völlig überraschten Gegner wurden aus 5730 Gasflaschen 30.000 kg Chlor auf einen 6 km breiten Frontabschnitt abgeblasen. Da kein Schutz in der Form von Gasmasken vorhanden war, mussten nach französischen Angaben 5000 Tote und 15000 Verletzte beklagt werden.

Insgesamt wurden auf diese Weise 498 t Chlor aus 20730 Zylindern abgeblasen, doch bald erfüllte diese Art der Anwendung nicht mehr seinen Zweck, da das metallische Geräusch bei In-Stellung-Bringen der Gasflaschen gehört wurde und die Windrichtung nicht immer passte. In weiteren Kriegsverlauf wurde ab 1917 dann das Abblasen durch das Verschießen von Gasgranaten aus Granatwerfern und Artilleriegeschützen abgelöst. Dadurch kannte der Gasangriff nicht nur überraschend stattfinden, sondern wurde durch die Sprenggranaten auch noch „getarnt“.[17]

Die Entende Mächte zogen im Kampf mit chemischen Kampfstoffen nach. Am 25. September 1915 kam es an der Westfront bei Loos durch den Kommandeur der ersten englischen „Gasbrigarde“ FOULKES zum ersten Blasangriff gegen die Deutschen.

Deutschland erweiterte sein Arsenal an chemischen Kampfstoffen mit Phosgen (Lungenkampfstoff), welches es im Dezember 1915 erstmals einsetzte.

Die französische Armee verschoss am 21. Februar 1916 bei Verdun 75mm Granaten, die mit Phosgen gefüllt waren. Dieser Angriff endete mit hohen Verlusten auf deutscher Seite.

Am 7. Mai verschoss die deutsche Armee erstmalig Diphosgen (Lungenkampfstoff auch Perstoff genannt) aus Kanonenbatterien auf Stellungen an der Maas. Diesen Angriff folgte in der Nacht 22. zum 23. Juni 1916 ein siebenstündiges Trommelfeuer auf Stellungen bei Verdun. Hier wurden 76000 Haubitzen- und 40000 Kanonengranaten mit Diphosgenfüllung verschossen.

Am 1. Juli 1916 verschossen die Franzosen erstmals Blausäure (Blut- und Nervenkampfstoff) an der Somme. Dieser sehr flüchtige Kampfstoff konnte jedoch die erwartete Kampfkonzentration nicht erzeugen.

Die englischen Einheiten verwendeten am 24. September 1916 erstmals vierzöllige Granatwerfermunition gefüllt mit dem Augenreizstoff Jodessigester.

Im September/Oktober 1916 zogen dann auch die Russen in Punkto chemische Kampfstoffe nach. Sie setzten Chlorpikrin (Lungenkampfstoff) vermischt mit Chlor gegen die Deutschen ein. Chlorpikrin wurde 1848 durch den britischen Chemiker John STENHOUSE (siehe vorheriges Kapitel) entdeckt.

Im Oktober 1916 verschossen Frankreich und Österreich-Ungarn erstmals Chlorcyan.[18]

Am 10./11. Juli 1917 wurde von deutscher Seite der starkwirkende Nasen- und Rachenreizstoff CLARK 1 (Diphenylchlorarsin) eingesetzt. Dieser Stoff ging als „Maskenbrecher“ in die Geschichte ein, da die damals gebräuchlichen Schutzmasken noch über keinen Schwebstofffilter verfügten. Der Kampfstoff „durchschlug“ also die Schutzmaske und führte zu einem unerträglichen Hustenreiz bis hin zum Erbrechen. Soldaten, die daraufhin ihre Maske abnahmen, wurden durch andere Kampfstoffe wie Phosge oder Perstoff (Lungenkampfstoffe) tödlich verletzt. Dieses Verschießen mehrerer verschiedener chemischer Munitionsarten nannte man „Buntschießen“ und die so kontaminierten Gebiete „bunte Räume“.

Die erste Verwendung des Hautkampfstoffes LOST fand am 12/13. Juli 1917 bei Ypern Deutschland durch die Deutschen statt. In den darauffolgenden Tagen wurden 2500 Tonnen dieses Kampfstoffes auf französische und englische Truppen verschossen, was zu einer zwar geringen Zahl an Toten, aber zu einer erheblichen Anzahl von Kampfstoffverletzten führte. Der Vorschlag zur Verwendung als Giftgas kam von den beiden deutschen Chemikern Lommel und Steinkopf, beides Mitarbeiter von Fritz HABER am Kaiser-Wilhelm-Institut. Der Name Lost entstand aus den beiden ersten Buchstaben ihrer Nachnamen. Bekannter ist LOST auch unter den Namen Senfgas, S-LOST oder Gelbkreuzgas.

Am 24. Oktober 1917 fand der Ersteinsatz chemischer Kampfstoffe an der Isonzofront statt. Österreichische Truppen gewannen mit Hilfe von 100.000 chemischen Artilleriegranaten eine Durchbruchsschlacht.[19]

Im März 1918 kam es zur Erstanwendung von arsenhaltigen Hautkampfstoffen (Ethyl- und Methyldichlorarsin) durch Deutschland. Zwei Monate später wurde von den Deutschen erstmals CLARK 2 (Cyanid-Arsen-Kampfstoff) eingesetzt.[20]

Als Antwort auf den Deutschen „Maskenbrecher“ setzten die Franzosen im September 1918 erstmalig Adamsit (Nasen- und Rachenreizstoff) ein.

1918 entdeckte der amerikanischen Chemiker Winford Lee Lewis das nach ihm benannte LEWISIT. Es ist von der Wirkung her mit LOST vergleichbar, kam aber im 1. Weltkrieg nicht mehr zum Einsatz.[21]

Insgesamt starben im Verlauf des 1. Weltkrieges an die 100.000 Menschen an den Folgen des Einsatzes chemischer Kampfstoffe. Die Zahl der durch diese C-Waffen verletzten Menschen liegt bei über 1,3 Millionen. Trotz dieser hohen Zahl an Toten und Verwundeten konnte keine Seite der Kriegsgegner einen kriegsentscheidenden Vorteil aus dem Einsatz von chemischen Kampfstoffen erringen. Einzig die „Erprobung“ dieser neuen Art von Waffe und deren Weiterentwicklung wurde durch diesen Krieg beschleunigt.[22]

[...]


[1] Obst Ing Hemmer, Heinz: Chemische Waffen. In: Schulbehelf 108_002. FH-DiplStG „MilFü“, HS & LM-Verw. S. 21

[2] Vgl. Obst Ing Hemmer, Heinz: Chemische Waffen. In: Schulbehelf 108_002. FH-DiplStG „MilFü“, HS & LM-Verw. S. 5

[3] Vgl. Ebd. S. 5

[4] Vgl. Ebd. S. 6

[5] Vgl. Obst Ing Hemmer, Heinz: Chemische Waffen. In: Schulbehelf 108_002. FH-DiplStG „MilFü“, HS & LM-Verw. S. 6

[6] Vgl. Szinicz, L.: Geschichte biologischer und chemischer Kampfstoffe. Online in Internet: URL: http://www.gesundheitsmanagement-tuebingen.de/regtox/31scihis.pdf [Stand 22.05.2008]

[7] Vgl. Obst Ing Hemmer, Heinz: Chemische Waffen. In: Schulbehelf 108_002. FH-DiplStG „MilFü“, HS & LM-Verw. S. 6

[8] Vgl. Szinicz, L.: Geschichte biologischer und chemischer Kampfstoffe. Online in Internet: URL: http://www.gesundheitsmanagement-tuebingen.de/regtox/31scihis.pdf [Stand 22.05.2008]

[9] Vgl. Obst Ing Hemmer, Heinz: Chemische Waffen. In: Schulbehelf 108_002. FH-DiplStG „MilFü“, HS & LM-Verw. S. 7

[10] Vgl. Ebd. S. 7

[11] Vgl. Szinicz, L.: Geschichte biologischer und chemischer Kampfstoffe. Online in Internet: URL: http://www.gesundheitsmanagement-tuebingen.de/regtox/31scihis.pdf [Stand 22.05.2008]

[12] Vgl. Obst Ing Hemmer, Heinz: Chemische Waffen. In: Schulbehelf 108_002. FH-DiplStG „MilFü“, HS & LM-Verw. S. 8f

[13] Vgl. Ebd. S. 8f

[14] Vgl. Ebd. S. 9

[15] Vgl. Szinicz, L.: Geschichte biologischer und chemischer Kampfstoffe. Online in Internet: URL: http://www.gesundheitsmanagement-tuebingen.de/regtox/31scihis.pdf [Stand 22.05.2008]

[16] Vgl. Obst Ing Hemmer, Heinz: Chemische Waffen. In: Schulbehelf 108_002. FH-DiplStG „MilFü“, HS & LM-Verw. S. 10

[17] Vgl. Ebd S. 11f

[18] Vgl. Ebd. S. 12

[19] Vgl. Ebd. S. 13

[20] Vgl. Szinicz, L.: Geschichte biologischer und chemischer Kampfstoffe. Online in Internet: URL: http://www.gesundheitsmanagement-tuebingen.de/regtox/31scihis.pdf [Stand 22.05.2008]

[21] Vgl. Ebd.

[22] Vgl. Obst Ing Hemmer, Heinz: Chemische Waffen. In: Schulbehelf 108_002. FH-DiplStG „MilFü“, HS & LM-Verw. S. 14

Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Chemische Kampfstoffe: Geschichte, Entwicklung und Einsatz
Hochschule
Fachhochschule Wiener Neustadt  (Institut für Offiziersausbildung an der Theresianischen Militärakademie)
Veranstaltung
Lehrveranstaltung
Note
1
Autor
Jahr
2008
Seiten
56
Katalognummer
V119340
ISBN (eBook)
9783640233427
ISBN (Buch)
9783640233601
Dateigröße
1915 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Chemische, Kampfstoffe, Geschichte, Eigenschaft, Wirkung, Reizstoffe, Formel, Strukturformel, Gesetz, Einsatz, Verbot
Arbeit zitieren
Markus Schnedlitz (Autor), 2008, Chemische Kampfstoffe: Geschichte, Entwicklung und Einsatz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119340

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