Das Ohr als unser Tor zur Welt. Umsetzungsmöglichkeiten zur bestmöglichen (Früh)Förderung hörgeschädigter Kinder in der Primarstufe


Bachelorarbeit, 2022

54 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitende Bemerkungen

2 Bedeutung des Hörens
2.1 Aufbau und Funktionsweise des Hörorgans
2.2 Spracherwerb bei hörenden Kindern

3 Hörminderungen im Kindesalter
3.1 Ätiologie
3.1.1 Pränatal
3.1.2 Perinatal
3.1.3 Postnatal
3.2 Periphere Hörstörung
3.2.1 Schallleitungsschwerhörigkeit (SLS)
3.2.2 Schallempfindungsschwerhörigkeit (SES)
3.2.3 Kombinierte Schwerhörigkeit
3.2.4 Gehörlosigkeit und Ertaubung
3.3 Zentrale Hörstörung (AVWS)
3.4 Grad des Hörverlustes
3.5 Spracherwerb bei hörgeschädigten Kindern
3.6 Symptome einer Hörminderung
3.6.1 Auffälligkeiten in der Lautsprache
3.6.2 Auffälligkeiten in der Aufmerksamkeit
3.6.3 Auffälligkeiten im Verhalten

4 Pädaudiologische Diagnostik im Alter von 6-10 Jahren
4.1 Medizinische Audiometrie
4.2 Pädagogische Audiometrie

5 Hörsysteme
5.1 Funktionsweise moderner Hörgeräte
5.2 Hinter-dem-Ohr-Hörgeräte (HdO)
5.3 In-dem-Ohr-Hörgeräte (IdO)
5.4 Implantierbare Hörsysteme
5.4.1 Cochlea-Implantat (CI)
5.4.2 Spracherwerb von Kindern mit Cochlea-Implantat

6 (Früh)Förderung hörgeminderter Kinder in der Regelschule
6.1 Anzeichen einer Schwerhörigkeit in der Schule
6.2 Hörende und hörgeminderte Schüler*innen gemeinsam unterrichten – die Rolle der Lehrperson
6.3 Räumliche Bedingungen, optimale Sitzordnungen und Akustik im Klassenzimmer
6.4 Nachteilsausgleich

7 Schlussbemerkung – Beantwortung der Forschungsfrage

8 Literaturverzeichnis

9 Abbildungsverzeichnis

Abstract

Ausgehend von der Forschungsfrage: „Welche Umsetzungsmöglichkeiten bieten sich Lehrpersonen zur (Früh)Förderung hörgeminderter Kinder im Unterricht der Grundschule?“, wurde sich in dieser Literaturarbeit mit didaktischen und praktischen Hilfsmitteln, sowie räumlichen Strukturen, die sich zur Unterstützung von Kindern mit einer Hörbeeinträchtigung bewährt haben, beschäftigt.

Die Ergebnisse zeigen, dass man als Lehrperson viele Maßnahmen umsetzen kann, um auftretenden Schwierigkeiten im Unterricht von Kindern mit einer Hörminderung entgegenzuwirken.

Durch das nötige Fachwissen weiß die Lehrperson, wie sie bestmöglich vor der Klasse steht und mit ihr spricht und welch große Bedeutung der richtige Umgang mit einer frequenzmodulierten Funksignalanlage (FM-Anlage) hat. Erwiesenermaßen sorgen eine optimale Sitzordnung, eine gute Beleuchtung des Klassenzimmers und verschiedene unterrichtsunterstützende Hilfsmittel dafür, dass die Unterrichtszeit effektiv genutzt werden kann und alle Schüler*innen von einem gut strukturierten Unterricht profitieren.

Abstract

This bachelor thesis is based on the research question: “What implementation options are available to teachers to support hearing-impaired children in primary school?”.

The results show that a teacher can implement various measures to counteract difficulties, which arise by teaching children with hearing loss.

Due to the necessary expertise, the teacher knows how to best stand in front of the class, how to talk to them in the best possible way and how important it is to use a FM system correctly. It has been proven that an optimal seating arrangement, good lighting and teaching aids ensure, that the time can be used effectively and that all students benefit.

1 Einleitende Bemerkungen

Ein Mensch braucht sein Gehör!

Wir leben in einer Welt voller Töne, Geräusche, Rhythmen und Melodien und produzieren Klänge, indem wir lachen, reden oder weinen. Gehörtes kann unser Empfinden verändern, Erinnerungen hervorrufen, zum Mitsingen anregen und erzeugt Emotionen. Das Hören spielt also in nahezu allen Lebensbereichen eine wichtige Rolle und ist auch in der Schule von entscheidender Bedeutung.

Wie muss es also sein, wenn man plötzlich nicht mehr hören kann, oder noch nie das Privileg hatte, all die wunderschönen Klänge in unserer Umgebung wahrzunehmen?

Wie orientieren sich hörgeminderte Kinder im Klassenzimmer, wie kommunizieren sie mit Mitschüler*innen und Lehrpersonen, wie erlernen sie die Schriftsprache und wie kann ich als Lehrperson betroffenen Kindern den Schulalltag so stressfrei wie möglich gestalten? All das sind Fragen, die ich mir gestellt habe und in meiner Bachelorarbeit beantworten werde.

Ich möchte Lehrpersonen dafür sensibilisieren, was es heißt, als hörgemindertes Kind in einer Klasse voll hörender Schüler*innen zu sitzen und welche negativen Auswirkungen eine Schwerhörigkeit auf das Verhalten, schulische Leistungen und das Klassenklima haben kann, wenn man als Lehrperson nicht adäquat mit solch einer Situation umgeht. Schon eine leichte Schwerhörigkeit kann ein großes Problem im täglichen Unterricht sein, weswegen es enorm wichtig ist, dass Lehrpersonen wissen, worauf es ankommt, wenn sie mit hörgeminderten Kindern arbeiten und welche Hilfen sie in den Unterricht einbauen können, um dem betroffenen Kind das Lernen zu erleichtern und es in seiner Schullaufbahn bestmöglich zu fördern.

In den folgenden Kapiteln werden theoretische Grundlagen über unser Hörorgan, Arten der Schwerhörigkeit und ihre Folgen, sowie verschiedene Hörsysteme erläutert, um Lehrpersonen grundlegende Informationen sowie Umsetzungsmöglichkeiten für einen gewinnbringenden Unterricht bereitzustellen.

2 Bedeutung des Hörens

„Nicht sehen trennt von den Dingen, aber nicht hören trennt von den Menschen“ (Kant, o.D., Abs. 1). Die Kommunikation und der Kontakt zu anderen Menschen ist ein Grundbedürfnis, weswegen die Sprache ein wichtiger Teil des Menschen und eng verknüpft mit unserer Persönlichkeit ist. Dieses Kapitel umfasst grundlegende Informationen über das Hörorgan und den Spracherwerb von hörenden Kindern.

2.1 Aufbau und Funktionsweise des Hörorgans

Um zu verstehen, was eine Hörschädigung für das Kind bedeutet, ist es von großer Bedeutung zu wissen, wie unser Hörorgan aufgebaut ist und wie es funktioniert.

Die Ohren sind immer im Dienst und schlafen nie. Man kann die Ohren weder schließen noch ihnen anderweitig eine Pause gönnen. Das Hören spielt in nahezu allen Lebensbereichen eine wichtige Rolle und es ist dem Menschen kaum möglich, sich aktiv und bewusst dem Hören zu entziehen. Das Ohr besteht aus dem Hörorgan, mit dem Schallwellen aufgenommen und verarbeitet werden und aus dem Gleichgewichtsanteil (Vestibularisapparat), mit welchem Linear- und Drehwinkelbeschleunigungen dedektiert werden können (Speckmann & Wittkowski, 2014).

Das periphere Hörorgan kann man anatomisch in drei Bereiche einteilen: das Außenohr (Auris externa), das Mittelohr (Auris media) und das Innenohr (Auris interna). Das Außenohr, welches aus der Ohrmuschel, dem äußeren Gehörgang und dem Trommelfell besteht, hat die Aufgabe, ankommende Schallwellen bis zum Trommelfell zu leiten. Die Ohrmuschel und der Gehörgang sind so konfiguriert, dass sie die Frequenzen der menschlichen Sprache besonders gut weiterleiten. Nach Anregung durch eine Schallwelle beginnt das Trommelfell zu schwingen. Da das Außenohr von unserem knöchernden Schädel nicht geschützt wird, führt diese exponierte Lage nicht selten zu Verletzungen der Ohrmuschel. Das mit Luft gefüllte Mittelohr besteht aus der gelenkig verbundenen Gehörknöchelchenkette, sowie der Eustachischen Röhre (Ohrtrompete). Die Eustachische Röhre, welche vom Mittelohr zum Nasenrachen führt, ist normalerweise geschlossen und öffnet sich automatisch beim Schlucken, Sprechen, Gähnen und Pressen und ermöglicht somit den Druckausgleich zwischen dem Mittelohr und der Umgebung (T. Buttker, persönliche Kommunikation, 2021). Die Gehörknöchelchenkette, welche die Schwingungen des Trommelfells durch ihre Hebelwirkung verstärkt, umfasst die drei kleinsten Knochen im menschlichen Körper: Hammer, Amboss und Steigbügel, wobei der Steigbügel mit einer Größe von etwa drei Millimetern der kleinste ist. Sie erfüllen mit der Weiterleitung der Vibration auf das im Innenohr liegende ovale Fenster eine wichtige Übertragungs- und Verstärkungsfunktion. Das Innenohr besteht aus der Cochlea1, die wie ein Schneckenhaus geformt ist und komplett ausgerollt circa 35 Millimeter misst, und den drei Bogengängen. Letztere sind essentiell für den Gleichgewichtssinn. Durch die Vibrationsübertragung des ovalen Fensters wird die Flüssigkeit in der Cochlea in Schwingungen versetzt. Durch die in der Cochlea sitzenden winzigen inneren Haarzellen werden die Schwingungen in elektrische Signale umgewandelt, die an den Hörnerven weitergeleitet werden. Von dort gelangen die Impulse zum Gehirn, wo sie als Ton interpretiert werden (Diller, 2005). Darüberhinaus gibt es äußere Haarzellen, die eine Verstärkerfunktion erfüllen.

Anmerkung der Redaktion: Diese Abbildung wurde aus urheberrechtlichen Gründen entfernt.

Abbildung 1: Hörorgan

2.2 Spracherwerb bei hörenden Kindern

Schon vor der Geburt entwickelt sich der Hörsinn. Ab dem fünften Schwangerschaftsmonat ist die Cochlea vollständig ausgebildet und Ungeborene können hören und die Stimme ihrer Mutter von allen anderen Stimmen unterscheiden (Schneider & Siemens Audiologische Technik, 2001). Ab dem Zeitpunkt der Geburt können Neugeborene Unterschiede in der Tondauer und Tonintensität wahrnehmen, kurz nach der Geburt sogar Töne und Geräusche lokalisieren. Kinder entwickeln auschlaggebende vorsprachliche Phänomene und Fähigkeiten noch bevor der Spracherwerb im engeren Sinne mit der Produktion erster Ein-Wort-Äußerungen zustande kommt. Sie haben ein angeborenes Interesse an Sprache und Stimmen und verstehen sie, lange bevor sie selbst sprechen können. Sie unterscheiden sprachliche von nicht-sprachlichen Signalen, wobei sie erstere bevorzugen und sind im ersten Lebensjahr in der Lage, Lautunterscheidungen wahrzunehmen, sowie sich für ihre Muttersprache zu sensibilisieren. Silbenreduplikationen (dadada, lalala, etc.) gehören zu den wichtigsten expressiven Vorläuferfähigkeiten, welche ab dem siebten Lebensmonat auftreten (Bader, 2020). Wenn ein Kind gesprochene Laute richtig wahrnimmt und die Aufmerksamkeit direkt auf den Höreindruck lenken kann, Gestik und Mimik der Sprechenden erlernt und das Gehörte richtig interpretiert, kann man ab dem neunten Lebensmonat davon ausgehen, dass das Kind ein erstes Sprachverständnis besitzt (Schneider & Siemens Audiologische Technik, 2001).

Die einzelnen Schritte des Spracherwerbs laufen allerdings zu keiner Zeit in Stufen oder Meilensteinen ab, sondern sind, konträr zu vielen Spracherwerbstheorien, eher als Phasen oder loses Zeitfenster zu betrachten (Bader, 2020). Es ist in den ersten drei Lebensjahren vielmehr ein individueller persönlicher Prozess, der Abweichungen von bis zu sechs Monaten als nicht auffallend ansieht. Auch sogenannte u-förmige Verläufe, bei denen fehlerfreie Formen zuerst verwendet werden, anschließend verschwinden und nach einiger Zeit wieder neu aufgegriffen werden, sind nicht ungewöhnlich. Ein gesundes und hörendes Kind ist genauso auch in der Lage, simultan oder sukzessiv eine oder mehrere weitere Sprachen zu erlernen. Wie gut dieser Spracherwerb gelingt, ist allerdings bedingt von Qualität und Quantität des sprachlichen Inputs des familiären Bezugs.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Lautspracherwerb mit etwa vier bis viereinhalb Jahren in Grundzügen abgeschlossen sein sollte. Ein Kind sollte bis dahin Sprachlaute phonologisch korrekt verwenden, einen gut strukturierten Wortschatz von über 3.000 aktiven, sowie einen passiven Wortschatz, der ungefähr doppelt soviele Einträge hat, besitzen und sich über alle, für das Kind wichtigen Themen, austauschen können (Bader, 2020).

Zu erwähnen ist jedoch, dass es unangebracht wäre „[…] alle Abweichungen als individuelle Normvariante abzutun und daraus eine grundsätzliche abwartende Haltung bei Auffälligkeiten des Spracherwerbs abzuleiten“ (Bader, 2020, S. 328).

3 Hörminderungen im Kindesalter

„Schwerhörigkeit ist die häufigste Sinnesbehinderung des Neugeborenen. Die Prävalenz von bleibenden, bilateralen Hörstörungen liegt im Neugeborenenalter bei 1-2 pro 1.000 Neugeborenen und steigt bis zum Alter von fünf Jahren auf 2,7 pro 1.000 Kindern an“ (Fabian et al., 2018, S. 34). Jedoch ist zu erwähnen, dass die Aussagen über die Verbreitung von Hörminderungen national sowie international eklatant unterschiedlich ausfallen. Gründe ergeben sich dabei aus regionalen und epochalen Unterschieden, abweichenden Erfassungsmethoden, sowie Klassifikationsproblemen (Leonhardt, 1999). Dadurch, dass eine Hörminderung oder Gehörlosigkeit eine nicht sichtbare Behinderung darstellt, werden die Folgen einer Schwerhörigkeit, insbesondere einer hochgradigen in der Bevölkerung erheblich unterschätzt, denn gerade bei Kindern ist ein entsprechendes Hörvermögen eine unabdingbare Voraussetzung für eine altersgerechte soziale und sprachliche Entwicklung (Dazert et al., 2020). Trotz Untersuchungen zum frühzeitigen Erkennen einer Hörminderung, sowie vieler verschiedener apparativer Hörhilfen, leiden mindestens sechs bis sieben Prozent aller Erstklässler zum Zeitpunkt der Einschulung an einem nicht uneingeschränkt funktionsfähigen Hörvermögen, was soziale Isolation, emotionale Entwicklungsstörungen und eine, je nach Art der Hörstörung, erhebliche Auswirkung auf das Leistungsvermögen des Kindes haben kann (Deutscher Berufsverbund der Hals-Nasen-Ohrenärzte, 2014).

Je nachdem, wo in der Kette von Ereignissen des Hörvorganges ein Defekt auftritt, entsteht eine Form von Hörverlust, dessen Ursache dementsprechend vielfältig sein kann (T. Buttker, persönliche Kommunikation, 2021).

3.1 Ätiologie

Die geläufigste Einteilung von Hörminderungen ist die nach dem Zeitpunkt des Eintretens. Anzuführen ist aber, dass Biesalski und Collo 1991, sowie Hattinger 2010 erwähnen, dass man bei ungefähr 40 % aller Kinder keine genaue Ursache finden kann. In der Konsequenz handelt es sich um Hörschädigungen mit unbekannter Ätiologie2.

3.1.1 Pränatal

Hörminderungen, welche schon vor der Geburt existieren, sind entweder pränatal entstanden oder genetisch bedingt. Zu pränatalen Ursachen einer Hörschädigung können unter anderem eine Infektion der Mutter während der Schwangerschaft, etwa mit Keuchhusten, Masern, Mumps oder Röteln gezählt werden, ebenso falsche oder zu viele Medikamente, aber auch Alkohol-, Nikotin- und Drogenmissbrauch. Erblich bedingte Ursachen treffen nur in zehn Prozent der Fälle zu (Hattinger, 2010). Erblich bedingt können verschiedene Syndrome, wie das Usher-Syndrom3, Waardenburg-Syndrom4, Pendred-Syndrom5, mit einhergehender Hörschädigung in Verbindung mit anderen Schädigungen, als Genese angegeben werden (Diller, 2005).

3.1.2 Perinatal

Perinatale Hörschädigungen kann man nur teilweise als angeboren betrachten. Zu ihnen gehören Hörschädigungen, welche im Zeitraum der Entbindung, genauer vier Wochen zuvor bis vier Wochen danach, entstanden sind (Gross et al., 2000). Dazu können Schädelverletzungen, Atemstillstand mit längeren Wiederbelebungsmaßnahmen oder Sauerstoffmangel während der Geburt, im Zusammenhang mit der Geburt auftretende Neugeborenengelbsucht sowie Blutgruppenunverträglichkeit zwischen Mutter und Kind zählen (Hattinger, 2010).

3.1.3 Postnatal

Bei postnatalen Hörminderungen konnte das Kind schon Höreindrücke wahrnehmen, bevor ein Hörschaden eintrat. Mögliche Ursachen können, neben der häufigsten einer Infektionskrankheit des Kindes, wie Hirn- und Hirnhautentzündung, Diphterie, Mumps, Scharlach und Masern, auch Impfschäden oder eine Schädelverletzung sein (Leonhardt, 1999).

Weiters können Hörschädigungen nach dem Ort der Störung eingeteilt werden: Schädigungen im äußeren Gehörgang, am Trommelfell, in der Paukenhöhle, in der Cochlea, an den Nervenfortsätzen oder an der zentralen Hörbahn und kortikalen Hörregion. Da die Phasen prä-, peri- und postnatal pathogenetisch für die Entwicklung einiger Krankheitsentitäten besonders markant sind, ist diese Einteilung dennoch als sehr sinnvoll zu betrachten (Gross, 2000).

3.2 Periphere Hörstörung

Unter einer peripheren Hörstörung ist eine Erkrankung des Außen-, Mittel- und/ oder Innenohrs zu verstehen. Je nachdem wo im Hörorgan eine Funktionsstörung vorliegt, wird zwischen drei Formen der Schwerhörigkeit unterschieden. Diese lauten Schallleitungsschwerhörigkeit, Schallempfindungsschwerhörigkeit und kombinierte Schwerhörigkeit.

In der Summe gibt es „die“ Hörminderung jedoch nicht. Hörminderungen können unterschiedlichste Ursachen haben, sowie in unterschiedlichen Bereichen des Hörorgans auftreten, vorrübergehend oder dauerhaft bestehen. Eine Schwerhörigkeit ist immer eng verknüpft mit der Sprachentwicklung, weswegen eine zeitnahe Behandlung und Unterstützung hörgeminderter Kinder essentiell ist, denn nur wer hört, lernt auch das Sprechen (Schneider & Siemens Audiologische Technik, 2001).

3.2.1 Schallleitungsschwerhörigkeit (SLS)

Eine Schallleitungsschwerhörigkeit, kurz SLS, ist eine Störung der Schallübertragung, bei der der Schall unvollständig oder stark abgeschwächt an das Innenohr weitergeleitet wird. Der Defekt liegt dabei entweder im äußeren Gehörgang und/ oder im Mittelohr, weswegen diese Art der Schwerhörigkeit auch oft als Mittelohrschwerhörigkeit bezeichnet wird. Ursachen können Fremdkörper, Ohrenschmalz oder Entzündungen im Gehörgang, aber auch ein unzureichender Druckausgleich sein. Eine Schallleitungsschwerhörigkeit ist meist passager und es kann durch eine medikamentöse Behandlung, einen operativen Eingriff oder durch ein Hörgerät Abhilfe geschaffen werden. Eine typische passagere Schallleitungsschwerhörigkeit im Kindesalter ist die Otitis media – die Mittelohrentzündung, bei der meist alle Frequenzen des Hörbereichs betroffen sind und Kinder die Umwelt wie „durch Watte“ wahrnehmen (Hoffmann, 2018). Kinder, welche die Sprache erlernt haben, bevor sie eine Schallleitungsschwerhörigkeit erlitten, haben meist geringere Probleme und können durch eine Distanzverringerung im Klassenzimmer oder elektroakustische Verstärkung, das, was sie nicht verstehen, ergänzen und kombinieren. Bei Persitenz kommt eine HNO-fachärztliche Sanierung in Frage, wie ein Trommelfellschnitt (Paracentese) oder eine Paukendrainage mit Einlage eines Paukenröhrchens (T. Buttker, persönliche Kommunikation, 2022). Bei Kindern, die von Geburt an schallleitungsschwerhörig sind, zeigt die Spontansprache oft Auffälligkeiten. Vor allem Endsilben, Endkonsonanten, Präpositionen, Konjunktionen, Artikel und Flexionsendungen werden weniger gut gehört, weswegen bei Verdacht schnellstmöglich eine ärztliche Behandlung vorgenommen werden sollte (Leonhardt, 1999). Mit einer Hörhilfe ist dann der Lautspracherwerb auf natürlichem Weg möglich (Truckenbrodt & Leonhardt, 2016).

3.2.2 Schallempfindungsschwerhörigkeit (SES)

Eine durch Schädigung oder unzureichende Funktion der Cochlea bedingte, verminderte Schallaufnahme oder Schallverarbeitung, bezeichnet man als Schallempfindungssschwerhörigkeit (SES) oder als sensorineurale Schwerhörigkeit. Häufig sind dabei die Haarzellen in der Cochlea geschädigt oder vollkommen zerstört und können somit den Schall nicht mehr umwandeln. Diese Art der Schwerhörigkeit tritt bei Kindern meist genetisch bedingt auf, oder ist angeboren und wirkt sich besonders negativ auf das Sprachverständis aus. Besonders frühkindlich sensorineural schwerhörige Kinder haben einen sehr eingeschränkten Spracherwerb, wenn nicht in kürzester Zeit nach Erkennen der Schwerhörigkeit mit einer Förderung begonnen wird. Vor allem Zischlaute (z, s, f), hochfrequente Konsonanten und mehrere Vokale (i, e, ü, u, ö) bereiten den Kindern große Probleme, da sie diese kaum unterscheiden können. Betroffene Kinder hören erst ab einer größeren Lautstärke, sind dennoch mindestens genauso lärmempfindlich wie andere Kinder, weswegen laute Hintergrundgeräusche in einem Klassenzimmer oder ein Gespräch mit größerer Lautstärke eher kontraproduktiv sind. Erkrankte beschreiben das Hören wie folgt: ´Ich höre, aber ich verstehe nicht.´, was daran liegt, dass tiefere Töne, also auch die Sprechstimme relativ gut wahrgenommen werden können, einzelne Laute, Wörter und Teile des Gesprächs jedoch trotzdem nicht verstanden werden (Leonhardt, 1999). Der Bereich, in dem das Hören als angenehm empfunden wird, ist dementsprechend sehr gering (Diller, 2005). Trotz einer nicht 100-prozentigen Hörfähigkeit, können bei einer optimalen Förderung sprachliche Entwicklungsrückstände und Auffälligkeiten minimiert werden und ein Lautspracherwerb kann mit Unterstützung von Hörhilfen möglich sein (Leonhardt, 1999).

3.2.3 Kombinierte Schwerhörigkeit

Bei einer kombinierten Schwerhörigkeit liegt sowohl eine Schallleitungsschwerhörigkeit, als auch eine Schallempfindungsschwerhörigkeit vor. Die Höreindrücke, die ein Kind bei dieser Schwerhörigkeit hat, können verglichen werden mit denen einer Schallempfindungsschwerhörigkeit. Meist kann diese durch eine operative Behandlung, sowie apparativ mit Hörsystemen versorgt werden (Hoffmann, 2018).

3.2.4 Gehörlosigkeit und Ertaubung

Die Gehörlosigkeit, wie die an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit, beschreibt die Menschen, die prä-, peri- oder postnatal vor dem Abschluss des Lautspracherwerbs (prälingual) hochgradig bis total durch eine Schädigung des Gehörs ertaubt sind. Der veraltete Begriff „taubstumm“ beschreibt aber schon längst nicht mehr das Schicksal solcher Erkrankten, denn auch gehörlose Kinder können die Lautsprache sowie die lautsprachliche Kommunikation, zwar nicht auf natürlichem Weg, aber mittels einer frühen Cochlea-Implantat-Versorgung6 (CI) erlernen (Truckenbrodt & Leonhardt, 2016).

[...]


1 Altgr. Cochlea = bezeichnet das Gehäuse der Schnecke, auch Hörschnecke genannt (Biesalski & Collo, 1991).

2 Beschäftigung mit der Ursache einer Krankheit (Biesalski & Collo, 1991).

3 Dominant verebte Innenohrschwerhörigkeit mit einhergehender fortschreitender Netzhautdegeneration (Hesse, 2015).

4 Autosomal dominant vererbte hochgradige Innenohrschwerhörigkeit oder Taubheit und Gesichtsfehlbildungen mit bestehender Pigmentstörungen der Augen, der Haut und der Haare (Hesse, 2015).

5 Autosomal rezessiv vererbte Schallemfpindungsstörung und Hypoplasie der Cochlea mit auftretender Vergrößerung der Schildrüse (Strutz, 2010).

6 Cochlea-Implantat = Innenohrprotese, die hochgradig schwerhörigen und gehörlosen Kindern das Hören ermöglicht (Dazert et al., 2020).

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
Das Ohr als unser Tor zur Welt. Umsetzungsmöglichkeiten zur bestmöglichen (Früh)Förderung hörgeschädigter Kinder in der Primarstufe
Hochschule
Pädagogische Hochschule Tirol in Innsbruck
Autor
Jahr
2022
Seiten
54
Katalognummer
V1193815
ISBN (Buch)
9783346639110
Sprache
Deutsch
Schlagworte
hearing-impaired, teaching aids, primary school, support
Arbeit zitieren
Julia Elisabeth Buttker (Autor:in), 2022, Das Ohr als unser Tor zur Welt. Umsetzungsmöglichkeiten zur bestmöglichen (Früh)Förderung hörgeschädigter Kinder in der Primarstufe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1193815

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