Die medinensischen Suren im Koran


Seminararbeit, 1997
25 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Unterscheidungsmermale der medinensischen Suren
2.1 Inhaltliche Merkmale
2.2 Formale und sprachliche Merkmale

3. Stand der Forschung
3.1 Theodor Nöldeke und die medinensischen Suren
3.2 Alternative Untersuchungen

4. Thematische Schwerpunkte der medinensischen Suren
4.1 Kultisch- religiöse Themen
4.2 Politische Themen
4.3 Rechtlich- soziale Themen

5. Schlußbemerkung

Literaturverzeichnis und Quellen

1.Einleitung

Die im Koran offenbarten Suren werden in Bezug auf die Auswanderung des Propheten von Mekka nach Medina in mekkanische und medinensische Suren[1] eingeteilt. Die Datierung der ein­zelnen Suren und die Klassifizierung Dieser nach den beiden Epochen beschäftigt seit Jahrhun­derten Forscher und wißbegierige Menschen vom Orient, als auch vom Okzident, da die zeitli­che Bestimmung für das Verständnis der Textstücke von fundamentaler Bedeutung ist[2].

Obwohl diese Arbeit noch nicht vollständig abgeschlossen ist und, bedingt durch die Natur der Sache, auch niemals vollständig abgeschlossen werden kann, wurden bis zum heutigen Tage große Fortschritte bei der Bewältigung dieser immensen Aufgabe getan. Heute besteht über­wiegend Einigkeit über die Zugehörigkeit der 114 bestehenden Suren. Im Gegensatz dazu be­reitet immer noch die genaue chronologische Anordnung der heiligen Texte, insbesondere der Verse, nach der exakten Entstehungs- bzw. Offenbarungszeit, den Forschern große Probleme. Hier bestehen aus diesem Grund immer noch große Differenzen und Streitpunkte, welche für eine sehr lange Zeit noch zu großen Anstrengungen und Diskussionen führen werden.

Trotz aller Diskrepanzen und Sackgassen gibt es andererseits auch einige Lichtblicke, die die Forscher und Fachinteressierten zur Aufnahme und Bewältigung neuer Aufgaben motivieren. So wurden mit der Zeit Systeme entwickelt, die eine zeitliche Eingrenzung der meisten Offen­barungen ermöglichen. Diese Systeme beruhen in der Regel auf den sprachlichen, stilistischen, inhaltlichen und formalen (äußerlichen ) Unterschieden der einzelnen Suren und Verse aus den verschiedenen Epochen der Offenbarung des Korans[3]. Eine sehr wichtige Hilfestellung bei der zeitlichen Einstufung der Suren aus der medinensischen Periode leisten dabei ganz besonders An­spielungen auf bekannte historische Ereignisse wie Kriege und Verträge[4].

Diesen Erkenntnissen folgend, wird es die Aufgabe dieser Arbeit sein, einige Einblicke in grundlegende Eigenschaften bzw. Unterschiede und Merkmale der medinensischen Suren im Ge­gensatz zu den mekkanischen aufzuzeigen und des weiteren Auszugsweisezum den Zusam­menhang zwischen inhaltlichen Themenbereichen und konkreten äußerlichen bzw. historischen Gegebenheiten anzudeuten.

2. Unterscheidungsmermale der medinensischen Suren

2.1 Inhaltliche Merkmale

Die Suren der medinensischen Periode unterscheiden sich stilistisch nur wenig von denen der dritten mekkanischen Periode, befassen sich aber überwiegend mit neuen Themen: Neben den Attacken gegen die Heiden kommt es nun mehr und mehr zu Angriffen auf Juden, später auch auf Christen[5]. Gleichzeitig wird in der medinensischen Periode weiterhin wesentlich an der Vor­stellung von der Identität der Lehre mit den früheren Offenbarungen des jüdischen und christli­chen Glaubens festgehalten. Jedoch werden diese mit wachsender Kritik betrachtet und der Unterschied zu jenen hervorgehoben[6].

Des weiteren werden nun für die Muslime bedeutsame historische Ereignisse interpretiert oder behandelt (z. B. VIII[7], die Schlacht bei Badr; XXXIII, der Grabenkrieg; XLVIII, der Frieden von Hudaibiya[8] usw.), und Gesetze, administrative Maßnahmen[9] (z. B. Straf- und Zivilrecht ) sowie rituelle Vorschriften[10] (z. B. Wallfahrt und Gebetsrichtung ) eingeführt[11].

Die Ursachen dafür liegen in der neuen Aufgabe und Tätigkeit des Propheten, neben seiner geistigen Führerschaft auch als weltlicher Herrscher zu fungieren. Diese neue Funktion des Propheten wurde durch das Fehlen einer einheitlichen Führung und Verwaltung des Gemein­wesens in Medina nach mekkanischer Art, auf Grund des mangelnden Zusammenhalt der Gruppen untereinander und des zum Teil bewaffneten Machtkampfes gegeneinander, be­günstigt. Jener Zustand erleichterte es Mohammed, in Medina Fuß zu fassen, und die, seitens der medinensischen Bevölkerung lang ersehnte Besetzung des Führungsposten, zu realisieren[12]. So wurde Mohammed, nach dem er zum Oberhaupt einer Gemeinde wurde, immer öfter in Fragen des Rechts um Rat gefragt. Darüber hinaus war es notwendig, dem Gemeinwesen verbindliche rechtliche Grundlagen, die alle Bereiche des menschlichen Zusammenlebens regeln, zu verlei­hen. Deshalb beinhaltet ein großer Teil der medinensischen Suren Bestimmungen, die die Pflichten der Muslime gegenüber Gott, und das Zusammenleben der Gläubigen regeln, sowie Aussagen über die Rolle des Propheten als religiös- politischer Führer des Gemeinwesens machen. Folg­lich stellen diese Abschnitte des Korans auch die Grundlagen für das islamische Recht dar, welches als allumfassende Lebensordnung nach dem Tode des Propheten die wichtigste einende Kraft der islamischen Staaten war[13].

2.2 Formale und sprachliche Merkmale

Wenn man die medinensischen Suren und auch die Verse äußerlich von der förmlichen Gestaltung her betrachtet, kann man feststellen, daß diese im Vergleich zu den mekkanischen in der Regel viel länger sind (wie z. B. Sure II, mit 286 Versen als die längste im Koran oder auch Sure III und IV u.a ). Da der Aufbau des Koran so gestaltet ist, daß längere Suren eher in den ersteren, und kürzere in den letzteren Abschnitten aufgeführt sind, befinden sich die medinensischen Offen­barungen meistens in der ersten Hälfte des heiligen Buches. In diesem Zusammenhang vertritt Theodor NÖLDEKE die Meinung, daß medinensische Offenbarungen, die mehr kurze Gesetze, Anreden, Befehle und dergleichen enthalten, ursprünglich von geringerem Umfang waren als die Mehrzahl der späteren mekkanischen, die gerne aus weitläufigen Vorträgen bestehen. An­dererseits hat die Gleichartigkeit des Inhalts zur Folge gehabt, daß unverhältnismäßig viel medinensische Einzeloffenbarungen zu einer Sure vereinigt wurden, weshalb die medinensischen jetzt die längsten im Koran darstellen[14].

Sprachlich betrachtet sind die medinensischen Texte nicht mehr so feurig und bewegt, wie die Textstellen aus anderen Perioden, sondern eher ruhig[15]. So wird bei der Formulierung der Ge­setze auf allerlei rhetorischen Schmuck verzichtet, die Textgestaltung in Reimen jedoch bleibt weitgehend erhalten[16].

Ein weiterer sprachlicher Kennzeichnungspunkt bei der chronologischen Einteilung ist der unter­schiedliche Sprachgebrauch in den einzelnen Perioden, der in Form von gewissen Lieblings­wörtern und Wendungen auftritt[17]. So werden oft in der medinensischen Periode die Anreden „Ihr Gläubigen! “ (z. B. II, 278; III, 100; IV, 29 usw. ), „Ihr Leute der Schrift!“ (z. B. IV, 171; V, 15; usw. ) und „Prophet! “ (z. B. VIII, 64; IX, 73; LXV, 1; usw. ) verwendet.

3. Stand der Forschung

3.1 Theodor Nöldeke und die medinensischen Suren

Wie schon am Anfang der Arbeit erwähnt, besteht überwiegend Einigkeit, zumindest über die Entstehungszeit der medinensischen Suren. Eine der umfangreichsten Untersuchungen in diesem Bereich stellt das dreiteilige Werk „Geschichte des Qoran“ des bereits oben erwähnten Wis­senschaftlers Theodor NÖLDEKE dar. Seinem Werk liegt die Theorie zugrunde, daß sich der Stil des Koran im Verlauf der ungefähr zwanzig Jahre, in der er offenbart wurde, ständig än­derte. Anfangs gab es betont poetische Passagen mit kurzen, rhythmischen Versen; dann nah­men die Verse mit der Zeit an Länge zu, und schließlich endete diese Entwicklung mit den lan­gen prosaischen Äußerungen von Medina[18]. Basierend auf diese Theorie, entwickelt NÖL­DEKE eine Methode, wonach die einzelnen Suren nach ihrer Offenbarungszeit datiert werden. Demnach stuft NÖLDEKE folgende Suren als medinensisch ein[19]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


[1] Diese Einteilung soll jedoch nur zeigen ob eine Sure vor oder nach der Hidschra verkündet wurde, und nicht den tatsächlichen Ort der Offenbarung.

[2] A. J. Weinsinck und J. H. Kramers (Hrsg. ), Handwörterbuch des Islam, 1941, S. 359

[3] Theodor Nöldeke, Geschichte des Qorans, Teil 1, 1981, S. 63- 65

[4] Vgl. A. J. Weinsinck und J. H. Kramers (Hrsg. ), S. 360 und Theodor Nöldeke, S. 172

[5] Vgl. Abschnitt 4.2 Politische Themen

[6] Vgl. A. J. Weinsinck und J. H. Kramers (Hrsg. ), S. 350

[7] Aufgeführte Koranpasagen entsprechen der Koranübersetzung von Rudi Paret. (vgl. Rudi Paret, Der Koran, Stuttgart, 1996 )

[8] Vgl. Theodor Nöldeke, S. 58

[9] Vgl. Abschnitt 4.3 Rechtlich- soziale Themen

[10] Vgl. Abschnitt 4.1 Kultisch- religiöse Themen

[11] W. Montgommery Watt, Der Islam I, 1980, S. 189

[12] Rudi Paret, Mohammed und der Koran, 1991, S. 34- 35

[13] Tilman Nagel, Der Koran, 1983, S. 84

[14] Vgl. Theodor Nöldeke, S. 172

[15] Vgl. Theodor Nöldeke, S. 63

[16] Vgl. Theodor Nöldeke, S. 171

[17] Vgl. Theodor Nöldeke, S. 63

[18] Vgl. W. Montgommery Watt, S.188

[19] Vgl. Theodor Nöldeke, S. 173 ff

[20] Die Reihenfolge der hier aufgezählten Suren entsprechen der Chronologie von Theodor Nöldeke (vgl. S. 164- 234 ).

[21] Die Namen der Suren wurden entsprechend der Koranübersetzung von Rudi Paret übersetzt. Vgl. Rudi Paret, Der Koran, Stuttgart, 1996

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die medinensischen Suren im Koran
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Proseminar Grundlagen des Islam
Note
2
Autor
Jahr
1997
Seiten
25
Katalognummer
V1194
ISBN (eBook)
9783638107488
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Suren, Koran, Proseminar, Grundlagen, Islam, Medina, Mekka, Muhammed, Allah, Koranexegese
Arbeit zitieren
Cevat Kara (Autor), 1997, Die medinensischen Suren im Koran, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1194

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