Individuum und Gesellschaft. Gustav Landauers sozialistischer Anarchismus.


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2008
24 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Individuum, Subjekt und Gesellschaft
Der Begriff Individuum
Die Seele
Skepsis: Sinne, Subjekt, Objekt, Sprache
Mystik: Welt im Individuum
Sprache und Begriffe
Der Seelenstrom

3. Anarchismus
Definition
Freiheit
Revolution
Pazifismus

4. Sozialismus, Gesellschaft
Gegen den Marxismus
Geist: Kultur, Bund und Freiheit
Moral
Kapitalismus
Der Staat
Gemeinschaft
Gemeinde und Verbände
Arbeitsorganisation im Sozialismus
Beginnen

5. Kritik an Landauer

6. Fazit

7. Literatur

1. Einleitung

Gustav Landauer wurde 1870 in Karlsruhe geboren und 1919 in München von Soldaten ermordet. Und das nur, weil er für eine neue Gesellschaftsform einstand, frei von allen Zwängen, der Verbindung von Anarchismus (Individuum) und Sozialismus (Gesellschaft). Dieses konnte natürlich den Monarchisten, Staatssozialisten, Kommunisten, Sozialdemokraten und Parlamentarier nicht gefallen. 1919 hatte Landauer aktiv an der Münchner Räterepublik teilgenommen, als Minister für Bildung, herbei gerufen von Kurt Eisner. Dieser wurde nur wenige Monate vor Landauer ermordet.

Diese Arbeit soll aufzeigen, was für ein Gesellschaftsmodell Landauer vorschwebte, welches er kurze Zeit sogar praktisch ausgelebt hatte. Doch Landauer war nicht nur Praktiker, wie z.B. der große Anarchist Michail Bakunin, sondern auch Literat, Gesellschaftskritiker und vor allem auch Philosoph. So kam er wenigstens noch dazu, sein System auch philosophisch zu begründen und dar zu stellen. Sein Hauptwerk hierzu war das Buch 'Skepsis und Mystik' von 1903 (überarbeitet 1905), welches teilweise auf seine Artikel in der Zeitschrift 'Sozialist' von 1893 bis 1896 zurück gehen. Um Landauers Auffassung von Gesellschaft zu verstehen, fangen wir hier deshalb mit seiner philosophischen Auffassung von Individuum und Gesellschaft an.

1911 schließlich veröffentlichte er das Buch 'Aufruf zum Sozialismus', welches größtenteils auf alte Artikel, Aufsätze und Ansprachen aus den Jahren zuvor zurück ging, und in welcher er sein Modell des Sozialismus erläuterte. Dieses Modell lebte er von 1909 bis zum Beginn des 1. Weltkrieges auch praktisch im sogenannten 'Sozialistischen Bund' aus.

Diese drei Gebiete: die philosophischen Grundlagen, der Anarchismus als Ziel und der Sozialismus als Mittel, ergänzt um Artikel aus dem 'Sozialist' von 1893 bis 1913, wollen hier behandelt werden. Hauptziel ist die Erklärung seiner Auffassung von Gesellschaft im anarchistisch-sozialistischen Sinne, und wie man sie praktisch verwirklichen kann. Um zur Gesellschaft zu kommen, muss man aber beim Individuum beginnen.

2. Individuum, Subjekt und Gesellschaft

Um in einer anderen, besseren Gesellschaft leben zu können, muss man sich erst selber ändern. In 'Skepsis und Mystik' sowie den diesem vorausgehenden Artikel 'Zur Entwicklungsgeschichte des Individuums' im 'Sozialist' behandelte Landauer genau diese Frage: wie wird der Mensch ein selbst bestimmendes und eigenverantwortliches Subjekt?[1]

Der Begriff Individuum

Landauer geht von dem Begriff Individuum aus, welcher 'das Ungeteilte' bedeutet und stellt die These auf, dass es eben nicht ungeteilt ist. Denn der „Mensch ist nicht einfach, nicht beständig, keineswegs unteilbar“[2], sondern viel mehr soll er nur eine Summe von Trieben, Gedanken und Sinnen sein.[3] Das Individuum bezeichnet er demnach als etwas Ganzes, bestehend aus vielen Einzelteilen.[4] Doch dies widerspricht ja der ursprünglichen Bedeutung von Individuum als etwas Ungeteiltem. Deshalb stellt er sich die Frage, ob „es ein Ding [gibt], das man im absoluten Sinne Individuum nennen kann“.[5] Und verneint dies mit der Antwort, dass es kein absolutes Individuum gibt, „sondern die Individuen sind nur Teile eines durchaus konkreten, ganz und gar nicht nachträglich konstruierten größeren sogenannten Individuums: der menschlichen Gesellschaft“.[6]

Damit haben wir den wichtigsten Ausgangspunkt seines Denkens erreicht, den Punkt, mit welchem er anfängt seine anarchistisch-sozialistische Utopie zu formulieren. Denn nach Landauer wäre die Gesellschaft das ursprüngliche, das natürliche, während sich das Individuum erst später entwickelt hätte. Dass man gegen die Art handeln würde, also egoistisch, statt altruistisch, wäre eine Entwicklung der letzten paar Hundert Jahre, womit er Stirner widersprechen will, der sagte, dass Egoismus der höchste Trieb ist.[7]

Als kurzen Einschub mag man hier aber anbringen, dass Stirner durchaus trotzdem noch recht haben könnte, bezieht man seine These halt nur auf die Gegenwart, statt auf die Menschheit im Allgemeinen seit Anbeginn ihrer Geschichte. Aber dies widerspricht wiederum nicht Landauer, der auch sagte, dass man grundsätzlich nicht gegen die Art handelt. Denn der Individualismus sei etwas neues, die Gesellschaft dagegen das alte und ursprüngliche.

Die Seele

Neben der Gesellschaft müsse man sich aber ebenso wieder mit der Natur verbinden, schon immer aber verhindert dies die Ansicht von einer selbständigen Seele. Die Idee von einem Objekt namens Seele verhindert nämlich das Zusammengehörigkeitsgefühl des Menschen mit der Natur[8], da er sich damit ausgestattet als etwas besseres, als etwas der Natur überlegenes fühlt. Darum will Landauer beweisen, dass es keine wirkliche, keine selbständige Seele gibt. Hierzu zeigt er an, dass der menschliche Wille beschränkt und unfrei ist, da durch äußere (Außen- und Umwelt) und innere (Psyche, Körper) Umstände beeinflusst ist, und so schließt er, „ich kann nur wollen, was ich wollen muß.“[9] Und wenn der Wille nicht frei ist, so schlussfolgert er, gibt es auch keine selbständige, sondern nur eine abhängige Seele. Das wiederum bedeutet, dass es kein absolutes und selbständiges Individuum gibt, sondern nur Gefüge, ein Ursachenkomplex. Seelische und körperliche Kräfte wie z.B. das Bewusstsein, führen einen aussichtlosen Kampf gegen natürliche Kräfte wie Reflexe und Triebe[10], den sie nie gewinnen können.

Er sagt, „die Menschheit ist das Wirkliche, die einzelnen Menschen sind nur die auftauchenden, wandelbaren und wieder verschwindenden Schattenbilder, durch welche die Menschheit sichtbar wird.“[11] Die Menschheit zeigt sich also im Individuum. Und so kann das Individuum die Menschheit auch voranbringen, sie sich entwickeln lassen, in dem er etwas vollbringt. Das Individuum ist also nicht völlig nutzlos oder ungewollt und: „Je mehr einer aus der Masse als ein Eigener, Besonderer und Selbständiger heraustritt, um so größeren Einfluß wird er auf die Entwicklung der Menschenart ausüben können.“[12] Also negiert er keinesfalls das Individuum an sich, nur steht es nie alleine da, sondern ist immer Teil des Ganzen. Aber nicht im Sinne der Gleichschaltung, wie es z.B. im Marxismus oder der Utopia des Thomas Morus der Fall ist.

Skepsis: Sinne, Subjekt, Objekt, Sprache.

Schon laut Kant ist die Außenwelt, welche wir außerhalb unseres Hirnes wahr nehmen, eben nur dies: unsere subjektive Wahrnehmung. In dem Sinne 'schaffen' wir also sozusagen die Welt für uns erst, in dem wir sie wahrnehmen. Wir haben nur Vorstellungen, aber wissen nicht, was wirklich da draußen außerhalb unseres Kopfes ist.[13] Es könnte ja genauso gut sein, dass unsere Sinne uns nur etwas vorspielen – oder dass jemand anderes unseren Sinne etwas vorspielt. Wie können wir schon sicher sein, dass unsere Sinne uns die Wahrheit sagen? Die Sinne teilen nur subjektive Erfahrungen mit, welche unser Denken wiederum nur unzureichend mit Sprache beschreiben kann. Der Sprache fehlt es dazu aber an vielen Ausdrücken. Die Welt ist so für uns ein subjektives Bild, das mit armseligen Mitteln erstellt wurde, den Sinnen und der Sprache. Ähnlichkeiten fassen wir zu einem Begriff zusammen, unähnliches ergibt einen neuen Begriff. Um nun die Welt wirklich zu erfassen, müssen wir uns von der Sprache und unseren Sinnen lösen.[14] Die Sprache beherrscht das Denken, weshalb man sich ihrer entledigen muss.[15] Dies nun nannte Landauer die Skepsis. Daraus folgte für ihn die Mystik.

Mystik: Welt im Individuum

Nun will er die Welt im Individuum finden und damit den Grund, warum wir in eine Gesellschaft gehören. Sobald man sagt, dass man selber eine isolierte Einheit ist, wird die Welt um uns Illusion. Nur wir existieren, alles andere ist Schein. Doch unser subjektives Gefühl kann wie schon gesagt sehr leicht ebenso nur eine Täuschung sein. Und die meisten Menschen erklären sie als Täuschung, denn sonst wäre man als isoliertes Individuum vollkommen allein auf der Welt, allein im Universum. Und wer will schon auf ewig alleine sein? „Ich verzichte auf die Gewißheit meines Ichs, damit ich das Leben ertragen kann.“[16] Wir haben also nun unser isoliertes absolutes Ich aufgegeben, um Teil der Welt zu werden, das so genannte Weltich.[17] Und damit auch wieder eine Widerlegung des absoluten Individuums.

Als begeisterter Anhänger des mittelalterlichen Mystikers Meister Eckhart, welchen er auch ins Deutsche übersetzte, nahm er dessen Lehren als Vorbild. Meister Eckhart erklärte, dass es reicht, das Wesen von etwas kleinem, winzigen zu erkennen, um darin die gesamte Welt zu erkennen. Doch dies kann nicht mit den Sinnen geschehen, jene sind dafür schließlich nicht geschaffen[18], sie sind nicht fein und objektiv genug. Wie also können wir dies trotzdem erreichen? Ganz einfach: auch wir sind schließlich ein Teil der Welt und wir wollen diese erkennen? Dann reicht es bereits, in sich zu gehen und sich selbst zu erkennen, um auch die Welt zu erkennen. So erreichen wir die Gemeinschaft mit der Welt.[19]

Sprache und Begriffe

Aber zurück zu der unzureichenden Sprache. Unter den Scholastikern im Mittelalter tobte der so genannte Universalienstreit. Die Realisten erklärten abstrakte Gattungsnamen (wie das Wort 'Topf') zur Wirklichkeit, während die Nominalisten sagten, dass Begriffe nicht real, sondern nur Worte seien. Landauer unterschied zwischen Begriffen 2. Ordnung (wie Staat und Individuum, abstrakte und vom Menschen geschaffene Begriffe) sowie Begriffen 1. Ordnung (real existierendem wie Baum und Haus) und stimmte hier Stirner zu, welcher meinte, dass alle Unterdrückung nur von den Begriffen ausgehen würden, und man diese Begriffe (die der 2. Ordnung) zerstören müsste.[20] Denn „es gibt keinen Staat, in dem die Menschen wohnen, es gibt die Staatsidee [...]; es gibt kein Kapital [...]; es gibt Beziehungen zwischen den Menschen, die ihnen Arbeit und Austausch ermöglichen, und aber Beziehungslosigkeit, die [...] Ausbeutung [...] ermöglicht.“[21] Aber Stirner stieß die Autorität Gott vom Thron, nur um an dessen Stelle das isolierte Individuum zu setzen. Und ein isoliertes Individuum dürfe es ja nicht geben, wie schon gezeigt. Landauer will weiter dessen Nichtigkeit beweisen, beweisen, dass die Realisten recht hatten, dass es nur Gemeinschaften gibt und die Individuen nur Ausdruck des Gesamten sind[22]: „Das Individuum ist das Aufblitzen des Seelenstroms.“[23]

[...]


[1] vgl. Wolf, Siegbert: Gustav Landauer zur Einführung (1988). 1. Auflage, Hamburg, Ed. SOAK im Junius Verlag, S. 44.

[2] Landauer, Gustav: Etwas über Moral (1893), In: Link-Salinger, Ruth (Hrsg.): Signatur: g.l.. Gustav Landauer im „Sozialist“. Aufsätze über Kultur, Politik und Utopie (1892-1899). 1986 Frankfurt am Main. Suhrkamp Verlag, S.282

[3] vgl. ebd., S. 282

[4] vgl. Landauer, Gustav: Zur Entwicklungsgeschichte des Individuums I (1895), In: Link-Salinger, Ruth (Hrsg.): Signatur: g.l.. Gustav Landauer im „Sozialist“. Aufsätze über Kultur, Politik und Utopie (1892-1899). 1986 Frankfurt am Main. Suhrkamp Verlag, S. 325

[5] ebd., S. 326

[6] vgl. ebd., S. 328

[7] vgl. ebd., S. 327

[8] vgl. Landauer, Gustav: Zur Entwicklungsgeschichte des Individuums III (1895), In: Link-Salinger, Ruth (Hrsg.): Signatur: g.l.. Gustav Landauer im „Sozialist“. Aufsätze über Kultur, Politik und Utopie (1892-1899). 1986 Frankfurt am Main. Suhrkamp Verlag, S. 334.

[9] ebd., S. 336.

[10] vgl. ebd., S. 337.

[11] Landauer, Gustav: Zur Entwicklungsgeschichte des Individuums I (1895), a.a.O., S. 328

[12] Landauer, Gustav: Zur Entwicklungsgeschichte des Individuums III (1895), a.a.O., S. 338

[13] Landauer, Gustav: Skepsis und Mystik (1903/05), S. 4.

[14] vgl. Landauer, Gustav: Skepsis und Mystik: Versuche im Anschluß an Mauthners Sprachkritik (1903 / 1905). 1978, Wetzlar, Verlag Büchse der Pandora, S. 6.

[15] vgl. Wolf, Siegbert: Gustav Landauer zur Einführung (1988). 1. Auflage, Hamburg, Ed. SOAK im Junius Verlag, S. 44.

[16] Landauer, Gustav: Skepsis und Mystik , a.a.O., S. 7.

[17] vgl. ebd., S. 8.

[18] vgl. ebd., S. 9.

[19] vgl. ebd., S. 10.

[20] vgl. ebd., S. 12.

[21] Landauer, Gustav: Individualismus (1911), In: Wolf, Siegbert (Hrsg.): Gustav Landauer: Auch die Vergangenheit ist Zukunft. Essays zum Anarchismus. (1989) Luchterhand Literaturverlag, S. 140.

[22] vgl. Wolf, Siegbert, a.a.O., S. 47.

[23] ebd., S. 13.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Individuum und Gesellschaft. Gustav Landauers sozialistischer Anarchismus.
Autor
Jahr
2008
Seiten
24
Katalognummer
V119402
ISBN (eBook)
9783640224562
ISBN (Buch)
9783640301270
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Individuum, Gesellschaft, Gustav, Landauers, Anarchismus, Landauer, Sozialismus
Arbeit zitieren
Andre Schuchardt (Autor), 2008, Individuum und Gesellschaft. Gustav Landauers sozialistischer Anarchismus. , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119402

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