Identität als Zuschreibung. ('Schwarzes') Selbstbewusstsein in Otoos Roman "Adas Raum" und ihrem Text "Liebe"


Hausarbeit, 2022

27 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Einführung
2.1. Adas Raum
2.2. Liebe
2.3. Identitäts-Begriffe

3 Identität in Otoos Werken: Wie aus Zuschreibungen eigene Annahmen werden (können)
3.1 Identität(en) im Kolonialismus - Adas Raum
3.2 Identität(en) im Nationalsozialismus - Adas Raum
3.3 Identität(en) im Alltags-Rassismus heute - Adas Raum und Liebe
3.3.1. Adas Raum - „In Deutschland wurde Ada schlagartig zur Schwarzen“
3.3.2. Liebe - ,Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?‘

4 Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Das Ich ist unaufhebbar in den Blick des Anderen eingeschrieben.“1

Die 1972 in London geborene Schriftstellerin Sharon-Dodua Otoo ist vielen erst seit dem Vortrag ihres Textes „Herr Gröttrup setzt sich hin“ bei den 40. Tagen der deutschsprachigen Literatur 2016 in Klagenfurt bekannt. Für diesen erhielt sie nämlich den Ingeborg-Bachmann-Preis - als erste Britin, und als erste Schwarze2 Autorin. Ihre Position als Schriftstellerin möchte sie vor allem dafür nutzen, um auf Missstände aufmerksam zu machen:

Ich sehe Literatur und Politik als sehr eng miteinander verknüpft. Aber ich bin nicht die Erste, die diese Haltung hat - denken wir zum Beispiel an die Arbeiten von Max Frisch, Heinrich Böll und Bertolt Brecht. Ich wundere mich über manche Diskussionen, denn ich halte es für selbstverständlich, dass wir Autorinnen, die Bühnen und Aufmerksamkeit bekommen, auch eine gewisse Verantwortung haben. Wir können mit unserer Imaginationskraft Lesenden zu neuen Gedanken und möglicherweise auch zu Handlungen inspirieren. Das ist eine sehr machtvolle Position. Und in einer Gesellschaft, in der es Machtgefälle gibt, ist es für mich logisch, dass wir Schreibenden uns diesen Machtgefällen gegenüber kaum neutral verhalten können.3

Thematisch kreisen ihre Texte um die Themen Empowerment, Identitätsfmdung und -Verhandlung, um Beziehungen, und um das Sichtbar-Machen verschiedener diskriminierender Systeme und ihren Verknüpfungen miteinander. Otoo veröffentlichte zunächst eine Reihe von Beiträgen, Artikeln und Kommentaren, die sich alle mit politischen Fragen des Weißseins, des Feminismus sowie darüber hinaus mit Kultur- und Bildungsthemen beschäftigen. Nachdem sie 2017 ihre ersten Novellen Die Dinge, die ich denke, während ich höflich lächle und Synchronicity veröffentlichte, erschien 2021 im S. Fischer Verlag schon ihr erster Roman, Adas Raum. Auf diesem liegt der Fokus dieser Hausarbeit.

Es geht um die Frage, wie Sharon Dodua Otoo in ihrem Text Liebe und dem Roman Adas Raum mit dem Identitätsbegriff, insbesondere mit dem Schwarzer Figuren, umgeht. Inwiefern erleben die Protagonistinnen ihre Identität als ,Zuschreibung‘? Was machen sie aus diesen Zuschreibungen - werden sie in eigene Annahmen formuliert? Und, inwiefern haben sich Stereotype und Zuschreibungen im Laufe der Jahrhunderte wiederholt? Inwiefern verändert? Kann sich daraus befreit werden? Eine Öffnung des Themas für das weibliche Identitätserleben, also die Verknüpfung des sexistischen mit dem rassistischen System, wäre zusätzlich sinnvolljedoch würde diese den Rahmen dieser Arbeit sprengen.

Um das nötige Hintergrundwissen für ein umfassendes Verständnis der Analyse dieser Arbeit zu bekommen, wird zunächst in die beiden Werke Otoos sowie in verschiedene Identitätsbegriffe eingeführt. Die Analyse wird in verschiedene geschichtliche Ereignisse gegliedert. Zunächst soll das Identitätserleben der Figuren in Adas Raum im Erzählstrang, der geschichtlich dem Kolonialismus zugeordnet ist, hinterfragt werden. Daraufhin wird der Erzählstrang aus Adas Raum, der zur Zeit des Nationalsozialismus spielt, im Hinblick auf Identität analysiert. Zuletzt wird das Identitätserleben der Figuren, die in der heutigen Zeit kontextualisiert sind, genauer betrachtet. Der erste Teil wird sich auf Adas Raum beziehen, der zweite auf Liebe. In einem Fazit werden die Forschungsfragen dieser Arbeit beantwortet und ein Resümee gezogen.

2. Einführung

Sharon Dodua Otoos Werke erzählen uns, wenn wir wirklich hinschauen, eine Menge. Was zunächst wie eine Novelle über eine scheiternde Ehe, ein Roman über eine Zeitreisende oder ein Text über ein Frühstücksei erscheint, entpuppt sich schließlich als etwas völlig anderes. Otoo erzählt von einem Schmerz, der nicht neu ist, einem Wiedererleben von Traumata, einer Geschichte, die nicht aufhört, sich zu wiederholen.

Identität ist ein großes Stichwort in ihren Werken. In Adas Raum lernen wir vier Identitäten, vier Geschichten kennen, die unterschiedlicher nicht sein können, und die doch von dem gleichen Schmerz durchzogen sind: Ich darf nicht sein, wer ich bin. Ich darf nicht entscheiden, wer ich sein will.

2.1. AdasRaum

In Adas Raum verwebt Otoo die Lebensgeschichten vierer Frauen, die verschiedene Jahrhunderte und geschichtliche Ereignisse durchleben, miteinander. Gemeinsam haben die Figuren in erster Linie, dass sie alle Frauen namens Ada sind. Der Roman ist in sogenannten ,Schleifen‘ angeordnet, welche historisch breit aufgefächert sind. Der Zeitraum erstreckt sich von der Mitte des 15. Jahrhunderts bis in das Jahr 2019.

1459 ist Ada eine junge Mutter, die innerhalb Westafrikas verschleppt wurde und sich schließlich als Sklavin in der Dorfgemeinschaft von Totope, nahe der Goldküste, zurechtfmden muss. Ada erlebt dort die Ankunft der Portugiesen und wird am Ende von einem Weißen Mann namens Guilherme (zu deutsch Wilhelm) durch einen Pistolenschuss getötet. Diese ,Schleife‘ ist historisch durch den Beginn des weißen Kolonialismus geprägt. Außerdem geht es in der Schleife aber auch um die Versklavung innerhalb Afrikas sowie grundsätzlich um Unterdrückung und Gewalt. Interessant ist, dass wir in dieser ,Schleife‘ ganz andere Geschlechterrollenbilder kennenlemen, als wir sie aus der Moderne kennen. In der Dorfgemeinschaft Totopes herrscht das Matriarchat.

Die nächste ,Schleife‘ spielt im London des Jahres 1848. Die Figur Adas ist hier an die historische Mathematikerin und Adlige Ada Lovelace4 angelehnt. Ada hat hier eine Affäre mit Charles Dickens, doch schon bald kündigt sich ihr Verlobter William an, der geschäftlich in Frankreich war. Auch die irische Zofe Adas, genannt Lizzie, spielt in dieser Schleife eine große Rolle. Schlussendlich wird Ada auch hier durch einen Pistolenschuss von ihrem Gatten William getötet. In diese ,Schleife‘ spielen die Anfänge der Industrialisierung und des kapitalistischen Systems, die große Kartoffelfäulnis Irlands (1845-49) sowie die Februarrevolution Frankreichs (1848) eine Rolle.

Schleife Nummer drei spielt im Jahr 1945. Ada befindet sich als polnische Zwangsprostituierte in einem KZ (Dora-Mittelbau bei Nordhausen). Als Opfer eines perfiden Belohnungssystems versuchen sie und ihre Freundin Linde (auch „Bärchen“) sich durch ihre Gemeinschaft am Leben zu halten. Auch hier wird Ada schließlich von einem William erschossen. Historisch geht es offensichtlich um die Shoa und das Nazitum bis heute. Das Opfer-Täter-Schema wird in Frage gestellt und aufgebrochen. Die Ausbeutung des weiblichen Körpers stellt den Mittelpunkt dieses Erzählstrangs dar.

2019 ist Ada eine Schwarze, baldige Informatik-Studentin. Sie ist schwanger und sucht eine Wohnung in Berlin, was sich, um es milde auszudrücken, schwierig gestaltet. Ihre Halbschwester Elle unterstützt sie, wo sie kann. Die Rolle Adas Liebhabers Cash wird erst zum Ende hin aufgedeckt. In diesem Erzählstrang stirbt Ada nicht, doch ein neues Leben beginnt, ihr Kind kommt. Geschichtlich spielt sich hier im Hintergrund der Brexit ab, außerdem geht es um Alltagsrassismus und Sexismus im Sinne von „MeToo“.

Alle der vier Adas kommen von dem selben Ort und kehren nach ihrem Tod an ihn zurück.

Dieser Ort heißt Gbohiiajey in Ga und Asamando in Akan, (zwei westafrikanischen Sprachen/Sprachfamilien). Im Roman erfahren wir diesen Ort als eine Art Metaebene auf die verschiedenen Leben.5

Die Ich-Erzählstimme des Romans istje nach Erzählstrang ein unterschiedlicher Gegenstand. Schon in ihrem preisgekrönten Text Herr Gröttrup setzt sich hin hat Otoo es so gehandhabt. Auf diesem baut ihr Roman auch auf. 1459 ist es ein Reisigbesen, mit dem auf Ada eingedroschen wird, 1848 ein Türklopfer aus Messing, 1945 ein KZ-Zimmer und 2019 ein britischer Reisepass. Otoo selbst begründet ihre originelle Wahl wie folgt:

Weil es in „Adas Raum“ viel um Trauma und Gewalt geht, wäre es naheliegend gewesen, entweder aus einer sogenannten „Opferperspektive“ oder aus einer sogenannten „Täterperspektive“ zu schreiben. Viel interessanter war es für mich allerdings, zu beobachten, was Trauma und Gewalt mit uns machen - mit uns als Individuen ebenso wie mit uns als Gesellschaften. Um mich damit auseinanderzusetzen, um weg von der „Schuldfrage“ zu kommen und hin zu einem Nachdenken über Konzepte von Zeug*innenschaft, habe ich diesen Versuch gestartet. In einer Erzählstimme aus diversen Gegenständen sah ich das Potential, diese Aufgabe zu erfüllen.6

Die Wahl dieser Erzählinstanzen sind spannend und könnten ausgiebig analysiert werden, das verfehlt hier allerdings das Thema und sprengt den Rahmen.

Eine symbolisch wichtige Bedeutung hat vor allem das Goldarmband, von dem injedem der ,Schleifen‘ gesprochen wird. Als roter Faden hält dieses die verschiedenen Erzählstränge zusammen. Otoo knüpft mit diesem an die Idee der Restitution an. Ihre Idee war, zu zeigen, dass Dinge, die Menschen damals (z.Z. der Kolonialisierung) entrissen wurden, nicht allein aufgrund ihres Materialwerts wichtig seien, sondern weil persönliche Geschichten daran hängen. Im Roman war es beispielsweise ein Fruchtbarkeitsarmband, das eine hohe Bedeutung für die Menschen hatte, die es trugen.7

Zur Wahl derjeweiligen Orte und Kontexte äußert Otoo, dass es alles Orte seien, zu denen sie persönlich einen Bezug habe. In England sei sie aufgewachsen, aus Ghana (Accra) kommen ihre Eltern, in Deutschland seien ihre 4 Kinder aufgewachsen, in Berlin leben sie gemeinsam seit 2010. Wichtig sei ihr gewesen, einschneidende Erlebnisse für jede der Regionen zu wählen. Zu zeigen, wie sich die Industrialisierung und die Bildung des Empires auf die Individuen ausgewirkt haben, wie Shoah und Nazitum bis heute in Deutschland weiterleben. Auch wollte sie zeigen, wie verschiedene diskriminierende Systeme ineinandergreifen, das sexistische und das rassistische beispielsweise. Ihr eigentliches Anliegen war, mit dem Buch zu verdeutlichen, wie sich die Vergangenheit in der Gegenwart fortführt, sich Traumata wiederholen, Geschichte nicht linear verläuft. Dabei wollte sie einen weiblichen Blick auf das Weltgeschehen werfen, weil diese Perspektive ihrer Meinung nach in den Geschichtsbüchern fehle. Außerdem wollte sie etwas schreiben, dass marginalisierte Menschen empowert, allein schon dadurch, dass sie repräsentiert sind.8

Mit Adas Raum hat Otoo ein Buch geschaffen, was das Potential hat, viele Diskussionen neu anzustoßen, z.B. die verschiedenen möglichen Arten von Widerstand hinsichtlich Rassismus sowie das Zurückblicken und Lernen aus der Vergangenheit.

2.2. Liebe

„Ich werde nie wissen, was es heißt, unsichtbar zu sein.“9 Das Zitat stammt aus einem anderen Beitrag (dem von Sasha Marianna Salzmann) des Buches Eure Heimat ist unser Albtraum. Es trifftjedoch genau die Thematik des Sammelbandes:

Wie fühlt es sich an, tagtäglich als „Bedrohung“ wahrgenommen zu werden? Wie viel Vertrauen besteht nach dem NSU-Skandal noch in die Sicherheitsbehörden? Was bedeutet es, sich bei jeder Krise im Namen des gesamten Heimatlandes oder der Religionszugehörigkeit der Eltern rechtfertigen zu müssen? Und wie wirkt sich Rassismus auf die Sexualität aus?10

Als „Manifest gegen Heimat“11 wird das Buch auf dem Klappentext bezeichnet. 14 Autorinnen beschreiben schonungslos in persönlichen Essays, was sie mit dem Wort Heimat verbinden. Im Großen und Ganzen sind das Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Queerfeindlichkeit - fehlende Sicherheit also, in einem Land, das sich ihre Heimat nennt.

[Die Autorinnen] halten Deutschland den Spiegel vor: einem Land, das sich als vorbildliche Demokratie begreift und gleichzeitig einen Teil seiner Mitglieder als „anders“ markiert, kaum schützt oder wertschätzt.12

Jede*r Autorin berichtet aus einer anderen Perspektive, legt einen anderen Fokus. Sharon Dodua Otoo entschied sich für ein sehr persönliches Thema, nämlich um das Gewicht von Rassismus im Alltag ihrer Söhne und ihrem erzieherischen Umgang damit. Ihren Text nennt sie Liebe. Sie erzählt, wie ihre Eltern damals mit dem Thema umgegangen sind, dass ihre Devise für ihre Tochter war, immer fleißig zu sein und bloß nie aufzufallen. Otoo wollte es anders machen und zieht im Gespräch mit ihren Söhnen eine Bilanz: Es gibt nicht den einen pauschal richtigen Weg für den Umgang mit Rassismus in der Erziehung. Es gibt nicht die eine Lösung - Rassismus ist immer falsch und fühlt sich nie gut an, egal, auf welche Weise man damit umgeht. Auch erkennt sie, dass das Rassismus-Erleben je nach Geschlecht anders ausfallt, und sie darüber noch nie nachgedacht hat.13

2.3. Identitätsbegriffe

Identitäten gleichen in der zerrissenen Welt der Spätmodeme nicht fertigen Behausungen mit einem dauerhaften Fundament und einem schützenden Sinn-Dach, sondern permanenten, lebenslangen Baustellen, auf denen die freigesetzten oder ‘versetzten’ (dislocated) Individuen ohne festgelegten Bauplan und unter Verwendung vorhandener Bausätze und Sinnangebote sich (bis auf weiteres) eine Unterkunft schaffen. Je nach situativem und biografischem Erfordernis sind An- oder Umbauten fällig.14

Das genannte Zitat zeigt bereits, wie kompliziert das Verständnis von Identität in der modernen Welt ist. Identitäten sind fluide, können sich im Laufe des Lebens verändern und müssen das schon fast, in einer schnelllebigen Welt wie heute. Im Dorsch Lexikon der Psychologie finden wir eine Definition von Identität:

Identität [engl. identity; lat. idem derselbe], [...], beschreibt die Art und Weise, wie Menschen sich selbst aus ihrer biografischen Entwicklung (Biografie) heraus in der ständigen Auseinandersetzung mit ihrer sozialen Umwelt wahmehmen und verstehen. Wichtige Bestimmungsstücke, die in die Konstitution der eigenen Identität eingehen, sind z. B. Geschlecht, Alter und soziale Herkunft, Ethnizität, Nationalität und Gruppenzugehörigkeiten, Beruf und sozialer Status, aber auch persönliche Eigenschaften und Kompetenzen. Die Identitätskonstitution verlangt die Abgleichung einer reflexiven Betrachtung des eigenen Selbst mit den Rückmeldungen des sozialen Umfelds [...]; um eine best. Identität für sich beanspruchen zu können, muss der Mensch sie in sozialen Interaktionen aushandeln.15

Hier wird deutlich, dass die soziale Herkunft einen Einfluss auf das Identitätsbewusstsein hat. Hierauf liegt der Fokus dieser Arbeit. Was machen Rassismus-Erfahrungen, was machen Zuschreibungen mit der eigenen Identität? Werden Zuschreibungen zu eigenen Annahmen? Ralf Eickelpasch und Claudia Rademacher beschreiben in ihrem Buch Identität eine einprägsame Szene aus dem Buch Schwarze Haut - weiße Masken Frantz Fanons. In Paris trifft einjunger Attillaner auf ein weißes Kind mit seiner Mutter. Das Kind sagt zur Mutter: „Sieh nur Mama, ein schwarzer Mann“, Fanon dazu: „Das erste Mal in meinem Leben wusste ich, wer ich bin. Das erste Mal fühlte ich mich, als sei ich in dem Blick, dem gewalttätigen Blick des Anderen explodiert und gleichzeitig als ein anderer neu zusammengesetzt worden.“16 Eickelpasch und Rademacher zu dieser Szene:

Die Szene schildert eindrücklich, dass die persönliche Identität, das Bewusstsein des eigenen Selbst, von den Zuschreibungen, Wahrnehmungen und Benennungen Anderer abhängig ist. Identität muss stets ‘durch das Nadelöhr des Anderen gehen, bevor sie sich selber konstruieren kann’, wie Hall (1994e:45) sagt. Das Ich ist unaufhebbar in den Blick des Anderen eingeschrieben.17

Wenn das Bewusstsein des Selbst von den Zuschreibungen anderer abhängig ist, kann sich vorgestellt werden, dass die Ausbildung der eigenen Identität für Migranten in Deutschland umso schwerer ist, als es ohnehin schon ist. Doch auch andere diskriminierende Systeme führen zu Einschneidungen im eigenen Identitätsbewusstsein, wie etwa Frauen durch das sexistische System falsche Annahmen über sich treffen könnten. Daher liegt der Fokus dieser Arbeit auch nicht uneingeschränkt auf migrantischer Identität.

3. Identität in Otoos Werken: Wie aus Zuschreibungen eigene Annahmen werden (können)

Nun ist dieses ‘Eingeschriebensein der Identität in den Blick des Anderen’ (Hall 1994d: 73) sicher eine anthropologische Konstante, d.h. für den Menschen als ‘sozialem Wesen’ unhintergehbar. Problematisch wird es erst, wenn Macht ins Spiel kommt, wenn der Blick des Anderen ‘gewalttätig’ ist. In diesem Fall besteht keine Wechselseitigkeit der Wahrnehmungen und Perspektiven. ‘Wir’ und die ‘Anderen’ setzen sich nicht ins Verhältnis zueinander und verhindern damit die Relativierung ihres jeweiligen ‘Blicks’. Nirgends lassen sich die diskriminierenden Wirkungen einer asymmetrischen Klassifikations- und Bezeichnungspraxis, die eine unterlegene Gruppe einseitig der Definitions- und Unterscheidungsgewalt einer dominanten Gruppe ausliefert, schlagender demonstrieren als am Beispiel des Rassismus. ‘Rasse’ ist - neben und in vielfältiger Wechselwirkung mit Nation, Klasse und Geschlecht - sicher eine der wirkungsmächtigsten Kollektivkategorien, die bis in die Gegenwart hinein die Welt in Innen und Außen, inZugehörige und Nicht-Zugehörige spaltet.18

Viele der Texte Otoos drehen sich um Identitätsverhandlungen. In Adas Raum geht es speziell um die weibliche Sicht auf die Welt und sich selbst. Auffällig ist, dass in dem Roman nur sehr selten Figuren klar als weiß dargestellt werden und „schwarz“ auch nicht großgeschrieben wird, obwohl die Autorin selbst für die Wichtigkeit dessen wirbt. Die Frauen in Adas Raum sind vieles: Tochter, Mutter, Freundin, Partnerin. Doch, was sie alle eint: Sie haben hinsichtlich ihrer Identität wenig Mitbestimmungsrecht. Sie können nur in dem Rahmen über ihre Identität „verhandeln“, der ihnen (von Männern) gestattet wird. Selbst die Vorbildfünktion der historischen Mathematikerin Ada Lovelace in Sachen Selbstbestimmung bröckelt plötzlich, wenn es um ihren Gatten William geht. Was machen diese ganzen Zuschreibungen, Erwartungen, dieses Zwängen in eine Haut, die nicht ihre ist, mit den Frauen? Haben sie ein eigenes Bild von sich? Wenn ja, können sie überhaupt daran festhalten? Welche Muster wiederholen sich? Offenbart der Roman einen Ausweg?

Die Betrachtung des Textes Liebe ist exemplarisch im Hinblick auf das männliche Schwarze Bewusstsein über das Selbst in Deutschland und weiterhin im Hinblick auf den Umgang mit Rassismus in der Erziehung von Eltern mit Schwarzen/migrantischen Kindern interessant.

Die Geschichte von Unterdrückung, Ausbeutung und Rassismus, insbesondere für Schwarze Menschen, ist eine lange. Mit dem Kolonialismus begann laut Plumelle-Uribe ,,[d]er Ausschluss, die Verbannung der Schwarzen aus dem Kreis der menschlichen Familie, für die weltweit die weiße Hautfarbe die Referenz wurde.“19 Sie schließt in ihrem Buch Weiße Barbarei die Brücke vom Kolonialismus zum Nationalsozialismus:

Der Übergang vom Ausschluss der Nichtweißen zum Ausschluss der Nichtarier ist ein Prozess, der sich über mehrere Jahrhunderte hingezogen hat. Als logische Folge der Praxis des Völkermords entstand eine Kultur der Vernichtung.20

Ihr Buch zu lesen, fällt schwer, weil die Grausamkeiten des Kolonialismus, die sie beschreibt, kaum zu ertragen sind. Doch, genau das möchte sie erzielen. Sie möchte erzielen, dass endlich anerkannt wird, was für ein schreckliches Verbrechen an die Menschheit der Kolonialismus war. Für diese Arbeit ist ihr Werk insofern interessant, als dass es klar macht, wie tief der Glaube an eine „mindere Rasse“ in den Köpfen Weißer Menschen verankert ist, und was für ein schreckliches Erbe Schwarze Menschen mit sich tragen. Was macht das mit diesen Menschen? Was macht das mit ihrer Identität?

3.1. Identität(en) im Kolonialismus -AdasRaum

Otoos Roman spielt in einer der Erzählschleifen in Totope, dem Land, das heute Ghana ist. 1820 wurde Ghana von den Briten unter dem Namen ,Goldküste‘ zu ihrer Kolonie. Doch schon viel früher begann das Leid. Der Erzählstrang Otoos beginnt im Jahre 1459. Otoo erzählt nicht nur von der Ankunft der Portugiesen, sondern auch, von den Bedingungen, die derzeit in Totope vorherrschten. Denn auch innerhalb Afrikas war Sklavenhandel üblich. Ohne diesen wäre der transatlantische Sklavenhandel wohl gar nicht möglich gewesen.21 Auch die Protagonistin Ada wurde als Kind versklavt, innerhalb Afrikas verschleppt und muss sich seitdem in der neuen Dorfgemeinschaft herumschlagen. Der Reisigbesen, das Erzählende-Ich des Erzählstrangs, steht symbolisch für die Gewalt und Unterdrückung, die auch die Sklaven innerhalb Afrikas erleiden mussten. Sie wird nicht nur von den „Zahnlosen“ ausgelacht22 als ihr Baby stirbt, sie wird auch geschlagen, wenn sie den Fehler macht, ihre linke Hand zu benutzen23 (sie ist wohl Linkshänderin). Sie muss funktionieren. Auch wenn sie teilweise ein familiäres Verhältnis mit den älteren Frauen hat, ist sie doch nicht befugt, ihr Leben nach eigenen Vorstellungen zu leben.

Doch wird im Roman auch klar, dass diese Gewalt innerhalb des Sklavenhandels Afrikas nichts gegen die Gewalt der Kolonialisten ist. Die kommen nämlich mit anderen Geschützen und vor allem kommen sie einzig, um Unheil anzustiften, um zu stehlen, sich zu bedienen und um zu vernichten. „Sie [Ada] schielte immer noch, als der Stock mit einem lauten Knall plötzlich Feuer und Rauch ausspuckte. Im nächsten Moment sackte Ada auf die Knie und dann zu Boden.“24 Ada stirbt durch die Hand eines Portugiesen.

Adas Bruder wurde als Kind von den Portugiesen verschleppt. Als Sklave soll er für sie auf ihren Eroberungsschiffzügen an der Küste Afrikas übersetzen und vermitteln. Das gelingt ihmjedoch häufig nicht, da er nicht alle afrikanischen Mundarten beherrscht. Die Gewalt der Portugiesen ihm gegenüber wird zum Beispiel an dieser Stelle deutlich:

Die zahlreichen Narben, die Afonsos Rücken zierten, entstammten Senhor Guilhermes Peitsche und waren, so glaubte Afonso, seinem eigenen Handeln geschuldet. Er hatte sich stets freiwillig den qualvollen Strafen ausgeliefert, weil er dachte, - ja, weil er wusste dass er die Schläge verdient hatte. Widerstand wäre zwecklos gewesen. Es gab kein Versteck, weder physisch noch psychisch. Senhor Guilherme war überall.25

Hinsichtlich des Themas dieser Arbeit verrät die zitierte Stelle ebenfalls einiges. Nämlich, dass die Identitäts-Zuschreibungen durch die Portugiesen längst zu eigenen Annahmen geworden sind. Er denkt, er habe alle Grausamkeiten, die ihm widerfahren, verdient.

An der Küste einer kleinen afrikanischen Insel wurde Afonso mit zahlreichen zwanzig Jahre älteren, glücklichen, vor allem selbstbewussten Ichs konfrontiert. Er war versucht, sich ihnen zu Füßen zu werfen.26

[...]


1 Eickelpasch, Ralf/Rademacher, Claudia: Identität. Bielefeld: Transcript 2004. (=Einsichten. Themen der Soziologie), S.77. (Im Folgenden zitiert als „Eickelpasch/Rademacher 2004“)

2 Schwarz wird in dieser Hausarbeit großgeschrieben, denn: „Die Verwendung der Großbuchstaben am Anfang des Wortes kann zeigen, dass wir der Community angehören oder, wenn dem nicht so ist, dass wir uns mit der Bewegung solidarisieren.“ Aus: Otoo, Sharon Dodua: Dürfen Schwarze Blumen malen? Klagenfurter Rede zur Literatur 2020. Klagenfurt/Celovec: Verlag Johannes Heyn 2020.

3 Haymon Verlag: „Wir alle können eine respektvolle Haltung einnehmen und versuchen, andere Personen in ihrer Menschlichkeit wahrzunehmen.“ Ein Interview mit Sharon Dodua Otoo. Zuletzt aufgerufen am 20.02.2022. URL: httDs://www.havmonverlag.at/magazin/wir- alle-koennen-eine-resDektvolle-haltung-einnehmen-und-versuchen-andere-Dersonen-in-ihrer-menschlichkeit-wahrzunehmen-ein-interview- mit-sharon-dodua-otoo/ (Im Folgenden zitieret als „Haymon“)

4 Ada Lovelace (*10. Dezember 1815 in London; f 27. November 1852 London) gilt als erste Programmiererin. Vgl. https://de.wikiDedia.org/wiki/Ada Lovelace, zuletzt aufgerufen am 22.02.2022.

5 „Mein Sohn musste nicht, so wie sein Bruder vor ihm, komplett nackt nach Asamando zurückkehren.“, S.19. Asamando als “Zwischenwelt” lernen wir im Kapitel „Zwischen den Schleifen“ kennen, S.127 ff. in: Otoo, Sharon Dodua: Adas Raum. 6. Auflage. Frankfurt am Main: S. Fischer 2021. (Im Folgenden zitiert als „Otoo 2021“)

6 Haymon

7 Vgl. Goethe Institut: Weibliche, Schwarze Geschichtsschreibung: Ein Interview mit Sharon Dodua Otoo. Zuletzt aufgerufen am 20.02.22. URL: httDs://www.voutube.com/watch?v=iZOSJnHvGEo.

8 Ebd.

9 Salzmann, Sasha Marianna: Sichtbar. In: Aydemir, Fatma/Yaghoobifarah, Hengemeh (Hrsg.): Eure Heimat ist unser Albtraum. Mit Beiträgen von Sasha Marianna Salzmann, Sharon Dodua Otoo, Max Czollek, Mithu Sanyal, Margarete Stokowski, Olga Grjasnowa, Reyhan §ahin, Deniz Utlu, Simone Dede Ayivi, Enrico Ippolito, Nadia Shehadeh, Vina Yun, Hengameh Yaghoobifarah und Fatma Aydemir. Berlin: Ullstein 2019, S.13.

10 Klappentext von Aydemir, Fatma/Yaghoobifarah, Hengemeh (Hrsg.): Eure Heimat ist unser Albtraum. Mit Beiträgen von Sasha Marianna Salzmann, Sharon Dodua Otoo, Max Czollek, Mithu Sanyal, Margarete Stokowski, Olga Grjasnowa, Reyhan §ahin, Deniz Utlu, Simone Dede Ayivi, Enrico Ippolito, Nadia Shehadeh, Vina Yun, Hengameh Yaghoobifarah und Fatma Aydemir. Berlin: Ullstein 2019.

11 Klappentext von Aydemir, Fatma/Yaghoobifarah, Hengemeh (Hrsg.): Eure Heimat ist unser Albtraum.

12 Ebd.

13 Vgl. Otoo, Sharon Dodua: Liebe. In: Aydemir, Fatma/Yaghoobifarah, Hengemeh (Hrsg.): Eure Heimat ist unser Albtraum. Mit Beiträgen von Sasha Marianna Salzmann, Sharon Dodua Otoo, Max Czollek, Mithu Sanyal, Margarete Stokowski, Olga Grjasnowa, Reyhan §ahin, Deniz Utlu, Simone Dede Ayivi, Enrico Ippolito, Nadia Shehadeh, Vina Yun, Hengameh Yaghoobifarah und Fatma Aydemir. Berlin: Ullstein 2019, S.62. (Im Folgenden zitiert als „Otoo 2019“)

14 Eickelpasch, Ralf; Rademacher, Claudia: Identität. Bielefeld: Transcript 2004. (=Einsichten. Themen der Soziologie), S.14. (Im Folgenden zitiert als „Eickelpasch/Rademacher 2004“)

15 Lucius-Hoene, Prof. Dr. Gabriele: Identität. In: Dorsch Lexikon der Psychologie, Markus Antonius Wirtz (Hrsg.). Zuletzt geändert 16.04.2021. Zuletzt aufgerufen am 23.02.2022. URL: https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/identitaet. (Im Folgenden zitiert als „Dorsch Lexikon der Psychologie: Identität.“)

16 Hall zitiert in: Eickelpasch/Rademacher 2004, S.77.

17 Ebd., S.77.

18 Eickelpasch/Rademacher 2004, S.78.

19 Plumelle-Uribe, Rosa Amelie: Weiße Barbarei. Vom Kolonialrassismus zur Rassenpolitik der Nazis. Aus dem Französischen übersetzt von Birgit Althaler. Vorwort von Lothar Baier, Nachwort von Louis Sala-Molins. Zürich: Rotpunktverlag 2004, S.17. (Im Folgenden zitiert als „Plumelle-Uribe 2004“)

20 Ebd.,S.17.

21 Vgl. de Fenffe, Gregor Delvaux: Sklaverei. Sklaven für Amerika. Erstveröffentlichung 2006. Letzte Aktualisierung 13.07.2020. Zuletzt aufgerufen am 24.02.22. URL: httDs://www.Dlanet-wissen.de/geschichte/menschenrechte/sklaverei/DwiesklavenfueramerikalOO.html. (Im Folgenden zitiert als „de Fenffe 2006“)

22 Vgl. Otoo 2021, S.16: „Naa Lamiley schüttelte ihren Kopf und knabberte an ihrem rissigen Daumennagel, während die Zahnlosen mich erneut auslachten - aber es stimmte wirklich, dass ich immer noch spüren konnte, wie er mich angestarrt hatte, als ich ihn in den Armen hielt.“

23 Vgl. ebd., S.19: „Zunächst schlug sie mich einmal kräftig und war enttäuscht, weil die Zweige des Reisigbesens für ihre Begriffe zu weich waren.“

24 Ebd., S.110.

25 Ebd., S.78f.

26 Ebd., S.79.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Identität als Zuschreibung. ('Schwarzes') Selbstbewusstsein in Otoos Roman "Adas Raum" und ihrem Text "Liebe"
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für Germanistische und Allgemeine Literaturwissenschaften der RWTH Aachen)
Veranstaltung
Hauptseminar: Migration und Identität
Note
1.3
Autor
Jahr
2022
Seiten
27
Katalognummer
V1194534
ISBN (Buch)
9783346637949
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sharon Dodua Otoo, Otoo, Identität, Identitätspolitik, Neuerscheinungen, Bestseller, Migration, Postkolonialismus, Kolonialismus, Rassismus, Ns-Zeit, Shoah
Arbeit zitieren
Sophie Vogt (Autor:in), 2022, Identität als Zuschreibung. ('Schwarzes') Selbstbewusstsein in Otoos Roman "Adas Raum" und ihrem Text "Liebe", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1194534

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