Die vorliegende Arbeit, welche im Rahmen des Seminars "Koordinierte Alphabetisierung im Anfangsunterricht (KOALA)" verfasst wird, bearbeitet die Thematik der Mehrsprachigkeit und ihre Entwicklung im Kontext der deutschen Migrationsgeschichte. Zuerst soll der facettenreiche Begriff der Mehrsprachigkeit aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet werden. Für die Fragestellung der Arbeit ist sodann zu klären, auf welche Art und Weise die Zweitsprache (L2) Deutsch von mehrsprachigen Kindern überhaupt erworben wird. Hierfür dienen drei Theorieansätze als Grundlage, wobei eine für die Arbeit relevante näher ausgeführt wird: die Interdependenzhypothese. Die Beantwortung der Fragestellung, ob die Mehrsprachigkeit endgültig eine Ressource für die gesamte Gesellschaft darstellt, hängt davon ab, welche Methode der Sprachförderung angewandt wird. An dieser Stelle werden drei essentielle Säulen der Sprachförderung mit dem Fokus auf Schulen mit koordiniertem Lernen am Beispiel von KOALA erläutert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Diskurs über Mehrsprachigkeit
2.1 Was bezeichnet „Mehrsprachigkeit“?
2.2 Abgrenzung von „doppelter Ein- bzw. Halbsprachigkeit“
2.3 Idee des sprachlichen Repertoires
3. Der Zweitspracherwerb
3.1 Theorien des Zweitspracherwerbs
3.2 Faktoren der Beeinflussung
3.3 Stellenwert der Erstsprache
4. Die assimilationsorientierte Perspektive: Mehrsprachigkeit als Sprachbarriere
4.1 (Institutionelle) Diskriminierung: Begriffsklärung und Vorkommen
4.2 Erwartungseffekte
4.3 Auswirkungen auf die Persönlichkeit
5. Vorzüge der Mehrsprachigkeit
5.1 Ergebnisse der Spracherwerbsforschung
5.2 Modelle zur Sprachförderung
6. Schlussteil
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, ob Mehrsprachigkeit im Kontext der deutschen Migrationsgeschichte als Ressource oder als Hindernis für die schulische Bildung von Schülerinnen und Schülern betrachtet werden sollte. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie sich institutionelle Rahmenbedingungen und pädagogische Ansätze auf die Identitätsentwicklung und den Zweitspracherwerb auswirken.
- Facettenreiche Begriffsbestimmung von Mehrsprachigkeit
- Analyse von Theorien zum Zweitspracherwerb
- Untersuchung von institutioneller Diskriminierung und Erwartungseffekten
- Bedeutung der Erstsprache und Identitätsbildung
- Evaluation von Modellen zur Sprachförderung, insbesondere KOALA
Auszug aus dem Buch
2.3 Idee des sprachlichen Repertoires
Das Konzept des sprachlichen Repertoires ist auf den Anthropologen Gumperz zurückzuführen (vgl. Busch 2013: 20). Es folgt der Grundvorstellung, dass Sprachen unzählbar sind. Demzufolge bilden die unterschiedlichen Versionen von Sprache eine Ganzheit, welche „[…] jene Sprachen, Dialekte, Stile, Register, Codes und Routinen einschließt“ (ebd.). Der Sprechende bediene sich zwar – je nach Situation und auf eigenständige Weise – seines sprachlichen Repertoires, allerdings sei dieses von Interaktionskonventionen beschränkt, die im Laufe des Lebens „[…] erlernt, befolgt und gelegentlich durchbrochen [würden]“ (ebd.: 22).
Die Verinnerlichung eines sprachlichen Repertoires – wobei dieses als offen betrachtet wird – verhelfe dem Einzelnen dazu, sich in Interaktionen zu positionieren. Hierbei beschränkt sich Gumperz auf das äußere Erleben von Konventionen in sprachlichen Interaktionen: Das erlebende Subjekt und dessen sich dynamisch entwickelndes Repertoire wird außer Acht gelassen. Dieser Forderung wird mit der Veranschaulichung der leiblichen, emotionalen und historisch-politischen Dimension entgegengekommen (vgl. ebd.: 20ff.). Nach Merlau-Ponty (2009, zit. nach ebd.: 23) besteht die Bedeutsamkeit der leiblichen Dimension für das Repertoire darin, dass auch das Sprechen leiblich zu verstehen ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Fragestellung vor, ob Mehrsprachigkeit eine Ressource oder Sprachbarriere darstellt und skizziert den inhaltlichen Aufbau der Arbeit.
2. Der Diskurs über Mehrsprachigkeit: Dieses Kapitel definiert den Begriff der Mehrsprachigkeit, grenzt ihn von negativen Mythen wie der „doppelten Halbsprachigkeit“ ab und führt das Konzept des sprachlichen Repertoires ein.
3. Der Zweitspracherwerb: Hier werden theoretische Grundlagen des Zweitspracherwerbs, wie die Interdependenzhypothese, sowie Einflussfaktoren und die Bedeutung der Erstsprache diskutiert.
4. Die assimilationsorientierte Perspektive: Mehrsprachigkeit als Sprachbarriere: Das Kapitel analysiert, wie institutionelle Diskriminierung und Erwartungseffekte sowie die asymmetrische Machtverteilung die Persönlichkeit und Identität mehrsprachiger Schüler beeinflussen.
5. Vorzüge der Mehrsprachigkeit: Dieses Kapitel wechselt die Perspektive hin zur Mehrsprachigkeit als Ressource und erläutert wissenschaftliche Erkenntnisse sowie Modelle der Sprachförderung wie HSU und KOALA.
6. Schlussteil: Der Schlussteil reflektiert die Ergebnisse der Argumentation und stellt fest, dass Mehrsprachigkeit bei gezielter Förderung eine wertvolle Ressource für die gesamte Gesellschaft darstellt.
Schlüsselwörter
Mehrsprachigkeit, Migrationsgeschichte, Zweitspracherwerb, Erstsprache, Interdependenzhypothese, institutionelle Diskriminierung, Erwartungseffekte, Identitätsentwicklung, Sprachförderung, KOALA, Sprachliches Repertoire, Ambiguitätstoleranz, Bildungssprache, Herkunftssprachenunterricht, Diversität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Rolle der Mehrsprachigkeit im schulischen Kontext unter Berücksichtigung der deutschen Migrationsgeschichte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf Spracherwerbstheorien, institutioneller Diskriminierung, Identitätsbildung und modernen Modellen zur Sprachförderung.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, ob Mehrsprachigkeit eine Ressource oder einen Stolperstein für die schulische Bildung mehrsprachiger Kinder darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf Basis einer Literaturanalyse verschiedene Ansätze und Studien diskutiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet terminologische Grundlagen, den Prozess des Zweitspracherwerbs, kritische Barrieren wie institutionelle Diskriminierung und positive Förderkonzepte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Mehrsprachigkeit, Sprachbarriere, Zweitspracherwerb, Institutionelle Diskriminierung und KOALA.
Welche Rolle spielt die Interdependenzhypothese in der Arbeit?
Die Hypothese dient als theoretische Grundlage, um zu verdeutlichen, dass eine intakte Erstsprache die Basis für den erfolgreichen Erwerb der Zweitsprache bilden kann.
Warum wird das Projekt KOALA im Text hervorgehoben?
KOALA wird als praktisches Modell für koordinierte Alphabetisierung genannt, das Verständnis und Toleranz fördert und die Sprachvielfalt im Klassenzimmer als Ressource nutzt.
- Citar trabajo
- Özge Sakalar (Autor), 2017, Mehrsprachigkeit im Kontext der Migration. Ist sie eine Ressource für die schulische Bildung mehrsprachiger Schülerinnen und Schüler oder eine Sprachbarriere?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1194631