„jenes […] uns tyrannisierende Gesellschaftsetwas“ - Individuum und Gesellschaft bei Fontane am Beispiel von Effi Briest


Bachelorarbeit, 2008

27 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitendes

2. Individuen in Fontanes Gesellschaft
2.1. Effi – Naturkind mit Heimweh
2.2. Innstetten und das Gesellschafts-Etwas
2.3. Effis Eltern
2.4. Crampas – Teufel oder liebenswerter Hazardeur?

3. Effi Briest – ein gesellschaftskritisches Stück?
3.1. Die Schuldfrage
3.2. Liebe vs. Gesetz
3.3. Polyphone Menschlichkeit

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitendes

„[W]as wir Glauben nennen, ist Lug und Trug oder Täuschung oder Stupidität, was wir Loyalität nennen, ist Vortheilsberechnung, was wir Liebe nennen, ist alles Mögliche, nur meist nicht Liebe, was wir Bekenntnißtreue nennen ist Rechthaberei.“[1] In diesen Worten, die Teil einer brieflichen Äußerung sind, die nach Lucács Ausdruck einer „bis zum nihilistischen Pessimismus“ gesteigerten Skepsis ist,[2] artikuliert sich Fontanes Wahrnehmung seiner Umgebung, etwa zu einer Zeit, da er mit der Geschichte der Elisabeth von Ardenne vertraut gemacht wird, die bekanntlich zum Auslöser für seinen bis dahin größten literarischen Erfolg wird – Effi Briest.[3]

Es verwundert also nicht, dass in diesem Roman von weiten Teilen der Forschung eine starke gesellschaftskritische Komponente herausgearbeitet worden ist. Auf den folgenden Seiten soll versucht werden, diesen Aspekt in Fontanes Werk etwas genauer zu beleuchten, um einen Eindruck zu erhalten, was unter Gesellschaftskritik verstanden sein kann und wie sie sich bei ihm literarisch äußert. Auch wenn Mecklenburg betont, dass „ästhetische und gesellschaftsbezogene Betrachtung“ bei Fontane nicht von einander zu trennen sind,[4] müssen formale Gesichtspunkte hier vernachlässigt werden, die sich mit dem Reichtum ästhetischer Besonderheiten im Werk des Autors befassen. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt stattdessen auf der inhaltlichen Seite, die der Frage nachgeht, welches Subjektverständnis im Spätwerk des Fontanes, nicht nur gegen Ende seines Lebens, sondern auch am Ausgang des 19.Jahrhunderts im vorliegenden Text deutlich wird.

2. Individuen in Fontanes Gesellschaft

Ein junges Mädchen von 17 Jahren aus einer Familie alten märkischen Landadels heiratet einen wesentlich älteren Mann, ebenfalls aus adligem Hause, der sich auf einem vielversprechenden beruflichen Weg befindet. Sorgen um seine materielle Zukunft muss sich das frisch vermählte Paar also keine machen. Im Gegenteil, die junge Braut kann davon ausgehen, dass sie „mit zwanzig Jahren“ da stehen wird, wo „andere mit vierzig stehen“ und dass sie ihre Mutter „weit überholen“ wird.[5]

Was zunächst wie ein neuzeitliches Märchen klingt, entwickelt sich, wie man weiß, ganz anders – die Protagonistin gerät in eine Ehebruchsaffäre, wird vom Ehemann verlassen und von der ihr bisher vertrauten gesellschaftlichen Umgebung getrennt. Sie erholt sich von den seelischen Anstrengungen der damit verbundenen Vorgänge nicht mehr und stirbt im Alter von nicht einmal 30 Jahren. Die Erzählung endet somit auf tragische Weise da, wo sie ihren so hoffnungsvollen Anfang genommen hatte: auf dem elterlichen Landsitz im brandenburgischen Hohen-Cremmen. Effi, der alle Möglichkeiten offen zu stehen schienen, wird begraben, nicht auf dem Kirchhof, sondern dem Grundstück der Eltern, dort, wo sich vorher eine Sonnenuhr befunden hatte. Ob von Pastor Niemeyer, der sie bereits „getauft und eingesegnet und getraut“ hatte,[6] bleibt offen – ein Jahre zurückliegender Moment, der Sehnsucht und dunkle Vorahnung verband, bestätigt sich.[7]

Der Leser ist geneigt mit dem Erzähler „arme Effi“ auszurufen.[8] Doch wie konnte es so weit kommen? Was ist am Ende des Romans aus der ausgelassenen „Tochter der Luft“ der Anfangsseiten geworden und wer ist für ihr tragisches Schicksal verantwortlich zu machen? Effi selbst? Crampas? Innstetten? Die Gesellschaft? Niemand? Oder gar alle miteinander? Ist es am Ende vielleicht falsch, die Schuldfrage überhaupt zu stellen und welche Positionen bezüglich der Rolle des Subjekts in der Gesellschaft werden in diesem Zusammenhang verhandelt?

2.1. Effi – Naturkind mit Heimweh

„Es ist soviel Unschuld in ihrer Schuld“ – dieser Ausspruch der Melanie van der Straaten in Fontanes L’Adultera scheint auch auf Effi Briest anwendbar,[9] von der bei Grawe zu lesen ist, dass „ […] keine andere Figur Fontanes außer dem alten Stechlin […] soviel Fontanesches“ enthalte wie sie.[10] Ausgestattet mit Eigenschaften wie übermütige Lebenslust und verspielte Ausgelassenheit betritt die Protagonistin vor der Kulisse eines vom Autor gemalten Landschaftsidylls das Romangeschehen. Dort heißt es von ihr:

„In allem, was sie tat, paarte sich Übermut und Grazie, während ihre lachenden braunen Augen eine große, natürliche Klugheit und viel Lebenslust und Herzensgüte verrieten.“[11]

Die Mutter prägt bereits an gleicher Stelle die leitmotivisch gebrauchte Bezeichnung von der „Tochter der Luft“,[12] womit einerseits auf Effis Freude an Spiel und Bewegung als Signatur ihres jugendlichen Alters hingewiesen wird, andererseits schon ein „Hang zu Risiko und Gefahr“ angedeutet ist,[13] der sich in einem Ausspruch Effis unmittelbar vor der Verheiratung mit Innstetten manifestiert:

[...]


[1] Theodor Fontane. Werke, Schriften und Briefe. 22 Bände in 4 Abteilungen. Hrsg. v. Walter Keitel und Helmut Nürnberger. München. 1962ff. Zitiert als HA. Hier HA IV,3: 590.

[2] Lucács, Georg (1967): Die Grablegung des alten Deutschland. München. S.133.

[3] Vgl. Jolles Charlotte (41993): Theodor Fontane. Stuttgart u.a. S.79.

[4] Mecklenburg, Norbert (1998): Theodor Fontane. Romankunst der Vielstimmigkeit. Frankfurt/M. S.8.

[5] Theodor Fontane: Sämtliche Werke. Hrsg. v. Edgar Groß. München. 1959ff. Zitiert als NA. Hier NA 7: 180.

[6] NA 7: 262.

[7] Vgl. NA 7: 262.

[8] Vgl. NA 7: 226, 424.

[9] NA 4: 13.

[10] Grawe, Christian (51993): Theodor Fontane: Effi Briest. Grundlagen und Gedanken zum Verständnis erzählender Literatur. Frankfurt/M. S.27.

[11] NA 7: 172.

[12] Ebd.

[13] Vgl. Restenberger, Antje (2001): Effi Briest: Historische Realität und literarische Fiktion in den Werken von Fontane, Spielhagen, Hochhuth, Brückner und Keuler. Frankfurt/M. u.a. S.108.

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Details

Titel
„jenes […] uns tyrannisierende Gesellschaftsetwas“ - Individuum und Gesellschaft bei Fontane am Beispiel von Effi Briest
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Deutsche und Niederländische Philologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
27
Katalognummer
V119494
ISBN (eBook)
9783640229215
ISBN (Buch)
9783640230785
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gesellschaftsetwas“, Individuum, Gesellschaft, Fontane, Beispiel, Effi, Briest, Thema Effi Briest
Arbeit zitieren
Fritz Hubertus Vaziri (Autor), 2008, „jenes […] uns tyrannisierende Gesellschaftsetwas“ - Individuum und Gesellschaft bei Fontane am Beispiel von Effi Briest, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119494

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