Handreichungen für den Deutschunterricht zu Gottfried Keller: Kleider machen Leute


Unterrichtsentwurf, 2022

80 Seiten

Herbert Fuchs (Autor:in)


Leseprobe


Inhalt

Interpretation

Didaktische Überlegungen

Stundenskizzen
Sequenz 1 Ankunft des Schneiders in Goldach
Sequenz 2 Bewirtung im Gasthaus „Zur Waage“
Sequenz 3 Besuch beim Amtsrat und Bekanntschaft mit Nettchen
Sequenz 4 Nettchen und Strapinski verlieben sich
Sequenz 5 Der Seldwyler Schlittenzug und die Entlarvung des Schneiders
Sequenz 6 Nettchen rettet Wenzel vor dem Erfrieren
Sequenz 7 Heirat und gesellschaftliche Anerkennung
Sequenz 8 Erzählmittel
Sequenz 9 Gegenwartsbezug der Novelle
Sequenz 10 Wenzel Strapinski wird der Prozess gemacht
Sequenz 11 Der gestiefelte Kater und Kleider machen Leute – ein Vergleich

Aufgaben und Themenvorschläge für Hausarbeiten und/oder Klassenarbeiten

Anhang
Der gestiefelte Kater
Biografie des Autors

Diese Handreichung ist die überarbeitete und erweiterte Fassung einer Publikation, die erstmals 1980, zuletzt 2020 als 5. Druck der 4. Aufl. im Cornelsen Verlag erschienen war. Die Seitenangaben beziehen sich auf eine im Jahr 2021 in der Reihe „Reclam XL“ veröffentlichte Ausgabe von Kleider machen Leute.

Interpretation

Die unerhörte Begebenheit, aus der sich Gottfried Kellers Novelle Kleider machen Leute entfaltet, ist die Verwechslung des armen Schneiders Wenzel Strapinski mit einem „geheimnisvollen Prinzen oder Grafensohn“ durch die Goldacher Bürger. Das Gegensatzpaar „arm“ und „reich“ gleich im ersten Satz des Textes deutet an, wie unerhört das Ereignis der Verwechslung ist. Obwohl der Schneider mittellos und ohne Arbeit ist, wird er aufgrund seiner äußeren Erscheinung in Goldach nicht nur als gesellschaftlich gleichgestellt toleriert, sondern als Gast mit vermeintlich höherem Sozialprestige hofiert.

Die Verwechslung, die den Handlungsablauf bis zur Aufdeckung beim Verlobungsball festlegt, ist nur scheinbar ein Zufall. Sie ist begründet sowohl im Lebenslauf und im Wesen Wenzel Strapinskis als auch in der Einstellung und dem Selbstverständnis der Goldacher Bürger.

Die Hauptfigur der Novelle wird von Keller in einem einleitenden Abschnitt in seinem Äußeren und in seinem Denken und Fühlen charakterisiert. Die Einleitung zeigt vor allem, dass Wenzel Strapinski den Goldachern unterlegen ist; er ist arm, ohne Arbeit, hungrig und schutzlos der Kälte eines unfreundlichen Novembertages ausgesetzt. Sein „edles und romantisches Aussehen“ verstärkt seine Isolation. Habitus und Verhalten des Schneiders, die ihm zum „Märtyrer seines Mantels“ machen, werden zunächst als „angeborenes Bedürfnis“ nicht näher erklärt. Der Leser weiß nicht, ob er das Verhalten des Schneiders nach der Verwechslung in Goldach als vorsätzliche Täuschung oder als arglose Unbeholfenheit werten soll. Mit fortschreitender Handlung wird aber für den Leser „durchschaubar, dass sich hinter der so stark unterstrichenen ‚Wahl der Kleider‘ … Unzufriedenheit des Schneiders mit seinem sozialen Satus verbirgt als Grundlage für das Bestreben, in eine höhere gesellschaftliche Klasse aufzusteigen“1.

Erst sehr viel später im Verlaufe der Novelle, als Strapinski Nettchen gegenüber eine Lebensbeichte ablegt, versucht der Erzähler, die Ursachen für das zunächst widersprüchliche Verhalten des Schneiders offenzulegen. Nach den Worten Strapinskis hatte seine Mutter, obwohl nur zum Gesinde einer herrschaftlichen Frau gehörend, deren feine Art angenommen. Die vorwiegend auf Äußerlichkeiten ausgerichtete Glücksvorstellung der Mutter war, weil der Tod ihres Mannes Armut bedeutete, auf Dauer nicht realisierbar, wurde aber dem Sohn als Wert vermittelt und anerzogen. Tatsächlich bot sich dem Sohn durch das Angebot einer reichen, verwitweten Gutsherrin die Möglichkeit zum ersehnten sozialen Aufstieg. Dieser Traum vom Glück zerschlug sich jedoch. Das Bewusstsein, etwas Besseres zu sein bzw. sein zu können, äußerte sich später im Auftreten und in der Kleidung, im Habitus. Es darf angenommen werden, dass sich der Schneider der Verknüpfung von Kindheitserlebnissen und späterem Verhalten erst durch die verschiedenen Ereignisse und insbesondere durch den Fall aus den Höhen eines allseits geachteten Grafen zurück in die Tiefen eines armen Schneiders bewusst wird, dass er aber auch später die sozialpsychologischen Motive seines Handelns nicht reflektiert.

Der gesellschaftlichen Unterlegenheit Wenzel Strapinskis stellt Keller die auf Besitz und Geld gegründete Tüchtigkeit der Goldacher gegenüber, die durch die Abendherren als die „Mitglieder guter Häuser“ repräsentiert sind. Die Wohlhabenheit wird an vielen Stellen deutlich, zum Beispiel in der Beschreibung des Mahls im Gasthof, des Glücksspiels und des Abendessens beim Amtsrat, aber auch durch die Hinweise auf die Herkunft der Tabakwaren. Die Goldacher sind „nichts weniger als lächerlich oder einfältig, sondern umsichtige Geschäftsmänner, mehr schlau als vernagelt“. Ihre gesellschaftliche Stellung und die wirtschaftliche Situation ermöglichen ihnen ein unbeschwertes, vor allem auf Genuss gerichtetes Leben.

Die Lage, in der sich Wenzel Strapinski befindet, macht normalerweise seinen Zutritt zu der Welt der Goldacher Bürger unmöglich. Dass der Wirt und später die anderen Goldacher ihn als Herrn empfangen und behandeln, ist darin begründet, dass sie das, was der Schneider vorgibt zu sein, bereitwillig als die Wirklichkeit akzeptieren.2 Im Text heißt es: „…allein, da ihre wohlbesorgte Stadt klein war und es ihnen manchmal langweilig darin vorkam, waren sie stets begierig auf eine Abwechslung, ein Ereignis, einen Vorgang, dem sie sich ohne Rückhalt hingaben. Der vierspännige Wagen, das Aussteigen des Fremden, sein Mittagessen, die Aussage des Kutschers waren so einfache und natürliche Dinge, dass die Goldacher, welche keinem müßigen Argwohn nachzuhängen pflegten, ein Ereignis drauf aufbauten wie auf einen Felsen.“ (S. 22/23)

Für eine Einschätzung und Charakterisierung der Goldacher Bürger wie auch für eine Beurteilung der Intentionen des Autors ist die Erzählhaltung wichtig. Der Leser wird, da er das Missverständnis, das zur Verwechslung führt, durchschaut, zu einer Bewertung des Verhaltens der Personen gezwungen. Dabei zeigt sich, dass Keller vor allem zum Mittel des Humors und der Ironie für eine Kritik an den Goldachern greift. So interpretieren die Goldacher das natürliche Benehmen Wenzels, seine Ängstlichkeit, Unsicherheit und Schüchternheit – vor allem beim Mahl in der Gaststube – als ein Verhalten, das ihren Erwartungen und Wünschen entspricht. Dies wiederum ermöglicht dem Leser kritische Einblicke in die Gefall- und Renommiersucht, die Unterwürfigkeit, Beschränktheit und Oberflächlichkeit der Bürger von Goldach. Komik und Ironie dienen dazu, die selbstgefällige Wirklichkeit der Goldacher Bürgerlichkeit zu entlarven. Von Keller ist dabei nicht intendiert, die Werte der Tüchtigkeit, der Sparsamkeit, des Fleißes, die auch typisch für die Goldacher sind, in Frage zu stellen. Diese Tugenden werden in der Novelle eigens bestätigt, da sie für den glücklichen Ausgang der Geschichte wichtig sind. Nettchen und Wenzel erkämpfen sich – gegen die Voraussetzung, die sie mitbringen – eine gesellschaftliche Position, die des Rückgriffs auf gerade diese Tugenden und Werte bedarf, um dauerhaft in Goldach und Seldwyla bestehen zu können. In Goldach allerdings sind diese Werte bloße Etikette. Deshalb ist für sie der äußere Schein eines Menschen wichtiger als seine tatsächliche Persönlichkeit.

Durch das für den Leser offensichtliche Missverhältnis zwischen Schein und Wirklichkeit wird das Grundproblem der Existenz Strapinskis deutlich: Der Glücksanspruch eines armen Schneiders verträgt sich nicht mit den Goldacher Glücksvorstellungen, weil diese prinzipiell an materielle Voraussetzungen gebunden sind. Die Frage nach dem, was Glück heißt, wird im Text wiederholt aufgeworfen. Glück, so scheint es, bedeutet für Strapinski zum einen den Aufstieg in die Goldacher Gesellschaft, weil dadurch überhaupt erst ein Leben in Sicherheit und mit Zukunftsperspektiven möglich wird, und zum anderen die Liebe zu Nettchen.

Es ist Ziel dieser Interpretation zu zeigen, wie in der Novelle Kleider machen Leute der Glücksanspruch Wenzel Strapinskis gegen die gesellschaftlichen Bedingungen dadurch realisiert wird, dass Nettchen es wagt, die gesellschaftlichen Positions- und Rollenzwänge zu durchbrechen und Wenzel als Person zu lieben.

Das Glück des armen Schneiderleins, wegen seiner äußeren Erscheinung in jene Kreise aufgenommen zu werden, die ihm nach dem Selbstverständnis der Goldacher nicht zugänglich sind, und das Glück, die Zuneigung und Liebe Nettchens zu finden, entwickelt Keller in vier verschiedenen Ansätzen, die im Text auch als Handlungsorte voneinander unterschieden werden können.

1 Wenn im Gasthaus „Zur Waage“, dem ersten Handlungsort, der arme Schneider Strapinski und das wohlhabende Goldach aufeinandertreffen, so sind die Gegensätze voll wirksam und werden von dem Schneider als solche empfunden. Er verhält sich entsprechend seiner realen Lage und kann sich zunächst auf den zur Schau gestellten Reichtum und die bürgerlichen Umgangsformen, wie sie z. B. Wirt, Köchin und Stadthonoratioren praktizieren, nicht einstellen. Strapinski ist von der Verwechslung überrumpelt und überwältigt, er verspürt Angst und Gewissensbisse. Er wünscht, der „goldenen Freiheit der Landstraße wieder teilhaftig zu sein, welche ihm jetzt, so schlecht das Wetter war, als das höchste Glück erschien“. Keller zeigt aber auch, dass die Verwechslung eine ungeheure Verlockung für Strapinski darstellt: „Doch verwickelte er sich jetzt in die erste selbsttätige Lüge, weil er in dem verschlossenen Raume ein wenig verweilte, und betrat hiermit den abschüssigen Weg des Bösen.“ Und als der Wirt dem Gast „ein Glas guten Bordeaux“ empfiehlt, begeht der „Schneider den zweiten selbsttätigen Fehler, indem er aus Gehorsam ja statt nein sagte“. Er passt sich schließlich in einer Art Trotzhaltung den Goldbacher Gepflogenheiten an, rafft so viel er kann, wenn auch im Bewusstsein, Unrechtes zu tun, und in der Angst vor Sanktionen, aber auch im Bewusstsein, mehr Opfer als Nutznießer eines Zufalls zu sein. Sein Wissen von der Nichtübereinstimmung seiner sozialen Existenz mit der augenblicklichen Lage drückt sich aus in den verschiedenen Fluchtversuchen.

2 Die nächste Situation zeigt, dass das Handeln des Schneiders immer deutlicher der ihm anerzogenen und verinnerlichten Selbsteinschätzung entspricht. Äußere Erscheinung und soziale Realität werden mit Unterstützung der Goldacher Bürger zunehmend deckungsgleich. Der Aufstieg in die Klasse des Bürgertums Goldacher Ausprägung nimmt seinen Fortgang während des Besuchs beim Amtsrat. Zu der wohlhabenden Umgebung, die ihm förmlich aufgezwungen wird, kommt als Steigerung die Begegnung mit Nettchen, die eine Wende in seinem Schicksal markiert; „Strapinski hingegen wandelte sich in kurzer Zeit um; während er bisher nichts getan hatte, um im geringsten in die Rolle einzugehen, die man ihm aufbürdete, begann er nun unwillkürlich etwas gesuchter zu sprechen und mischte allerhand polnische Brocken in die Rede, kurz, das Schneiderblütchen fing in der Nähe des Frauenzimmers an, seine Sprünge zu machen und seinen Reiter davonzutragen.“

3 Sein Auftreten am Tage nach der Ankunft und vor allem nach der Begegnung mit Nettchen signalisiert deutlich, dass er seine neue Umgebung nicht mehr aus der Sicht eines in Not befindlichen Wandergesellen, sondern aus der Perspektive eines Grafen erlebt. („… stieg von seinem Zimmer herunter auf die Straße …“ – „… und Strapinski schritt mit gutem Anstand und doch bescheiden heraus.“) Noch deutlicher der kommentierende Hinweis des Erzählers: „Das Schicksal machte ihn mit jeder Minute größer.“

Als retardierendes Moment erweist sich sein kurzer Aufenthalt vor den Toren der Stadt, am symbolhaften Kreuzweg. Außerhalb Goldachs sieht er sich wie schon einmal zu Beginn der Erzählung vor die Alternative gestellt, zwischen „Glück, Genuss und Verschuldung einerseits oder Arbeit, Entbehrung, Armut, Dunkelheit“ andererseits wählen zu müssen. Der Anblick des vorbeifahrenden Nettchen, ihr freundliches Verhalten ihm gegenüber erleichtern ihm die Entscheidung; freiwillig kehrt er nach Goldach zurück.

„Nun war der Geist in ihn gefahren. Mit jedem Tage wandelte er sich, gleich einem Regenbogen, der zusehends bunter wird an der vorbrechenden Sonne. Er lernte in Stunden, in Augenblicken, was andere nicht in Jahren, da es in ihm gesteckt hatte wie das Farbenwesen im Regentropfen.“

Nettchen erscheint ihm als Personifikation des Glücks und Verwirklichung einer Utopie. Glück erschöpft sich nicht mehr nur in der Sicherung materieller Bedürfnisse, sondern wird erweitert durch eine zwischenmenschliche Beziehung. Wenzel akzeptiert, dass er den Erwartungen, die die Goldacher Bürger in ihn setzen, und der Rolle, die er als Graf zu spielen hat, Rechnung tragen muss. Mit der sich anbahnenden Integration in die Goldacher Gesellschaft findet er seine Identität.

Keller macht jedoch dadurch, dass er Wenzel als „Helden eines artigen Romanes“ bezeichnet, die Diskrepanz zwischen Sein und Schein von Wenzels Existenz deutlich. Wenzels Glück, so wie es sich bisher erfüllt hat, ist nur eine Fiktion, die, wenn konfrontiert mit der Wirklichkeit, zerfallen muss. Es ist letztlich die Fiktion, die materiellen Voraussetzungen für einen Aufstieg in die Goldacher Gesellschaft könnten durch Zufälligkeiten entfallen oder außer Kraft gesetzt werden. Für den der Situation Strapinskis immanenten Konflikt sind zwei Lösungen vorstellbar: Der Autor kann die Fiktion bestätigen und damit eine eher triviale Auflösung des Konflikts anbieten; er kann aber auch die Fiktion als solche aufdecken und Widerstände gegen die Goldacher Formel „Glück ist zunächst materieller Erfolg und Wohlstand“ entwickeln. Für das Verständnis von Kleider machen Leute ist das Letztere entscheidend. Es wird im zweiten Teil der Interpretation zu zeigen sein, wie Keller das scheinbar Unmögliche, dass ein armer Schneider im reichen Goldach sein Glück findet, mithilfe Nettchens nicht mehr als Fiktion, sondern als Realität darstellt.

4 Die vierte Stufe von Wenzels Glück ist eine konsequente Fortentwicklung der von Nettchen herbeigeführten Wende. Strapinski verlobt sich mit Nettchen und steht damit vor der endgültigen Eingliederung in das Goldacher Bürgertum. Der Maskenball stellt den Endpunkt einer Entwicklung dar. Das, was eigentlich Schein ist, wird zur realen Existenz Wenzel Strapinskis. Es ist jener Punkt erreicht, an dem eine Lösung der Fiktion, in der Strapinski lebt, kommen muss. In der Ballszene wird vorgeführt, dass die Lösung - zunächst einmal - die Entlarvung der Fiktion ist. Der Leser, der die Szene ganz aus der Sicht Wenzels erlebt, erfährt, dass in der Goldacher (und Seldwyler) Gesellschaft letztlich nur Amt und Besitz, nicht aber die Person zählen. Es ist Wenzels Fehler, dass er den prinzipiellen und, wie es scheint, in Goldach nicht auflösbaren Zusammenhang zwischen persönlichem Glück und materiellen Voraussetzungen, den er zu Beginn der Verwechslung intuitiv erahnt hat (vgl. z. B. seine Gewissensbisse), außer Acht gelassen und sich dem Trugschluss hingegeben hat, er könnte aufgrund eines Zufalls und seiner Persönlichkeit die Kluft zwischen Arm und Reich überspringen.

In der Ballszene werden dem Leser von Beginn an Hinweise gegeben, die die Gefährdung des Glücks von Wenzel und schließlich die Zerstörung seines Glücks andeuten:

- Melchior Böhni erscheint als der Ränkespieler, der die wirkliche Existenz des vermeintlichen Grafen kennt und in Absprache mit den Seldwylern die Aufdeckung der Lüge vorbereitet.
- Die ersten beiden Schlitten des Seldwyler Zuges werden durch Figuren geschmückt: Ein Ziegenbock jagt hinter der Göttin Fortuna, einer riesenhaften Strohpuppe, her; eine deutliche Anspielung darauf, dass Wenzels Glück erjagt und schließlich erlegt werden wird.
- Die Inschriften „Leute machen Kleider“ und „Kleider machen Leute“ an den Seldwyler Schlitten führen vor, wie die Wirklichkeit durch Äußeres verkehrt werden kann. Dieses Thema wird dann auch zu einem Mittelpunkt der Vorführungen der Seldwyler.
- Die Musik deutet mit einer „wehmütig ernsten Weise“ auf die bevorstehende Katastrophe hin.
- Schließlich wird als Höhepunkt die Verwandlung Wenzels in den Grafen vorgespielt und seine Entdeckung eingeleitet. Im Grunde ist die Verkleidungsszene eine Zusammenfassung der Entwicklung des armen Schneiders zum Grafen und eine Demonstration der Fiktionalität der Existenz Strapinskis und der Vergeblichkeit des Versuchs, von seiner Welt der Armut den Schritt zu tun in die saturierte der Goldacher.
- Die Maskerade der Seldwyler, Spiel im Spiel, steigert die Spannung, erhöht die Bedeutung des Vorgangs und begründet eine Fallhöhe des Helden, die Tragik bedeutet. Die Demaskierung des Grafen als Schneider wirkt vernichtend. Die Hauptfigur fällt tiefer als auf ihre Ausgangsposition; Strapinski wird nicht nur als Schneidergeselle, sondern auch als vermeintlicher Betrüger, Hochstapler, Heiratsschwindler entlarvt. Seine Existenz ist zerstört. Die psychische Demütigung endet in der, wie es scheint, physischen Vernichtung des Schneiders.

Mit Wenzel stürzt scheinbar auch Nettchen. Beide Hauptfiguren erscheinen zu keiner Aktion mehr fähig. An dieser Stelle des Textes ist das abgeschlossen, was Keller zunächst demonstrieren wollte, nämlich die Unmöglichkeit einer glückhaften Integration eines Menschen aufgrund seiner Qualitäten allein in eine Gesellschaft, für die das Menschliche hinter Materiellem zurücktreten muss.

Erkennbar ist, dass Keller die Goldacher Verhältnisse und Wertmaßstäbe, die dem Schneider Glück verwehren und ihn schließlich zerstören, kritisiert, zum Beispiel in der Art, wie er die Selbstgefälligkeit darstellt, mit der von den Goldachern der Schein für wirklich genommen wird, oder wie von der Vergeblichkeit der Glückssuche des armen Schneiders in Goldach erzählt wird. Der Leser, der aus der Sicht Wenzels die Vorgänge beurteilt, „erleidet“ die Zerstörung des Glücks und ergreift für Strapinski und gegen die Goldacher Partei.

Ganz direkt übt Keller im vorletzten Abschnitt dieses ersten Teils der Novelle Kritik an einer gesellschaftlichen Ordnung, in der zwar angesehene Männer – er führt als Beispiel den Fürsten, den Priester, den Lehrer u. a. an - eine auf Schein gegründete Existenz führen dürfen, nicht aber ein unbedeutender Schneider. Diese Textstelle ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass es zwingend ist, vom Einzelfall dieses Schneiderschicksals abzuheben und das Problem allgemeingültiger zu sehen. Neben dem programmatischen Erzählerkommentar weist vor allem der Titel Kleider machen Leute über den Einzelfall des Wenzel Strapinski hinaus. Es scheint das zentrale Anliegen der Erzählung zu sein, die Abhängigkeit des Einzelnen von und seine Veränderbarkeit durch eine ihn umgebende Gesellschaft zu zeigen. Alle Personen und Gruppen, denen der Schneider in Goldach begegnet, tragen dazu bei, dass er in eine Situation gedrängt wird, in der er seine unbewussten Leitbilder, die sich einzugestehen oder gar zu formulieren er bisher nicht gewagt hat, realisieren kann, weil für die Urteilsfindung fast aller Goldacher die äußere Erscheinung bestimmend ist. Der Wirt etwa orientiert sich außer an der Kleidung und dem Auftreten des Schneiders vor allem an dem Wappen auf den Kutscherknöpfen und auf dem Wagen, der wie das Gefährt eines Herzogs aussehe. Die äußere Schale allein - um ein Bild Kellers aufzugrei- fen - führt zu Interaktionen; nach dem Kern wird nicht geforscht.

Ähnlich wie Wirt und Köchin verhalten sich die Mitglieder der Nachmittagsgesellschaft, die sich aus Notar, Stadtschreiber und drei Vertretern von Handelsunternehmen zusammensetzt. Obwohl zunächst misstrauisch, schließen sich die Herren sehr bald dem Urteil des Wirts an und finden es dadurch bestätigt, dass der Schneider mit Pferden umgehen und ein polnisches Lied vortragen kann. Amtsrat und Nettchen reagieren nicht minder unkritisch auf den Gast. Da - wie der Erzähler ausdrücklich betont – „diese Leute... nichts weniger als lächerlich und einfältig, sondern umsichtige Geschäftsmänner, mehr schlau als vernagelt (waren)“, muss die Leichtgläubigkeit überraschen. Sie wird nur so erklärbar, dass zwischen dem Schneider und der Goldacher Gesellschaft eine partielle Affinität besteht. Beiden ist gemeinsam, dass die Repräsentation nach außen ein falsches Bild vermitteln soll. Der Schneider verschleiert die soziale Deklassierung, die Bürger die Beschränktheit ihres kleinstädtischen Alltags und die Nichtübereinstimmung von Moral und materieller Existenz. Die fehlende Übereinstimmung wird vorgeführt an den Häusern der Stadt: „…zum Landeswohl (ein reinliches Häuschen, in welchem hinter einem Kanarienkäficht, ganz mit Kresse behängt, eine freundliche alte Frau saß mit einer weißen Zipfelhaube und Garn haspelte), zur Verfassung (unten hauste ein Böttcher, welcher eifrig und mit großem Geräusch kleine Eimer und Fässchen mit Reifen einfasste und unablässig klopfte), ein Haus hieß schauerlich: zum Tod! Ein verwaschenes Gerippe erstreckte sich von unten bis oben zwischen den Fenstern; hier wohnte der Friedensrichter.“ (S. 24)

Die Renommiersucht der Nachmittagsgesellschaft und des Wirtes weisen in dieselbe Richtung. Die Mitglieder der Kaffee- und Spielrunde bieten Tabakprodukte aus aller Welt an, wollen sich übertrumpfen und den Eindruck der Welterfahrenheit machen, ohne je das kleine Städtchen verlassen zu haben. Der Wirt will des Ansehens und der Ehre wegen auf die Bezahlung für die Beköstigung des Grafen verzichten.

Humor und milde Ironie des Erzählers lassen erkennen, dass der Erzähler bestimmte Erscheinungsformen einer Gesellschaft ursprünglich kleinbür-gerlichen Zuschnitts, die neu unter den Einfluss einer kapitalistischen Verkehrswirtschaft gerät, für tadelnswert hält. Das Vorwort zum zweiten Band der Leute von Seldwyla und verschiedene Briefstellen legen die Annahme nahe, dass Keller die Ausbildung einer Glücksritter-Mentalität, von Unsolidität und Rentierverhalten im Gefolge einer handelskapitalistischen Wirtschaftsverfassung mit Sorge betrachtet.

So schreibt Keller im Vorwort des zweiten Novellenbandes in Bezug auf Seldwyla, „dass sich sein sonst durch Jahrhunderte gleichgebliebener Charakter in weniger als zehn Jahren geändert hat und sich ganz in sein Gegenteil zu verwandeln droht. [...] Es ist insonderlich die überall verbreitete Spekulationsbetätigung in bekannten und unbekannten Werten, welche den Seldwylern ein Feld eröffnet hat, das für sie wie seit Urbeginn geschaffen schien und sie mit einem Schlage Tausenden von ernsthaften Geschäftsleuten gleichstellte.

Das gesellschaftliche Besprechen dieser Werte, dass Herumspazieren zum Auftrieb eines Geschäfts, mit welchem keine weitere Arbeit verbunden ist als das Erdulden mannigfacher Aufregung, das Eröffnen oder Absenden von Depeschen und hundert ähnliche Dinge, die den Tag ausfüllen, sind so recht ihre Sache. […] Statt der ehemaligen dicken Brieftasche mit zerknitterten Schuldscheinen und Bagatellwechseln führen sie nun elegante kleine Notizbücher, in welchen die Aufträge in Aktien, Obligationen, Baumwolle oder Seide kurz notiert werden. Wo irgendeine Unternehmung sich auftut, sind einige von ihnen bei der Hand, flattern wie die Sperlinge um die Sache herum und helfen sich ausbreiten.“3

Bei der Beschreibung Goldachs beachte man z. B., dass bei den älteren Häusern die im Namen formulierte Tugend keine Entsprechung mehr in der momentanen Funktion des Hauses hat, dass jedoch die „Fabrikanten, Bankiere und Spediteure und ihre Nachahmer“ ganz und gar darauf verzichtet haben, einen moralischen Anspruch zu formulieren.

Der Höhe- und Wendepunkt der Novelle in der Maskeradenszene kann nicht ausschließlich als Entlarvung des Schneiders, sondern muss auch als (Selbst)Demaskierung eines denaturierten Bürgertums verstanden werden, das als Ausdruck seiner Identitätskrise um des schönen Scheins, der Abwechslung und des Genusses willen den Schneider erhöht hat, ihn dann aber ohne Zeichen von Schuldbewusstsein oder Mitleid fallen lässt und verstößt. Prototyp jener Gewissenlosigkeit ist Boehni, ein Buchhalter, der in voller Kenntnis der Verwechslung dem Spiel mit dem Schneider zusätzliche Impulse gegeben hat und der aus der Schmach des vermeintlichen Grafen Profit ziehen will, indem er hofft, dass gedemütigte Nettchen leichter als Frau zu gewinnen.

Es wäre jedoch - dies sei nochmals betont - falsch, einseitig die Kritik an den Goldachern hervorzuheben, um so den Eindruck zu erwecken, als handele es sich um eine Kritik an der Goldacher Gesellschaft schlechthin. Die Gegenüberstellung schlechte Gesellschaft - armer Schneider als Opfer dieser Gesellschaft ist zu einfach und lässt zweierlei außer Acht: Zum einen erscheinen die Bürger Goldachs nicht ausschließlich als Bösewichte. Der Grundton der Erzählweise verrät auch gegenüber den Goldachern einen versöhnlichen Ton. Zum anderen erscheint der Schneider keineswegs nur als Opfer; allzu willfährig ist er seinem Naturell und den Verlockungen gefolgt, ist jemand, der glaubte, wider besseres Wissen sein Glück in kürzester Zeit machen zu können.

Wenzel Strapinskis Scheitern ist ein inhaltlicher Einschnitt, der auch durch den Wechsel der Erzählperspektive hervorgehoben wird. Nicht mehr Wenzel ist im folgenden Teil die zentrale Gestalt des Geschehens, sondern Nettchen. Ihr kommt im Folgenden die Aufgabe zu, das Scheitern Wenzels aufzuheben, indem sie - für Goldach bislang prinzipiell nicht möglich - einen Menschen als Person, nicht als gesellschaftlichen Rollenträger sieht. Damit kann die Nettchen-Geschichte des zweiten Teils auch als Darstellung der Emanzipation einer Frau von den gesellschaftlichen Rollenzwängen verstanden werden.

Nettchen unterscheidet sich anfangs nicht von den übrigen Goldachern, es sei denn im Grad ihrer Exaltiertheit: „… als um eine Ecke herum plötzlich der Amtsrat mit seiner Tochter Nettchen ihm entgegentrat. Nettchen war ein hübsches Fräulein, äußerst prächtig, etwas stutzerhaft gekleidet und mit Schmuck reichlich verziert.“ (S. 18). „Schon als Schulkind behauptete sie fortwährend, nur einen Italiener oder einen Polen, einen großen Pianisten oder einen Räuberhauptmann mit schönen Locken heiraten zu wollen…“ (S. 30)

Sie ist eine typische Kleinstädterin, neigt zum Klatsch, stellt ihre Wohlhabenheit in Gestalt von Kleidung, Schmuck, Kutschen und Pferden deutlich zur Schau und lässt sich ebenso wie andere, wenn nicht noch leichtfertiger, vom vermeintlichen Grafen blenden. Sie befindet sich also durchaus im Einklang mit den übrigen Goldachern. Einige Züge ihres Wesens aber teilt sie nicht mit ihnen. Ihr Wunsch, aus der Beschränktheit des kleinbürgerlichen Milieus auszubrechen, ist grundsätzlicher. Sie lehnt es ab, Böhni, dem eine steile Geschäftskarriere vorausgesagt wird, zu heiraten, erträumt sich ein Leben mit einem abenteuerlichen Mann und ist schließlich bereit, sich den Traum vom abenteuerlichen Leben durch die Heirat mit dem Grafen zu verwirklichen.

Der Charakter Nettchens ändert sich im zweiten Teil der Novelle. Bereits im zweiten Satz deutet sich der Wandel an: „Sie hatte dem abziehenden Geliebten gewissermaßen aufmerksam nachgeschaut, saß länger als eine Stunde unbeweglich da und stand dann auf, indem sie bitterlich zu weinen begann und ratlos nach der Türe ging.“ (S. 40/41)

Zuerst noch als „ratlos“ beschrieben, heißt es kurz darauf, dass sie „stolz und zornig um sich blickte“ und „festen Schrittes“ zum Schlitten ging.

Die dann folgende Szene trägt märchenhafte Züge („…ist nicht sicher zu berichten“ – „es war wie im Schlafwandel geschehen“). Die Entdeckung Wenzels, seine Rettung und schließlich ihre Aufforderung „Komm, fremder Mensch!“ erinnert an Motive der Rettung eines verwunschenen Prinzen durch die gute Fee. Mit ihrer Tat entfernt sich Nettchen nicht nur räumlich von Goldach. Indem sie sich dem Ausgestoßenen zuwendet, beginnt sie sich auch innerlich von ihrer bisherigen Umgebung zu distanzieren, besinnt sie sich auf Tugenden, die den Goldachern vielleicht nicht fremd, aber doch zeitweise abhandengekommen sind. Sie gibt die ihr anerzogene Rolle auf und verwirklicht mit ihrem neuen Rollenverständnis eine moralisch-soziale Utopie - Kellers Verständnis von Emanzipation.

Nettchen lenkt die Geschicke mit Umsicht und Bestimmtheit. Sie führt den Schlitten, wählt den Ort für eine Aussprache, verhandelt mit der Gevatterin, zwingt Wenzel zu trinken und beharrt mit Nachdruck darauf zu erfahren, wer er ist. Der Rückblick auf sein Leben, den Strapinski gibt, stellt sie zufrieden, weil er nicht als Betrüger, sondern als Opfer einer falschen Erziehung und der Goldacher Identitätskrise erscheint. Nettchen dringt bis zum Kern Strapinskis vor. „So feierte sie erst jetzt ihre rechte Verlobung aus tief entschlossener Seele, indem sie in süßer Leidenschaft ein Schicksal auf sich nahm und Treue hielt.“ (S. 52)

Nettchen wandelt sich am stärksten und kann sich der Goldacher Traumwelt des flüchtigen Glücks radikal entziehen. Die innere Trennung von Goldach (und Seldwyla) ist erreicht, als sie sich Wenzel voll zuwendet und ihm ihre Liebe versichert: „Ich will dich nicht verlassen! Du bist mein, und ich will mit dir gehen trotz aller Welt!“ (S. 52)

„Sie begnügt sich […] nicht mit der Einsicht in ihren Irrtum und mit der Negation des als falsch Erkannten, sondern sie entwickelt zugleich eine neue Einstellung zur Wirklichkeit: Auf der Basis der realen Verhältnisse (‚Wie du bist, ein armer Wandersmann‘) will sie mit ihm gemeinsam (‚wir‘) gegen den Widerstand der Umwelt (‚allen diesen Stolzen und Spöttern zum Trotze‘) sich in der Wirklichkeit einrichten. Sie zeigt ihm so ein Ziel in der Realität und gleichzeitig den Weg, es zu erreichen: gemeinsam und ‚durch Tätigkeit und Klugheit‘. So gibt sie ihm das Selbstgefühl, das ihm bisher nur als Schein möglich war. [...] Auf der Basis ihres neugewonnenen Verhältnisses zur Wirklichkeit also ist Nettchen in der Lage, Strapinski genau die Chance des Aufstiegs an die ihm innerlich angemessene Stelle in der Gesellschaft zu bieten, die ihm bisher vorenthalten worden war wegen des fehlerhaften Verhaltens der Gesellschaft.“4

Nettchen weiß, dass wegen ihres Verhaltens Schwierigkeiten gesellschaftlicher Art zu überwinden sein werden. Dennoch ist ihr Wunsch nach Emanzipation von der ihr einst zugewiesenen Rolle dauerhaft. Sie lässt den Vater warten, verpflichtet den besten Rechtsanwalt, fordert die Abkehr von Goldach und besteht auf der Auszahlung des Erbes und auf ihrer Eheschließung mit Strapinski. Die Erwartung des Vaters, eine verirrte und verzweifelte Tochter anzutreffen, erfüllt sich nicht. Nettchen bleibt ruhig und ist von sanfter Festigkeit. Sie widersteht den Goldachern, indem sie die ursprünglichen bürgerlichen Tugenden „Tätigkeit und Klugheit“ praktiziert.

Die Lösung des Konflikts: Wenzel findet sein Glück im privaten (Liebe Nettchens) wie auch im gesellschaftlichen Bereich (Integration in die Gesellschaft, Anerkennung als Bürger, Ansehen) dadurch, dass er im entscheidenden Augenblick entgegen der gesellschaftlichen Rollenordnung als Person akzeptiert und geliebt wird. Die Integration in die Gesellschaft erfolgt nicht wie im ersten Teil durch Zufall oder als Geschenk, sondern ist die Folge von Nettchens Einsicht in die Oberflächlichkeit und Leere der Goldacher Verhaltensmuster und Werte, die mit wirklich demokratischen Werten nichts gemein haben.

Nicht ohne Ironie ist, dass Strapinskis erfolgreiche Integration auch darauf beruht, dass er sich jetzt umgekehrt zum Titel der Novelle verhält (Leute machen Kleider), während für die Bürger Seldwylas der Leitspruch des Titels nach wie vor gilt. Ihre Eitelkeit und ihr Wunsch, sich mit Äußerlichkeiten ein höheres Sozialprestige zu verschaffen, werden von Strapinski unerbittlich ausgenutzt und sind die Voraussetzungen des sozialen Aufstiegs seiner Familie.

Für das Verständnis der Novelle und der Intention des Autors ist es entscheidend zu sehen, dass die Lösung nicht außerhalb der gesellschaftlichen Ordnung, sondern im Rahmen dieser Ordnung gefunden wird. Die Goldacher und Seldwyler Welt wird nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Sie wird letztlich durch Wenzels und Nettchens wirtschaftliche Erfolge bestätigt. Kritisiert wird von Keller, dass diese Werte in Goldach weitgehend von der Person unabhängig als bloß gesellschaftliches Chiffren existieren bzw. existiert haben.

Didaktische Überlegungen

Kellers Novelle Kleider machen Leute als Lektüre für die Klassen 7 oder 8 vorzuschlagen, ist keineswegs selbstverständlich. Mehrere Gesichtspunkte sprechen gegen eine Lektüre in diesen Jahrgangsstufen.

- Der Test ist handlungs- und spannungsarm; er enthält umfangreiche beschreibende Erzählabschnitte.
- Die Sprache der Novelle ist zum Teil veraltet. Ironie und Erzählerkommentar zum Beispiel und deren Funktion für die Darstellung des Geschehens erschließen sich nicht ohne weiteres.
- Die Handlung ist scheinbar unrealistisch. Fehlende konkrete Angaben zum zeitlichen Hintergrund stehen dem in der Sekundarstufe I charakteristischen Wunsch nach Konkretheit entgegen.
- Die Frage nach der Gesamtaussage des Textes ist letztlich auch eine Frage nach dem gesellschaftlichen Kontext der märchenhaft anmutenden Handlung. In Klassen der Sekundarstufe I wird diese Frage, wenn überhaupt, nur in Ansätzen angesprochen werden können.

Diese Merkmale des Textes stellen für viele Schüler5 eine Rezeptionsbarriere dar, die von ihnen ein gegen ihre sonstigen Gewohnheiten gerichtetes Lesen verlangen. Kleider machen Leute ist aber trotz dieser Schwierigkeiten eines jener Werke, das an vielen Schulen nach wie vor zum Kanon von Lektüren der Sekundarstufe I gehört.

Die Gründe hierfür:

- Die Handlung ist klar gegliedert und leicht überschaubar.
- Die Charakterzeichnung der Figuren, ihre Zuordnung zueinander und die Positionen der Personen innerhalb der Handlung sind so deutlich, dass sie von Schülern, für die die Novelle Erstlektüre ist, erfasst werden können.
- Die Novelle enthält so viele Textstellen, die aufeinander bezogen sind, dass sie auch von Schülern, die im Umgang mit umfangreicheren Texten nicht geübt sind, als für die Gesamtaussage wichtig erkannt werden.

Diese Aspekte erklären, warum Kellers Novelle Mittelstufenlektüre ist, rechtfertigen aber allein noch nicht die Aufnahme in den Kanon der Schullektüren für die Klassen 7 – 8. Sie lässt sich vor allem vom Inhalt der Novelle her begründen. Die Handlung von Kleider machen Leute ermöglicht eine intensive Identifikation mit den beiden Hauptfiguren Wenzel und Nettchen. Vor allem Wenzel stellt ein Identifikationsangebot dar, das die Schüler Partei ergreifen lässt für den Außenseiter, der zunächst ein wenig linkisch und naiv erscheint und auf fremde Hilfe angewiesen ist. Die Identifikation mit Nettchen wird vor allem dadurch erleichtert, dass sie sich aller Widrigkeiten zum Trotz zu dem armen Schneider bekennt und ihre Liebe zu ihm nicht verrät. Nettchen vermittelt den Schülern die Erfahrung, dass es notwendig sein kann, Rollenerwartungen und Gruppenzwängen nicht zu entsprechen. Die Identifikation mit den beiden Hauptpersonen erleichtert den Zugang zu diesem in Teilen durchaus sperrigen Text und seiner zentralen Aussage, dass nicht der Schein, sondern das Sein den Wert eines Menschen bestimmt. Dieses Verständnis von Kellers Novelle macht die sozialpsychologische Relevanz des über 100 Jahre alten Stoffes für Jugendliche unserer Zeit deutlich.

Eine Aktualisierung des Stoffes scheint möglich, ja zwingend, wenn man bedenkt, in welchem Maße heute, da gesellschaftliche Gegensätze wie nie zuvor einer Nivellierung unterworfen zu sein scheinen, Statussymbole für die Zuweisung gesellschaftlicher Positionen eine Rolle spielen. Der soziale Stellenwert eines Menschen hängt in vielen Fällen auch davon ab, welchen Eindruck (Schein) er von sich vermittelt. Kellers Text kann einen Ansatz bieten, diese modernen gesellschaftlichen Mechanismen bewusst zu machen. An diesem Punkt, der die zentrale Aussage des Text betrifft, zeigt sich, welche didaktischen und methodischen Probleme die Behandlung von Kellers Text in einer Mittelstufenklasse aufwirft. Schließlich sollten auch Mittelstufen-schüler erkennen, dass Keller in seiner Novelle nicht nur allgemeine moralisierende Aussagen zum Wesen des Menschen macht, sondern auch darauf besteht, dass diese Aussagen ihr Gewicht, ihre Berechtigung und Notwendigkeit aus einer bestimmten sozialen Verfassung herleiten. Deshalb ist es wünschenswert, dass die Schüler das Verhalten der Personen in der Novelle in seinem gesellschaftlichen Kontext sehen. Das gilt auch und in besonderem Maße für das emanzipatorische Auftreten Nettchens.

Der Unterrichtende wird sich darauf einstellen müssen, dass die Schüler der Jahrgangsstufen 7 und 8 Kellers Text zunächst „naiv“ rezipieren, das heißt, die Schüler werden den Text als Liebesgeschichte mit einem Happy End lesen und verstehen. Für unsere Planung der Unterrichtseinheit ist wichtig, dass dieser naiven Rezeption ein genügend breiter Raum gegeben wird. Die Schüler müssen den Eindruck gewinnen, dass ihre Rezeption richtig ist, aber eine Ergänzung erfahren kann, die ihre Leseerfahrung bereichert. Nur wenn dieser Lernprozess im Unterricht möglich wird, kann das entscheidende Lernziel der Unterrichtseinheit erreicht werden, nämlich dass die Schüler erkennen, dass die vordergründig als Liebesgeschichte angelegte Novelle auch als Text gelesen werden kann bzw. gelesen werden muss, der das Problem der Glücks und Identitätsfindung des Einzelnen in einer ihm fremden und letztlich ihm feindlich gegenüberstehenden Gesellschaft behandelt, der Kritik daran übt, dass das Glück dem Einzelnen aufgrund oberflächlicher gesellschaftlicher Wertvorstellungen verwehrt wird, der demonstriert, dass das erstrebte Glück durch die bewusste Durchbrechung von Rollenzwängen und durch die Hinwendung zur Person (Nettchen zu Wenzel) erreicht werden kann.

[...]


1 Richartz, Heinrich, S. 127

2 Richartz, S. 128: „Dadurch, dass die Suggestion des Äußerlichen den Umstehenden bei der Ankunft des Schneiders in Goldach keine andere Wahl lässt als die Deutung des Sichtbaren nach dem, was der Augenschein verspricht, gerät nun Strapinski endgültig ins falsche Licht; das Adjektiv ‚unerhört‘ deutet den Erwartungshorizont an, vor dem die anwesenden Goldacher das Wahrgenommene verstehen zu müssen meinen.“

3 Gottfried Keller: Gesammelte Werke. Bd. 1, hrsg. von Hans Schumacher. Zürich: Büchergilde Gutenberg 1960, S. 422 f.

4 Richartz, a.a.O., S. 146 f.

5 Wir gehen davon aus, dass es sich hier wie im Folgenden um ein generisches Maskulinum handelt, das sexus- und genderneutral ist.

Ende der Leseprobe aus 80 Seiten

Details

Titel
Handreichungen für den Deutschunterricht zu Gottfried Keller: Kleider machen Leute
Autoren
Jahr
2022
Seiten
80
Katalognummer
V1195172
ISBN (eBook)
9783346666130
ISBN (eBook)
9783346666130
ISBN (eBook)
9783346666130
ISBN (Buch)
9783346666147
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Literatur, Novelle, Märchen, Lektüre, Gottfried Keller Deutschunterricht, Ganzschrift, Jahrgangsstufe 7/8, Literaturunterricht
Arbeit zitieren
Herbert Fuchs (Autor:in)Dieter Seiffert (Autor:in), 2022, Handreichungen für den Deutschunterricht zu Gottfried Keller: Kleider machen Leute, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1195172

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