Frühkindliche Erziehung. Wie viel Erziehung braucht ein Kind?


Hausarbeit, 2012

24 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe


Gliederung

1 Einleitung

2 Entstehungsgeschichte der Kindertagesstätten
2.1 Vorformen
2.2 Erste Kindergärten

3 Kontroversen der 1970er Jahre
3.1 Deutschland
3.2 USA

4 Biografische Fakten zu Valery Polakow

5 Grundverständnis und Kritik nach Polakow

6 Forderungen und Vorstellungen nach Polakow
6.1 Forderungen
6.2 Modell des idealen Kindergartens
6.3 Vorzeigeland Schweden

7 Moderne Kindheit
7.1 Vorstellungen moderner Kindheit
7.2 Pädagogische Konzepte
7.2.1 Friedrich-Fröbel-Konzept
7.2.2 Maria-Montessori-Konzept
7.2.3 Waldorf-Konzept
7.2.4 Reggio-Emilia-Konzept
7.3 Kindergartenlandschaft in Dresden

8 Diskussion

9 Ausblick

10 Bibliografie

1 Einleitung

Als die ersten Kindergärten in Europa zur Zeit der Industrialisierung entstanden, geschah dies vor allem aus praktischen Gründen: die durch arbeitende Mütter und teilweise Kindarbeitsverbote 'freigesetzten' Kinder benötigten schlichtweg einen Aufbewahrungsort. Damals kümmerte man sich in aller Regel wenig um pädagogische Konzepte und eine kindgerechte Betreuung. Doch mit der steigenden Bedeutung der Kinder wuchs auch das Interesse der Erwachsenen daran, ihren Nachwuchs möglichst gut aufzuziehen. Genau an diesem Punkt setzt die vorliegende Ausarbeitung (sowie auch der vorangegangen Vortrag) an. Was bedeutet eigentlich gute Betreuung? Und wer entscheidet, was eine gute Betreuung ist? In dem im Mittelpunkt stehenden Textausschnitt der amerikanischen Professorin Valery Polakow geht es hinsichtlich der Betreuung von Kindergartenkindern (in den Vereinigten Staaten) zentral auch um die Frage, welches Maß an Struktur Kinder diesen Alters benötigen, damit deren Betreuung kindgerecht ist.

In dieser schriftlichen Arbeit soll zunächst kurz die Historie der Kindergärten umrissen werden; anschließend werden Grundlagen zur besseren Einordnung des Polakow-Textes dargelegt werden: einerseits ein schneller Blick in die Debatten, die in der Zeit der Entstehung des Textes geführt wurden, andererseits auch einige biografische Informationen zur Autorin. Neben einer unserer Fragestellung angepassten Behandlung des Textes soll abschließend der Bogen in die Gegenwart gespannt werden: es werden vier ausgewählte pädagogische Konzepte vorgestellt; daneben sollen ebenfalls Vorstellungen moderner Kindheit diskutiert werden, verknüpft mit einem Blick an den Ort der Entstehung dieser Ausarbeitung: die Kindgartenlandschaft von Dresden.

2 Entstehungsgeschichte der Kindertagesstätten

2.1 Vorformen

Sucht man nach den Vorläufern des heutigen Kindergartens, so findet man schon recht früh mehr oder minder konkrete Vorstellungen zur Erziehung und Behandlung von Kindern. So erkannte bereits im 16. Jahrhundert der französische Politiker und Philosoph Michel Montaigne (1533-1592) die Bedeutung der frühen sowie gewaltfreien Erziehung von Kindern. Rund ein Jahrhundert später betonte Johann Amos Comenius (1592-1670) wiederum die „Notwendigkeit der Erziehung und Förderung“ (Gary 1995: 3) des Nachwuchses. Weiterhin entwarf er das Konzept der Mutterschule, in welcher Kinder bereits im Vorschulalter in die Wissenschaften eingeführt werden sollten. Für Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), politischer Theoretiker und maßgebliche Figur der Aufklärung, war vor allem die gemeinschaftliche Entwicklung von Kindern wichtig: seiner Vorstellung nach war die Erziehung von Kindern eine öffentliche Angelegenheit. Formuliert finden sich Rousseaus Gedanken zu diesem Thema in seinem Werk „Emile oder über die Erziehung“, mit welchem er später auch die Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi sowie Friedrich Fröbel beeinflusste (vgl. Gary 1995: 3-4).

Die ersten Kindergärten entwickelten sich mit der beginnenden Industrialisierung und der damit verbundenen Trennung von Erwerbsarbeit und Familienleben. Ende des 18. Jahrhunderts entstanden in Deutschland erste „Spiel- und Warteschulen“, deren wohl prominentester Besucher der deutsche Dichter Johann Wolfgang von Goethe war: dieser besuchte gemeinsam mit seinen Geschwistern eine Spielschule in Frankfurt. In diese Einrichtungen wurden die Kinder aufgenommen, sobald sie laufen konnten; die Beaufsichtigung erfolgte durch Witwen oder alte Damen, welche nicht als speziell ausgebildete Arbeitskräfte wahrgenommen werden dürfen. Zweck dieser Einrichtungen war die „Aufbewahrung“ der Kinder (und damit eine Entlastung der Mütter) - entsprechend gab es auch keine pädagogischen Konzepte. Mit der immer weiter fortschreitenden Industrialisierung und einem damit verbundenem steigenden Bedarf an Kinderbetreuung (bzw. Kinderaufbewahrung) bildeten sich verschiedene Formen und Bezeichnungen von Kinderbetreuungseinrichtungen heraus. Neben den Spiel- und Warteschulen gab es nun mittlerweile Kinderasyle, Kleinkinderschulen, Fabrikskindergärten, Bewahranstalten, Strickstuben, Hüte- und Sitzanstalten sowie Kleinkinderpflegeanstalten. Diese Vielfalt unterschiedlichster Einrichtungen zeigt einerseits die Beliebtheit der aufkommenden Kindergärten; andererseits spiegelt sich darin auch eine große Unsicherheit darüber, was man mit den Kindern machen sollte - außer sie einfach zu betreuen. Pädagogische Konzepte spielten im Zusammenhang mit diesen Anstalten keine Rolle. Ebenfalls nicht üblich war eine (nach heutigen Maßstäben) kindgerechte Einrichtung, wie beispielsweise kleine Sanitäranlagen und der Kleinkindgröße angepasste Möbel. Als Vorläufer des heutigen Kindergartens gilt die sogenannte „Bewahranstalt“. Auch dort erfolgte überwiegend die Beaufsichtigung der Kinder. Ansonsten funktionierten diese Einrichtungen ähnlich wie damalige Schulen: die Kinder hörten einer erwachsenen Lehrperson zu und mussten das Gesagte auswendig lernen (vgl. Gary 1995: 4-21).

Auch wenn bereits früh die Bedeutung der Kindererziehung durch einzelne Autoren erkannt wurde, entwickelten sich Kindergärten vor allem aus der Notwendigkeit heraus: die Mütter der unteren Schichten gingen oft arbeiten und konnten ihre kleinen Kinder nicht zeitgleich beaufsichtigen. So entstanden beispielsweise Fabrikskindergärten, da viele Fabrikanten ein Interesse daran hatten, Frauen (darunter eben auch Mütter) als Arbeitskräfte zu beschäftigen. Kinderarbeitsverbote im 19. Jahrhundert untersagten die Arbeit von Kindern in Fabriken, was die „Freisetzung“ der Arbeiterkinder zur Folge hatte. Eine Betreuung musste also zwangsläufig organisiert werden. Der Gedanke, dass auch der Staat in gewissem Maße für Kinder verantwortlich ist, kam erst später im Zuge sozialer Reformen. Allmählich stieg die Bedeutung des Kindes und es bekam einen höheren Stellenwert: die Bedeutung „positiver Zuwendung und fördernder Pflege“ wurde erkannt. So kam es gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu einer Verknüpfung zwischen neuen medizinischen Erkenntnissen über die Kinderpsyche und der sich vom Erwachsenen unterscheidenden Kinderphysiologie (vgl. Gary 1995: 5-21).

2.2 Erste Kindergärten

In Europa gelten Friedrich Wilhelm August Fröbel (1782-1852) und Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) als die eigentlichen Begründer einer Einrichtung zur frühen Bildung und Betreuung von Kindern, dem sogenannten Kindergarten. Friedrich Fröbel arbeitete fünf Jahre lang mit Pestalozzi zusammen und gründete später eigene Kinderbetreuungseinrichtungen. Der Schüler Fröbel entwickelte die Elementarmethode seines Mentors schließlich weiter. Für ihn stand die besondere Bedeutung der frühen Kindheit in der menschlichen Entwicklung außer Frage. Im Jahr 1838 gründete Fröbel die „Anstalt zur Pflege des Beschäftigungsbetriebes für Kindheit und Jugend“ in Blankenburg (Thüringen). Diese war zwar grundsätzlich für alle Schichten konzipiert, in der Praxis aber war diese Einrichtung aufgrund des Kostenbeitrags nur für Bürgertum und Adel erschwinglich. Zwei Jahre später bezeichnete Friedrich Fröbel seine Anstalt zum ersten Mal als Kindergarten. Sein Konzept verbreitete sich rasch auch über Deutschland hinaus - ebenso wie die Bezeichnung Kindergarten. Der Pionier der Kinderbetreuung hatte sehr konkrete Vorstellungen auch über die äußerliche Gestaltung seiner Kindergärten. Für ihn stand fest, dass das Gebäude der Kindertagesstätte über einen großen, im Winter beheizbaren Aufenthaltsraum, einen Schlafraum für die kleineren Kinder, ein separates Spielzimmer für die Jungen, einen Waschraum sowie einen Garten, indem die Kinder spielen konnten, verfügen sollte. Fröbels Meinung nach reichte die bloße Beaufsichtigung von Kindern nicht aus: wichtig war ihm auch die gezielte Vermittlung eines Wissensschatzes, der für das spätere Leben der Kinder von Bedeutung sein sollte (vgl. Gary 1995: 57-60; Heiland 1993: 15-56).

3 Kontroversen der 1970er Jahre

3.1 Deutschland

Zu Beginn der 1970er Jahre wurde in Deutschland ein Strukturplan für das Bildungswesen zur tiefgreifenden Reform von Kinderbetreuung und Schule erarbeitet. Davon ausgehend entfaltete sich eine bildungspolitische Debatte um die Reform der Vorschulerziehung. Im Zentrum stand die Debatte darum, ob schulbezogenes oder eher soziales Lernen besser wäre. Die Debatte wurde zugunsten des sozialen Lernens entschieden und damit gegen die schulvorbereitende Förderung. Nebenbei bemerkt entflammte diese Diskussion bisher zwei weitere Male: einmal im Zuge der Wiedervereinigung in den 1990er Jahren, wobei zwei recht verschiedene Erziehungssysteme zusammengeführt wurden und die zweite Debatte nahm ihren Anfang in den 2000er Jahren, welche durch die erstmalige Veröffentlichung der PISA-Studien, durch die die Diskussion zum Dauerthema nicht nur für Experten, sondern auch für die Medien wurde, verursacht wurde. Die Kernfrage war und ist jedoch immer: Was ist eigentlich ein guter Kindergarten? Wie viel Struktur ist gut für Kinder? Und wie viel Struktur ist zu viel? Im folgenden sollen einige Konzepte der 1970er und 1980er Jahre vorgestellt werden, die stellvertretend für die erwähnte Debatte stehen sollen (vgl. Glaser 1970: 9-10; Honig/ Joos/ Schreiber 2004; Deutscher Bildungsrat 1992: 56-67).

Laut Leopold Glaser, einem Soziologen, Journalisten und Herausgeber, wird das Kind stets nur mit den Augen der Erwachsenen gesehen. Damit wird nicht das Kind an sich wahrgenommen, sondern der künftige leistungsfähige Erwachsene. Erziehung besteht somit einfach in der Vermittlung von Verhaltensweisen, die aus Sicht der Erwachsenen richtig sind. An diesem Kritikpunkt setzt auch Polakow an. Kindergärten sind deshalb noch immer - Glaser bezieht sich hiermit natürlich auf die 1970er Jahre - die Bewahranstalten, die sie bei ihrer Gründung waren. Glaser kritisiert weiter, dass sich eine wirklich kindgerechte Pädagogik, wie sie von Fröbel, Montessori, Comenius oder Pestalozzi vertreten wird, gesellschaftlich noch nicht genug etabliert hat. In Kindergärten sollten vor allem Unabhängigkeit, Selbstständigkeit, Kreativität, Selbstwertgefühl sowie Phantasie gelernt werden (vgl. Glaser 1970: 11-21).

Heinz-Rolf Lückert, ein 1992 verstorbener Professor für Psychologie in München, meint, dass Kinder zur sozio-kulturellen Tüchtigkeit erzogen werden sollten. Dies bedeutet, dass die Erzieher die jeweiligen gesellschaftlichen Trends beobachten müssen, da die Kinder die Aufgaben der Zukunft bewältigen müssen. Heute müssten die Erzieher beispielsweise die steigende Bedeutung neuer Medien erkennen und entsprechend Medienkompetenz lehren. Lückert schlägt vor, dass moderne wissenschaftliche Erkenntnisse - z.B. der Begabungs-, Entwicklungs- und Lernforschung - besser umgesetzt werden sollten. Dabei sollten Kindergärten sich auf die Schulvorbereitung und die intellektuelle Frühförderung konzentrieren, und zwar mithilfe moderner technischer Hilfsmittel. Lückert verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass die Hälfte der erreichbaren Intelligenz bis zum 4. Lebensjahr entwickelt und ausgeprägt wird, wobei 80 % der erreichbaren Intelligenz bis zum 8. Lebensjahr ausgebildet wird. Entsprechend müssen die Kinder gezielt gefördert werden, da sonst deren Potentiale vergeudet werden. Dabei soll nicht vorwiegend Stoffwissen vermittelt werden, sondern Grundwissen, auf dem die Kinder dann aufbauen können, da das Stoffwissen sowieso sehr schnell veraltet (vgl. Lückert 1970: 31-44).

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Frühkindliche Erziehung. Wie viel Erziehung braucht ein Kind?
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Soziologie)
Note
1.3
Autor
Jahr
2012
Seiten
24
Katalognummer
V1195453
ISBN (eBook)
9783346640277
ISBN (Buch)
9783346640284
Sprache
Deutsch
Schlagworte
frühkindliche, erziehung, wieviel, kind
Arbeit zitieren
Sabine Stoll (Autor:in), 2012, Frühkindliche Erziehung. Wie viel Erziehung braucht ein Kind?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1195453

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