Wie in vielen anderen mittelalterlichen Werken spielen die mystischen Fabeltiere Drachen auch eine Rolle in „Ortnit und die Anderswelt“. In dieser Arbeit soll eben der Drache, der König Ortnits Todesurteil ist, auf verschiedenen Ebenen untersucht werden.
Hierzu soll zunächst eine Definition des Fabelwesens erfolgen, gefolgt von einer kurzen Einleitung in das Konzept „Drache“, konkret in der Mittelalterliteratur. Im anschließenden Teil soll nach einer kurzen Inhaltszusammenfassung des Werkes direkt auf das Konzept des Drachen in „Ortnit und die Anderswelt“ eingegangen werden. Dazu werden unter anderem die Darstellung des Drachen, die Beziehung von Drache und Ordo, die Beziehung zu Ortnit und die Bedeutung für Ortnits Scheitern als Held untersucht und im Anschluss in einem Fazit kurz zusammengefasst.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretischer Hintergrund
2.1. Definition Drachen
2.2. Drachen in der Mittelalterliteratur
3. Inhalt
4. Der Drache im Ortnit
4.1. Darstellung des Drachen
4.2. Der Drache und der ordo
4.3. Der Drache als Gegenbild Ortnits
5. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle des Drachen in der mittelalterlichen Dichtung „Ortnit“ auf verschiedenen Ebenen. Ziel ist es, die Funktion des Fabelwesens sowohl als Chaosbringer im Kontext des göttlichen „Ordo“ als auch in seiner spezifischen oppositionellen Beziehung zum Helden Ortnit zu analysieren, um dessen Scheitern und die damit verbundene notwendige Neuordnung der Machtverhältnisse zu verstehen.
- Definition und historische Entwicklung des Drachenbildes in der Mittelalterliteratur.
- Darstellung und Habitat des Drachen im „Ortnit“.
- Analyse des Spannungsfeldes zwischen dem Drachen und dem „ordo naturae“.
- Untersuchung der Genealogie und des inzestuösen Charakters von Ortnit im Vergleich zum Drachen.
- Bedeutung des Drachenkampfes für die ritterliche Identitätsstiftung und den Fortgang der Erzählung.
Auszug aus dem Buch
4.2. Der Drache und der ordo
Um die Beziehung zwischen dem Drachen im Ortnit und dem göttlichen Ordo, und wie sie sich gegenseitig beeinflussen, besser darstellen zu können, sei zunächst kurz das Konzept des Ordo im Mittelalter skizziert. Der Ordo kann grundsätzlich als die von Gott geschaffene Ordnung angesehen werden, durch die vor allem Raum und Zeit bestimmt werden. In Bezug auf den Aspekt der Zeit besteht der Ordo vor allem in einem linearen Verlauf der Zeit, welcher für alles Irdische vorbestimmt ist und in welchen sich sämtliche (prädestinierten) Ereignisse eingliedern bzw. durch Gott eingegliedert wurden.
Die Zeit beginnt demnach mit der Schöpfung und endet mit dem jüngsten Gericht. Diese Weltanschauung findet sich jedoch auch in einer Vielzahl anderer Aspekte wieder, die das mittelalterliche Leben und Denken normativ beeinflussen. So bezieht sich das Konzept des ordo naturae auf die Ordnung der Natur, in welche nach mittelalterlicher Vorstellung auch die Ordnung der Gesellschaft mitinbegriffen ist. Besonders in Bezug auf den Adel, für den die Herrschaftsordnung durch Geburt und somit durch den Namen festgelegt ist und das Verbleiben in einer Machtposition auf diese Weise gesichert wird, findet eine „Vergesellschaftung der Natur“ statt.
Der Ordo im Ortnit äußert sich, den Aspekt der Zeit und damit einhergehenden Prädestination der Ereignisse betrachtend, in besonderem Maße in den letzten Kapiteln: Nachdem der Drache das Land tyrannisierte, sah sich Ortnit gezwungen, selbst gegen das Ungeheuer in den Kampf zu ziehen. Nicht aus Heldenmut, sondern aus der reinen Notwendigkeit und Ausweglosigkeit und „von grossem jammer“. Und sein Schicksal scheint schon von vorn herein besiegelt zu sein, denn sowohl seine Gattin und sein leiblicher Vater Alberich scheinen sein Schicksal bereits zu vermuten, auch er selbst wirkt pessimistisch gestimmt. Und wie es, so mag man interpretieren, eben das Schicksal, der Ordo, will, findet König Ortnit in diesem Drachenkampf seinen Tod.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert das Forschungsinteresse an der Rolle des Drachen in „Ortnit und die Anderswelt“ und skizziert den methodischen Ansatz zur Untersuchung der verschiedenen Ebenen des Drachenbegriffs.
2. Theoretischer Hintergrund: Dieses Kapitel liefert eine Definition des Drachenwesens und beleuchtet die vielschichtige Wahrnehmung und Darstellung von Drachen in der mittelalterlichen Literatur.
3. Inhalt: Die Inhaltsangabe fasst die wesentlichen Handlungsstränge des Werkes „Ortnit“ zusammen, von der Brautwerbung bis zum verhängnisvollen Drachengeschenk.
4. Der Drache im Ortnit: Das Hauptkapitel analysiert detailliert die Darstellung des Drachen, sein Verhältnis zum göttlichen „Ordo“ und seine Rolle als symbolisches Gegenbild zum Helden Ortnit.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und hebt die systemische Notwendigkeit des Drachen für die Wiederherstellung der göttlichen Ordnung durch den Nachfolger Wolfdietrich hervor.
Schlüsselwörter
Ortnit, Drache, Ordo, Mittelalterliteratur, Heldenepik, Anderswelt, Genealogie, Chaosbringer, Machtstrukturen, Ordo naturae, Inzest, Wolfdietrich, Identitätsstiftung, Prädestination, Literaturwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Funktion und symbolische Bedeutung des Drachen in der mittelalterlichen Dichtung „Ortnit“ und untersucht, wie dieses Fabelwesen das höfische System und die göttliche Ordnung beeinflusst.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit fokussiert sich auf die Themenbereiche „Ordo“ (göttliche Ordnung), Genealogie, ritterliche Erprobung, das Konzept des Chaos sowie die Gegenüberstellung von Held und Drache.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Frage ist, inwieweit der Drache als Mittel zur Korrektur von Machtverhältnissen und zur Wiederherstellung der göttlichen Ordnung fungiert, nachdem Ortnits Herrschaft als illegitim und fehlerhaft dargestellt wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die primär auf der Textinterpretation des „Ortnit“ sowie dem Einbezug relevanter Forschungsliteratur zu mittelalterlichen Motiven und Herrschaftskonzepten basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die konkrete Drachendarstellung im Werk, die Untersuchung des Verhältnisses von Drache und göttlicher Weltordnung sowie die Analyse des Drachen als personifiziertes Gegenbild zum Helden Ortnit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Ortnit, Ordo, Drache, Heldenepik, Genealogie und Anderswelt, welche die interdisziplinäre Verknüpfung von Literatur und mittelalterlichem Weltbild verdeutlichen.
Warum wird Ortnit im Kampf gegen den Drachen als gescheitert betrachtet?
Ortnit scheitert, weil er aufgrund seiner Herkunft (uneheliches Kind eines Zwerges und einer Königin) selbst eine Störung im göttlichen „Ordo“ darstellt und demnach durch das chaosbringende Element des Drachen aus dem System entfernt werden muss.
Welche Bedeutung hat der Drache für die Erzählung „Wolfdietrich“?
Der Drache fungiert als textübergreifendes Bindeglied, da der Tod Ortnits durch den Drachen erst den Weg für den Rächer Wolfdietrich freimacht, der somit die rechtmäßige Ordnung wiederherstellen kann.
- Arbeit zitieren
- Annika List (Autor:in), 2019, Die Rolle des Drachen im Ortnit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1195873