Strategien für die ländlichen Räume Europas


Praktikumsbericht / -arbeit, 2006
28 Seiten, Note: "keine"

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Problemstellung

3. Methodologie: Struktur und Funktionalität

4. Methodologie: Definition einer SMESTO
a. SMESTO-Typen
b. Vorschlag einer einheitlichen Definition

5. Betrachtungsebenen
a. Beispiel: Griechenland
b. Beispiel: Alpentäler

6. Exkurs: Deutschland

7. Handlungsempfehlungen
a. Spezialisierung
b. Netzwerke
c. Weitere Ansätze
d. Beispiel: Herdecke

8. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Europa ist durch eine vergleichsweise hohe Städtedichte gekennzeichnet. Durch Verbesserungen der Kommunikations- und Transportmöglichkeiten wird die Erreich¬barkeit der Städte und somit auch ihre Konkurrenz untereinander zunehmend erhöht. Kleine und mittelgroße Städte (Small and Medium Sized Towns, „SMESTOs“), die sich in Reichweite größerer Zentren (zum Beispiel Metropolregionen) befinden, haben besonders unter dieser Konkurrenz zu leiden . Im folgenden Text soll dargestellt werden, welche Strategien in den ESPON Projekten (European Spatial Planning Observation Network) der Europäischen Union zur Entwicklung von SMESTOs vorgeschlagen werden. Dabei soll auch auf die verwendeten Methoden zur Definition von ländlichen Räumen und SMESTOs eingegangen werden sowie anhand einiger Beispiele zur Anschaulichkeit der Erläuterungen beigetragen werden.

2. Problemstellung

Nach dem Übergang zu einem post-industriellen Wirtschaftssystem scheinen die ländlichen Räume innerhalb der höher entwickelten Staaten Europas zunehmend zu einer so genannten „post-productivist countryside“ (nach-produktiven Landschaft) zu werden . Vor allem die Zunahme des tertiären Sektors und die Globalisierung der Weltwirtschaft begünstigten die stärker international orientierten Großstädte und Metropolen. Insbesondere Mittelstädte mit starker Verwurzelung im sekundären Sektor waren oder sind noch immer von einem wirtschaftlichen Abwärtstrend betroffen. Durch diese Prozesse entstanden neue Beziehungen zwischen Stadt und Land, die durch die Versorgung der Städte mit qualitativ hochwertigen Nahrungsmitteln, aber eben auch mit „nicht-produzierten-Gütern“, wie etwa in Form von Erholungs-, Siedlungs- und Naturschutz¬funktionen, gekennzeichnet sind. Anstelle der Produktion von Gütern steht also eher die Konsumption bestimmter Eigenschaften, die im allgemeinen Sprachgebrauch dem „ländlichen“ zugeordnet werden, im Vordergrund der Entwicklungspotentiale ländlicher Regionen.

Die ökonomischen Herausforderungen für kleine Städte ergeben sich aufgrund von veralteter Infrastruktur, Abhängigkeit von traditioneller Industrie, abnehmender regionaler Konkurrenzfähigkeit, abnehmende öffentliche Infrastruktur sowie beschränktem Zugang zu Ressourcen . Zudem fehlen ihnen teilweise weiche Standortfaktoren, wie etwa ein reichhaltiges Kultur- oder Sportangebot, um Höherqualifizierte anzuziehen. Eine schlechte Ausgangsposition im sich verstärkenden Konkurrenzkampf um Geltung innerhalb des jeweiligen Städtes-ystems. Als beispielhaft für die Funktionsverluste von SMESTOs in ländlichen Räumen kann die sich verstärkende Landflucht in den skandinavischen Ländern seit den 1990er Jahren angesehen werden. Die Bevölkerung verlässt die isoliert liegenden Gebiete im Norden und wandert in die südlicher gelegenen Metropolen. Grund hierfür sind Arbeitsplatzverluste des Nordens in der Industrie und in nichtkommerziellen Aktivitäten, die durch einen massiven Kapital¬transfer aus dem reicheren und dichter besiedelten Süden ermöglicht worden waren . Dieses Beispiel zeigt auf, in welch enorme Krisen vom Strukturwandel betroffene Regionen bei Ausbleiben staatlicher Unterstützung fallen können.

Große Unterschiede in den Entwicklungsmöglichkeiten der ländlichen Räume ergeben sich jedoch durch ihre jeweilige geographische Lage. Während ländliche Räume im Kernraum Europas von der „Counter-urbanisation“ der sich dynamisch entwickelnden Metropolregionen profitieren (und dabei besonders aktive Haushalte sowie Pensionärshaushalte hinzugewinnen), verlieren peripher und isoliert liegende ländliche Räume, etwa in Ost- und Nordeuropa, an Bevölkerung . Im mediterranen Europa hingegen hörte die Landflucht auf: die Abwanderung der jungen Bevölkerungsteile wird zunehmend durch Wanderungsgewinne durch Rück¬wanderungen und einsetzende „Counter-urbanisation“ aufgefangen. Zu differen¬zieren ist also nach den besonderen Voraussetzungen, denen ein bestimmter ländlicher Raum in Europa unterworfen ist. Touristisch strukturierte und unter schlechter Erreichbarkeit leidende ländliche Räume der europäischen Mittelmeer¬inseln benötigen andere Strategien als etwa die extern bewirtschafteten ländlichen Räume der Alpenregionen; die sich aus dem Nutzungskonflikt zwischen hoch¬produktiver Landwirtschaft, Naherholung und Siedlungsdruck ergebenden Probleme in ländlichen Räumen des europäischen Kernraums sind andere, als die der spärlich besiedelten und von „Entleerung“ bedrohten ländlichen Räume in Europas Hohem Norden. Die Heterogenität und Einzigartigkeit eines jeden ländlichen Raumes in Europa muss also bei der Suche nach Lösungen stets bedacht werden – auch aus diesem Grunde ergeben die in dieser Arbeit vorgestellten Handlungs¬¬empfehlungen auch einen ganzen Strauß an möglichen Strategien.

An dieser Stelle muss noch angemerkt werden, dass sich das ESDP (European Spatial Development Perspective) nicht nur für die Förderung international konkurrenz¬fähiger Metropolregionen ausspricht, sondern auch für eine polyzentrale Entwicklung unterhalb der Ebene der größeren Metropolregionen eintritt. In dem Programm heißt es, dass: „eine Vernachlässigung der SMESTOs nicht der Tradition einer städtischen und ländlichen Vielfalt in der EU entspräche“. Es kann also davon ausgegangen werden, dass die geringe Konkurrenzfähigkeit der ländlichen Räume erkannt worden ist und nach einer Lösung gesucht wird.

3. Methodologie: Struktur und Funktionalität

Um eine gemeinsame Grundlage zu schaffen, muss erst einmal festgestellt werden, dass in den verschiedenen europäischen Ländern die Gemeinden auf sehr unterschiedliche Weise als urban bzw. ländlich eingestuft werden (z.B. nach ihrer absoluten Bevölkerungszahl, ihrer administrativen Funktion, ihrer Geschichte oder infolge politischer Entscheidungen) .

Im Folgenden wird eine Einteilung unter den Gesichtspunkten struktureller und funktionaler Beziehungen vorgenommen, die für die weitere Zusammenarbeit auf europäischer Ebene vorgeschlagen werden soll. Strukturelle Eigenschaften beziehen sich hierbei auf physische Charakteristika die vergleichsweise stabil und meist über lange Zeiträume hinweg aufgrund menschlicher Bemühungen entstanden sind. Dazu zählen beispielsweise Landnutzungsmuster, Siedlungsstrukturen und die Be¬völkerungs¬verteilung .

Funktionale Eigenschaften hingegen beziehen sich auf die faktische Nutzung der physischen Umwelt, wie etwa verschiedene Formen der Produktion, des Konsums und der Kommunikation. Weil die physische Umwelt nicht über Nacht neu aufgebaut werden kann, sind die strukturellen Eigenschaften relativ stabil. Sie wirken träge auf die ansonsten relativ leicht veränderbaren funktionalen Beziehungen. Strukturelle Eigenschaften der Stadt-Land Beziehungen bilden die Voraussetzung für funktionale Beziehungen, funktionale Beziehungen jedoch können mit der Zeit strukturell werden. Es wird angenommen, dass die Einteilung nach strukturellen und funktionalen Eigenschaften bei der Unterscheidung zwischen „urban“ und „ländlich“ sinnvoll angewendet werden kann.

Es können verschiedene Phasen funktionaler Stadt-Land Beziehungen identifiziert werden. Die erste Phase, zur Zeit eines ländlich geprägten Europas, bestand vor allem in einem relativ ausgeglichenen Austausch landwirtschaftliche Produkte für die Versorgung der Stadtbevölkerung gegen Handelswaren aus den Städten für die ländliche Bevölkerung. Die zweite Phase setzte mit der Industriellen Revolution ein und führte zu einer steigenden Abhängigkeit ländlicher Räume von der städtischen Produktion. Die heutigen Beziehungen sind jedoch als weitaus komplexer als ein einfacher gegenseitiger Austausch zu bezeichnen und scheinen in eine dritte Phase zu münden.

An die Stelle des einfachen Warenaustausches ist ein dynamisches Netz gegenseitiger Abhängigkeiten geworden. Der enorme Fluss von Kapital, Waren, Informationen, Technologie und Bevölkerung zwischen städtischen und ländlichen Räumen rückte diesen Interaktionsraum in den Fokus nationaler und europäischer Raumordnungspolitik .

Die hier ausgearbeitete Typologie basiert neben der Einteilung in funktionale und strukturelle Beziehungen, auf die später weiter eingegangen werden soll, vor allem auf der Idee von zwei Hauptdimensionen: dem Grad des städtischen Einflusses auf der einen Seite und dem Maß des menschlichen Eingriffs auf der anderen Seite. Städtischer Einfluss ergibt sich hierbei aus der Bevölkerungsdichte und dem Status der wichtisten Stadt der jeweiligen NUTS 3-Region. Hieraus wurden zwei Klassen gebildet: Regionen mit hohem städtischen Einfluss, bestehend aus allen NUTS 3-Regionen mit einer Bevölkerungsdichte über dem Europäischen Durchschnitt (107 Personen / km²) und/oder Gebiete, in denen die führende Stadt der NUTS 3-Region als „Metropolitan European Growth Area“ (MEGA) bezeichnet wurde. Die restlichen NUTS 3-Regionen wurden als Gebiete mit geringem städtischen Einfluss bezeichnet.

Der menschliche Eingriff schließlich wurde aus der aktuellen Landbedeckung ermittelt. Dabei wurde eine Einteilung in die Hauptlandbedeckungsklassen des CORINE Datensatzes angewendet (künstliche Oberflächen, landwirtschaftliche Nutzflächen sowie die verbleibende naturnahe Landbedeckung). Europa ist zu etwa 3,48 Prozent durch künstliche Oberflächen bedeckt. Etwa 50,36 Prozent sind landwirtschaftliche Nutzflächen und circa 46,16 Prozent naturnahe Gebiete. Diese relativen Anteile wurden als Durchschnittswerte der Untersuchung der NUTS 3-Regionen zugrunde gelegt .

Starker menschlicher Eingriff ist gegeben, wenn der Anteil an künstlichen Oberflächen (und möglicherweise auch eine der beiden anderen Landbedeckungs-kategorien) in einer NUTS 3-Region den europäischen Durchschnitt übersteigt. Mittelmäßiger menschlicher Eingriff ergibt sich aus einem überdurchschnittlichen Anteil landwirtschaftlicher Nutzflächen (und möglicherweise auch an naturnahen Gebieten). Geringer menschlicher Eingriff hingegen bezieht sich auf all die NUTS 3-Regionen, in denen lediglich der Anteil an naturnahen Gebieten über dem europäischen Durchschnitt liegt .

Die zwei Klassen des städtischen Einflusses (hoch, gering) und die drei Klassen des menschlichen Eingriffs (stark, mittelmäßig, gering) wurden zu einem Sechs-Typen-Modell kombiniert. Dabei korrespondiert der städtische Einfluss mit den funktionalen Eigenschaften einer Region (Bedeutung der Stadt, Absatzmarktgröße) sowie strukturellen Eigenschaften wie etwa dem Versiegelungsgrad. Die dreiklassige Abstufung des menschlichen Eingriffs ergibt sich dagegen aus den strukturellen Eigenschaften der physischen Umwelt (relativer Anteil der verschiedenen Landbedeckungskategorien) und funktinalen Eigenschaften (Landnutzung) .

[...]

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Strategien für die ländlichen Räume Europas
Veranstaltung
Praktikum
Note
"keine"
Autor
Jahr
2006
Seiten
28
Katalognummer
V119610
ISBN (eBook)
9783640229468
ISBN (Buch)
9783640227730
Dateigröße
1369 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Strategien, Räume, Europas, Praktikum
Arbeit zitieren
Dipl.-Geogr. Lueder Thienken (Autor), 2006, Strategien für die ländlichen Räume Europas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119610

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