Über Nietzsches befreiende Kraft des Vergessens in Ibsens 'Hedda Gabler'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben
2.1 Wissenschaftsgeschichtlicher Hintergrund
2.2 Kernaussagen: Erinnerung und Vergessen, Glück, Horizont, Wahrheit
2.3 Einordnung des Textes
2.4 Historismus-Kritik
2.5 Lösungsvorschlag

3. Vitalismus und Dionysisches Prinzip

4. Hedda Gabler
4.2 Tesman – die Sprachlosigkeit einer übersättigten Schlange
4.3 Hedda – Langeweile, Ästhetizismus, Nihilismus
4.4 Løvborg – der gescheiterte Dionysos

5. Unterschiedliche Ansprüche: Ausbruchsmomente bei Ibsen und unhistorisches Bewusstsein bei Nietzsche

Literatur

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit behandelt die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit exemplarisch anhand der Historienschrift von Friedrich Nietzsche und dem Drama ‚Hedda Gabler’ von Henrik Ibsen. Obwohl die Autoren zeitlebens bestritten oder herunter spielten, jeweils die Werke des anderen gelesen zu haben, finden sich in beiden Werken gedankliche Parallelen. Die zentrale Frage dieser Arbeit richtet sich deshalb nicht auf die gegenseitige Beeinflussung der Autoren, sondern auf die Ähnlichkeiten in den Denkmustern, die den Texten zugrunde liegen.

Im zweiten Kapitel wird zunächst auf Nietzsches „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ eingegangen. Der wissenschaftsgeschichtliche Hintergrund und die Erläuterungen zur vorkommenden Historismus-Kritik sollen helfen, das Werk in seinen kulturgeschichtlichen Kontext einordnen zu können. Die Klärung der Kernaussagen werden anhand der Begriffe Erinnerung/Vergessen, Horizont, Glück und Wahrheit vorgenommen und bilden die Ausgangsbasis für die spätere Auseinandersetzung mit ‚Hedda Gabler’.

Im dritten Kapitel werden das dynamische Moment in der Historienschrift, das dionysische Prinzip, und dessen Auslöser, der Vitalismus, erklärt. Das vierte Kapitel beschäftigt sich schließlich mit ‚Hedda Gabler’, wobei zunächst die Entstehung des Stückes behandelt wird, bevor die drei für das Thema der Vergangenheitsbewältigung relevanten Figuren betrachtet werden. Aufgrund der ausgeprägten Symbolhaftigkeit der im Stück handelnden Personen, wird sich auf die gesamte Darstellung der Figuren bezogen, also auf ihren Charakter wie er im Laufe des Dramas offenbar wird, und weniger auf einzelne Szenen oder Textpassagen. Den Schluss bildet das fünfte Kapitel, in dem schließlich auf das unterschiedliche historische Bewusstsein bei Nietzsche und Ibsen eingegangen wird, die verschiedenen Merkmale herausgestellt werden und eine abschließenden Beurteilung formuliert wird.

2. Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben

Nietzsches Historienschrift wurde in den zweiten Unzeitgemäßen Betrachtungen zwischen 1872-76 verfasst. Sie kann als zeitdiagnostischer Essay beschrieben werden, der sich kritisch mit der damaligen Geschichtsbetrachtung, dem Historismus, auseinandersetzt und deren Nachteil, die Lebensfeindlichkeit, aufzeigt. Prägend für diese Arbeit war Jacob Burckhardts Entdeckung der lebensfeindlichen Wirkung der geschichtswissenschaftlichen Erkenntnis[1], die Nietzsche 1874 aufnahm.

Der Begriff „Nutzen“ wird gemäß der im Werk geübten Kritik von Nietzsche neu definiert. Den Nutzen der Historie rechtfertigt er nicht vor einem rational-pragmatischen Hintergrund, sondern im Hinblick auf eine ästhetische Lebensführung.[2] Sein Angriffsziel ist somit die Verwissenschaftlichung der Historie, die für die Zerstörung des Lebens verantwortlich ist. Nietzsches Vorstellungen von ‚Leben’, ‚Ästhetik’ und ‚Geschichte’ werden im Laufe der vorliegenden Arbeit erläutert.

2.1 Wissenschaftsgeschichtlicher Hintergrund

Fast zeitgleich mit Jacob Burckhardts Veröffentlichung legte Johann Gustav Droysen seine „Historik“ vor, mit der er die empirisch-wissenschaftliche Geschichtserkenntnis begründete und Johann Gottfried Herder „Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit“, die ähnliche Thesen beinhaltete. Beide Veröffentlichungen können zu den Gründungsereignissen des Historismus gezählt werden.[3] Die von ihnen formulierte Geschichtserkenntnis unterschied sich von allen älteren Formen dadurch, dass sie durch gesammeltes Material belegt werden müsse, um geschichtswissenschaftliche Aussagen schließlich überprüfbar zu machen. Dem historischen Material wurde dementsprechend ein größerer Wert beigemessen, den historischen Details mehr Aufmerksamkeit geschenkt.

Nietzsche charakterisiert den Wissenschaftsbetrieb seiner Zeit wie folgt: „Überstolzer Europäer des neunzehnten Jahrhunderts, du rasest! Dein Wissen vollendet nicht die Natur, sondern tötet nur deine eigne. Miß nur einmal deine Höhe als Wissender an deiner Tiefe als Könnender. Freilich kletterst du an den Sonnenstrahlen des Wissens aufwärts zum Himmel, aber auch abwärts zum Chaos. Deine Art zu gehen, nämlich als Wissender zu klettern, ist dein Verhängnis; Grund und Boden weicht ins Ungewisse für dich zurück; für dein Leben gibt es keine Stützen mehr, nur noch Spinnefäden, die jeder neue Griff deiner Erkenntnis auseinanderreißt.“ (HL IX, S. 86)

Nietzsche spielt damit auf die Zerstörung fundamentaler Werte und Erkenntnisse durch die wissenschaftlichen Methoden des Historismus’ an. Er selbst hat in seinem Studium der Theologie und älteren Philologie schmerzhaft erfahren müssen wie die ursprüngliche Form eines Textes zugunsten einer Untersuchung der Authentizität der Überlieferung mit Hilfe der historisch-kritischen Methode aufgelöst werden musste.[4] Darin sah er die Entstehung eines Werterelativismus’, der die Grundfesten der westlichen Kultur, dargestellt durch Texte der griechisch-römischen Antike oder die der Bibel, zu erschüttern vermochte: „[...] wir sind ohne Bildung, noch mehr, wir sind zum Leben, zum richtigen und einfachen Sehen und Hören, zum glücklichen Ergreifen des Nächsten und Natürlichen verdorben und haben bis jetzt noch nicht einmal das Fundament einer Kultur, weil wir selbst davon nicht überzeugt sind, ein wahrhaftiges Leben in uns zu haben.“ (HL X, S. 105)

Hinzu kam das individualistische Selbstverständnis des 19. Jahrhunderts. Historiker suchten in der Vergangenheit nach Individualitäten und entdeckten einen „endlosen Bilderbogen von Verschiedenheiten“[5], den Nietzsche wiederum als beliebig und austauschbar ansah und der zu Übersättigung und Gleichgültigkeit führe. Diese Fülle an Informationen sah er als etwas Bedrohliches hereinbrechen: „Jetzt regiert nicht mehr allein das Leben und bändigt das Wissen um die Vergangenheit: sondern alle Grenzpfähle sind umgerissen und alles, was einmal war, stürzt auf den Menschen zu.“ (HL IV, S. 35/36)

2.2 Kernaussagen: Erinnerung und Vergessen, Glück, Horizont, Wahrheit

Die Grundannahme Nietzsches ist, dass seine Zeit an einer „historischen Krankheit“ leide. Deren Symptome sind die Verwissenschaftlichung der Geschichtserkenntnis und der Gegensatz zwischen dem „natürlichen Leben“ und dem modernen Menschen. Die Historiker seines Zeitalters forschten um des Forschens Willen und fragten nicht mehr, welche Bedeutung dieses Wissen für das Leben der Gegenwart hat. Für die Auseinandersetzung mit der Geschichte nennt Nietzsche unterschiedliche Determinanten, die im Folgenden zur Schaffung einer Interpretationsgrundlage für Hedda Gabler erläutert werden.

Das erste Begriffspaar bilden Erinnerung und Vergessen, die nur in der Wechselwirkung miteinander vorzustellen sind. Beide Geisteszustände beeinflussen das Leben der Gegenwart, wobei Nietzsche ein Leben ohne die Erinnerung als fast möglich beschreibt, das Vergessen jedoch als lebensnotwendig ansieht. Die Wechselwirkung besteht darin, dass die Erinnerung außer Kraft gesetzt werden muss, um das Vergessen frei zu setzen. Aufgrund der praktischen Unmöglichkeit einer totalen und langfristigen Auslöschung des Gedächtnisses (sieht man von medizinischen Ursachen einmal ab), stellt sich das Vergessen als temporär begrenzt, also episodisch dar. Es bedarf darüber hinaus einer aktiven Leistung oder Kraft, mit der das Denken unterbrochen wird, um vergessen zu können.[6] Durch das ästhetische Vermögen, „aus dem Gedächtnis fallen zu lassen, was sich in den eigenen Horizont nicht hineinziehen lässt“[7], wird der Mensch vom zerstörerischen Effekt des historischen Sinns befreit. Nietzsche bezeichnet diesen Vorgang des Vergessens als die „unhistorische Kraft des Lebens“.

Der Horizont bildet dabei den Raum, in dem das Leben gedeihen soll: „jedes Lebendige kann nur innerhalb eines Horizontes gesund, stark und fruchtbar werden.“ (HL I, S. 11) Durch das Vergessen werden dem Horizont Grenzen gesetzt, die verhindern, dass der Mensch durch immer neue Eindrücke überwältigt und übersättigt wird. Der so geschlossene Horizont ist wichtig, um „die Heiterkeit, das gute Gewissen, die frohe That, das Vertrauen auf das Kommende“ (HL I, S. 11) zu empfinden. Dieser Zustand entspricht mit seinem Element der Ruhe Nietzsches apollonischem Prinzip[8] und steht im Gegensatz zum „ästhetisch unfruchtbaren Rückzug des Egoisten“: „Er zieht sich dann aus der Unendlichkeit des Horizontes auf sich selbst, in den kleinsten egoistischen Bezirk zurück und muß darin verdorren und trocken werden: [...]“ (HL XI, S. 99)

Nietzsche nimmt eine Typisierung des historischen Bewusstseins vor, die den unterschiedlichen Umgang mit der Vergangenheit und der Verschiedenartigkeit des Horizontes verdeutlicht. Er nennt den „historischen Menschen“, der daran glaubt, dass „der Sinn eines Daseins im Verlaufe eines Prozesses immer mehr ans Licht kommt“. Dem gegenüber steht der überhistorische Mensch, der keinerlei Interesse am Mitwirken an der Geschichte hat. Für Nietzsche ist schließlich das „unhistorische Leben“, das den Zustand beschreibt, in dem sich ein Mensch intensiv erlebt und schöpferisch entfaltet, ausschlaggebend für den Umgang mit der Vergangenheit. Die Verbindung zwischen diesen Typen des Geschichtsbewusstseins wird durch das individuelle Bedürfnis eines Menschen oder einer Gruppe geschlossen und bezieht seine Existenzberechtigung aus der positiven Wirkung auf das Leben: „[...] das Unhistorische und das Historische ist gleichermaßen für die Gesundheit eines einzelnen, eines Volkes und einer Kultur nötig.“ (HL I, S. 11)

Ist also eine Person oder eine kulturelle Gesamtheit in der Lage, in einem Augenblick unhistorisch zu empfinden, ist sie glücklich: „Bei dem kleinsten und bei dem größten Glücke ist es immer eins, wodurch Glück zum Glücke wird: das Vergessenkönnen oder, gelehrter ausgedrückt, das Vermögen, während seiner Dauer unhistorisch zu empfinden.“ (HL I, S. 9) Umgekehrt prophezeit Nietzsche demjenigen, der „sich nicht auf der Schwelle des Augenblicks, alle Vergangenheiten vergessend, niederlassen kann“ (HL I, S. 9) die völlige Unfähigkeit andere glücklich zu machen.

[...]


[1] Burckhardt, Jacob : Über das Studium der Geschichte. Der Text der "Weltgeschichtlichen Betrachtungen" auf Grund der Vorarbeiten von Ernst Ziegler nach den Handschriften, hrsg. v. Peter Ganz, München 1982.

[2] Meyer, Katrin: Ästhetik der Historie. Friedrich Nietzsches „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“, Würzburg 1998, S. 119.

[3] Iggers, Georg: Deutsche Geschichtswissenschaft. Eine Kritik der traditionellen Geschichtsauffassung von Herder bis zur Gegenwart, Wien (u. a.) 1997, S. 44.

[4] Meyer, S. 78-80.

[5] Viktor Žmegač in Borchmeyer, Dieter (Hrsg.) : « Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben ». Nietzsche und die Erinnerung in der Moderne, Frankfurt/Main 1996, S. 181.

[6] Meyer, S. 96.

[7] Borchmeyer, Vorwort, S. 7.

[8] Meyer, S. 100.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Über Nietzsches befreiende Kraft des Vergessens in Ibsens 'Hedda Gabler'
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Nordeuropa-Institut)
Veranstaltung
Ibsen und Nietzsche
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V119697
ISBN (eBook)
9783640236336
ISBN (Buch)
9783640239658
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nietzsches, Kraft, Vergessens, Ibsens, Hedda, Gabler, Ibsen, Nietzsche
Arbeit zitieren
Chrstiane Baltes (Autor), 2006, Über Nietzsches befreiende Kraft des Vergessens in Ibsens 'Hedda Gabler', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119697

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