Platons Phaidros

Ein Vergleich der drei Reden über Verliebtheit/ Nicht-Verliebtheit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

13 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorspiel und Rede des Lysias

3. Zwischenspiel und Rede des Sokrates gegen Eros

4. Zwischenspiel und Sokrates Preisrede auf Eros

5. Schlussbemerkung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Phaidros gehört zu den Werken aus Platons mittlerer Phase der Reife. Wie fast alle seine Schriften wurde diese Dichtung in Dialogform[1] verfasst. Durch dieses stilistische Mittel fließt das Gedankengut seines Lehrers Sokrates ein, so dass heute unklar ist, welche Gedanken von Sokrates und welche von Platon selbst stammen.[2] Durch das Mittel des Dialogs kann Platon zeigen, wie eine philosophische Frage aus einem bestimmten Lebenskontext entsteht. Er kann auf Phänomene hinweisen, die das thematisierende und reflektierende Gespräch niemals vollständig einholen kann.[3]

Ein typisches Vorgehen ist das argumentative Gespräch seines Lehrers gegen eine andere (zum Teil) berühmte historische Person (hier Phaidros) seiner Zeit. In seinen Gesprächen ist Sokrates seinem Partner meist überlegen. Durch diese Figur werden Platons Gedanken indirekt dargestellt. Er selbst taucht in den Gesprächen aber nie auf.[4]

Für dieses Werk sind drei Figuren von Bedeutung. Zum einen die beiden Gesprächspartner (Sokrates und Phaidros) und zum anderen Lysias, welcher nicht direkt vorkommt aber ein Preislied über nichtverliebte Liebhaber vorgetragen hat, über welches sich die beiden Protagonisten anschließend unterhalten[5]. Insgesamt unterteilt sich die Dichtung in drei große Themengebiete. Der erste Abschnitt befasst sich mit der Liebe. Beide Reden, sowohl die von Lysias als auch die von Sokrates, behaupten die Schädlichkeit des Eros. Der zweite Teil handelt von Sokrates Seelenmythos und der Preisung des Eros. Im dritten Teil wird ein Zwiegespräch über die Dialektik und die Redekunst behandelt.

Platons Untersuchung des Liebesbegriffs ist eine sachorientierte Auseinandersetzung mit verschiedenen Deutungen dieses Konzepts. Die dadurch erreichte Weite der behandelten Liebesvorstellungen verleiht Platons Texten eine zeitlose Aktualität.“[6]

Diese Hausarbeit beschäftigt sich nun mit dem Vergleich der ersten drei Reden über Verliebtheit und Nicht-Verliebtheit. Hierbei sollen das argumentative Vorgehen, auffällige Begrifflichkeiten und stilistische Mittel analysiert und ausgewertet werden. Die Vor- und Zwischenspiele werden ebenfalls einbezogen, da sie für den inhaltlichen Zusammenhang sehr wichtig sind.

Für Platon selbst ist der Eros (griech. Liebe/ Verlangen) das Streben nach den höchsten Dingen und dem Vollkommenen. Er ist der Antrieb des Menschen, durch welchen er sich zu seiner vollen Form entfalten kann. Durch das Streben werden die Möglichkeiten verwirklicht.[7]

2. Vorspiel und Rede des Lysias

Das Thema des Gespräches wird bereits im Vorspiel eingeleitet. Phaidros berichtet hier über die Liebesrede des Lysias und dessen Ansicht, dass man seine Gunst eher einem Nichtverliebten als einem Verliebten schenken sollte.[8] Außerdem wird der Leser in die Systematisierung des Bevorstehenden eingeweiht: „Aber den Gedankengang ziemlich von allem, worin er den Unterschied der Sache des Verliebten von der des Nicht-Verliebten angab, werde ich dir in seinen Hauptpunkten vom ersten an beginnend der Reihe nach wiedergeben.“[9] Diese Absicht des Phaidros wird jedoch nicht vollzogen, da Sokrates die Schrift der Lysiasrede entdeckt und seinen Gesprächspartner auffordert, diese vorzulesen.[10]

Für das Vorspiel ist außerdem die sehr detailliert beschriebene Gesprächsszenerie von Bedeutung. Indem Sokrates und Phaidros die Stadt verlassen und aus der Mauer gehen, wird Platon bereits hier ein verdichtetes Schreiben angerechnet, von dem allerdings nicht bewiesen werden kann, ob der Autor diese Textstellen mit Absicht so gestaltet hat. Mit der möglichen Intention des „Mauermotivs“ könnten die Grenzen des Dialogs aufgezeigt werden. Mit diesem instrumentalen Verhältnis zur Sprache wird Platon ein sehr planvolles und kunstvolles Schreiben anerkannt, welches den Dialog besonders interessant gestaltet. Durch die hier entstandene Leerstelle, welche vom Rezipienten selbst zu füllen ist, entsteht eine erste Verunsicherung. Die Beschreibung der Grotte und des Umfeldes lässt ein Landschaftserlebnis entstehen, das im dichterisch/ religiösen Sinn einzigartig in der Antike ist.

In der Rede des Lysias wird die Schädlichkeit des Eros dargestellt. Die Nachteile des Verliebtseins werden den Vorteilen des Nicht-Verliebten gegenübergestellt: „... die Verliebten gereut es ihrer Wohltaten, sobald ihre Leidenschaft erloschen ist. Für die anderen kommt die Zeit nicht...“[11], außerdem wird dem Verliebten im Nachhinein klar, was sie alles für diese Liebe verschenkt und welche Mühen sie auf sich genommen haben[12], „Dagegen können die Nicht-Verliebten weder die Vernachlässigung ihres Hauswesens..., noch die vorausgegangenen Mühen..., noch ihm die Schuld an dem Zerwürfnisse mit ihren Angehörigen beimessen.“[13] Lysias argumentiert weiter, dass die Verliebten selbst zugeben, dass „sie eher an einer Krankheit leiden als bei Vernunft sind..., sich aber nicht selbst beherrschen könnten.“[14] Dieser Zustand der schlechten Besinnung wird noch durch eine rhetorische Frage untermauert: „Wie sollten sie aber, nachdem sie wieder zu klarem Verstande gekommen sind, das gutheißen, was sie in einem solchen Zustande wollen?“[15]

Für seine Argumentation werden also verschiedene stilistische Mittel genutzt. Es wird davon ausgegangen, dass ein Verliebter nicht immer Herr seiner Sinne ist. Demnach gibt es auch keine grundsätzliche Erschöpfung der Lust oder des Verlangens. Es gibt keine Grenze der Begierde durch Alter oder Standesklasse. Ein Objekt kann so lange der Begierde unterworfen werden, bis es verbraucht ist. Durch diese Unberechenbarkeit des Eros wird die erotische Begierde zu einem solch interessanten Thema.[16]

Diese Struktur der Vorteil/ Nachteil-Aufzählung behält die Rede lange bei: Verliebte wählen aus Eitelkeit und Ruhm bei den Menschen ihren Partner – Nicht-Verliebte wählen das Beste, Verliebten wird der Vorwurf gemacht, sie seien nur wegen ihrer Begierde zusammen - Nicht-Verliebte sind auch aus anderen Gründen zusammen. Verliebte verhindern andere soziale Kontakte aus Angst den Geliebten zu verlieren – Nicht-Verliebte fördern den Kontakt mit anderen Menschen, um an Ansehen zu gewinnen, Verliebte begehren oft nur den Körper und nicht das Wesen des Geliebten, so dass eine Freundschaft nach erloschener Leidenschaft nicht bestehen kann – anders bei den Nicht-Verliebten.[17] Abschließend hält Lysias fest: „Daher sollte man die, die geliebt werden, weit eher bemitleiden als beneiden.“[18]

Durch das Ende der Rede wird diese zweideutig, da sie Elemente der Verführung enthält.[19] Bei einer entstehenden „Freundschaft“[20] würde Lysias: „... nicht zuerst für die Lust der Gegenwart sorgen, sondern für deinen Vorteil auch in der Zukunft,...mich selbst beherrschend,...nicht um Kleinigkeiten großen Streit anheben, das Unvorsätzliche verzeihend, das Vorsätzliche versuchend abzuwenden“.[21] Schließlich soll man denen am meisten gefällig sein, „die am meisten Dank abzustatten vermögend sind; nicht denen, die nur betteln, sondern denen, die der Sache würdig sind;... [22]

[...]


[1] Der Dialog (altgriech. sich unterhalten) bezeichnet ein Gespräch zwischen zwei oder mehr Leuten. Dieses kann mündlich oder schriftlich stattfinden. Bei Platon bildet der Dialog die Darstellungsform seiner Schriften.

[2] Die Forschung ist sich jedoch einig, dass das Spätwerk überwiegend von Platons Gedankengut beherrscht wird, in den Jugenddialogen hingegen sieht man verstärkt die Philosophie des Sokrates vertreten.

[3] Ricken Friedo, Philosophie der Antike. Grundkurs Philosophie 6, 3.Aufl., Stuttgart; Berlin; Köln 2000, S.80 f.

[4] Vgl. Hilber Wolfgang (Hg.), Lexikon der Philosophie, Düsseldorf 2006, S. 316 f.

[5] Ob die Rede tatsächlich von Lysias stammt – was denkbar wäre-, ist nach wie vor umstritten.

[6] Schäfer Christian (Hg.), Platon-Lexikon. Begriffswörterbuch zu Platon und der platonischen Tradition, Darmstadt 2007, S. 181.

[7] Hilber Wolfgang (Hg.), Düsseldorf 2006, S. 113 f.

[8] Vgl. Platon, Phaidros oder Vom Schönen, Stuttgart 2006, S. 15 (227 A).

[9] Platon, Stuttgart 2006, S.17 (228C).

[10] Vgl. Platon, Stuttgart 2006, S.17 (228C).

[11] Platon, Stuttgart 2006, S.20 (230 C).

[12] Vgl. Platon, Stuttgart 2006, S.20 (230 C).

[13] Platon, Stuttgart 2006, S.20 (230 C) f.

[14] Platon, Stuttgart 2006, S.21 (231 B).

[15] Platon, Stuttgart 2006, S.21 (231 B).

[16] Platons Ethik beruht auf der Unterscheidung, ob wir Knechte der niederen Begierde oder Träger der höchsten, der schöpferischen Lust werden.

[17] Vgl. Platon, Stuttgart 2006, S.22 (232 A) ff.

[18] Platon, Stuttgart 2006, S.23 (232 D).

[19] Diese Unsittlichkeit der „Verführung“ darf in der Rede jedoch nicht zu stark heraustreten, weil es sonst nicht klar wäre, warum sich Phaidros und Sokrates mit einem solchen Thema beschäftigen.

[20] Das ein griechischer Mann einen Jüngling als „Freund“ hatte, war für die Athener ganz natürlich. Dieses Verhältnis sollte aber einen erzieherisch/ väterlichen Charakter besitzen.

[21] Platon, Stuttgart 2006, S.23 (232 D).

[22] Platon, Stuttgart 2006, S.24 (233 C).

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Platons Phaidros
Untertitel
Ein Vergleich der drei Reden über Verliebtheit/ Nicht-Verliebtheit
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Philosophie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
13
Katalognummer
V119737
ISBN (eBook)
9783640236428
ISBN (Buch)
9783668290389
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Platons, Phaidros
Arbeit zitieren
Manuela Piel (Autor), 2008, Platons Phaidros, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119737

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