Christian Buddenbrook - Analyse eines Verfalls-Objekts


Zwischenprüfungsarbeit, 2004

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Aufbau und Methodik

3. Christians Verfall
3.1. Der biologische Verfall: Die medizinischen Symptome
3.2. Der psychologische Verfall: Der kulturtheoretische Hintergrund

4.2. Christian und Thomas
4.3. Christian in der Familie

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Thomas Manns meistbeachtetes Werk Buddenbrooks ist und war bereits häufig Gegenstand eingehender literaturwissenschaftlicher Analysen. Siegfried Lenz schreibt sogar über diesen Roman, er sei mittlerweile „ausgefragt nach allen Regeln der Kunst (…) alles ist festgestellt, und zwar so umfänglich, dass Unsicherheiten im ‚Verstehen’ kaum noch vorkommen dürften.“1

Tatsächlich weckt die Lektüre der Buddenbrooks jedoch unwillkürlich Verständnis für so viel Forschungsinteresse. Die vom Anfang zwanzigjährigen Thomas Mann meisterhaft komponierte Verfallsgeschichte einer bürgerlichen Familie ist schlicht erstaunlich. Die Detailgenauigkeit, die ruhige und doch fesselnde Erzählweise, die entlarvenden Personenbeschreibungen, im Ganzen, die kaum auslotbare Vielschichtigkeit des Romans, machen ihn einzigartig. Auch Lenz beschließt seine Ausführungen über die Buddenbrooks dementsprechend: „Es ist wohl schon so, daß man dieses welthaltige Erzählwerk als Leser nur annäherungsweise ausmessen kann.“2

Um diesen Gedanken Rechnung zu tragen, befasst sich auch die vorliegende Arbeit nur mit einem Teilaspekt des Jahrhundertwerkes, genauer gesagt, nur mit einer Figur: Christian Buddenbrook. Dieser höchst beachtenswerte Charakter zieht unwillkürlich die Aufmerksamkeit des Lesers an. Mit seinen unterhaltsamen Eigenschaften sorgt er bereits als Kind in Gesellschaften für Kurzweil.3 Doch trotz aller Komik die dieser Figur innewohnt, trotz allem Witz, die sie versprüht, zeichnet sie sich doch auch durch Merkmale des Verfalls aus. Jenes Leitmotiv der Buddenbrooks, das Thomas Mann bereits durch den Untertitel des Werkes, Verfall einer Familie, deutlich macht, findet sich besonders bei Christian wieder: Immer wieder plagen ihn die verschiedensten Leiden, stets ist er krank. Diese immerwährende Krankheit wird zum zweiten wesentlichen Charaktermerkmal Christians, das häufig in die zweifelhafte Nähe zur Hypochondrie gerückt wird und so ebenfalls eine gewisse Komik in sich birgt. In der vorliegenden Arbeit wird das rätselhafte Gebaren jenes Buddenbrook näher beleuchtet. Die Figur Christian Buddenbrook wird eingehend analysiert unter besonderer Berücksichtigung der Darstellung seines persönlichen Verfallsprozesses. Wie wird sein Verfall geschildert? Worin drückt er sich aus? Wodurch wird er bewirkt? Wie gliedert er sich in den Verfall der Familie? Im Zuge dieser Fragen ergibt sich auch ein besonderes Interesse an Christians gesundheitlicher Konstitution. Streng genommen drängt es sich schon bei erstmaliger Lektüre auf: Wie krank ist Christian Buddenbrook wirklich? Unter welchem Krankheitsbild scheint er eigentlich zu leiden? Aus Christians gesundheitlichen Eigenheiten ergeben sich nun wiederum Folgen für sein Sozialleben, die hier ebenfalls untersucht werden: In welchem Verhältnis steht er zur Gesellschaft, zum Bürgertum? Wie fügt er sich in die Familie Buddenbrook? Wie gestaltet sich insbesondere die Beziehung zu seinem Bruder Thomas?

Diesen Leitfragen wird im Folgenden nachgegangen, indem der Verfall des Christian Buddenbrook als paradigmatisch für den seiner Familie hervorgehoben wird. Seine Abstiegsprozesse gliedern sich im Wesentlichen in medizinische, psychologische und soziale Aspekte, die in der vorliegenden Arbeit ebenso in Hinblick auf ihre Erscheinungsformen wie auf ihre Verhältnisse zueinander untersucht werden.

2. Aufbau und Methodik

Die Figur des Christian Buddenbrook gehört zweifelsohne zu den schillerndsten in Thomas Manns Werk. Durch seine Clownerien, seine Parodien und Imitationen sorgt er bereits von Kindesbeinen an für Belustigung im Familienkreis. Auch im Erwachsenenalter ändert sich in diesem Hinblick nicht viel, er unterhält Gesellschaften durch abenteuerliche Geschichten von zwielichtigen Gestalten der Demimonde, imitiert und parodiert. Jedoch je weiter der Roman voranschreitet, desto häufiger bricht Christian Buddenbrook seine Spielereien plötzlich ab, verleiden ihm und seinen Zuhörern seine Krankheiten den Spaß. Es wird deutlich, dass er ein stark durch wie auch immer geartete Krankheiten geprägter Charakter ist. „Nervöse Leiden“ prägen schließlich seine Wesenszüge, mysteriöse, besorgniserregende Symptome, die zunächst nicht eindeutig zuzuordnen sind, häufen sich.

Ein Forschungsinteresse für diese Figur ergibt sich also bereits allein aus ihrer Rätselhaftigkeit. Sie erscheint zwiespältig. Hin und her gerissen zwischen Lebenswille und Verfall. Immer wieder wird ein bürgerliches Leben versucht, immer wieder zieht es Christian zu Halbwelt und Künstlertum. In manchen Momenten wirkt er vital, voll Energie, doch im nächsten Augenblick ist er schon wieder müde und schlaff. Zwischen diesen Extremen bewegt er sich und es wird unweigerlich deutlich, dass dieser Charakter ganz wesentlich, wie der Niedergangsprozess der Buddenbrooks generell, durch etwas Krankhaftes gekennzeichnet ist. Hierzu schreibt Anja Schonlau, worauf im Weiteren noch eingegangen wird, „die Krankheit hat im facettenreichen Verfall der Kaufmannsfamilie mindestens zwei Seiten.“4 Sie gliedere sich zum einen in eine medizinische Seite, zum anderen orientiere sie „sich an Friedrich Nietzsches Psychologie des Verfalls.“5

In dieser Arbeit steht zunächst der medizinisch-pathologische Fall Christian Buddenbrook im Zusammenhang mit dem Verfall seiner Familie im Zentrum der Betrachtungen. Es werden insbesondere die derzeitigen Forschungsstände vor dem medizinhistorischen Hintergrund des zeitgenössischen Diskurses des Krankheitsbildes der Neurasthenie dargestellt. Daraus ergeben sich Ansatzpunkte der Erläuterung verschiedener Verfallssymptome Christians. An dieser Stelle wird unter anderem auch veranschaulicht, wieso sich Christians schon eklatante Lebensunfähigkeit in der nächsten Generation noch steigert und in Hannos Lebensunwillen kulminiert.

Die psychologische Komponente in Christians krankhaftem Verfallsprozess wird, wie bereits angedeutet, in Verbindung mit Nietzsches Dekadenzlehre gestellt. So wird ihm in der Forschung, wie der weitere Verlauf dieser Arbeit darlegt, auch der von Nietzsche geprägte Terminus des Komödianten und Bourgets Begriff des Dilettanten zugeordnet. Hier wird ebenfalls das offensichtliche Einhergehen von gesteigertem Krankhaften mit einer höheren Sensibilisierung, einer größeren Affinität zum Künstlertum problematisiert. In diesem Zusammenhang wird auch auf den zeitgenössischen Diskurs zwischen Kunst und Krankheit Bezug genommen.

Eng verknüpft mit den psychologisch motivierten Verfallserscheinungen sind die, unter anderem auch daraus resultierenden, sozialen Veränderungs- und Abstiegsprozesse, die die Figur durchläuft. Jene werden im Folgenden zum einen unter dem Gesichtspunkt der Rolle Christian Buddenbrooks in der Gesellschaft, in Bürgertum und Halbwelt, beleuchtet. Zum anderen wird untersucht wie der Charakter mit anderen Mitgliedern der Familie Buddenbrook korreliert. Ein besonderer Schwerpunkt wird hier bei dem Verhältnis zu seinem Bruder gelegt, schließlich sei laut einschlägiger Forschungsliteratur „Christian (…) die Parallelgestalt zu Thomas.“6 Entscheidend ist an dieser Stelle wiederum das Krankheitsbild Neurasthenie. Hier wird ebenfalls das offensichtliche Einhergehen von gesteigertem Krankhaften mit einer höheren Sensibilisierung, einer größeren Affinität zum Künstlertum problematisiert. In diesem Zusammenhang wird auch auf den zeitgenössischen Diskurs zwischen Kunst und Krankheit Bezug genommen.

3. Christians Verfall

Thomas Mann gibt seinem Roman Buddenbrooks den Untertitel Verfall einer Familie. Somit macht er von Beginn an das Leitmotiv seines Werkes deutlich. Dieser vielschichtige Verfallsprozess wird über vier Generationen der Buddenbrooks begleitet. „Verfall erscheint in den ‚Buddenbrooks’ als schwindende Lebenskraft, die mit Verfeinerung von Intellekt und Geschmack einhergeht“, beschreibt Ernst Keller das Hauptthema des Romans. „Die Pole in diesem Prozeß sind der lebenstüchtige, unmusikalische Johann Buddenbrook und dessen Urenkel, der weltscheue, für Wagner schwärmende Hanno.“7

Die Figur Christian, die im Zentrum der Analysen dieser Arbeit steht, gehört der dritten Reihe der Geschlechterfolge an und befindet sich dementsprechend zwischen den beiden „Polen“ Johann und Hanno Buddenbrook, die ebenfalls für Anfang und Ende des Verfallsprozesses und somit des Romans selbst stehen. In dieser Generation wird das Voranschreiten des Verfalls geradezu augenscheinlich und besonders Christian kommt in ihm eine integrale Rolle zu. Man erkennt in ihm, folgt man zum Beispiel Kellers Definition, das bereits stark voran geschrittene Stadium des Verfalls. Sein Charakter ist sowohl geprägt durch deutlich Krankhaftes als auch durch „intellektuell-seelische Verfeinerung“,8 die sich vor allem in seiner Vorliebe für Theater, in seinen eigenen halb-künstlerischen Darbietungen „und in der Neigung zur Selbstbeobachtung“9 zeigt. Doch bei alledem bleibt sein Handeln stets inkonsequent, sein Dasein letztlich unfertig. Seine zahlreichen Krankheiten weisen häufig starke Züge der Hypochondrie auf, seine darstellerischen und unterhaltenden Talente weiß er nicht „zum Aufbau einer beruflichen Laufbahn zu nutzen.“10 Stattdessen sucht er immer wieder fast verzweifelt nach Gesundheit11 und bemüht sich lange Zeit tatsächlich im bürgerlichen Leben. Diese Anstrengungen sind es dann auch, die Christians Komik ausmachen. Seine Versuche sich der konventionellen, bürgerlichen, gesunden Form der Lebensführung hinzugeben, sind stets durch Disziplinlosigkeit gekennzeichnet und wirken mithin lächerlich, da die mangelnde Ernsthaftigkeit Christians sie zum Scheitern verurteilt.

Es zeigt sich also, gliedert man die Figur Christian in den Gesamtzusammenhang des Verfallsprozesses der Familie Buddenbrook, dass sie sich in einer Art Schwellenzustand befindet. Offensichtlich ist in Christian kaum noch die Spur Johann Buddenbrooks zu erkennen, vielmehr steht er seinem Neffen Hanno nah. Doch die beiden, den Verfall der Buddenbrooks charakterisierenden, Komponenten Krankheit und künstlerisches Talent sind bei Christian eben noch nicht im gleichen Maße ausgeprägt.

Wie hier bereits erkennbar wird, steht die Darstellung des Verfalls der Buddenbrooks auch stark im Zeichen der zeitgenössischen Thematik der Abstammungslehre Darwins.12 Claudia Bahnsen deckt allerdings einen Impetus Thomas Manns auf, der einen „Ausweg aus dem ‚Verfalls’-Geschehen“, das, der Vererbungslehre folgend, bereits vorgezeichnet ist, vorsieht:

„Die immer wieder neu zu realisierende Identität wird als anzustrebender Wert gesetzt, mit dessen Hilfe es vorstellbar erscheint, einen existentiellen Halt im Leben aufzubauen.“ Demzufolge habe Mann „den ‚Verfall’ der Buddenbrooks als vermeidbare Folge unterbliebener Emanzipation und Selbstfindung“ zeigen wollen.13 Für die Figuren im Verfall ergebe sich daraus, dass sie „aufgrund der unreflektierten Übernahme der tradierten Wert- und Normvorstellungen (...) in zunehmendem Maße fremdbestimmt und selbstentfremdet“ agierten.14 Bei Johannes Buddenbrook bestimmten „die in seinem Bewusstsein verankerten Werte (…) sein Verhalten [noch] (…) voll und ganz“ und ließen „ihn dadurch ‚als mit sich selbst identisch’ erscheinen.“15 Diese Deckungsgleichheit von überlieferten Werten und der eigenen Identität ändere sich im Laufe der Generationen sukzessive. Beim personifizierten Endpunkt des Verfallsprozesses, bei Hanno Buddenbrook, stünden dem „internalisierten Familienbewusstsein“ schließlich „eigene Versagensängste gegenüber“,16 die letztendlich zu seiner „Lebensverneinung“17 führten.

In Hinblick auf Christian Buddenbrook führen Bahnsen ihre Erkenntnisse zu dem Schluss, dass sich „hinter seiner Hypochondrie (…) demzufolge nichts anderes als die ganz normkonforme Furcht vor der zu strafenden Inadäquatheit seiner personeigenen psychischen Antriebe“ verberge, „eine Furcht, die auch bei dieser Figur aus der personfremden Übernahme der familiären Werte und Normen resultiert.“18 Seine hypochondrischen Ängste gestalteten sich demnach als „normkonforme Selbstbestrafung“19 „für sein familiär inadäquates Verhalten“20.

[...]


1 Lenz, Siegfried: Buddenbrooks. In: Thomas Mann Jahrbuch 4. Frankfurt am Main 1991. S. 21.

2 Ebd. S. 28.

3 Vgl.: Mann, Thomas: Buddenbrooks. Verfall einer Familie. Frankfurt am Main 53 2004. [Dieser Text gilt im Weiteren als Primärquelle und wird mit Buddenbrooks abgekürzt]. S.15.

4 Schonlau, Anja: Das »Krankhafte« als poetisches Mittel in Thomas Manns Erstlingsroman: Thomas und Christian Buddenbrook zwischen Medizin und Verfallspsychologie. In: Koopmann, Helmut; Schneider, Peter- Paul (Hg.): Heinrich Mann-Jahrbuch 15. Lübeck 1998. S. 87.

5 Ebd.

6 Keller, Ernst: Die Figuren und ihre Stellung im »Verfall«. In: Moulden, Ken; Wilpert, Gero van (Hg.):

7 Keller, Ernst: Das Problem »Verfall «. In: Moulden, Ken; Wilpert, Gero van (Hg.): Buddenbrooks-Handbuch. Stuttgart 1988. S. 161.

8 Ebd. S. 157.

9 Keller, Ernst: Die Figuren und ihre Stellung im »Verfall«. In: Moulden, Ken; Wilpert, Gero van (Hg.): Buddenbrooks-Handbuch. Stuttgart 1988. S.180.

10 Ebd.

11 Die vermeintliche Gesundheit ist bezeichnenderweise auch, was ihn an seiner späteren Ehefrau Aline Puvogel so sehr reizt: „ ‚Nein, du hast keinen Begriff, Thomas, was für ein prachtvolles Geschöpf das ist! Sie ist so gesund… so gesund. …!’ “ beschreibt er sie seinem Bruder. (Buddenbrooks. S. 405.)

12 Keller, Ernst: Das Problem »Verfall «. In: Moulden, Ken; Wilpert, Gero van (Hg.): Buddenbrooks-Handbuch. Stuttgart 1988. S. 157.

13 Bahnsen, Claudia: „Verfall“ als Folge zunehmender Identitäts- und Existenzunsicherheit: Eine Studie zu Thomas Manns „Buddenbrooks“. Kiel 2001. S. 85.

14 Ebd. S. 7.

15 Ebd. S. 18.

16 Ebd. S. 76.

17 Ebd. S. 74.

18 Ebd. S. 65.

19 Ebd. S. 68.

20 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Christian Buddenbrook - Analyse eines Verfalls-Objekts
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Institut für Neuere Deutsche Literatur- und Medienwissenschaften)
Veranstaltung
Proseminar: Der Verfall einer Familie in Emile Zolas „Der Totschläger“ und Thomas Manns
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
22
Katalognummer
V119745
ISBN (eBook)
9783640226818
ISBN (Buch)
9783640227969
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Christian, Buddenbrook, Analyse, Verfalls-Objekts, Proseminar, Verfall, Familie, Emile, Zolas, Totschläger“, Thomas, Manns
Arbeit zitieren
Magister Artium Julian Philipp Schlüter (Autor), 2004, Christian Buddenbrook - Analyse eines Verfalls-Objekts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119745

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