Der Gedanke, der letztendlich zur Bearbeitung dieses Themas führte, kam mir auf einem gruppendynamischen Seminar im Dezember 1995. Im Zuge meines Studiums der Sportwissenschaften und der Prävention/Rekreation hatte ich bereits durch einige wenige Lehrveranstaltungen Erfahrungen im Bereich der Psychologie sammeln können. Diese Erlebnisse führten mich zu der Erkenntnis, daß die Anwendungsgebiete der Psychologie im Sport viel zahlreicher sind, als es auf den ersten Blick erscheint.
Während dem oben genannten Seminar, das von Dr. Kleiner geleitet wurde, wurde mir klar, daß nur wenige Bereiche der Psychologie im Sport sinnvoll angewendet werden können.
Die Gruppendynamik hinterließ durch dieses Seminar tiefen Eindruck auf mich, und ich beschloß, mögliche Anwendungsgebiete der angewandten Gruppendynamik im Sport zu erkunden.
Besonderes Interesse galt dabei dem Bereich des Leistungssports, da mir bereits in der Zeit während meines Studiums die wachsende Professionalität aufgefallen war. Die Geldmittel wurden für die Optimierung möglichst vieler leistungsbeeinflußender Bereiche verwendet und so interessierte es mich, welche Bedeutung den Konzepten der Gruppendynamik hier beigemessen wurde. Aber auch im Freizeitsport vermutete ich viele Möglichkeiten, gruppendynamische Anwendungen sinnvoll einzusetzen.
Ich hatte im Laufe meines Studiums gelernt, wie man sportliche Leistung optimiert, Trainingspläne anpaßt und geeignete Umweltbedingungen zum Erbringen einer sportlichen Leistung schafft. Mit der Zeit entwickelte sich jedoch eine zweite Sicht der Dinge, die den Freizeitsport als Vermittler von Spass und Lebensfreude darstellte. Diese verschiedenen Sichtweisen stellten sich letztendlich als gleichbedeutend heraus. So beschäftigt sich die vorliegende Arbeit auch mit beiden Sichtweisen, denn der Zwiespalt, der bei der Literatursuche und der Interpretation von Texten, entstand, ließ mich bald einen Weg der Mitte einschlagen.
Inhaltsverzeichnis
1. PROBLEMAUFRISS
1.1. AUSGANGSPUNKT
1.2. PROBLEMSTELLUNG ( ARBEITSHYPOTHESEN )
1.3. WISSENSCHAFTLICHE METHODE DER ARBEIT
1.3.1. METHODE
1.3.1.1. HERMENEUTIK
1.4. GLIEDERUNG DER ARBEIT
2. DER FORSCHUNGSGEGENSTAND „GRUPPE“
2.1 DEFINITIONEN zum Begriff Gruppe
2.1.1. MITGLIEDERZAHL
2.1.2. INTERAKTION
2.1.3. STRUKTURIERUNG
2.1.4. GEMEINSAME NORMEN
2.1.5. GRUPPENBEWUSSTSEIN ( „Wir-Gefühl“ )
2.1.6. DAUER der Interaktion
2.1.7. ALLGEMEINE BETRACHTUNG der Bestimmungskriterien
2.2. GRAPHISCHE DARSTELLUNGEN und deren Interpretation
2.3 ABGRENZUNGEN zu anderen sozialen Phänomenen
2.4. TYPOLOGIE sozialer Gebilde: Die „Gruppe“ und andere Formen
2.4.1. EXISTENZFORMEN von Gruppen
2.5. PRIMÄRGRUPPEN - SEKUNDÄRGRUPPEN
2.6. FORMELLE - INFORMELLE GRUPPEN
2.7 DIE SPORTGRUPPE
2.8 GRUPPE ALS SYSTEMTYP : Interaktion <--> Organisation
2.9. STUFEN DER GRUPPENENTWICKLUNG
2.10. EXKURS ÜBER MACHT ( in Kleingruppen )
3. DIE GRUPPENDYNAMIK und ihre Anwendungen
3.1. DEFINITIONEN zum Begriff der Gruppendynamik
3.1.1. AUTORENVERGLEICH und graphische Darstellung
3.2. BEGRÜNDER der Gruppendynamik ( Rückblick )
3.2.1. JACOB LEVI MORENO
3.2.2. KURT LEWIN
3.2.3. TRAUGOTT LINDNER
3.3. GESCHICHTE der Gruppendynamik: Schwerpunkt USA
3.4. GESCHICHTE der Gruppendynamik: Schwerpunkt Europa
3.5. GRUPPENDYNAMISCHE METHODEN
3.5.1. ARBEITSPRINZIPIEN der Trainingsgruppe
3.5.1.1. DAS PRINZIP der „Relativen Unstrukturiertheit“
3.5.1.2. AUFTAUEN-VERÄNDERN-STABILISIEREN
3.5.1.3. DAS PRINZIP des HIER und JETZT
3.5.1.4. FEEDBACK
3.5.2. DAS GRUPPENDYNAMISCHE LABORATORIUM ( GDL )
3.5.3. SENSITIVITY TRAINING ( Selbsterfahrungsgruppe )
3.5.4. ENCOUNTER
3.5.5. MARATHON TRAINING
3.5.6. THEMENZENZRIERTE INTERAKTION ( TZI )
3.5.7. SKILL - TRAINING ( Soziale Fähigkeiten )
3.5.8. KOMMUNIKATIONSTRAINING
3.5.9. TEAMENTWICKLUNG
3.6. ANWENDUNG DER GRUPPENDYNAMIK IM SPORT
4. FALLBEISPIELE: TIEFENINTERVIEWS ZWEIER MANNSCHAFTEN
4.1. ERLÄUTERUNGEN ZUR TECHNIK DER INTERVIEWS
4.1.1 INTERVIEWLEITFADEN
4.2. AUSWERTUNG DER INTERVIEWS
4.2.1 ERLÄUTERUNGEN ZUR AUSWERTUNG DER INTERVIEWS
4.2.2. AUSWERTUNG: SCHWIMMANNSCHAFT
4.2.3. AUSWERTUNG: EISHOCKEYMANNSCHAFT
5. ZUSAMMENFASSUNG
5.1. ABSICHT DER ARBEIT
5.2. BEANTWORTUNG DER ARBEITSHYPOTHESEN
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Relevanz gruppendynamischer Konzepte für den Freizeit- und Leistungssport. Ziel ist es, die Wirksamkeit dieser Konzepte bei der Inszenierung von Lern- und Erfahrungsprozessen in Sportgruppen theoretisch zu fundieren und durch empirische Fallbeispiele (Tiefeninterviews) auf ihre praktische Anwendbarkeit im Sportkontext zu überprüfen.
- Grundlagen der Gruppendynamik und Definition des Gruppenbegriffs
- Entwicklungsstufen und soziale Strukturierung von Sportgruppen
- Analyse der gruppendynamischen Methoden und deren Anwendungsmöglichkeiten
- Vergleich zwischen Freizeitsport-Interessen und Leistungssport-Anforderungen
- Empirische Fallstudie an einer Schwimm- und einer Eishockeymannschaft
Auszug aus dem Buch
3.5.1.1. RELATIVE UNSTRUKTURIERTHEIT
Das erste Arbeitsprinzip wird als relative Unstrukturiertheit bezeichnet. Gemeint ist mit diesem Begriff, daß zwar jeder Gruppe ein Trainer zur Verfügung steht, dieser jedoch keinen Führungsanspruch hegt bzw.sich überaus passiv verhält.
Die Teilnehmer erleben eine unangenehme Situation, denn sie haben weder eine Aufgabe noch einen Führer. Diese bewußt herbeigeführte Situation soll zeigen, daß innerhalb der Gruppe keine Hierarchie herrscht und daß man sich für neue Strategien öffnen muß, wenn Altbekanntes versagt. Man bezeichnet diese Demonstration von Verhaltensdefiziten, die die Aufmerksamkeit der Teilnehmer verstärkt auf Gruppengeschehnisse richten soll, als unfreezing ( auftauen, lockern ).
Die folgende Abbildung in RECHTIEN ( 1992. S. 173 ) soll das Streben der Gruppenmitglieder nach vertrauten Gruppenstrukturen verdeutlichen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. PROBLEMAUFRISS: Einleitung in die Bedeutung von Gruppendynamik im Sport unter Differenzierung von Freizeit- und Leistungssport.
2. DER FORSCHUNGSGEGENSTAND „GRUPPE“: Theoretische Definition und Abgrenzung von Gruppen sowie Erläuterung sozialer Gebilde.
3. DIE GRUPPENDYNAMIK und ihre Anwendungen: Historische Entwicklung und Erläuterung gruppendynamischer Methoden.
4. FALLBEISPIELE: TIEFENINTERVIEWS ZWEIER MANNSCHAFTEN: Praktische Untersuchung der Gruppendynamik anhand einer Schwimm- und einer Eishockeymannschaft.
5. ZUSAMMENFASSUNG: Zusammenführende Betrachtung der theoretischen und praktischen Erkenntnisse sowie Ausblick.
Schlüsselwörter
Gruppendynamik, Sportgruppe, Kleingruppe, Coaching, Teamentwicklung, Sozialpsychologie, Leistungssport, Gruppendynamisches Laboratorium, Feedback, Gruppenzusammenhalt, Führungsstil, Soziodynamische Konzepte, Sportpsychologie, Kommunikationstraining, Motivation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, inwieweit gruppendynamische Theorien und Konzepte, die ursprünglich aus der Psychologie stammen, auf Sportgruppen im Freizeit- und Leistungssport übertragen und dort gewinnbringend angewendet werden können.
Welche Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Zentrale Themen sind die wissenschaftliche Definition einer Gruppe, die historische Entwicklung der Gruppendynamik, verschiedene Trainingsmethoden wie T-Gruppen oder Encounter-Modelle sowie die Untersuchung der sozialen Struktur innerhalb von Sportmannschaften.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu ermitteln, ob und wie Gruppendynamik als Werkzeug zur Leistungssteigerung oder zur Verbesserung des Gruppenklimas im Sport genutzt werden kann, ohne dabei die spezifischen sozialen Dynamiken des Sportkontexts zu ignorieren.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor nutzt primär die hermeneutische Methode zur Auslegung und Interpretation theoretischer Texte und ergänzt diese durch eine qualitative empirische Untersuchung in Form von Tiefeninterviews.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Aufarbeitung des Gruppenbegriffs, die Geschichte der Gruppendynamik in den USA und Europa sowie eine detaillierte Darstellung und Auswertung von Interviews mit einer Schwimm- und einer Eishockeymannschaft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Gruppendynamik, Sportgruppe, Kleingruppe, Kohäsion, Teamentwicklung und Sozialpsychologie charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die Situation im Eishockey von der im Schwimmsport?
Während die untersuchte Schwimmgruppe eher konfliktfrei und leistungsorientiert agiert, zeigt das Eishockeyteam eine komplexere soziale Struktur mit internen Untergruppenbildungen und ausgeprägteren Abhängigkeiten von Sponsoren und Vereinen.
Warum hält der Autor Teamentwicklung im Eishockey für sinnvoll?
Da das Eishockeyteam aufgrund der hohen Fluktuation und der Konkurrenz zwischen einheimischen Spielern und Legionären mit Integrationsproblemen zu kämpfen hat, wird Teamentwicklung zur raschen Erreichung der Leistungsphase empfohlen.
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- Dr. Jörg Habenicht (Author), 1997, Die Gruppe als Lern- und Erfahrungssystem, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119774