Die Herrschaftssicherung der Tyrannis des Peisistratos


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Machtergreifungen des Peisistratos
2.1. Die erste und die zweite Tyrannis
2.2. Die dritte Tyrannis

3. Die Mittel zur Sicherung und Organisation der Herrschaft
3.1. Militärische und finanzielle Hoheit
3.2. Die Einschränkung aristokratischer Machtbereiche
3.3. Verbindungen zu auswärtigen Aristokraten und Tyrannen
3.4. Kulturelle und kultische Einflussnahme

4. Schlussbetrachtung

5. Quellenverzeichnis

6. Literaturnachweis

1. Einleitung

Die Tyrannis des Peisistratos ist mit Blick auf ihre Dauer und Ausübung ein athenischer Sonderfall. Die Tatsache, dass es insgesamt drei Versuche zu ihrer Erlangung gab und erst der letzte dauerhaft erfolgreich war, ist eine Chance zur Suche nach den Gründen für Erfolg und Misserfolg dieser Herrschaft. Warum scheiterte sie die ersten beiden Male nach nur kurzer Zeit und was machte sie beim dritten Mal so erfolgreich, dass sie die ca. siebzehn Jahre bis zum Tod des Peisistratos ohne größere Schwierigkeiten bestand und auch unter seinen Söhnen weitere siebzehn Jahre existierte? Mit der zeitlichen Einordnung der Ereignisse und wichtigen Aussagen in der Überlieferung beschäftigt sich der erste Teil der Arbeit. Die Quellen zeichnen ein relativ deutliches Bild von der Tyrannis. Ihre eigentlichen Herrschaftselemente und deren Bedeutung für die Machtsicherung sollen im zweiten Teil geklärt werden.

Das Jahr der Geburt des Peisistratos ist nicht sicher überliefert. Friedrich Cornelius[1] geht davon aus, dass er zwischen 610 und 600 v. Chr. geboren wurde. Seine Begründung stützt er auf die Vermutung, Peisistratos könne zur Zeit des vermutlich einige Jahre vor seinem ersten Versuch zur Erlangung der Tyrannis geführten Feldzugs gegen Megara, nicht jünger als dreißig Jahre gewesen sein, da er an diesem bereits als Feldheer teilnahm.[2] Er war der Sohn des Hippokrates,[3] dessen Geschlecht aus Brauron[4] stammte, dem späteren kleisthenischen Demos Philaidai[5]. Ein Archon des Jahres 669/668 v. Chr. namens Peisistratos[6] könnte sein Vorfahr gewesen sein. Jedenfalls gilt es als wahrscheinlich, dass seine Familie ihre finanziellen Bedürfnisse, entsprechend des sozialen, aristokratisch Ranges, aus der Erwirtschaftung ländlicher Güter befriedigte und am politischen Leben in Athen teilnahm.[7] Teilweise kontrovers wird die bei Heraklides Pontikos erwähnte verwandtschaftliche und darüber hinaus persönliche, erotische Beziehung zwischen Peisistratos und Solon[8] beurteilt. Während bereits Cornelius die Behauptung verwirft, dass ihre Mütter verwandt gewesen sein sollen, und zwar mit dem Hinweis auf die damalige Neigung, die Viten bedeutender Zeitgenossen miteinander zu verknüpfen,[9] und auch Loretana de Libero eine Verbindung zwischen beiden mit Blick auf ihre Lebensdaten ausschließt, akzeptiert Helmut Berve diese Aussage,[10] ohne Gründe für seine Haltung anzugeben. Wie viele andere Überlieferungen und Berichte zu Peisistratos lässt sich auch diese nicht mit Sicherheit belegen, von Belang für seine Tyrannis ist sie in diesem Fall vermutlich nicht. Peisistratos tritt wie erwähnt in der Überlieferung erstmals im Krieg gegen Megara zwischen 571 und 561 v.Chr. als Feldherr, bzw. Archon Polemarchos in Erscheinung.[11] Herodot berichtet: „Denn schon vorher hatte er sich als Feldherr gegen Megara hervorgetan, Nisia erobert und andere große Taten vollbracht.“[12] Eine genaue Datierung des Feldzuges ist nicht möglich. Er brachte Peisistratos zumindest dank seiner erfolgreichen Durchführung Ruhm und allgemeines Ansehen,[13] Attribute, die ihm im nun folgenden politischen Kampf um die Vorherrschaft in seiner Heimat Athen hilfreich sein konnten.

2. Die Machtergreifungen des Peisistratos

2.1. Die erste und die zweite Tyrannis

In der Zeit vor den Tyrannisversuchen des Peisistratos war die innenpolitische Situation Athens von Auseinandersetzungen führender Aristokraten um die Vorherrschaft in der Polis geprägt. Diese orientierten sich an dem Wunsch, eine herausragende Stellung in ihrem Stand einzunehmen.[14] Dieses Verhalten wurde durch das Aristieideal des Adels gefördert und gewissermaßen legitimiert. Treffend formuliert wird dies in der Ilias durch Glaukos, den ersten Sohn des Hippolochos: „Dieser [sein Vater] schickte nach Troja mich und mahnte mich vielfach, / Immer der Beste zu sein und hervorzuragen vor andern, [...].“[15] Die athenischen Parteiverhältnisse ermöglichten es Peisistratos, sich in der Zeit nach ca. 561 v. Chr.[16] eine Stellung vor seinen Standesgenossen zu erobern.[17] Herodot stellt die Situation wie folgt dar:

„Als die Küstenbewohner von Attika und die Bewohner der Ebene in Streit gerieten – Führer der Küstenbevölkerung war Megakles [...]; Führer der Ebenenbevölkerung war Lykurgos [...] -, scharrte Peisistratos in der Absicht, Alleinherrscher zu werden, eine dritte Partei um sich. Er sammelte Anhänger und nannte sich Führer der Leute aus den Bergen [...].[18]

Allgemein bestand die Anhängerschaft dieser führenden Aristokraten neben ihren weniger einflussreichen Standesgenossen wohl aus wenig oder durchschnittlich vermögenden Bauern, einem Anteil von Handwerkern und, wenn überhaupt, wenigen Lohnarbeitern im Bereich der Stadt.[19] Das heißt nicht zwangsläufig, dass sie ihrem Oikosherren aus ökonomischer Bedürftigkeit heraus folgten.[20]

Über Herodots Klassifizierung dieser drei Stasisgruppen gibt es in der Forschung unterschiedliche, z.T. widersprüchliche Urteile.[21] Es ist anzunehmen, dass nicht nur Peisistratos, wie Herodot zu berichten weiß, sondern auch seine beiden Konkurrenten die „Alleinherrschaft“ in ähnlicher Weise anstrebten. Ob dagegen in den Motiven und der Zusammensetzung der genannten Gruppen überhaupt wesentliche Unterschiede bestanden, ist fraglich. Stein-Hölkeskamp spricht von einem Machtkampf zwischen strukturell gleichartigen „Adligengruppen“. Sie klammert die zweckbedingt wenig loyalen, nichtaristokratischen Schichten unter Berufung auf die Heterogenität innerhalb jeder der drei Gruppen als feste Anhängerschaft aus. Demnach hätten einer längerfristigen Bindung die unterschiedlichen Ziele und Wünsche lokaler Bauern, Handwerker, Tagelöhner und Händler entgegengestanden. Aus diesem Grund sieht sie den Konflikt allein innerhalb der aristokratischen Schicht ausgetragen, die lediglich regional oder gar lokal voneinander abgegrenzt waren. Eine Ausnahme bildete allein Peisistratos, was seinen vorübergehenden Erfolg erklärt, dem es im Gegensatz zu seinen Kontrahenten gelang, eine „überregionale“ und „schichtenübergreifende“ Anhängerschaft (materiell schlecht gestellte Personen, oder solche mit strittigem Bürgerrecht) an sich zu binden.[22]

Ähnlich vertritt auch de Libero die These, demzufolge einzig Peisistratos die, wenn auch nur kurzfristige, Bindung einer größeren Anzahl von Anhängern vermutlich besonders im näheren Umkreis der Stadt Athen gelang.[23] Angesichts der Mehrheit, die er offensichtlich in der Volksversammlung hatte,[24] erscheint diese Vermutung als durchaus plausibel. Eine Episode aus der Erlangung der ersten Tyrannis, von der Herodot berichtet, macht das deutlich:

„Er verwundete sich selbst und seine Maultiere, fuhr dann mit dem Wagen auf den Marktplatz und gab an, er sei mit Mühe seinen Feinden entkommen, die ihn bei der Fahrt aufs Land umbringen wollten. [...] Das Volk von Athen ließ sich überlisten und wählte für ihn eine Leibwache unter den Bürgern aus, die zwar nicht zu den Lanzen-, wohl aber zu den Keulenträgern des Peisistratos wurden. [...] Mit ihnen machte Peisistratos einen Aufstand und besetzte die Burg.“[25]

Diese Darstellung findet sich zusammengefasst auch bei Aristoteles.[26] Ein adliger Antragsteller namens Aristion habe demnach den Antrag zum Aufstellen der Leibwache in die Volksversammlung eingebracht.[27] Peisistratos konnte vermutlich nicht erst seine fern von der Stadt wirtschaftenden Anhänger mobilisieren, sondern musste sich auf diejenigen im Bereich der Stadt verlassen, um das Eisen zu schmieden, solange es noch heiß war.[28] An der Haltung der Volksversammlung konnte er den Grad seiner Popularität ablesen, denn eine Leibwache hätte er sich als einflussreicher Aristokrat auch aus eigenen Mitteln und befreundeten Adligen zusammenstellen können.[29] So konnte er mit dem Wohlwollen der Bevölkerung rechnen. Mit der Besetzung der Akropolis aber ging er besonders seinen adligen Kontrahenten zu weit. Sie verbündeten sich, allen voran Lykurgos und Megakles, und beendeten seine kurze Herrschaft, ohne ihn offenbar auf das Tyrannengesetz hin zu verurteilen.[30] Damit endete der erste Tyrannisversuch.

Nicht lange danach fielen Megakles und Lykurgos zurück in ihre aristokratischen Konflikte:

„Die aber Peisistratos vertrieben hatten, gerieten von neuem untereinander in Streit, Megakles kam in Bedrängnis und ließ Peisistratos durch einen Herold fragen, ob er mit der Herrschaft seine Tochter zur Frau nehmen wolle.“[31]

Megakles sah seinen persönlichen Vorteil nun eher bei Peisistratos, ohne dass hierfür nähere Gründe in den Quellen angegeben werden. Ein einfaches wie auch symbolträchtiges Mittel, um sich aneinander zu binden, war die dynastische Vereinigung in Form einer Ehe. Allianzen in dieser Form rückzuversichern war innerhalb der aristokratischen Kreise üblich.[32] Auch über die Grenzen der Polis’ hinaus wurden eheliche Verbindungen zur Knüpfung und Aufrechterhaltung politischer Bündnisse geschlossen. Besondere Aufmerksamkeit verdient die Rückkehr des Peisistratos in die Stadt, die vermutlich 558/57 v.Chr. stattfand[33]. Dazu wählte man eine Frau namens Phye aus.

[...]


[1] Friedrich Cornelius: Die Tyrannis in Athen. München: 1929, S. 10.

[2] Ebd.

[3] Herodot 1, 59. 5, 65. 6, 103. Ausgabe: Herodot: Historien. Übersetzt von Kai Brodersen. Ditzingen: 2002.

[4] Plutarch, Solon 10: Ausgabe: Plutarch: Lebensbeschreibungen. Theseus, Romulus, Lykurgos, Numa, Solon,

Poplicola, Themistokles, Camillus, Perikles, Fabius Maximus. Übersetzt von Johann Friedrich

Kaltwasser. München: 1964.

[5] Loretana de Libero: Die archaische Tyrannis. Stuttgart: 1996, S. 50.

[6] Pausanias 2, 24, 7. Ausgabe: Führer durch Athen und Umgebung. Übersetzt von Ernst Meyer. Zürich: 1959.

[7] Loretana de Libero: Die archaische Tyrannis. S. 50.

[8] Herakleides Pontikos fr. 147. Ausgabe: Fritz Wehrli: Herakleides Pontikos. Basel: 1953.; Diogenes Laertius

1, 49. Ausgabe: Diogenes Laertius: Leben und Meinungen berühmter Philosophen. Übersetzt von Otto

Apelt, herausgegeben von Klaus Reich. Hamburg: 19903. Zitiert nach: Loretana de Libero: Die

archaische Tyrannis. S. 51.

[9] Friedrich Cornelius: Die Tyrannis in Athen. S. 11.

[10] Helmut Berve: Die Tyrannis bei den Griechen. Bd. 1. München: 1967, S. 47.

[11] Fritz Schachermeyr: Peisistratos. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft.

Stuttgart: 1937, Sp. 160.

[12] Hdt, 1, 59, 4-5.

[13] Elke Stein-Hölkeskamp: Adelskultur und Polisgesellschaft. Studien zum griechischen Adel in archaischer

und klassischer Zeit. Stuttgart: 1989, S. 139.

[14] Loretana de Libero: Die archaische Tyrannis. S. 54. Vgl.: Jochen Bleicken: Die athenische Demokratie.

Paderborn: 19954, 27 f.; Michael Stahl: Aristokraten und Tyrannen im archaischen Athen. Stuttgart: 1987,

S. 65.; R. J. Hopper: ,Plain’, ,Shore’, and ,Hill’ in Early Athens. In: ABSA (The annual of the British School

at Athens). Bd. 56. 1961, S. 186-219. Hier: S. 205 f.

[15] Homer: Ilias. 6, 207-8. Ausgabe: Homer: Ilias. Übersetzung, Nachwort und Register von Roland Hampe.

Stuttgart: 1979.

[16] Konrad Kinzl: Peisistratos. In: Der Neue Pauly. Stuttgart, Weimar: 1996. Sp. 483.

[17] Friedrich Cornelius: Die Tyrannis in Athen. S. 13.

[18] Hdt., 1, 59.

[19] Loretana de Libero: Die archaische Tyrannis. S. 55.

[20] Ebd., Vgl.: Karl-Wilhelm Welwei: Athen. Vom neolithischen Siedlungsplatz zur archaischen Großpolis.

Darmstadt: 1992, S. 212, f.

[21] Vgl. E. Kluwe: Bemerkungen zu den Diskussionen über die drei ,Parteien’ in Attika zur Zeit der

Machtergreifung des Peisistratos. In: Klio. Bd. 54. 1972, S. 101-124. Hier: S. 101 ff. Zitiert nach: Elke

Stein-Hölkeskamp: Adelskultur und Polisgesellschaft, S. 140.

[22] Elke Stein-Hölkeskamp: Adelskultur und Polisgesellschaft. S. 139 ff.

[23] Loretana de Libero: Die archaische Tyrannis. S. 56 f.

[24] Helmut Berve: Die Tyrannis bei den Griechen. S. 47.

[25] Hdt., 1, 59.

[26] Aristoteles: Athenaíon politeía, 14, 1; Ausgabe: Aristoteles: Staat der Athener. Übersetzung von Mortimer

Chambers. Berlin: 1990.

[27] Ein Name fällt bei Aristoteles, Ath. pol. 14, 1 und Plutarch, Solon 30 (hier heißt er Ariston).

[28] Friedrich Cornelius: Die Tyrannis in Athen. S. 22

[29] Loretana de Libero: Die archaische Tyrannis. S. 57 f.

[30] Helmut Berve: Die Tyrannis bei den Griechen. S. 48.

[31] Hdt., 1, 60.

[32] Elke Stein-Hölkeskamp: Adelskultur und Polisgesellschaft. S. 143 f.

[33] Helmut Berve: Die Tyrannis bei den Griechen. S. 49.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Herrschaftssicherung der Tyrannis des Peisistratos
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Philosophische Fakultät - Institut für Geschichte - Lehrstuhl für Alte Geschichte )
Veranstaltung
Hauptseminar Alte Geschichte: Tyrannis und Aristokratie im archaischen Griechenland.
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
20
Katalognummer
V119805
ISBN (eBook)
9783640232512
ISBN (Buch)
9783640232680
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Herrschaftssicherung, Tyrannis, Peisistratos, Hauptseminar, Alte, Geschichte, Aristokratie, Griechenland
Arbeit zitieren
Toralf Schrader (Autor), 2006, Die Herrschaftssicherung der Tyrannis des Peisistratos , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119805

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