Diagnostik fremdaggressiven Verhaltens bei Menschen mit geistiger Behinderung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
23 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsklärung
2.1 Allgemeine Bedeutung des Begriffs Aggression
2.2 Pädagogisch-psychologische Sichtweise
2.3 Formen der Aggression nach Dutschmann

3 Erklärungsansätze zur Entstehung (fremd-) aggressiven Verhaltens
3.1 Theorien der Psychoanalyse
3.2 Lerntheoretische Ansätze
3.2.1 Operantes Konditionieren
3.2.2 Lerntheorie nach Bandura
3.3 (Fremd-) Aggression als Folge von Interaktion
3.4 Fremdaggressives Verhalten bei Menschen mit geistiger Behinderung
3.5 Das Problem der Institutionalisierung

4 Fallbeispiel
4.1 Diagnostischer Anlass
4.2 Fragestellungen der Diagnostik
4.3 Ziel der Diagnostik und der Fördermaßnahmen

5 Der diagnostische Prozess
5.1 Beteiligte an der Diagnostik/ Diagnostiker
5.2 Einzubeziehende Personen
5.3 Organisation und Methodik des diagnostischen Vorgehens
5.3.1 Anamneseerhebung/ Exploration
5.3.2 Verhaltensbeobachtung und Verhaltensanalyse
5.3.3 Gespräche und Interviews mit allen Beteiligten
5.3.4 Diagnostisches Instrument: Der Aggressionsfragebogen für Geistigbehinderte (AFGB)
5.4 Auswertung und Bewertung der erhobenen Daten und Fakten

6 Förderplan für Herrn M

7 Schluss

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Im Rahmen des Hauptseminars „Sonderpädagogische Diagnostik – Förder-schwerpunkt Geistige Entwicklung“ unter der Leitung von Frau Dr. Xx. Xxxxxx setzten wir uns mit dem Thema Diagnostik fremdaggressiven Verhaltens bei Menschen mit geistiger Behinderung auseinander. Dies ist gleichzeitig Gegenstand unseres schriftlichen Belegs.

Zunächst wird der Begriff Aggression bzw. Fremdaggression aus verschiedenen wissenschaftlichen Sichtweisen erklärt und ein Bezug zu Menschen mit geistiger Behinderung hergestellt. Im Anschluss daran stellen wir ein Fallbeispiel im Zusammenhang mit dem diagnostischen Anlass vor, aus dem sich konkrete Fragestellungen über die Ursachen des Verhaltens, den Prozess der Diagnostik sowie mögliche Fördermaßnahmen ableiten. Dabei soll deutlich werden, wie unterschiedlich und individuell sich aggressives Verhalten äußern kann, wie subjektiv der Begriff Aggression verwendet wird und welche Fördermaßnahmen zum Abbau von Aggression angewandt werden können.

2 Begriffsklärung

2.1 Allgemeine Bedeutung des Begriffs Aggression

Gemäß Bertelsmann Universallexikon 2004 ist Aggression eine „feindselige Haltung, affektbedingtes Angriffsverhalten. Eine A. kann offen (körperlich, verbal) oder verdeckt (fantasiert) sein; sie kann positiv (von der Kultur gebilligt) oder negativ (missbilligt) sein. (…)“ (BERTELSMANN Universallexikon 2004, S. 23).

2.2 Pädagogisch-psychologische Sichtweise

In der Pädagogik und der Psychologie gibt es bis heute keine allgemein gültige Definition von Aggression. Es herrscht noch immer Uneinigkeit darüber, ob Aggression von einer Absicht getragen wird oder nicht.

Um ein bestimmtes Verhalten als Aggression diagnostizieren zu können, ist es jedoch wichtig, den Begriff aus der pädagogischen bzw. psychologischen Sicht zu betrachten.

Franz Schott definiert Aggression als „gegen einen Organismus“ ausgerichtetes „Austeilen schädigender Reize“ (Schott 1975. in: BURKART/ KRECH 1986, S. 8). Er weist ferner daraufhin, dass „eine Definition der Aggression, die die Intention des Handelns einbezieht, natürlich nur für solche Individuen sinnvoll ist, bei denen man die Absicht, (…), erfragen kann“ (ebd.). Inwiefern würde eine solche Definition dann auf Kleinkinder zutreffen, die ihre Handlungsmotive noch nicht verbalisieren können? Und kann demzufolge von Aggression gesprochen werden? – Schott würde dies als „aggressionsähnliches Verhalten“ bezeichnen.

Hier wird deutlich, dass die Beurteilung von Verhaltensweisen durch viele subjektive Faktoren beeinflusst wird. Der Diagnostiker muss deshalb genau abgrenzen, welche Verhaltensweise als aggressiv bezeichnet werden kann und welche nicht.

Schott schlägt für Personen, die mit Aggression konfrontiert werden, folgende Fragen zur Selbstprüfung vor: „1. Was tue ich, wenn ich eine Handlung als Aggression bezeichne? 2. Was tue ich, wenn ich eine Person aggressiv nenne?“ (Schott 1975. in: BURKART / KRECH 1986, S. 9). Betreuer, Erzieher, Pädagogen oder Lehrer werden, wenn sie diesen Fragen nachgehen, feststellen, dass sie oft vorschnell urteilen und das Bedingungsgefüge verschiedener Handlungen verkennen. Sie bezeichnen Personen oder Verhaltensweisen oft nur deshalb als aggressiv, weil sie sie selbst stören.

In diesem Zusammenhang erklärt Erich Fromm, dass gewisse Formen „gutartiger“ aggressiver Handlungen für die Selbstbehauptung eines Individuums vonnöten sein können – sog. „angemessene Aggression“ (Vgl. BURKART/ KRECH 1986, S. 9).

Harald Burkart und Reinhard Krech haben sich näher mit dem Zusammenhang von Aggression bei Menschen mit geistiger Behinderung und der vorausgehenden Intention auseinandergesetzt. Die Autoren kommen zu folgender Erkenntnis: „Geht man nun von der Annahme aus, dass geistiger Behinderung ein Rückstand in verschiedenen Bereichen der körperlichen und geistigen Entwicklung zugrunde liegt, so wird deutlich, dass man, besonders bei Fällen schwerer und schwerster geistiger Behinderung, auch hier die Intentionalität aggressiven Verhaltens nicht erfassen kann“ (BURKART/ KRECH 1986, S. 8).

Der Begriff der Aggression muss deshalb in anderer Weise qualitativ bzw. quantitativ beschrieben werden.

2.3 Formen der Aggression nach Dutschmann

Zur generellen Einteilung aggressiver Verhaltensweisen unterscheidet Dutschmann nach drei verschiedenen Formen bzw. Typen von Aggression, die auch häufig bei Menschen mit geistiger Behinderung zu beobachten sind:

Aggression vom Typ A, dem sog. Instrumentellen Typ, verläuft meist zielgerichtet (→ intentional). Aggressives Verhalten wird aktiv als Instrument zur Erreichung persönlicher Ziele eingesetzt. Es „ist der Versuch, gezielt und/ oder geplant anderen Menschen zur Erlangung eines persönlichen Vorteils Schaden zuzufügen“ (DUTSCHMANN 1995).

Beim Typ B, dem Emotionstyp, verlaufen Aggressionen reaktiv, d. h. vorwiegend automatisch bzw. reflexartig. Sie haben einen expressiven Charakter. Dutschmann definiert: „Aggression vom Typ B ist durch Emotionen bzw. Erregung hervorgerufenes und/ oder begleitetes Verhalten zur Reduktion von Spannung und zur Abwehr von Reizen, wobei die Schädigung eines anderen in Kauf genommen wird“ (ebd.).

Der Aggressionstyp C wird als Erregungstyp bezeichnet. Die betreffende Person hat dabei ihre Handlung nicht mehr unter Kontrolle. „Aggression vom Typ C ist ein durch hohe Erregung hervorgerufenes, weitgehend ungesteuertes Verhalten mit schwerer Gefährdung von Personen und Sachen“ (ebd.).

Bei der Vielfalt möglicher Auslöser und Hintergründe sollte aggressives Verhalten nicht allgemein betrachtet, sondern immer individuell analysiert werden. Die unterschiedlichen Therapieformen und pädagogischen Maßnahmen müssen entsprechend den ursächlichen Bedingungen und dem Typ der Aggression ausgewählt und angepasst werden.

3 Erklärungsansätze zur Entstehung (fremd-) aggressiven Verhaltens

Aufgrund der vielfältigen Formen und Erscheinungsweisen von Aggression gibt es auch eine Vielzahl unterschiedlicher Erklärungsansätze für deren Ursachen. Eine eindeutige Aussage über die Ursache aggressiven Verhaltens kann jedoch nicht getroffen werden.

Im folgenden werden die in diesem Zusammenhang am häufigsten genannten Theorien kurz dargestellt und erläutert.

3.1 Theorien der Psychoanalyse

Als wichtigste Grundlage in der Psychoanalyse gilt Sigmund Freuds Triebtheorie, obwohl die Frage, ob menschliche Aggressivität einem Trieb zugrunde liegt oder nicht, noch immer umstritten ist.

Freud betrachtet in seiner Theoriebildung zunächst den Sexualtrieb und den Nahrungstrieb als grundlegende menschliche Bedürfnisse. Dem Sexualtrieb stellt er später den Ich- bzw. Selbsterhaltungstrieb gegenüber. In diesem Zusammenhang versteht er Aggression als Reaktion des Ichs auf Frustrations- oder Versagens- erlebnisse. „Das Ich hasst, verabscheut, verfolgt mit Zerstörungsabsichten alle Objekte, die ihm zur Quelle von Unlustempfindungen werden, gleichgültig, ob sie ihm eine Versagung sexueller Bedürfnisse oder der Befriedigung von Erhaltensbedürfnissen bedeuten“ (Freud 1960. in: BURKART/ KRECH 1986, S. 13).

Laut Freuds zweiter These leitet sich Aggression aus dem Todestrieb ab, der den Zweck hat, Verbindungen aufzulösen und Leben zu zerstören. Dieser wirkt zunächst im Inneren des Organismus und wird dann nach außen verlegt, wo er als Aggression in Erscheinung tritt.

Dollard vertritt eine ähnliche These wie Freud, sein Erklärungsansatz ist die sog. Frustrations-Aggressions-Hypothese. Die grundlegende Aussage dieser Theorie lautet: „Aggression ist immer die Folge einer Frustration. Spezifischer: das Auftreten von aggressivem Verhalten setzt immer die Existenz einer Frustration voraus und umgekehrt führt die Existenz einer Frustration immer zu irgendeiner Form von Aggression“ (Dollard et. al. 1971. in: BURKART/ KRECH 1986, S. 66). Unter Frustration versteht Dollard in diesem Zusammenhang die Störung einer zielgerichteten Aktivität. Die Intentionalität von aggressivem Verhalten wird also auch hier vorausgesetzt.

Wenn man zu einem angemessenen Verständnis der spezifischen Ausprägungsformen von Aggression gelangen möchte, müssen neben der Frustration noch andere psychologische Faktoren in Betracht gezogen werden, dies wären u. a. Faktoren, die zur Bestärkung oder Hemmung von Aggressions-handlungen beitragen oder solche, die die Richtung und Form der Aggression mitbedingen.

3.2 Lerntheoretische Ansätze

Zum Schluss unserer Ausführungen zu den Erklärungsmodellen aggressiven Verhaltens sollen noch zwei lerntheoretische Konzepte in ihren Grundlagen erläutert werden: das Prinzip des operanten Konditionierens nach Skinner und die Lerntheorie nach Bandura.

3.2.1 Operantes Konditionieren

Die Theorie des operanten Konditionierens beschreibt eine der wichtigsten Grundlagen des Lernens. Es „wird davon ausgegangen, dass spontan geäußerte Handlungen eines Individuums durch die Reaktion seiner Umwelt auf diese Handlungen in der Häufigkeit ihres Auftretens beeinflusst werden können“ (BURKART/ KRECH 1986, S. 74). Reize, die als Konsequenz einer Handlung ihre künftige Auftretenswahrscheinlichkeit erhöhen, werden als Verstärker bezeichnet. Man spricht gleichzeitig von fördernden oder, im Falle einer geringeren Häufigkeit, von hindernden Reizen.

Für die Entstehung eines solchen Prozesses wird vorausgesetzt, dass das Individuum vorher selbst in Aktion tritt. Nur so kann die Verstärkung/ Bekräftigung und somit eine eventuell größere Auftretenswahrscheinlichkeit seines Verhaltens zustande kommen (Vgl. ebd., S. 77).

Entsprechend diesem Prinzip kann auch aggressives Verhalten beeinflusst werden. Die betreffende Person lernt auf diese Weise, Aggression gezielt einzusetzen, um etwas für sich persönlich zu erreichen oder durchzusetzen.

3.2.2 Lerntheorie nach Bandura

Albert Bandura ermittelte während seiner Forschungen, dass Menschen nicht nur durch eigenes Handeln neue Verhaltensweisen erwerben, sondern auch durch die Beobachtung anderer Personen lernen. Dieser Prozess wird als Lernen am Modell oder Beobachtungslernen bezeichnet.

[...]

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Diagnostik fremdaggressiven Verhaltens bei Menschen mit geistiger Behinderung
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Rehabilitationswissenschaften)
Veranstaltung
HS: Sonderpädagogische Diagnostik – Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung
Autoren
Jahr
2004
Seiten
23
Katalognummer
V119812
ISBN (eBook)
9783640233885
ISBN (Buch)
9783640233977
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Diagnostik, Verhaltens, Menschen, Behinderung, Sonderpädagogische, Förderschwerpunkt, Geistige, Entwicklung
Arbeit zitieren
Sebastian Baltes (Autor)Steffi Dahlheim (Autor), 2004, Diagnostik fremdaggressiven Verhaltens bei Menschen mit geistiger Behinderung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119812

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