Im Rahmen des Hauptseminars „Sonderpädagogische Diagnostik – Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung“ setzten wir uns mit dem Thema Diagnostik fremdaggressiven Verhaltens bei Menschen mit geistiger Behinderung auseinander. Dies ist gleichzeitig Gegenstand unseres schriftlichen Belegs.
Zunächst wird der Begriff Aggression bzw. Fremdaggression aus verschiedenen wissenschaftlichen Sichtweisen erklärt und ein Bezug zu Menschen mit geistiger Behinderung hergestellt. Im Anschluss daran stellen wir ein Fallbeispiel im Zusammenhang mit dem diagnostischen Anlass vor, aus dem sich konkrete Fragestellungen über die Ursachen des Verhaltens, den Prozess der Diagnostik sowie mögliche Fördermaßnahmen ableiten. Dabei soll deutlich werden, wie unterschiedlich und individuell sich aggressives Verhalten äußern kann, wie subjektiv der Begriff Aggression verwendet wird und welche Fördermaßnahmen zum Abbau von Aggression angewandt werden können.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Begriffsklärung
2.1 Allgemeine Bedeutung des Begriffs Aggression
2.2 Pädagogisch-psychologische Sichtweise
2.3 Formen der Aggression nach Dutschmann
3 Erklärungsansätze zur Entstehung (fremd-) aggressiven Verhaltens
3.1 Theorien der Psychoanalyse
3.2 Lerntheoretische Ansätze
3.2.1 Operantes Konditionieren
3.2.2 Lerntheorie nach Bandura
3.3 (Fremd-) Aggression als Folge von Interaktion
3.4 Fremdaggressives Verhalten bei Menschen mit geistiger Behinderung
3.5 Das Problem der Institutionalisierung
4 Fallbeispiel
4.1 Diagnostischer Anlass
4.2 Fragestellungen der Diagnostik
4.3 Ziel der Diagnostik und der Fördermaßnahmen
5 Der diagnostische Prozess
5.1 Beteiligte an der Diagnostik/ Diagnostiker
5.2 Einzubeziehende Personen
5.3 Organisation und Methodik des diagnostischen Vorgehens
5.3.1 Anamneseerhebung/ Exploration
5.3.2 Verhaltensbeobachtung und Verhaltensanalyse
5.3.3 Gespräche und Interviews mit allen Beteiligten
5.3.4 Diagnostisches Instrument: Der Aggressionsfragebogen für Geistigbehinderte (AFGB)
5.4 Auswertung und Bewertung der erhobenen Daten und Fakten
6 Förderplan für Herrn M.
7 Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit befasst sich mit der sonderpädagogischen Diagnostik bei fremdaggressivem Verhalten von Menschen mit geistiger Behinderung. Ziel ist es, den diagnostischen Prozess anhand eines Fallbeispiels zu veranschaulichen, die Komplexität der Verhaltensbeurteilung darzulegen und individuelle Fördermaßnahmen abzuleiten.
- Wissenschaftliche Definition und Einordnung von Aggression
- Lerntheoretische und psychologische Erklärungsmodelle
- Besonderheiten fremdaggressiven Verhaltens bei geistiger Behinderung
- Methodik der multimethodalen Diagnostik
- Erstellung eines individuellen Förderplans für den Praxisalltag
Auszug aus dem Buch
3.5 Das Problem der Institutionalisierung
Die in verschiedenen Untersuchungen genannten Personen mit geistiger Behinderung lebten zu einem großen Teil in Heimen bzw. Institutionen. Es erwies sich, dass die Lebensbedingungen in bestimmten Institutionen die Entstehung und Aufrechterhaltung aggressiven Verhaltens fördern. Jürgen Wendeler schreibt solchen Einrichtungen folgende Kritik zu:
- Starrheit der Routine
- Gruppenweise Behandlung
- Entpersonalisierung
- Soziale Distanz (Vgl. Wendeler 1976. in: BURKART/ KRECH 1986, S. 307).
Solche Bedingungen wirken sich ungünstig auf das Zustandekommen von Beziehungen zwischen Betreuern und Bewohnern aus.
P. L. Martin und R. M. Foxx sind sogar der Auffassung: „Institutionalisierte Personen, die leicht zu handhaben sind, erhalten zu wenig Zuwendung; diejenigen, die extreme Formen aggressiven Verhaltens zeigen, erhalten, wie auch immer, in größerem Maße sofortige Zuwendung. Viele Retardierte in Institutionen haben ‚entdeckt’, dass die negative Aufmerksamkeit, welche sie für ihre aggressiven Handlungen empfangen, oft die einzige Alternative dazu ist, dass sie völlig unbeachtet bleiben“ (Martin/ Foxx 1773. in: BURKART/ KRECH 1986, S. 307). Dieser Hinweis ist unserer Meinung nach Grund genug, die räumlichen, personalen und organisatorischen Strukturen in Einrichtungen für Behinderte zu überdenken und zu verbessern, sodass aggressive Verhaltensweisen vermindert werden können.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Vorstellung des Seminarkontexts und der Zielsetzung der Arbeit bezüglich der Diagnostik fremdaggressiven Verhaltens bei Menschen mit geistiger Behinderung.
2 Begriffsklärung: Differenzierung des Aggressionsbegriffs aus pädagogischer und psychologischer Sicht sowie Darstellung der Aggressionstypen nach Dutschmann.
3 Erklärungsansätze zur Entstehung (fremd-) aggressiven Verhaltens: Analyse theoretischer Modelle wie der Psychoanalyse, lerntheoretischer Ansätze und interaktionstheoretischer Erklärungen im Kontext geistiger Behinderung.
4 Fallbeispiel: Darstellung eines konkreten diagnostischen Anlasses sowie Formulierung der Fragestellungen und Förderziele für den Probanden Herrn M.
5 Der diagnostische Prozess: Beschreibung der multimethodalen Diagnostik, inklusive der Beteiligten, Erhebungsmethoden und der Bedeutung des Aggressionsfragebogens für Geistigbehinderte (AFGB).
6 Förderplan für Herrn M.: Konkrete Ableitung von Förderzielen und Maßnahmen aus den diagnostischen Ergebnissen für verschiedene Persönlichkeitsbereiche.
7 Schluss: Kritische Reflexion des Vorgehens und Plädoyer für die Notwendigkeit weiterer wissenschaftlicher Forschung in diesem Bereich.
Schlüsselwörter
Sonderpädagogik, Geistige Behinderung, Fremdaggressives Verhalten, Diagnostik, Aggressionsfragebogen, AFGB, Förderplan, Institution, Verhaltensanalyse, Multimethodale Diagnostik, Psychologie, Interaktionstheorie, Lerntherapie, Krisenintervention, Verhaltensauffälligkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der wissenschaftlichen Erfassung und diagnostischen Einordnung von fremdaggressivem Verhalten bei Menschen mit geistiger Behinderung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Definition von Aggression, Erklärungsmodelle aus Pädagogik und Psychologie sowie die methodische Umsetzung einer fundierten Diagnostik in der Praxis.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, den diagnostischen Prozess am Fallbeispiel von Herrn M. praxisnah darzustellen, um daraus wirksame individuelle Fördermaßnahmen abzuleiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein multimethodales diagnostisches Vorgehen angewendet, das Anamnesegespräche, Verhaltensbeobachtungen und standardisierte Fragebögen kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erörtert theoretische Ursachen für aggressives Verhalten und verknüpft diese mit der praktischen diagnostischen Fallarbeit und der Erstellung eines detaillierten Förderplans.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie sonderpädagogische Diagnostik, AFGB, Fremdaggressivität und individuelle Förderplanung charakterisiert.
Warum ist der Aggressionsfragebogen für Geistigbehinderte (AFGB) laut den Autoren problematisch?
Der AFGB ist nicht mehr aktuell, nicht standardisiert und weist eine zu geringe Eichstichprobe auf, weshalb die Ergebnisse schwer zu interpretieren sind.
Welchen Einfluss hat die Institutionalisierung auf aggressives Verhalten laut den Autoren?
Strukturen wie Entpersonalisierung, starre Routinen und soziale Distanz in Heimen können aggressives Verhalten fördern, da negative Aufmerksamkeit oft die einzige Form der Zuwendung für die Bewohner darstellt.
- Quote paper
- Sebastian Baltes (Author), Steffi Dahlheim (Author), 2004, Diagnostik fremdaggressiven Verhaltens bei Menschen mit geistiger Behinderung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119812