Weiße Flamme

Aus: Flügel auf! Novellen


Klassiker, 2008
53 Seiten
Ilse Frapan (Autor)

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Und so hatte er denn mitten im Semester den Wirthsleuten das Zimmer kündigen und umziehen müssen. Es war ihm zwar fast aus Herz gewachsen, das Stübchen mit dem weiten Blick über die Stadt hinweg, nach dem schönen, farbenwechselnden Ütliberg drüben, aber im Sommer galt es ja ohnehin die Läden zu verschließen, weil ihm den ganzen Tag die Sonne auf das einzige Fenster brannte. Und dazu der ewige Streit zwischen den Eheleuten, die sich mit jedem Monat schlechter vertrugen – er war froh, als er seinen Trieb, alles beim alten zu lassen, damit es ginge, wie es Gott gefiele, endlich überwunden und die Änderung getroffen hatte.

Das war nun freilich ein anderes Haus, in das ihn der Zufall geführt. Ein altes vornehmes, weitläufig gebautes Haus mit großen getäfelten Stuben und niedrigen Balkendecken, mit steingepflastertem hallendem Hausflur, kühl und sonnenlos, mit verräucherten Ölgemälden an den Treppenaufgängen, eingemauerten Wappenschildern und glänzenden Messingschlössern an den Thüren. Nicht ein einziger Student wohnte darin, sondern lauter solide, wohlhäbige Vollbürger, die ihren guten Wein im Keller hatten und um zehn Uhr zu Bette gingen; Männer mir ehrfurchterweckenden Uhrketten auf Sammtwesten und Kotelettbärten, Leute, die wenig Mägde hielten, weil ihre Frauen sonst nichts zu thun gewußt hätten – ein stilles, reserviert blickendes Haus, das sich etwas darauf zu gute that, nicht modern zu sein, weil modern ihm soviel wie leichtfertig und armschluckerhaft bedeutete.

Und in diese Umgebung er hinein mit seinen zweiundzwanzig Jahren, seinem Widerwillen gegen das Hergebrachte, das ehrwürdig genannt sein wollte, nur weil es alt war – mit seinem Spürsinn für faule Flecke und unklare Verhältnisse, mit seiner Anbetung der socialistischen Idee, die er idealisierte, zum Evangelium der Zukunft machte, mir seinem jungen Weltverbesserermuth und seinem täglichen, stündlichen Verzweifeln an sich selbst. Es war ihm auch selber jedesmal ein wunderliches Gefühl, die glatt und glänzend braun gewichsten Treppen hinan zu stürmen, und in den ersten Tagen war es ihm sogar passirt, daß er den Schritt unwillkürlich dämpfte, wenn weiter oben oder unten eine Thür geöffnet wurde; nicht etwa aus Befangenheit, wie er entschuldigend zu sich selber sagte, sondern aus einem stark entwickeltem Gefühl für das Stylvolle. Es wäre nicht im Charakter des Hauses gewesen, hier studentisch ungebunden mit Pfeifen und in weiten Sätzen, wie er es gewohnt war, aus- und einzugehen. Man war schließlich auch aus guter Familie und über die erste kraftgenialische Periode hinaus – ja, und wenn einmal etwas von seinem Programm verlaufen sollte, war es auch nicht übel, diesen Philistern und grassen Bourgeois zu zeigen, dass man Socialist sein und doch die Formen der sogenannten guten Gesellschaft besitzen könne.

So lachte er zu den Bedenken und Abmachungen seiner Freunde und schwur, daß er sich zum erstenmal in seiner Wohnung behaglich fühle, seit er in Zürich sei.

»Weil du eben auch schon auf dem Wege bist, ein Philister zu werden,« hieß es, und da lachte er noch fröhlicher und ließ es dabei bewenden. Eben weil sie alle ihm prophezeiten, er werde es in seiner »Kapitalistenhochburg« noch viel weniger aushalten als in der Proletarierspelunke. War es doch immer sein Vergnügen und sein Stolz gewesen, das Gegentheil von dem zu thun, was man von ihm erwartete. Sie konnten ihm eigentlich keinen größeren Gefallen erweisen, als achselzuckend von ihm zu sagen »Ja, Iversen ist eben unberechenbar.« Er protestierte dann gleichmüthig: »Aber nein wieso denn?« Heimlich dachte er: Nun ja, wenn ich von euch allen ausgerechnet werden könnte – ein trauriger Tropf müßte ich sein; da wär’s gerade Zeit, sich dem Absinth zu ergeben, oder dem Morphium (auf Wein oder Bier verfiel er schon gar nicht) oder dem Börsenspiel oder einer »Meitschi mit Batze«, oder dem Antisemitismus, oder irgend einen anderen »Kühweg« zu betreten, wie ihr ihn früher oder später alle einmal entlang trottet.

Aber es war nicht allein Trotz, es war auch ein ästhetisches Wohlbehagen an seiner neuen Umgebung. Und dann hatte ihm die Wirthin von Anfang an so gefallen. Ein zartes altes Frauchen, nicht größer als ein vierzehnjähriges Kind, mit einem feinen bleichen Gesichtchen, besonders der Mund mit den ein wenig herabgezogenen Winkeln war so unendlich sein. Und sie hatte etwas Anmuthiges in den Bewegungen und besonders in der Art, den Kopf hinten über zu legen, wenn sie mit ihm sprach, das ihm hier zu Lande noch nicht vorgekommen war. In Deutschland, ja, da kannte er so feine alte Frauen, nur hatten die etwas Starres, Formelles, nicht diese vogelartige graziöse Hurtigkeit, die an ein junges Mädchen erinnerte, diese anspruchslose Freundlichkeit, wenn er ihr auf der Treppe oder im Gang begegnete, diesen ganz zarten, wehmüthigen Duft, wie ihn eine welke Blume aushaucht, die einmal sehr lieblich, sehr schön gewesen.

Und dann war es so wonnig still um ihn herum. Außer der Wirthin und der langgedienten, bäuerlich breiten Magd war niemand im ganzen Stock, und von unten störte kein ungeschickter Laut seine Muße. Die drei kleinen Fenster gingen ins Grüne; ehemals hatte der schöne baumreiche Garten mit den hohen Thuja- und Cedernwipfeln wohl zu diesem Hause gehört, bis es herunterkam und stockweise vermiethet wurde. Und über den noch märzkahlen Obstbaumkronen hinweg sah man den Kranz der Alpenhäupter, vom Glärnisch bis zum Uri-Rothstock, ganz hoch am Horizont, daß es ihm immer vorkam, als sähe er eine Landschaft von Dürer im drückend engen niederen Fensterrahmen. Er setzte sich auch hin, das abzuzeichnen, aber dann, unwillig über sich selbst, als es ihm nicht gelang, beschloß er, all’ diese Tagedieberei aufzugeben und die seltene Ruhe um ihn her, einzig zur Arbeit aufs Examen zu benutzen. War er doch ohnehin schon sehr alt geworden, fast dreiundzwanzig Jahr, über all’ seinem zersplitterten Interesse, ohne nur einmal so viel wie das zweite Propädeutikum gemacht zu haben. Es gab kühle Mahnbriefe von zu Haus, ironische Erkundigungen nach seinem »neuesten Steckenpferd«, wie der Papa Mediciner seine

Beschäftigung mit Politik und Literatur nannte, und es kam ihn allmählich hart an, die Widersprüche zwischen seinem bloß genießenden Leben und der socialen Richtung, die er mit so viel heftigem Enthusiasmus vertrat, glatt hinunterzuschlucken. Die meisten der »Genossen« kannten solche Skrupel nicht; sie lebten wie die Lilien auf dem Felde von den Monatswechseln der Papas, immer unter der Verkündigung des Prinzips, daß Arbeit die Pflicht aller sei, und daß nur die Ausübung der allgemeinen Arbeitspflicht die Gesellschaft retten könne. Aber er wollte nicht sein wie die anderen, und er ärgerte sich, ärgerte sich, daß er sich füttern lassen mußte wie ein Schulknabe. Füttern und schelten Wie viele Jahre das nun schon so ging, es war zum Verzweifeln Und bis wir den Zukunftsstaat haben, wo jeder sein Leben verdient, einfach dadurch, daß er täglich drei oder vier Stunden an einer Maschine steht, kann man alt und grau werden. Da blieb schließlich nichts übrig, als sich ans Studium zu halten – es war ihm schon wie eine wohltönende Vorbedeutung, daß die neue Wirthin ihn von Anfang »Herr Doktor« geheißen. Er sagte nicht nein, obwohl er roth wurde; schade, daß sein Papa und der ebenso sarkastische Schwager nicht hören konnten, mit welcher Achtung man ihn hier behandelte die hätten sich ein Beispiel nehmen dürfen.

So kräftig war sein Entschluß, daß er bis über die Osterferien anhielt; er ging nicht heim, wie die Eltern es gewünscht, sondern blieb die zwei stillen langweiligen Monate, wo es in den Züricher Straßen geradezu unheimlich leer an Studenten war, hinter den Büchern hocken, holte viel Versäumtes nach, ward aber aus Mangel an freundlicher Ansprache ganz öde und in sich gekehrt und fiel von einem »Moralischen« in den anderen. Da er nun infolge dessen oft mit gefalteter Stirn, nachdenklichen Mundwinkeln und etwas gebeugter Haltung der überschlanken Gestalt einherging, setzte sich in dem Hause, das sich ganz heimlich hinter dicht zusammengezogenen Gardinen und durch Gucklöcher in den Flurthüren, mit ihm beschäftigte, die Meinung fest, daß »Frau Doktor Röslin’s Student« im dritten Stock etwas Rechtes und Vornehmes sein müsse, gar zu eifrig und vielleicht auch ein richtiger Streber, nicht recht jung und duckmäuserhaft, aber jedenfalls, ein solventer Zahler. Diese hohe Meinungen bekam das erste Loch nach fast zwei Monaten, als an einem wundermilden Aprilabend, voller Mondschein und Aprikosenblüthenduft, der Einsame seine lang vergessene Geige dem bestaubten Kasten entnahm und bei offenen Fenstern in einem Ruck bis elf Uhr musicirte. Seit er mit Anneli gebrochen, hatte er keine Saite mehr angerührt. Ach, sie war ja nur ein Puppengehirnchen gewesen, aber wie goldig glänzten die Locken auf dem dummen runden Köpfchen, und wie verschmitzt hatte sie ihm zulächeln können, während sie mit der Großmutter die häuslichsten Dinge verhandelte. Und wie nett sie sich auf allerlei Zeichensprache verstanden, trotzdem. Fünf Finger und einer das hieß: Morgen früh um sechs Uhr geh ich zur Messe; wer Lust hat, darf mich begleiten. Ach, sie war doch sehr lieb gewesen, so frei und übermüthig, wenn sie ganz allein waren, so ganz »fromme Helene« im Beisein der Großmutter. Ja, der Neckname, über den sie fast einen ganzen Tag mit ihm geschmollt, paßte ihr leider wie angegossen Ihr letzter Streich – o nein – das war nun einfach nicht zu dulden Ihre Sparbüchse leeren, um einem Kunstreiter eine silbernbeschlagene Reitpeitsche zu kaufen, und das Geschenk ihm selber in die Wohnung tragen, vermummt in die Kleider ihres Bruders – das war – er hatte ihr harte Worte gesagt, als er es erfuhr und sie einfach ableugnete, endlich aber lachend zugab. Gewiß, er war für alle Gleichberechtigung der Frau, aber es mußte Grenzen geben. Es war unausstehlich für einen Mann, betrogen zu werden, noch dazu eines Tölpels wegen.

»Tölpel? Ach, wenn du nur halb so schön reiten könntest wie der, du könntest zufrieden sein und brauchtest dich nicht mit dem dummen Ding da, mit der Medicin, zu plagen.«

Das schlug den Boden aus. Er, der so oft verkündigt, alle Arbeit sei gleichwerthig, begann mit ungeheurer Verachtung zu predigen gegen alles, was nicht geistige Thätigkeit war. Hatte er sonst genug gegen »Receptenschmierer« und »gelehrte Industrieritter« gedonnert, so gab es nun nichts Höheres und Verehrungswürdigeres als die Ärzte, die »Retter der Zukunft des Menschengeschlechts«, denen es zu verdanken ist, wenn wir eine wahrhaft hohe Stufe erreichen und die Thierheit immer mehr und mehr von uns abstreifen werden. Die Worte strömten nur so von seinen zornig geschürzten Lippen, über das blonde Anneli, das mit gesenktem Kopf hinduckte und verlegen mit den Bernsteinperlen an dem dünnen Halte spielte. Als er es aber völlig zerquetscht zu haben glaubte, erhob sich’s mit kalt beleidigter Miene, wischte ein bißchen an den Augen herum, die übrigens nichts von Feuchtigkeit zeigten, und sagte schnippisch: wenn er es denn doch für so arg einfältig halte und sich für so arg gescheit, so wollte es ihn in seinem »Größenwahn« nicht weiter stören und bedauere nur, daß sie beide so sehr an den Unrechten gekommen seien. Der Dumme, der für sie passe, sei freilich schon gefunden, er werde es begreiflich schwerer haben, indes »so eine von d’Siebengescheite, mit abgeschnittene Haar, wo in d’Universität laufet,« könne er vielleicht doch bekommen. Und fort und aus. Das Anneli war gewesen. Seine Betroffenheit über die Verwandlung vor seinen Augen, wo ein leichtherziges unbedachtes Kind sich in ein boshaft freches Weib verkehrte, hielt noch tagelang an. Jetzt erfuhr er’s einmal selbst, was das heißt: die Weiber Größenwahn Und das hatte auf dem Grund ihrer doch so seicht scheinenden Seele geschlummert, diese schöne Meinung von ihm, während sie mit einander scherzten und kosten. Er hatte gemeint, sie liebe ihn, er hatte zum mindesten geglaubt, sie seien gut Freund. Aber nun auch nie wieder. Nicht Anneli und keine andere. Und wenn es doch einmal sein sollte in fernen Tagen und das Schicksal es so mit sich brächte, dann jedenfalls kein solch Apfelblüthengesicht, dem man nichts als süße blonde Gedanken zutraut. Mochte sie eher häßlich sein, die Enttäuschung ist dann nicht so groß. Das war die Überlegung der ersten Stunde.

Aber wie er nun an diesem Frühlingsabend, ohne andere Beleuchtung als den vollen Mondschein, Chopinsche Nokturnos spielte, hatte er doch lauter Visionen von Schönheit und in Mädchengestalten verkörpertem Liebreiz, und er empfand Sehnsucht sogar nach dem Anneli, das er, wäre es gerade zur Thüre hereingetreten, ohne alle weitere Rederei gewiß ans Herz gezogen hätte. Er war auch rauh und ungut gewesen, hatte nicht verstanden, sie zu halten, hatte immer nur seinen Willen, sein Vergnügen berücksichtigt, obschon er wußte, daß sie ein armes, verkehrt geleitetes, haltloses Gänschen war. Vielleicht war es seine Pflicht, einmal nachzusehen, was aus ihr geworden; die Geschichte mit dem Kunstreiter war doch eigentlich kein Grund zur Entzweiung. Sie hatte ihn ja nicht zu Hause getroffen, als in den gewagten Costüm zu ihm ging, und sie hatte sich übrigens nur verkleidet, um nicht als Mädchen erkannt zu werden. Sie hatte gewissermaßen nur ihren eigenen Laufburschen vorstellen wollen, wie jener Geizhals Nachts sein Haus umstrich und bellte, als ob er sein eigener Hund wäre. Die häßliche, die zweideutige Beleuchtung hatte eben er, Iversen, auf die harmlose Dummheit fallen lassen – ja wir Männer sind eben unsaubere Thiere und können uns in ein unschuldiges Irren gar nicht mehr hineindenken. Nun, und als Anneli seine empörenden Insinuationen gehört, wie sollte sie da nicht wild geworden sein? Und es ist nicht wahr, daß bei einem Streit sich immer der inwendige, sonst verborgene Mensch herauskehrt Ganz im Gegentheil; man sagt Dinge, an die man nie gedacht hat, von denen man später selbst nicht begreift, wie sie einem auf die Zunge kommen. Der Jähzorn, der Rachsinn greift blind nach der ersten schlechtesten Waffe; die Wunde, die sie verursacht, ist gewollt, und doch nicht immer so gewollt; Nothwehr entschuldigt selbst den Todtschläger.

Über so hin- und hergaukelnden Gedanken, die sein Spiel nicht störten, sondern sich vielmehr mit den Tönen in ein beziehungsreiches Frage- und Antwortspiel eingelassen zu haben schienen, beachtete er nicht, daß unter ihm geklopft ward, erst dumpfer, dann lauter, endlich so stark, daß ihm der Lärm zum Bewußtsein kam; dazu flog es ihm auch durch den Kopf, das Klopfen gelte ihm. Ja, da war es, unter seinen Füßen, just wo er mit der Geige stand und in die blaue Nacht hinausstarrte. »Hoho, alter Maulwurf« rief er, aus der Träumerei erwachend, und erwiderte das Klopfen mit dem Stiefelabsatz, »bist du kein Freund von Chopin? Vielleicht gefällt’s dir’s besser, nach Moszkowskis Takt zu schlafen« Und übermüthig strich er einen spanischen Tanz herunter, wozu er sich selbst, wie angesteckt von dem Tempo, im Zimmer herumdrehte. Aber ein wüthenderes Trommeln an der Stubendecke unterbrach ihn. Ein Fenster unter dem seinigen ward heftig aufgerissen, und ein lautes tobendes Schelten ergoß sich in die sanfte Nachtstille. Die Dissonanz war zu grell. Iversen verstopfte sich die Ohren vor den »Chaiben«, die in ganzen Nudeln daherfuhren. Das Schimpfen verstanden die Kapitalisten besser als die Socialdemokraten. Es war am Ende doch etwas dran, er hätte nicht hierher ziehen sollen.

Am morgen gab es ein weitläufiges Geklingel mit der Thürglocke, die sonst so wenig in Bewegung gesetzt ward. Als Iversen später auf den Flur hinaustrat, kam die breite Magd aus ihrer Küche hervor und meldete ihm mit mißbilligender Miene, »die Frau« die einen arg wüsten Brief bekommen, der Hausherr sei »schüli bös g’si« wegen der nächtlichen Ruhestörung.

Achselzuckend und geärgert wollte der Student auf sein Zimmer zurückkehren, als auch die Doktorin vor ihrer Thür erschien und ihn mit ein wenig scheuer und bekümmerter Miene bat, einen Augenblick bei ihr einzutreten.

Jetzt kommt die Exekution, dachte er, und folgte widerwillig in das hübsche Eckzimmer, dessen Fenster so mit Blumentischen voll Palmen und Aralien besetzt waren, daß nur grünes Dämmerlicht in der Mitte des Raumes herrschte.

»Bitte, daß Sie sitzen, Herr Doktor.«

Sie kann mir ja gleich kündigen, wozu die Liebenswürdigkeit und die Umschweife? dachte er und lehnte sich an den Bücherschrank, während die Frau an einem winzigen Schreibtisch Platz nahm, der ganz auf ihr Körpermaß zugeschnitten schien.

»Ich habe Ihnen etwas so Unangenehmes zu sagen,« begann sie und legte den Kopf in den Nacken, um ihn anzusehen, während ein leises Roth ihr in die Wangen stieg, »ich für mein Theil habe so große Freude gehabt an Ihrem Spiel gestern Abend, es hat mich in vergangene Tage versetzt, so ich selbst musicirte, aber nun – der Hausbesitzer ist ein roher, widriger Mensch, er sei gestört worden

–« Sie hatte ein grau-braunes Couvert vom Tische genommen, es zitterte leicht in ihrer Hand.

Iversen’s Zorn war verfolgen; das gute Frauchen das sich so genirte, weil ein anderer es grob angefahren hatte, that ihm leid.

»So werde ich eben nicht wieder spielen,« sagte er gelassen.

In das Gesicht der kleinen Dame kam ein fast erschrockener Ausdruck.

»O nein« rief sie eifrig, »das wäre zu schade. Es ist mir zwar recht von Herzen leid, Sie wieder zu verlieren, aber ich darf Ihnen keine solche Freiheitsbeschränkungen zumuthen. Wenn ich nicht selber seit dreißig Jahren hier wohnte –« Sie schlug leicht mit dem groben Couvert auf den Tisch, ihre Lippen zitterten vor Erregung.

»Sie wollen mich also wieder los sein?« fragte Iversen mit schalkhaftem Vorwurf, er wollte sie zum Lachen bringen; Himmel, wer wird sich denn gleich um solche Kleinigkeit alteriren Und schließlich, eine andere Bude war ja leicht zu finden, wenn er die ewige »Umorgelei« auch verabscheute.

Die Frau Doktorin sah den Studenten mit ihren großen hellgrauen Augen an. »Nein, das glauben sie nicht,« sagte Sie und streckte das Händchen aus, ein weißes rundes, gar nicht altes Händchen, das er vorsichtig wie ein Spielzeug drückte. »Der Herr Hasenfratz, ja denken Sie nur, Hasenfratz heißt er, ist erst seit sechs Monaten unser Hausherr, wenn er’s aber so weiter treibt –«

Wieder mußte Iversen beschwichtigen. Die Tage all’ dieser Leute waren gezählt, so etwas würde ja im Zukunftsstaat nicht mehr möglich sein; man konnte Geduld haben und abwarten. Inzwischen versprach er, nicht länger als bis zehn Uhr zu spielen. »Ich bin ja kein Künstler; oft vergehen Monate, ohne daß ich die Geige hernehme, es war der reinste Zufall, aber – ich bin nun gleich beim ersten Spintbrot zugelehrt worden, wie wir in Mecklenburg sagen.« Er konnte sehr geduldig sein, wenn er eben in der Laune war, und dann wäre es ja geradezu ein Verbrechen gewesen, diese arme alte Dame, die ihm gar von einer bekannten Familie sprach, wo er wohnen und gewiß unbehelligt wohnen könne, unritterlich zu behandeln. Eine wohlthuende Atmosphäre verbreitete sie um sich; er kam sich vor wie zu Hause und war doch nie vorher in ihrem Zimmer gewesen; er wunderte sich, wie ein so schüchternes weltfremdes Wesen sein Dasein zu behaupten vermochte in dieser rauhen gährenden Zeit, und zugleich war ihm dies alles so bekannt wie ein altes Buch, das er als Kind gelesen. Sogar das Bild überm Clavier glaubte er schon einmal gesehen zu haben. Dies elfenhafte Geschöpf mit dem bläulichen Bande in den Locken, an eine Harfe gelehnt, eine Hand auf den goldschimmernden Saiten, ruhig hinuasträumend.

»Das ist hübsch,« sagte er und blieb vor der großen Leinwand stehen. »Ist es ein Porträt?«

Die kleine Dame nickte ein wenig verschämt. »Es ist Dilettantenarbeit, mein Schiegervater hat es gemalt, und aus Pietät für ihn lasse ich es da hängen. Ich habe, glaub’ ich, nie so ausgesehen,« fügte sie mit gutmüthiger Selbstironie hinzu, »man hängt ja sonst auch nicht die eigenen Bilder sich ins Zimmer.«

53 von 53 Seiten

Details

Titel
Weiße Flamme
Untertitel
Aus: Flügel auf! Novellen
Autor
Jahr
2008
Seiten
53
Katalognummer
V119869
ISBN (Buch)
9783640234509
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Weiße, Flamme
Arbeit zitieren
Ilse Frapan (Autor), 2008, Weiße Flamme, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119869

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