Bericht zum Orientierungspraktikum an der Freien Evangelischen Schule in X

28.08. – 22.09.2006


Praktikumsbericht / -arbeit, 2006
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Schulportrait

3. Theorie in der Praxis
3.1. Lehrerin Frau A. und die dritte Klasse
3.1.1. Regeln und Rituale
3.1.2. Maßnahmen zur Disziplinierung
3.1.3. Problem von Nähe und Distanz
3.1.4. Ergänzende Reflexionen
3.2. Lehrer Herr B. und die zehnte Klasse
3.2.1. Regeln und Rituale
3.2.2. Disziplinierungsmaßnahmen
3.2.3. Problem von Nähe und Distanz
3.3 Abschließende Reflektionen

4. Schluss

1. Einleitung

Ich begann Ende August mein vierwöchiges Orientierungspraktikum an der Freien Evangelischen Schule X (FES). Mir waren einige Eltern bekannt, deren Kinder dort den Unterricht besuchten. Außerdem hatte ich etwa zwei Jahre zuvor eine zeitlang im Hort der Schule nachmittags aus Interesse freiwillig assistiert. Eine Verbindung existierte also bereits in gewisser Weise.

Es schien mir sinnvoll und lehrreich, an einer noch relativ jungen und nicht vom Staat organisierten Einrichtung dieses erste Praktikum zu absolvieren. Schließlich würde ich möglicherweise noch lange genug an einer staatlichen Schule arbeiten.

Außerdem hielt ich es für aufschlussreich und spannend, am Alltag einer Schule teilzunehmen, die sich in dieser, für X wohl nahezu einzigartigen Weise zum christlichen Glauben bekannte, da mir während meines Studiums, sowohl im Kernfach Deutsche, als auch im 60-Punkte-Modul Englische Philologie laufend Bezüge zur Bibel und dem Christentum begegneten.

Als der erste Tag des Praktikums schließlich angebrochen war – ich hatte keine genaue Vorstellung, was mich erwarten mochte – und ich mich morgens auf dem Schulhof wieder fand, kurz darauf von der Leiterin der Realschule in Empfang genommen wurde, die mich auf einen kurzen Rundgang durch das Gebäude mitnahm und dann in der siebten Klasse ablieferte, fühlte ich mich ein wenig wie ein Schüler am ersten Schultag.

Diese Empfindung überraschte mich selbst vermutlich am meisten, hatte ich doch mehr als ein Dutzend Jahre in der Schule verbracht, war im Grunde ein „alter Hase“.

Aber die Wirklichkeit, mit der ich hier konfrontiert wurde, sah anders aus. Ich war kein Schüler mehr. Eine eigentlich banale Feststellung. Doch sie begegnete mir wie eine Offenbarung. In dem Moment, wo ich zwischen den Schülern saß, war klar, dass ich keiner mehr von ihnen war, obwohl ich sie verstand.

Nun galt es also eine neue Haltung zu finden zu dem Geschehen, das Unterricht genannt wird. Wie begegnen sich Lehrer und Schüler? Was für Probleme treten auf? Was wird vermittelt? Wie? Welche Haltung würde ich als Lehrer einnehmen? Wie ist der „ideale Lehrer“?

Schon in den ersten Tagen wurden mir die mannigfaltigen Anforderungen bewusst, die sich an den Beruf des Lehrers knüpfen und jagten mir vor allem gehörigen Respekt ein, Respekt vor einem jeden, der vor einer Klasse steht und aufrichtig bemüht ist, dieser Vielzahl von Einzelpersonen wichtige Kompetenzen zu vermitteln, neben all den anderen Verpflichtungen, auf die ich hier nicht eingehen kann.

Während meines Praktikums hospitierte ich in allen Klassenstufen von drei bis zehn in den verschiedensten Fächern, um eine möglichst große Zahl an Unterrichtserlebnissen zu sammeln. Zunächst schien es mir problematisch, meine Aufmerksamkeit auf ein konkretes Beobachtungsziel zu richten. Bei meinen Schwierigkeiten, die mannigfaltigen Eindrücke zu systematisieren, musste ich an Bemerkungen aus Wolfgang Schulz’ Aufsatz zur Unterrichtsplanung denken[1] und fand hier erste Anregungen, begriff zugleich den Sinn pädagogischer Theorie in tieferer Weise[2].

Anfänglich habe ich die von Schulz entwickelten Strukturmomente zur Planung und Analyse von Unterricht bei meinen Beobachtungen als Orientierung benutzt[3], um Konstanten in der Faktorenvielfalt und Einmaligkeit eines jeden Unterrichtsgeschehens zu entdecken.[4] Doch schon bald begann sich mein Interesse mehr auf die richtige Führung einer Klasse zu richten, auf das Geheimnis, Schüler neugierig auf Unterrichtsinhalte zu machen und ihre Motivation zur aktiven Teilnahme zu wecken, da ich die Erkenntnis gewonnen hatte, dass viele Schüler häufig abgelenkt waren, nicht selten geringer Eigenantrieb bestand, sich engagiert am Unterricht zu beteiligen und aktiv mit dessen Inhalten auseinanderzusetzen. Oft mussten Lehrer um die Aufmerksamkeit und Disziplin ihrer Schüler kämpfen. Dies nahm ich schließlich zum Anlass, stärker über den ordnenden Aspekt von Führung nachzudenken und das Wesen natürlicher Autorität im Umgang mit einer Klasse.

Ich habe exemplarisch zwei Lehrerpersönlichkeiten herausgegriffen und skizziere, wie sie ihren Unterricht in einer dritten bzw. zehnten Klasse organisieren. Meine Beobachtungen stelle ich in Bezug zu entsprechender Forschungsliteratur und persönlichen Reflexionen, um im Hinblick auf eine eigene spätere Lehrtätigkeit zu ersten grundsätzlichen Erkenntnissen über die Führung von Schulklassen und Aktivierung der Lernbereitschaft einzelner Schüler zu gelangen, da ich hier eine zentrale Aufgabe des Lehrers sehe.[5] Methodische Überlegungen bleiben eher im Hintergrund. Dazu wäre eine stärkere Konzentration auf bestimmte Fächer nötig gewesen. Ein solcher Fokus mag einem künftigen Praktikum vorbehalten bleiben.

An dieser Stelle sei noch für die offene Aufnahme an der FES und all jenen gedankt, die mir vertrauensvoll Einblicke in ihre Arbeit gewährt haben und es dadurch erst möglich machten, dass ich eine Anschauung von der Tätigkeit des Lehrers gewinnen konnte. Ich hoffe, diesem Vertrauen gerecht geworden zu sein. Die Namen von Lehrern und Schülern sind verändert oder weitestgehend anonymisiert. Es soll hier ohnehin nicht um Personen gehen, sondern vielmehr darum, wie Unterricht gelingen kann.

2. Schulportrait

An der Xxx-Straße, im Stadtteil Xxx, liegt der Eingang zum denkmalgeschützten Schulhaus der Freien Evangelischen Schule X, unter deren Dach sich eine Grundschule mit Hort und eine Realschule befinden.

Eine Durchfahrt führt zwischen Dienstwohnungen im Vorderhaus von der Straße auf das Schulgelände, entlang einer kleinen Turnhalle zur Rechten und diversen Tischtennisplatten zur Linken, an die sich ein Basketballkorb anschließt, der vor einer Seitenwand der zweiten, größeren Turnhalle angebracht ist, auf das Hauptgebäude aus dunkelrotem Backstein, vor dem sich ein ausladender Schulhof zu allen Richtungen hin ausbreitet. Hier tummeln sich Schüler der Klassen eins bis zehn in zwei großen Hofpausen zwischen zweiter und dritter bzw. vierter und fünfter Stunde. Mehrere Bäume und Büsche, eine größere Sandfläche, Klettergerüste und ein betonierter Fußballplatz hinter der großen Turnhalle machen das Gelände zu einem beliebten Aufenthaltsplatz.

Ein Treppenaufgang führt hinter einem großen Eingangsportal ins Innere des mehrstöckigen Schulhauses, wo der Eintretende sich zunächst auf einem lang gezogenen Flur wieder findet, der sich zu beiden Seiten des gesamten Gebäudes ausdehnt und jeweils in einem Treppenhaus endet, das in die darüber gelegenen Stockwerke führt. Auf der einen Seite des Flurs befinden sich Verwaltungsräume Tür an Tür, wie das Schulsekretariat, Lehrerzimmer und der Sitz der Schulleitung. Auf der anderen Seite ist der Hort untergebracht, in dem nach Schulschluss Grundschulkinder betreut werden.

Die Anordnung der Stockwerke darüber ähnelt der gerade beschriebenen. Hier sind in einem Flügel die Grundschul-, in einem anderen die Realschulklassen untergebracht. Zusätzlich zu den Klassenräumen existieren eine Aula, die sich in der dritten Etage befindet, sowie eine Vielzahl weiterer Räume, z.B. eine Cafeteria, die von Realschülern selbst betrieben wird, ein Aufenthaltsraum, den ebenfalls Realschüler (im Rahmen eines Unterrichtsfachs) gestalten. Darüber hinaus steht ein Computerraum im Schulgebäude zur Verfügung, außerdem ein so genannter „Raum der Stille“, in dem regelmäßig ein Schulseelsorger als Ansprechpartner anzutreffen ist. Schließlich sind noch mehrere Örtlichkeiten im Untergeschoss vorhanden, die zur Essensausgabe und teilweise von nachmittäglichen AGen genutzt werden. Diese AGen sind das Ergebnis von Bemühungen, die Nachmittage der Schüler durch ein buntes und vielseitiges Angebot abwechslungsreicher zu gestalten. Dabei werden, abhängig von der jeweiligen Nachfrage, Kurse angeboten, die von Töpfern und Kochen, über Sportarten wie Badminton und Fußball, zu Bewerbungstraining, Computerkomposition, Sounddesign und Musikunterricht reichen.

Im Schuljahr 2005/06 besuchten insgesamt 321 Schüler, vor allem aus den angrenzenden, aber auch anderen Bezirken und dem Umland die FES. Wie die Initialen bereits andeuten, handelt es sich hier um eine Schule in freier Trägerschaft.

Die 1988 gegründete Grundschule wurde fünf Jahre später staatlich anerkannt und umfasst die Klassen eins bis sechs mit etwa jeweils 24 Schülern

Im Jahr 1998 kam die Realschule hinzu, deren staatliche Anerkennung 2002 folgte. Hier liegt die Klassenstärke bei etwa 25 Schülern. Die zehnte Klasse endet mit dem mittleren Schulabschluss.

Obwohl offen für Kinder und Jugendliche jeglichen religiösen, politischen oder weltanschaulichen Bekenntnisses ihrer Eltern, wird Wert auf die christliche Ausrichtung der FES gelegt. Diese Akzentuierung drückt sich u.a. dadurch aus, dass der Trägerverein aus aktiven Mitgliedern verschiedener christlicher Gemeinschaften besteht. Außerdem unterhält er Verbindungen zu zahlreichen ähnlich ausgerichteten Schulen im In- und Ausland.

Die Satzung und das pädagogische Konzept wurden ebenso von aktiven Christen erarbeitet, wie das Lehrpersonal ausschließlich aus bekennenden Christen besteht.

Jeder Schultag beginnt mit einer Andacht für Mitarbeiter, noch vor dem Anfang des eigentlichen Schulbetriebs. Dieser wiederum fängt in den Klassen ebenfalls mit einer Andacht an, in der ein Austausch über Erlebtes oder Fragen der Schüler stattfindet, aus der Bibel oder Literatur mit Bibelbezug gelesen und ein abschließendes Gebet des Lehrers oder eines Schülers gesprochen wird.

Die Freie Evangelische Schule X will sich nach eigener Aussage im Schulalltag an der Botschaft der Bibel ausrichten und dadurch den Schülern bei der Orientierung zu einem verantwortungsbewussten und sinnerfüllten Leben in der Gesellschaft helfen.

[...]


[1] Vgl. Heimann, Paul/Otto, Gunter/Schulz, Wolfgang: Unterricht – Analyse und Planung.

Berlin [u.a.] 1965. S.13-47.

[2] Zur Theorie-Praxis Diskussion vgl. Weniger, Erich: Theorie und Praxis der Erziehung. In: De Haan

[u.a.] [Hg.]: Hermeneutik und Geisteswissenschaftliche Pädagogik. (= Berliner Beiträge zur

Pädagogik; 3). Frankfurt a.M. [u.a.] 2002. S.155-173.

[3] Vgl. Heimann/Otto/Schulz

[4] Vgl. Heimann/Otto/Schulz. S.8.

[5] Vgl. auch Apel, Hans Jürgen: Herausforderung Schulklasse. Klassen führen – Schüler aktivieren.

Bad Heilbrunn 2002. Seite 7.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Bericht zum Orientierungspraktikum an der Freien Evangelischen Schule in X
Untertitel
28.08. – 22.09.2006
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie)
Veranstaltung
Pädagogisches Handeln, Lernort Schule
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
23
Katalognummer
V120025
ISBN (eBook)
9783640236817
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bericht, Orientierungspraktikum, Freien, Evangelischen, Schule, Pädagogisches, Handeln, Lernort
Arbeit zitieren
Fritz Hubertus Vaziri (Autor), 2006, Bericht zum Orientierungspraktikum an der Freien Evangelischen Schule in X, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120025

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